Schlagwort-Archiv: WEBER

Philosoph der Hohenlohe

Karl Julius WEBER (1767-1832) starb im gleichen Jahr wie sein berühmter Kollege Johann Wolfgang von GOETHE, 18 Jahre jünger und heute anscheinend vergessen.

WEBER wurde in Langenburg geboren, einer der Duodezresidenzen des Alten Reichs, mitten in der magischen Hohenlohe. Magisch deshalb, weil „das Land Hohenlohe“ eigentlich gar nicht existiert. Was heute „die Hohenlohe“ genannt wird, besteht aus den fünf Landkreisen Bad Mergentheim, Crailsheim, Künzelsau, Öhringen, Schwäbisch Hall. Für die einen ist es eine Gegend zum Vergessen, an Langeweile nicht zu überbieten und nur gut, um durchfahren zu werden. Für andere ist sie ein Schatzkästlein.

WEBERs Vater arbeitete am Langenburger Hof, ebenso seine Mutter, die als Kammerjungfer angestellt war. Er besucht das Gymnasium in Öhringen und studiert zuerst in Erlangen, dann in Göttingen die Rechte. Das hört sich alles unschuldig genug an, aber in der Zeit der Großen Revolution in Göttingen, dem Zentrum der Aufklärung, zu studieren, das konnte in der konservativen Heimat für Aufregung und Verdacht sorgen. WEBER war am Anfang durchaus ein Anhänger der Revolution, doch die Gewaltherrschaft, die Kopfabhackerei der Grande Terreur, ernüchterte ihn und er fand durchaus kritische Worte für diese Dinge. Er versuchte in Göttingen eine juristische Professur zu erreichen, was misslang; er verließ die Universität 1790, anscheinend ziemlich verletzt. das wird er in heimatliche Gefilde mitbringen.

1792 kehrt WEBER in die Hohenlohe zurück und findet eine Anstellung als Sekretär des Kanzlers des Deutschen Ordens in Mergentheim, Graf Christian zu Erbach-Schönberg. Bis zu des Grafen Tod im Jahr 1799 lebt WEBER in Mergentheim und kann ungestört seinen Studien nachgehen – was vor allem bedeutet, dass er sämtliche Archive und die Bibliothek des Ordens nutzen kann. Nach dem Tod des Grafen wird Weber zunächst Hofrat in dessen Herrschaft, um dann 1804 in die Verwaltung von Ysenburg-Büdingen zu wechseln – ein schwerer Fehler! Um es kurz zu machen: Er verlässt diese Position schon im April des Jahres, desillusioniert und verletzt, nachdem Versprechungen nicht eingehalten worden waren; sein zum Cholerischen neigender Charakter war keine Hilfe, er begann hypochondrische Züge zu entwickeln.

WEBER geht heim und „heim“ meint den Haushalt seiner verheirateten Schwester. Er wird in seinen verbleibenden Jahren in Jagsthausen, Weikersheim, Künzelsau und Kupferzell wohnen – einmal quer durch die Hohenlohe. Er nimmt sich Zeit, um wieder zu sich selber zu kommen, Bücher helfen – am Ende seines Lebens wird er eine stattliche Bibliothek von 11.000 Bänden zusammengetragen haben. Er verbringt den Rest seines Lebens lesend, schreibend, Pfeife rauchend – und einmal im Jahr geht er auf eine Reise. Der Herr Hofrat verschwindet und an seine Stelle tritt Demokritos, der lächelnde Philosoph. Ab 1818 – er ist in seinen Fünfzigern – erscheinen seine historischen Arbeiten über „Die Mönche“ und „Die Ritter“. Es folgen die „Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen“ (am Ende werden es sechs Bände sein) und das ist ein Erfolg: Herr Biedermeier benutzt die Bände als Reiseführer. Diese Briefe sind heute noch lesenswert.

WEBER stirbt 1832 in Kupferzell und wird dort beerdigt, wo noch heute sein Grabstein steht. Sein umfangreiches Werk „Demokritos, oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen“ erscheint erst nach seinem Tod. Er hat an diesem Text fast dreißig Jahre lang gearbeitet, mit längeren Unterbrechungen, und es wurde eine Art Enzyklopädie des Lächerlichen. WEBER ist ein Vorläufer des modernen feuilletonistischen Essays und, darin Montaigne nicht unähnlich, er scheut nicht davor zurück seine innersten Gedanken zu offenbaren. Er beschreibt sich, seinen Charakter, was ihn umgibt – mit einem Lächeln.

Der Erfolg des Werks (fünfzehn Auflagen bis in die 1920er-Jahre) spricht für sich, Kritik kann nicht ausbleiben. Oberflächlichkeit, Anekdotenjägerei und anderes werden dem guten Demokrit vorgeworfen, das liberale Bürgertum des 19. Jahrhunderts kauft und liest.

Als Grabinschrift wählte WEBER:
„Hier liegen meine Gebeine. / Ich wollt’ es wären Deine.“
Das gefiel der Familie nicht, deshalb wurde ein lateinischer Sinnspruch gezimmert:
“Jocosus vixi, sed non impius / Incertus morior, nec perturbatus / Humanum est nescire et errare / Ens entium, misere mei!”
„Fröhlich habe ich gelebt, aber nicht unfromm / Unsicher sterbe ich, aber nicht ohne Zuversicht / Es ist menschlich nicht zu wissen und zu irren / Höchstes Wesen, erbarme dich meiner!“

WEBER ist der bedeutendste Schriftsteller, den die Hohenlohe hervorgebracht hat – und ziemlich vergessen heutzutage: Ein bißchen wie das Land, aus dem er stammt. (mg)

*