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Sonntagsbeilage, 26. Oktober 14

„Es ist interessant, über die Frage zu spekulieren, wie viele Bürger der wohlhabenden, pluralistischen Bundesrepublik Deutschland mit ihren praktisch unumstrittenden demokratischen Institutionen und ihren Freiheits- und Rechtsgarantien für den einzelnen, vor die Wahl zwischen der Realität und einem Leben in einem nicht durch Hitler und den Krieg zerstörten Deutschen Reich gestellt, sich für letzteres entscheiden würden. Die Entscheidung für das alte Reich wäre eine Entscheidung für ein wesentlich größeres und mächtigeres Deutschland, das auf politischem, wissenschaftlichem und kulturellem Gebiet international weit mehr Gewicht besäße als die BRD.
Aber es wäre auch ein im Innern viel zerrisseneres und zerstritteneres Deutschland mit einem weniger stabilen Regierungssystem. Gut möglich, daß es keine Demokratie wäre und die Rechte des einzelnen wesentlich eingeschränkter und nicht so verläßlich abgesichert wären. Die Klassenschranken wären in diesem Deutschland ausgeprägter, die sozialen Konflikte schärfer, und in vielen Bereichen stünden Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten nur den Angehörigen einer privilegierten Schicht offen. Es wäre ein kulturell vielgestaltigeres, aber auch ein engstirnigeres und mehr nach innen orientiertes Land. Ob seine Bewohner überall auf der Welt so freundlich aufgenommen werden würden wie die heutigen Bundesbürger?“*

H.A. TURNER (Dt., Eng., Nachruf) (1932-2008) ist ein US-amerikanischer Historiker, der sich besonders mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt hat, ein Schüler des großen Gordon A. CRAIG (Dt., Eng.) (1913-2005). TURNER lehrte mehr als vierzig Jahre in Yale. In der oben zitierten, kleinen kontrafaktischen Studie beschäftigt er sich mit der Frage, wie die Geschichte Deutschlands, Europas und der Welt verlaufen wäre, wenn Hitler 1930 bei einem Verkehrsunfall getötet worden wäre. Der Unfall hat tatsächlich stattgefunden und wird von einem der Mitfahrer, Otto WAGENER (Dt., Eng.), in seinen Erinnerungen beschrieben. Nach der Besichtigung des Luitpoldhains am Stadtrand von Nürnberg – dort, wo später das Reichsparteitagsgelände entstand – verunglückte der Wagen Hitlers. Ein Lastwagen rammte die Limousine von rechts und schob sie über eine Kreuzung. Wäre der schwere Lkw nicht zum Stehen gekommen, hätte er den gegen den Bordstein schrammenden Pkw umgeworfen und überrollt. Hitler kam mit Quetschungen und Abschürfungen davon. Wäre er getötet worden, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.

(mg)

* TURNER, Henry Ashby Jr.: Geißel des Jahrhunderts. Hitler und seine Hinterlassenschaft, Berlin 1989, S. 87/88

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