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Sonntagsbeilage, 22. Juni 14

Das Fräulein Doktor

Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährt sich zum hundertsten Mal, und sicherlich werden alte Geschichten wieder ausgegraben und ungeprüft wiederholt werden. Vielleicht auch die Geschichte vom Fräulein Doktor, der erotisch-attraktiven deutschen Superspionin – die, Agentenherzen im Dutzend brechend, im Gegensatz zur armen Mata Hari davongekommen ist, nur um dann in einem Schweizer Sanatorium am Morphium zu sterben: Kein Wort davon ist wahr.

Elisabeth Franziska Catharina Anna SCHRAGMÜLLER (1887-1940) nannte sich der Einfachheit halber Elsbeth. Sie ließ sich von denen, die für sie arbeiteten, als „Fräulein Doktor“ anreden. Dr. SCHRAGMÜLLER war der einzige weibliche Geheimdienstoffizier in deutschen Diensten während des ersten Weltkriegs. Sie selbst ist nie ins Ausland gefahren, sie ist nie durch den infamen elektrischen Zaun nach Holland infiltriert und hatte anscheinend auch keine Affairen mit ihren Kollegen. Sie war schlicht und ergreifend einer der effektivsten deutschen Agentenführer auf dem westlichen Kriegsschauplatz. Bezeichnenderweise bekamen alle Mitglieder der Kriegsnachrichtenstelle Antwerpen, ihrer Dienststelle bis zum Ende des Krieges, das EK – sie nicht.

Elsbeth ist 1887 in Schlüsselburg/Westfalen geboren worden. Später zog die Familie nach Mengede, wo ihre Brüder zur Welt kamen und der Vater als Amtmann arbeitete – die Villa Schragmüller steht wohl noch. Hauptrolle bei der Erziehung von Elsbeth spielte die Großmutter, sehr preußisch, Französisch war die Unterrichtssprache. Elsbeth machte das Abitur und ging studieren – äußerst ungewöhnlich für eine junge Dame am Anfang des 20. Jahrhunderts im Kaiserreich! Sie ging in den damals modernsten Staat des Deutschen Reichs, nach Baden, inskribierte sich in Freiburg im Breisgau für Staatswissenschaften und hörte ebenfalls in Lausanne und Berlin. Sie arbeitete als studentische Assistentin am Institut von Karl DIEHL, wo sie summa cum laude promoviert wurde. 1913 war Dr. SCHRAGMÜLLER bereit als Lehrerin zu arbeiten.

Bei Kriegsbeginn entschied sie sich dafür nicht an der Suppenküche zu stehen, sondern sich ihrer Fähigkeiten und Ausbildung entsprechend einzusetzen. Sie ging nach Brüssel und antichambrierte bei Feldmarschall von der GOLTZ. Sie landete schließlich in der Kriegsnachrichtenstelle Brüssel (Antwerpen war noch nicht gefallen), beschäftigt mit der Zensur von Post belgischer Soldaten. Sie war gut, man bot ihre eine ganze Stelle an; sie wurde weiter ausgebildet, Oberst NICOLAI wurde auf sie aufmerksam. Nach einem Aufenthalt in Lille kam sie anfangs 1915 nach Antwerpen – wo sie bis zum Ende des Krieges Dienst tat.
Sie selbst beschreibt ihre Aufgabe als die Organisation der systematischen Aufklärung auf dem westlichen Kriegsschauplatz, schließlich bis nach Amerika ausgreifend; Rekrutierung von Kontakten, deren Instruktion und Betreuung; Sicherstellen der Kommunikation; Einsatzabschlussbesprechung und Überprüfung der gewonnenen Informationen; schließlich Erstellen von Berichten an die Heeresleitung. Sie war ausgezeichnet.

Nach dem Krieg ging Elsbeth wieder nach Freiburg, arbeitete wieder als Assistentin von Professor DIEHL, publizierte wohl auch ein wenig. Ende der 1920er-Jahre zog die Familie nach München und sie begann mit Vortragsreisen. Die Dreißiger waren für die Familie nicht einfach, besonders 1934, als der Vater starb und ihr Bruder Konrad in der „Nacht der langen Messer“ ermordet wurde. NICOLAI, ihr alter Chef, versuchte wohl ihr eine Pension zu verschaffen, es ist aber unklar, ob er Erfolg hatte.
Elsbeth wurde 1939 anscheinend nicht reaktiviert, sie starb 1940: „Elisabeth Schragmüller, arbeitslos, Doktor der Rechte und der Staatswissenschaft, protestantisch, wohnhaft München, Akademiestraße 11, gestorben am 24. Februar 1940, um drei Uhr morgens“. Ich habe gelesen, dass sie an Tuberkulose gestorben sei.
Es gibt kein Grab und kein bestätigtes und beglaubigtes Bild. In einem Zeitungsartikel von 1931 wird sie als extrem schlank, hübsch, reserviert, blond, mit einer mädchenhaften Stimme beschrieben.

Wer mehr über das Fräulein Doktor wissen will, lese folgenden Artikel:
HIEBER, Hanne: „Mademoiselle Docteur“: The Life and Service of Imperial Germany’s Only Female Intelligence Officer, in: The Journal of Intelligence History 5 (Winter 2005), 91-108.

(mg)

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„Ich denke immer an dich“

Kürzlich transkribierten wir rund 100 handschriftliche Briefe. Der Obergefreite H.S. schrieb sie an seine Freundin und spätere Ehefrau E.K. während des Zweiten Weltkriegs.

Während der Sommer 1944 für H.S. relativ ruhig gewesen ist, beginnt im Herbst das unbehauste „Zigeunerleben“ wieder. Anstatt eines festen Lagers oder einer dauernden Unterkunft ist die Truppe immer unterwegs. Es gibt keinen geregelten Tagesablauf, Schlaf wird zum Luxus. Konnte sich die Truppe Monate zuvor noch an requiriertem Federvieh satt essen, so müssen jetzt Kartoffeln gegraben werden. Die Nachrichten aus der Heimat sind nicht ermutigend, Städte in Ostpreußen, darunter die Heimatstadt von H.S., sollen zerstört sein.

„den 19.9.44
Meine liebe E.!
Habe inzwischen viele Briefe von dir / bekommen darunter 3 Stück mit Zigaretten / ich danke dir sehr dafür. doch du wirst / nun bestimmt in Sorge um mich sein / denn es ist schon lange her seit ich / dir geschrieben habe. Ja E[.] es ging / wieder beim besten Willen nicht. denn / was meinst du was hier so los ist. / Ich bin 6 Tage lang nicht zum / schlafen gekommen und dabei immer / die Nerven gespannt denn der Iwan / spaßt nicht. dann sind wir nun / wieder etliche Km rumgereist und / augenblicklich habe ich nun etwas / Ruhe aber wie lange. Bei dem ganzen / Rummel der hier los ist sollen auch / unsere Briefe und auch die Post von / [zu] Hause vom Iwan kassiert sein. / Na schadet alles nichts die Haubtsache / ist wir sind noch immer gesund // und haben die Hoffnung das es / mal besser wird. Ja und zu / Hause geht’s auch hoch her. Tilsit / soll ja auch völlig zerstört sein / und Kgb [Königsberg] und Ibg [Insterburg] wird ja auch / sehr mitgenommen sein. Nach dem / Kriege wird’s wohl nie an Arbeit / mangeln. Sonst ist hier nichts / neues. Es ist schon sehr kalt / und Nachts sogar frost. Ich glaube / aber bis zum Winter wird sich noch / alles entscheiden. Nun muß ich / für heute wieder schließen denn / wir müssen uns hier selbst ver- / pflegen und die Jungens warten / das ich helfe kartoffel graben. / ich denke immer an dich und / hoffe das wir uns trotz allem glücklich / wieder sehen. / Mit herzlichen Grüßen und / Küssen / dein H.“

Nur zwei Monate später – eine kleine Ewigkeit im Krieg – ist alles anders. H.S. ist verwundet und liegt in einem Hospital südlich von Hamburg. Zwar ist er der Front entkommen, hat aber russische Granaten gegen alliierte Bomben getauscht.

„den 21.11.1944
Meine liebe E.!
Habe deinen Brief vom 16. mit freuden / erhalten. Nun will ich dir auch gleich schreiben. / Wenn ich auch wenig schreibe so denke / ich doch oft an dich. Ich mußte eben unter- / brechen denn es war Fliegeralarm und / so 200 meter neben uns auf dem Bahnhof / fielen Bomben nun sind so etliche Fenster / bei uns rausgeflogen und ich dachte die / Bude stürzt zusammen. Na es ging / noch gut Hoffendlich kommt das nicht / oft vor den es könnte ins Auge gehn. / Sonst geht’s mir gut. Seit gestern habe / ich einen festen Verband und darum auch / anständige Schmerzen nun ist es wieder / anders und es geht immer besser. Liebe / E[.] es ist hier nun so ziemlich durcheinander / denn die Auftreten können sind aus den Gräben / zurück. Ich kann gar nicht mehr weiter schreiben / es ist auch ordentlich kalt geworden hier da ziehe / ich mir die decke über die Ohren. // Sei mir bitte nicht böse das ich dir jetzt so / wenig schreibe wenn’s mir besser geht und das / ist ja der Fall dann kommt schon mehr Post / das tut unserer Liebe ja keinen Abbruch / nicht wahr? / Mit herzlichen Grüßen und Küssen / bleibe ich immer dein / H.“

Mitte April 1945 ist H.S. soweit wieder hergestellt, dass er zur Nachbehandlung in ein weiteres Lazarett verlegt werden kann. Die Reise von Winsen nach Travemünde führt ihn über Lübeck, wo er lange auf den Anschlusszug warten muss. Die Züge sind überfüllt von Flüchtlingen.

„Lübeck, den 13.4.1945
Meine liebe E.!
Bin nun doch nach Travemünde ver- / legt worden. da ich in Lübeck über 5 / Stunden auf den Zug warten muß kann / ich dir schnell ein paar Zeilen schreiben. / Es ist ja eigendlich nicht weit von / Winsen bis hierher aber auf der Bahn / ist ein Betrieb, ich habe die Nase voll. / Hoffendlich werde ich in Travemünde / wenigstens angenommen. die Laz[arette] / sind ja alle überfüllt und die meisten können nach Hause oder sonst / wo [sie] hin wollen. Nun ist es ja nicht / mehr weit bis zu dir, Wenn’s Urlaub / giebt wirst du ja auch keinen Platz / mehr haben, es sind ja überall so viel / Flüchtlinge. Nun vorläufig genug / Alles Gute und recht herzliche Grüße / dein H[.] / Von Travemünde schreibe ich dir mehr.“

E.K. ist inzwischen mit ihrer Luftwaffeneinheit nach Bad Kleinen verlegt worden – das Paar, das sich zuletzt im Januar 1944 gesehen hatte, ist durch die Kriegsverläufe zuerst getrennt worden, um dann im Lauf des Winters 1944 und Frühlings 1945 immer näher aufeinander zubewegt zu werden: Schließlich finden sie sich in zwei lediglich zwei Bahnstunden voneinander entfernten Orten wieder. Am 8. Mai 1945 ist der Krieg in Europa zu Ende. H.S. und E.K. sind beide 23 Jahre alt. Sie werden im Dezember des gleichen Jahres heiraten.

[Quellen: privater Nachlass, mit freundlicher Erlaubnis]