Schlagwort-Archiv: Wahrnehmung

Sonntagsbeilage

Die „Sonntagsbeilage“ war mir in meiner Kindheit immer das Liebste an der Tageszeitung. Die Wochenendausgabe war in der Regel dicker als die normalen paar Blätter unter der Woche, schon allein wegen der Anzeigen. In der Sonntagsbeilage war das Fernsehprogramm für die kommende Woche (es gab nur drei Sender) und der Kulturteil, worin besprochen wurde, was es eben zu besprechen gab: Eine Aufführung am Stadttheater, eine Ausstellung in der Kunsthalle; ein historischer Artikel des Herrn Stadtarchivars; nicht fehlen durfte der Fortsetzungsroman, mehrere Spalten lang; auch wichtig: die Kinderseite mit einer Bildergeschichte zum Beispiel vom „Kleinen Herrn Jacob“ (wir sind noch in der Vor-Hägar-Zeit), eventuell war auch Charlie Brown vertreten. Außerdem ein Bild, das zu ergänzen war, indem man die mit Zahlen von eins bis fünfzig bezeichneten Punkte miteinander verband (möglichst ohne abzusetzen!) und – was ich am liebsten mochte – das Bilderpaar „Finde die fünf Unterschiede“: eine einfache Zeichnung auf der einen Seite, daneben noch einmal abgedruckt mit fünf mehr oder minder versteckten Veränderungen.

Es gab auch eine Sendung „Sonntagsbeilage“ im Radio, ich glaube auf Bayern 1. Da wurden Texte zitiert, Gedichte vorgetragen, kleine Szenen gebracht, verschiedenste Musik gespielt – querbeet, von albern bis besinnlich, manchmal mit jahreszeitlichem Bezug, etwa zu Weihnachten oder ein Osterhasen-Spezial. Dieses Radioprogramm hatte einen festen Platz im Familienleben; die Familie spielte nebenher Karten oder las Zeitung oder hing einfach „nur so“ am Sonntagnachmittag in den Sesseln.

In gewisser Weise sind die Beiträge auf dem DIAGNOSIS-Blog der Sonntagsbeilage meiner Kindheit und frühen Jugend ähnlich: ein Sammelsurium unterschiedlichster Beiträge. Ich werde mich künftig hier an einer Sonntagsbeilage versuchen und regelmäßig sonntags etwas veröffentlichen – sei es eine Lesefrucht, etwas Selbstgeschriebenes, ein Fundstück aus dem Netz; vielleicht gibt es auch ab und an eine weitere Sonntagsmusik. Es ist kein Programm damit verbunden, kein Ziel, keine weitere Absicht, als zu unterhalten und zum Lächeln oder Nachdenken anzuregen. Ich hoffe es gefällt. (mg)

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Preise

1986, noch während des Studiums, eröffnete ich ein Schreibbüro mit Lektorat. Eine der ersten Kundinnen war eine junge Frau, die ihre Abschlussarbeit getippt haben wollte. Als ich ihr den sorgfältig kalkulierten, durchaus marktüblichen Preis dafür nannte, erbleichte sie: “Waas! Was ist denn da so teuer dran? Das Papier?”

Wenn ich mich heute daran erinnere, fällt mir der folgende Witz dazu ein:*

In einem podolischen Nest bleibt ein Reisender mit seinem Automobil stecken. Alle Mühe, den Wagen selber zu reparieren, ist vergeblich. Man ruft den jüdischen Dorfklempner. Dieser öffnet die Motorhaube, blickt hinein, versetzt dem Motor mit einem Hämmerchen einen einzigen Schlag – und der Wagen fährt wieder!  “Macht 20 Zloty”, erklärt der Klempner. Der Reisende: “So teuer?! Wie rechnen Sie das?” Der Klempner schreibt auf:
Gegeben a Klopp   1 Zloty
Gewußt wo          19 Zloty
Zusammen          20 Zloty

*Quelle: Jüdische Witze. Ausgewählt und eingeleitet von Salcia Landmann, 18. Aufl., München 1976, S. 64/65.

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Liebeserklärung an Gerbrunn

Die Mediatorin wohnt in einem Hochhaus, das außen und innen bunt ist. Außen ist es in verschiedenen Gelb- und Orangetönen gestrichen, mit roten und blauen Balkonen dazwischen. Von Weitem leuchtet es durch die Landschaft. Innen wohnen Menschen unterschiedlichster Couleur nach dem Motto „leben und leben lassen“. Manche sieht sie häufig, manche selten, manche nie. Zu den einen und anderen hat sie nachbarschaftlichen Kontakt. Freundlich gegrüßt wird immer.

Ein so buntes, tolerantes Miteinander ist nicht selbstverständlich. Als sie damals, vor gut dreizehn Jahren, auf Wohnungssuche war, schaute sie sich auch eine Wohnung in einem anderen Hochhaus an. Darin waren der Aufzug und die Flure mit braunem Teppichboden ausgelegt, vor den Wohnungstüren standen gehämmerte Kupfervasen mit Plastikblumen, an den Wänden hingen billige Drucke und Kupferreliefs. Es roch so muffig, wie es spießig wirkte. Die Wohnung war entsprechend. Nicht sehr geneigt, sie zu nehmen, fragte sie nach der Besichtigung vor der Haustüre unten noch den Vermieter, was denn für Leute im Hause wohnten. „Nur anständige Leute!“, sagte er im Brustton der Überzeugung, „da, gucken Sie hin“ – und er wies auf die vielen Klingelschilder – „nur deutsche Namen!“ Das war’s dann.

Die Mediatorin hat eine sehr ruhige Wohnung hoch oben. Sie sieht auf der einen Seite über den Ort hinweg bis hinüber zur Frankenwarte. Auf der anderen Seite blickt sie auf die Roßsteige und die Weinberge hinauf zum Flürle, darüber grüßt das Windrad vom Gieshügel. Früh scheint die Sonne in ihr Schlafzimmer, abends versinkt die Sonne am Horizont vor ihrem Balkon. Oft geht sie in den nahen Weinbergen und Feldern rund ums Gut spazieren und genießt das Grün der Landschaft, den Blick in die Ferne ringsum. Im Herbst und Winter scheint hier oben schon die Sonne, während sie über dem Maintal noch die Nebelschwaden wabern sieht; im Sommer, wenn unten im Tal stickige Hitze zwischen den Häusermauern der Stadt steht, weht oben im Dorf stets ein leichtes Lüftchen.

Hier scheint die Sonne öfter, die Luft ist besser, die Menschen sind freundlicher. Reichlich Grün umspielt die Häuser, versteckte Pfade und Treppen zwischen den Häuserreihen verbinden Straßen und Ortsteile. Ihren Beratungsraum hat die Mediatorin lange gesucht und auf dem sonnigen Plateau im Einkaufszentrum in der Mitte Gerbrunns vor eineinhalb Jahren gefunden. Dort gibt es eine kleine Fußgängerzone, einen offenen Platz, der fast den ganzen Tag sonnenbeschienen ist, ein Café, Geschäfte und Ärzte. Sie sieht die Menschen an ihrem großen Fenster vorbeigehen, die hereinschauen, lächeln und grüßen. Die Mediatorin grüßt zurück; oft hält sie ein Schwätzchen mit ihnen, wenn sie gerade vor der Türe ist; manche kommen auch auf ein Schwätzchen herein. Sie fühlt sich wohl in dieser lebendigen, entspannten Atmosphäre; hier lässt es sich gut arbeiten.

Die Einwohnerschaft der Gemeinde ist so bunt wie die Bewohner des Hochhauses. Es gibt die Alteinsässigen, junge wie alte. Bedingt durch den nahen Campus und die Schulen wohnen hier viele Universitätsangestellte, Lehrer, Studenten. Es gibt ein Neubaugebiet mit jungen Familien, ein Seniorenheim und ein Studentenwohnheim. Menschen aus anderen Ländern der Welt leben hier ebenso selbstverständlich wie die Alteingesessenen; reich und arm mischt sich darunter.

Die Infrastruktur ist gut: Neben einer Grund- und Hauptschule und den Kindergärten gibt es ein Hallenbad, eine Gemeindebücherei und ein Jugendzentrum, ausreichend ärztliche Versorgung und andere Heilberufe, die wichtigsten Geschäfte, Banken und Supermärkte. Es gibt Lokale und, nicht zu vergessen, mehrere Winzer, die mit ihrem Weinverkauf und den Heckenwirtschaften auch viele Gäste von außerhalb anlocken. Im Gewerbegebiet und im Ort selbst haben sich verschiedene Unternehmen und freien Berufe niedergelassen. Das Gemeindeleben wird bereichert durch Vereine und Städtepartnerschaften, aktive Bürger und einen engagierten Bürgermeister.

In die anliegende fränkische Metropole – die jeweiligen Ortsschilder sind gerade einmal einen Kilometer auseinander – fährt alle 20 Minuten ein Bus bis spät in die Nacht, die zahlreichen Bushaltestellen sind zu Fuß schnell erreicht. Mit dem Fahrrad schafft man spielend das Nötige, sogar die Stadt und die umliegenden Gemeinden, nur zurück ist es wegen der Steigungen etwas happig – wer das nicht kann, steigt samt Rad in den Bus ;-)

Die Mediatorin fühlt sich zuhause in ihrem liebenswerten, lebenswerten Ort: Gerbrunn!

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Stunden der offenen Tür

Wir danken allen, die uns in den Stunden der offenen Tür besucht haben, herzlich für ihr Kommen! Die Zahl der Gäste war überschaubar, die Stimmung gut, die Atmosphäre entspannt. Das Programm und die Ausstellung gefielen. Schön war’s! Beste Grüße, bis zum nächsten Mal …

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 Blick durchs Fenster zu Beginn

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Im Gespräch

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 Rauchertischchen

Event 4

 Noch ein Gespräch

 Event 95

 Entspannte Gäste

Event 7

 Vortrag zur Geschichte des Hafens

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 Illustration zum Treideln auf dem Main

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 Aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer

Event 92

Raucherpause

Event 91

 Vortrag „Des Pudels Kern“

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 Über Lösungen

Event 94

Die Künstlerin und der Historiker
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Man muss dran glauben

„Ich hatte mal einen dicken Freund, der sagte mir auf die Frage, ob er denn schwimmen könne, immer: ‚Ja – ich kann schwimmen. Aber – ich glaube nicht recht dran.‘ Das ist ein merkwürdiges Wort, und ich kann es nicht vergessen.

Es ist nämlich die kürzeste Formulierung für die eigentümliche Tatsache, daß es letzten Endes hienieden gar nicht aufs Können ankommt, gar nicht auf die Technik, auf das Äußerliche, auf das, was erlernbar ist. Es kommt einfach darauf an, daß man das glaubt, was man macht.

Das kann man nun keinem beibringen. Es gibt gewachsene Dinge und gemachte – die meisten sind gemacht. Die gewachsenen sind die, bei deren Herstellung der Schöpfer sich das geglaubt hat, was er machte. Es ist merkwürdig, ein wie tiefes und feines Gefühl alle Leute für diesen Unterschied haben. Falsche Herzenstöne gibt es nicht. Es gibt nur falsche Herzen. Ein leises Schwanken, ein bängliches Zögern – und vorbei ists mit aller Wirkung, mit der künstlichen und mit der menschlichen. Aus und vorbei.

Eine ausgewachsene Zote in einem Salon ist etwas Unmögliches. Schon deshalb, weil keiner da ist, der sie mit saftiger Freude, mit vollem Bewußtsein ihrer Unmöglichkeit, mit dem vollen Glauben erzählen kann. Ich habe im Felde von altgedienten Intendanturbeamten Dinge erzählen hören, die einen vom Stuhl warfen – wurden sie dann von irgendeinem schwächlichen Vertreter wiederholt, verpufften sie und wirkten übel, weil der dabei feixte und sich im Grunde seines Herzens für viel zu fein für diese Dinge hielt. Der andere aber war angetreten, hatte voller Lebensfreude vorgemacht, wie ein Mann, der sich Unter den Linden nicht sehr fein benommen hatte, aufgeschrieben wurde (dabei ist mir noch die prächtige Bewegung in der Erinnerung, wie der imaginäre Schutzmann mit behördlichem Schwung in seiner hinteren Rocktasche nach dem dicken Buch wühlte) – und das alles war so lebenswahr, so famos beobachtet, so massiv und selbstverständlich wiedergegeben, daß man nur seine helle Freude haben konnte. Rot wurde niemand. Und es war auch gar nicht nötig.

Das ist beim Schauspieler so, der sich irgendwie glauben muß, was er uns da vormacht – sonst glauben wirs auch nicht. Das ist beim Redner so und das ist schließlich, wenn man genau hinsieht, bei jedem Menschen so. Zuerst muß er glauben, dann erst können wirs.

Mir ist die alte Sage vom Reiter über dem Bodensee, der über die gefrorene Fläche des Wassers ritt, immer recht als Symbol schwersten Kalibers erschienen. Der glaubte auch, über festes Land zu reiten – er sah den Abgrund unter seinen Füßen nicht; erfühlte die Gefahr nicht, in der er schwebte, und bestand sie, weil er sie nicht zu bestehen brauchte. Was der Berliner in dem einen kurzen Satz auszudrücken pflegt: »Der hats gut – der ist blöd!« Und das ist manchmal wirklich kein Schade. Denn die Reflexion tötet. Maeterlinck hat einmal in einem sehr interessanten Aufsatz erzählt, wie bei Automobil-Unfällen allemal derjenige verunglückt, der noch im Augenblick der Gefahr nachdenkt, was er nun zu tun habe – daß aber der unbehelligt davonkomme, der sein Gehirn völlig ausschalte, der gar nichts tue. Das Unterbewußtsein, das ja viel stärker, raffinierter und zweckbewußter arbeitet als die Überlegung, regelt dann alles von selbst. Das Gehirn ist eben nicht allen Dingen gewachsen.

Wohl aber die gesunde Lebenskraft. Wohl aber jener Saft, der in den Pflanzen sein Wesen treibt und in den Tieren – und in den Menschen nicht minder. Wohl aber jener Glaube, der Berge versetzt, und der – Wunder über Wunder – sogar über Menschen etwas vermag.

Es brauchte nicht erst der Krieg zu sein, um uns zu belehren, wieviel solch ein Kerl wert ist, der immer Rat weiß – aber nicht jenen erklügelten Rat, den wir uns schließlich auch selbst erschwitzen können, sondern einen andern, bessern. Einen gewachsenen, einen immer fertig parat liegenden, einen erdgeborenen Rat. Aber wo wächst der –!

Es ist ja kein Zufall, daß alle die Leute, ›die daran glauben‹, ständig mit der Natur in Berührung leben. Es ist, als zögen sie, deren Füße die braune Erde treten, eine Kraft aus dem Boden, der Asphaltmenschen versagt ist.

Also kämen wir dahin, Primitivität zu fordern? Blauäugige Blondheit? Robuste Stiernacken? Simpelste Kraft? – Nicht doch. Nicht sie allein.

Glauben fordern wir als Grundlage aller menschlichen Dinge. (Daß hier nicht an Dogmenglaube gedacht ist, braucht wohl nicht erst betont zu werden.) Wir fordern den Glauben, weil wir alle instinktiv wissen – Frauen wissen das noch besser als wir Männer –, daß das Wesen des Menschen, das, was er eigentlich ist, da beginnt, wo seine Reflexion aufhört. Die ist erworben und künstlich ausgebildet, die ist nicht immer adäquat; die ist nicht er selbst. Aber das andere, das, was Schopenhauer ›Wille‹ und andre anders genannt haben: das ist er.

Es muß ein Punkt da sein, wo einer, nach allem Grübeln, nach allem Denken und Knobeln, einmal, klar und erfrischend auf den Tisch schlägt und sagt: »Grad durch!« und dann seinen Weg geht. Denn es lassen sich die Dinge dieser Welt nun einmal nicht alle restlos mit dem Gehirn erledigen. Wenn man mit dem mathematischen Denken fertig ist, bleibt etwas zurück, das sich nur mit der robusten Kraft bewältigen läßt. Und das ist ganz gut so, sonst säße ein Rabulist auf dem Thron, und das werden wir doch nicht wollen, nicht wahr

Das Ideal – das Ideal wäre freilich: beides zu haben. Die Kraft und das Gehirn. Die Faust und den Kopf. Hierzulande ist das heftig getrennt.

Die einen haben Gehirn, viel Gehirn. Sehr viel Gehirn. Dann taugen sie meist wenig zum aktiven Tun – und wenn sie sich darin versuchen, verfallen sie immer wieder in den alten Fehler, alles mit den Regeln der Logik abmachen zu wollen – was nun einmal nicht geht.

Die andern haben die Faust. Aber keinen Kopf – und ganz ohne ihn gehts auch wieder nicht. Wenn das einmal zusammenträfe! Wenn das einmal bei uns vereinigt wäre (…) Damit ließe sich etwas ausrichten! Wenn unsere Junker klug wären! Wenn unsere Intellektuellen kräftig wären! Aber sie sind leider nur kräftig und nur intellektuell. Bliebe übrig, den lieben Freunden zu predigen, vor allem und vorerst zu glauben. An sich und das, was man macht. Das ist nahrhaft: denn der gewandteste Gehirnakrobat ist gar nicht fähig, einen solchen eisernen Steher zu werfen.

Und die Freundinnen –! Geehrte, ihr wißt, wie subjektiv alles ist, was mit euch zu tun hat: die Eifersucht und die Ablehnung und die freundliche Gewährung und – entschuldigen Sie – die Liebe. Man muß dran glauben, auch an sie.

Kommt es denn darauf an, wie ihr, Schönste, seid? Genügt es nicht vollkommen, zu glauben, ihr seid so, wie wir euch lieben? Ihr braucht euch nicht einmal zu verstellen – wenn wir nur glauben. Vater Zille hat einmal eine blinde Frau gezeichnet, die fährt ihrem Führer, einem versoffenen, übeln Kerl, über das Gesicht und sagt: ‚Wilhelm, du mußt ein schöner Mann sein!‘ Diese Geschichte hat er selbst erlebt – und es ist eine tiefe Geschichte.

Freundinnen, wir streichen euch über das Gesicht und sind blind und murmeln: ‚Agda – du hast viel Herz!‘ Aber Agda hat gar kein Herz, sondern nur eine runde Brust, und das ist schließlich auch etwas wert.

Wir aber glauben an ihr Herz und sind sehr glücklich.

Peter Panter“*

*Berliner Tageblatt, 27.10.1919, Nr. 508 (in: Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke, Bd. 2, Reinbek 1975, S. 186 ff.).

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DIAGNOSIS-Lesefrucht der 48. Kalenderwoche 2002
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Back To The Roots

„(…) Befreie Dich für Dich selbst und sammle und bewahre die Zeit, die Dir bisher entweder geraubt oder heimlich entwendet wurde oder entschlüpfte. (…) [M]anche Augenblicke werden uns entrissen, manche entzogen, manche verrinnen. Der beschämendste Verlust jedoch ist der, der durch Nachlässigkeit verursacht wird. (…) [E]in großer Teil des Lebens entgleitet den Menschen, wenn sie Schlechtes tun, der größte, wenn sie nichts tun, das ganze Leben, wenn sie Nebensächliches tun.

Wen kannst Du mir nennen, der irgendeinen Wert der Zeit beimißt, der den Tag würdigt, der sich bewußt wird, daß er täglich stirbt. Darin nämlich täuschen wir uns, daß wir den Tod vor uns sehen: ein großer Teil davon ist bereits vorüber; jeden Lebensabschnitt, der hinter uns liegt, hat der Tod in seiner Gewalt. (…) [H]alte alle Stunden fest; so wird es geschehen, daß Du weniger vom morgigen Tag abhängig bist, wenn Du den heutigen in die Hand nimmst. Während das Leben aufgeschoben wird, eilt es vorbei.

(…) [N]ur die Zeit ist unser; in den Besitz dieses einen flüchtigen und unsicheren Gutes hat die Natur uns gestellt; daraus verdrängt uns, wer immer es will. Und so groß ist die Torheit der Sterblichen, daß sie sich das Geringste und Wertloseste, gewiß aber Ersetzbare, wenn sie es erlangt haben, als Schuld anrechnen lassen, daß aber niemand etwas zu schulden glaubt, der die Zeit in Empfang genommen hat, während doch dies das einzige ist, was nicht einmal ein Dankbarer zurückerstatten kann. (…)“*

*L. Annaeus Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, Liber I, Epistula I. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Franz Loretto, Reclam, Stuttgart 1977, S. 5.

Für das neu begonnene Jahr 2014.

 

Ratten

Das Zimmer ist lang und schmal. Gegenüber der Tür ein hohes Fenster, auf dem Steinsims draußen – es ist Winter – lagern seine Bewohner verderbliche Lebensmittel, es gibt keinen Kühlschrank. Manchmal werden sie von wilden Katzen geholt. An den Wänden zum Fenster hin metallene Doppelbetten, hinter der Tür ein Schrank, obenauf vollgepackt mit Koffern und Taschen bis zur Decke, die ungewöhnlich hoch ist. Davor Sperrmüllstühle, ein abgewetzter Sessel und ein wackeliges Tischchen, eingetrocknete Flüssigkeitsreste zieren die Platte. In den Zimmerecken zur Außenwand blüht schwarzer Schimmel – zu viele Menschen im Raum, die Feuchtigkeit ausdünsten. Es zieht durchs verschlossene Fenster, die Luft ist abgestanden überheizt, modrige Tapeten wölben sich über dem bröckeligen Putz. Liegend erreiche ich mit ausgestrecktem Arm mühelos das Bett an der gegenüberliegenden Wand, so schmal ist der Gang dazwischen.

Nachts lausche ich auf ungewohnte Geräusche. Die nahe, kaum befahrene Straße hört man nicht, auch keinen anderen Lärm, der von lebendigen Menschen außerhalb zeugt. Das Lager liegt mitten im Wald, etliche Kilometer von der Stadt entfernt, ein Nobelhotel ehedem, doch es ist unschwer zu erkennen, dass das lange her ist. Marode zerfällt es vor sich hin. Die nackte Glühbirne am Strang von der Decke ist jetzt erloschen, Vollmondlicht erhellt das notdürftig mit einem schmuddeligen Vorhang verhüllte Fenster. Die beiden schmächtigen Jüngelchen im Bett über mir tuscheln und kichern, tauschen Zärtlichkeiten aus, früh finde ich sie eng aneinandergeschmiegt schlafend. Irgendwann hören auch diese intimen Regungen auf, nur noch der Mittvierziger im Bett nebenan tut ab und an einen Schnarcher. Im weitläufigen Haus ist es schon lange ruhig – mehr als bald schlafen zu gehen bleibt hier nicht. Das andere obere Bett ist leer, sein regulärer Benutzer verbringt die Nacht anderswo.

Bis zum frühen Morgen, als fahle graue Dämmerung ins Zimmer bricht und mir endlich die Augen zufallen, verfolge ich das eilige Trippeln der Ratten, die unter den Betten an den Wänden hin und her huschen, vergeblich auf der Suche nach Beute, denn alles Nahrhafte ist sorgfältig in Kisten verschlossen im Schrank.

(Quelle: Anonymus, Nachrichten aus einer bayerischen Asylbewerberunterkunft.)

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Internationale Mediationstage 2013

Freitag und Samstag war ich wieder bei den Internationalen Mediationstagen in Hamburg. Das absolute Highlight am Freitag war ein eineinhalbstündiger (!) Vortrag von Friedemann Schulz von Thun zum Thema „Mediation und innere Mediation“. Wow! Dieser Mann hat nicht nur maßgebende Bücher über Kommunikation geschrieben – der lebt und vermittelt leibhaft, was er schreibt! Schon lange nicht mehr so einen spannenden, verständlichen und kurzweiligen Vortrag gehört, so viele Aha-Erlebnisse am Stück gehabt, so viel gelacht. Er war einfach exzellent!

Der Mediationspraxistag am Samstag war dicht mit erhellenden Praxisbeispielen gefüllt, mit Austausch und Informationen in anregender Atmosphäre – die hervorragende Organisation und die Gastlichkeit in den Mozartsälen trugen das Ihre dazu bei.

Stark berührt hat mich der Vortrag des Schulleiters der Primarschule Biel-Benken (Schweiz). Die Schule ist die diesjährige Gewinnerin des JugendWinWinno, mit dem der Verband „Mediation DACH e.V.“ jährlich „Organisationen und Menschen ehrt, die auf besondere Weise dazu beitragen, dass Menschen Konflikte selbstverantwortlicher und konstruktiver lösen.“ Die Primarschule Biel-Benken hat eine „SMS – Schule mit Streitkultur“ und ein ganzheitliches, beispielhaftes Mediationssystem etabliert, das ich allen Kindern in Kindergärten und Schulen wünsche. So geht es also auch, und es geht tatsächlich! Der Schulleiter schilderte dies anhand eines konkreten Falls. Ich war sehr beeindruckt.

So gehe ich wieder mit einer Menge Input und enorm bereichert in die kommende Woche und in mein mediatives Jahr 2013!