Schlagwort-Archiv: Soziologie

Sonntagsbeilage, 5. Juli 15

Das System hat den Vorrang

Seit 1870 haben sich Erfinder, Wissenschaftler und Systematiker damit beschäftigt, die technologischen Systeme der modernen Welt zu schaffen. Heute lebt der größte Teil der industrialisierten Welt in einem künstlichen Umfeld, das von diesen Systemen strukturiert wird, und nicht in der natürlichen Umwelt vergangener Jahrhunderte. […] Aber bis heute denken wir zuwenig über die Einflüsse und die Gestalt einer Welt nach, die in große technologische Systeme gegliedert ist. Gewöhnlich machen wir den Fehler, die moderne Technologie nicht mit Systemen in Verbindung zu bringen, sondern mit Gegebenheiten wie dem elektrischen Licht, Radio und Fernsehen, dem Flugzeug, dem Automobil, dem Computer und den nuklearen Fernlenkwaffen. Wenn wir die moderne Technologie nur in einzelnen Maschinen und Geräten erblicken, dann übersehen wir die tieferen Strömungen der modernen Technologie, die in dem halben Jahrhundert nach der Einrichtung der Erfinderfabrik in Menlo Park von Thomas Edison an Stärke und Zielrichtung zugenommen haben. Heute sind Maschinen wie das Automobil und das Flugzeug allgegenwärtig. Da sie mechanisch und greifbar sind, fällt es uns nicht allzu schwer, sie zu verstehen. Aber Maschinen wie diese sind gewöhnlich nur Bestandteile straff organisierter und von Menschen beherrschter technologischer Systeme. Solche Systeme sind schwer zu verstehen, weil zu ihnen auch komplexe Bestandteile wie Menschen und Organisationen gehören und weil sie oft aus physikalischen Komponenten bestehen wie den chemischen und elektrischen, die nicht nur mechanisch sind. Große Systeme – für die Energieversorgung, die industrielle Produktion, die Kommunikation und den Transport  – stellen den Kern der modernen Technologie dar. Wie Alan Trachtenberg gesagt hat, sind der ‚Westen‘ und die ‚Maschine‘ die Symbole, die ihnen die Perspektiven für das Begreifen ihrer frühen und jüngsten Geschichte geben. Nachdem ein Jahrhundert lang technologische Systeme entwickelt worden sind, könnten wir durchaus ‚das System‘ als das Kennzeichen ihrer Zivilisation ansehen.“*

Dies schreibt der amerikanische Technikhistoriker Thomas HUGHES (1923-2014) in seinem zuerst vor 26 Jahren erschienenem Buch zur Geschichte der modernen, amerikanischen, Technologie.
Heute verleibt sich das „System“ den Menschen langsam aber sicher ein, jedenfalls arbeiten Google und Konsorten daran. Alle Menschen haben heute gefälligst ein „i-phone“ mit sich herumzutragen, sollen den Computer als Brille oder als Armbanduhr getarnt „am Mann“ mit sich herumführen, während sie sich im voll überwachten öffentlichen Raum bewegen, jederzeit voll vernetzt. Computer steuern alle möglichen Dinge; totale Kommunikation bedeutet, dass alle Computer mit einander „reden“ können, einander erkennen und berücksichtigen, vom autonomen Automobil bis zum Kampfroboter (im Grunde ja nur eine andere Anwendung), vom Warenbegleitsystem bis zur Gesichtserkennung – egal, was oder wer sortiert wird, sortiert muss werden …
Cui bono? Wem nützt’s? Braucht man das? Wer eigentlich baut diese Systeme, wer profitiert? Wer entscheidet, wie sortiert wird?

*HUGHES, Thomas P.: Die Erfindung Amerikas. Der technologische Aufstieg der USA seit 1870, München 1991, S. 190. Zuerst: American Genesis. A Century of Invention and Technological Enthusiasm. 1870-1970, 1989.

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Sonntagsbeilage, 22. Februar 15

Heute besuchen wir Moye Neel Jans in Graft.

„Am 20. Oktober 1654 wurde die spärliche Habe von Jochem Wilemsz. Klinckert, zu Lebzeiten Bierverkäufer von Graft (Dt., Eng.) versteigert. Unter den angebotenen Gütern befand sich eine Partie Laken, die für ungefähr einen Gulden pro Stück weggingen. Ein Laken bringt nur die Hälfte dieses Betrages ein. Es geht für zehn Stuiver an Moye Neel (Hübsche Neel). Wir kennen sie noch aus Kap. 2, als wir auf ihren bemerkenswerten Beinamen hinwiesen. Eine so saloppe Titulierung weist auf keine gute soziale Position, ebensowenig wie der auffallend niedrige Preis ihres Ankaufs. Die Frauen von Graft kamen gern ins Wirtshaus, wenn dort etwas versteigert wurde, und vielleicht war Moye Neel immer dabei. Doch sie kaufte selten etwas. Erst 1670 ist ihr Name bei der Versteigerung der Güter der verstorbenen Ladenbesitzerin Anne Maertens notiert worden. Moye Neel geht nach Hause mit einem Töpfchen grüner Erbsen für einen Stuiver und vier Penningen und einem Pelz für fünf Stuiver. Der war bestimmt nicht von Spitzenqualität, denn bei anderen Versteigerungen sehen wir Pelze zu Preisen von über drei Gulden über den Tisch gehen.
Moye Neel war offenbar keine reiche Frau. Das Kassenbuch der Armenpfleger bestätigt das, denn sie kommt regelmäßig darin vor. Am 6. März 1655 bekommen drei Lieferanten insgesamt 5 [Gulden]:9 [Stuiver]:4[Pennige] ausbezahlt, für Öl, Seife, Zucker und jungen Käse, zugunsten von Moye Neel. Warum sie das alles erhielt, kommt am 18. April heraus. Denn da bekommt Pieter Kistemaker 1:4:0 ausbezahlt, „für den Sarg von Moye Neels Kind“. Sie war also Mutter geworden, und das Kind ist innerhalb von zwei Monaten gestorben. Das Kassenbuch verzeichnet danach noch vier andere Geburten. Auf eine davon folgt wiederum rasch die Beerdigung. Ihr Name wird zum letzten Mal am 6. Dezember 1680 erwähnt, diesmal unter den Einkünften. Ihr Nachlaß fiel den Armenpflegern zu und hat 16:10:12 gebracht.
Die Armenpfleger werden die Wohnung nicht leergeräumt haben, denn Moye Neel hinterließ vier Töchter, die alle der Armenkasse zur Last fielen. Das ist eine mehr, als wir aufgrund des Kassenbuchs erwarten würden, denn das gibt fünf Geburten an, wobei zwei von den Kindern schnell gestorben sind. Die jüngste von Moye Neels Töchtern kommt auch nicht darin vor. Sie war laut der Salz- und Seifenveranlagung von 1680 in jenem Jahr noch unter zehn, während die letzte Geburt in dem Kassenbuch unter 1668 verzeichnet ist. Aber wir erfahren noch mehr. Das Begräbnisbuch enthält die Angabe über eine Beerdigung am 11. Januar 1666: ‚Guertje Willems, Tochter von Moye Neel‘. Die Sterbefälle in dem Kassenbuch sind vom April 1655 und vom April 1665. Es muß sich hier also um ein siebtes Kind handeln. Das Kassenbuch hat nur fünf Geburten festgehalten. Moye Neel ist also zweimal selbst für eine Geburt und einmal für eine Beerdigung aufgekommen. Das Geld stammt aus ihrer eigenen Tasche oder aus der des ansonsten unbekannten Willem, welcher der Vater der 1666 begrabenen Guertje Willems gewesen sein muß.
Über diesen Willem wissen wir nichts weiter. Vielleicht war er Seemann, der ab und zu an Land kam, um ein Kind zu zeugen, und der die Sorge für den Sprößling seiner Frau überließ. Sie muß auch selbst etwas verdient haben, mit Spinnen, mit Scheuern oder was sich sonst noch anbot. Wir wissen durch Zufall, daß der Tabakhändler Abraham Jansz. 1664 74 Fässer Tabak bei ihr eingelagert hat. Diesen Platz hatte sie vermietet, und vielleicht verkaufte sie ab und zu auch kleine Mengen Tabak. So verfügte sie von Zeit zu Zeit über Geld, um Lebensmittel und die Särge für die Kinder bezahlen zu können und um bei günstiger Gelegenheit auf einer Versteigerung ein Töpfchen Erbsen oder einen halbverschlissenen Pelz zu erstehen.
Das ist das Leben von Moye Neel Jans. Daß sie im Goldenen Zeitalter (Dt., Eng.) lebte, wird ihr nicht aufgefallen sein. Sie hat das tägliche Dasein vermutlich nur von seiner schwierigen Seite kennengelernt. In kinderreichen Familien und Häusern von Witwen war die größte Armut zu Hause. Moye Neel hat zuerst sieben Kinder auf die Welt gebracht, oder vielleicht noch mehr, und blieb dann als Witwe zurück. Alt wird sie nicht geworden sein. Angesichts des Alters ihres jüngsten Kindes bei ihrem Tod ist es unwahrscheinlich, daß sie die fünfzig noch erreicht hat. Man hat sie nicht im Stich gelassen. Die Gemeinschaft hat sie unterstützt, auch wenn Moye Neel nicht mehr als das Allernötigste bekam. Sie hat sich damit abgefunden. Diejenigen Armen, die sich nicht anzupassen wußten, haben andere Mittel gewählt, um an Geld zu kommen. Sie konnten betteln, stehlen oder der Prostitution nachgehen. Moye Neel tat das nicht. Hätte sie gebettelt, so wäre sie aus der Armenversorgung herausgefallen, und hätte sie es mit Diebstahl und Prostitution versucht, dann hätte sie sich vor dem Vogtgericht verantworten müssen. Sie hielt sich an die Normen der Gesellschaft, die sie wie alle Armen in ihre Gemeinschaft einzubinden suchte. Nach den Möglichkeiten, die der Samtgemeinde (Dt., Eng.) Graft gegeben waren, hat die Armenfürsorge ihren Zweck erfüllt.“ *

* van DEURSEN, A. Th. (Nl., Eng., about): Graft. Ein Dorf im 17. Jahrhundert, 1. Auflage, Göttingen 1997 (Erstausgabe: Een dorp in de polder. Graft in de zeventiende eeuw, Amsterdam 1994), S. 265-67

(mg)

Zur Ökonomie des Teilens

In einen interessanten Beitrag auf der Süddeutschen online: “Warum heute keine Revolution möglich ist” beschreibt der Autor Byung-Chul Han, Philosoph und Kulturwissenschaftler an der Universität der Künste Berlin, wie sich die Menschen dem neoliberalen System freiwillig unterwerfen. Besonders bedenkenswert finde ich seine Sätze über die “Ökonomie des Teilens” – Fazit und Schluss-Satz des Beitrags: “Der Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution.”

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Mehr Liebe zum Volk*

Beim Kongress für Volkskunde 2003 in Berlin tat Martin Scharfe am Ende seines Abschlussvortrags eine denkwürdige Äußerung. Er sagte, er wünsche sich von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“. Unter den Zuhörern stieß diese Aussage auf Befremden und Unverständnis, zumindest auf Verwunderung.

Was meinte er damit?

In den vergangenen Jahren habe ich verschiedentlich klagen hören, die jungen Leute vom Fach verstünden sich nicht mehr aufs Quellenstudium – sie könnten diese nicht einmal mehr lesen. Woran das liegen mag, sei dahingestellt. Ich möchte hier jedoch auf die Verführung aufmerksam machen, die der Umgang mit PC und Internet mit sich bringt, und auf den überhöhten Stellenwert, der diesen unbestreitbar nützlichen Hilfsmitteln eingeräumt wird. Es wird suggeriert, jegliches Wissen sei schnell und mühelos abrufbar und es erübrige sich, selbst eigene, zeitraubende und aufwändige Nachforschungen vor Ort zu betreiben: Oben wird ein Knopf gedrückt, und unten „fällt Geschichte raus“.
Dieser Suggestion erliegen allerdings nicht nur die jungen Leute vom Fach.

Ein Hilfsmittel wie z.B. eine Datenbank, das für naturwissenschaftliche Versuchsreihen taugt und für betriebswirtschaftliche Auswertungen entwickelt wurde, muss der Erschließung geschichtlichen Materials nicht frommen. Lebendige Menschen und historische Quellen – letztere zu Schrift, Bild und Gegenstand gewordene Zeugnisse einst lebender Menschen – scheinen mir eines gemeinsam zu haben: Sie sträuben sich dagegen, klassifiziert und katalogisiert, standardisiert, vereinheitlicht und digitalisiert zu werden. Wer sie auf Zahlen und Daten reduzieren zu können glaubt, wer sie zu bloßen Objekten degradiert, dem geben sie ihr innerstes Wesen nicht preis. Sie lassen lediglich dem Klassifizierenden den irrigen Glauben, er habe ihr Wesentlichstes erfasst: Er hält den Schatten für die Wirklichkeit, verwechselt die Datenbank mit dem Original, das Hilfsmittel mit dem eigentlichen Forschungsgegenstand.

Vielleicht haben manche geisteswissenschaftlichen Fächer in jüngster Zeit unter anderem deswegen so sehr an Boden verloren, weil sie – dem wachsendem Erfolg und Einfluss naturwissenschaftlicher Forschung hinterherhechelnd – unbesehen und unkritisch Methoden kopieren und Hilfsmittel anwenden, die ihrem eigenen Gegenstand nicht unbedingt angemessen sind, und weil sie darüber hinaus Fragestellungen und Sichtweisen übernehmen, die diesen Gegenstand schlicht verfehlen. Vielleicht hat so manches Fach gar seinen ursprünglichen Gegenstand aus den Augen verloren?

Denn die digitale Nutzbarmachung historischer Quellen birgt nach meinem Dafürhalten noch eine weitere Gefahr: Manchmal könnte man meinen, der Gegenstand historischer und volkskundlicher Forschung erschöpfe sich in Archivalien und Museumsobjekten, und es gelte nur, deren Informationsgehalt (digital) aufzubereiten und abrufbar zu machen. Die Erschließung historischer Quellen gerät durch eine solche Bearbeitung leicht zum Selbstzweck und wird dadurch freilich als mühsam und lästig empfunden. Die Quelle – in handliche, vereinheitlichte Einzelteile zerlegt – wird auf Zahlen und Fakten reduziert. Der eigentliche Wert der Quelle, ihre Aussagekraft für eine Verortung, ihren „Sitz im Leben“ – im Original, im Zusammenhang und zwischen den Zeilen gelesen – wird durch diesen Focus vernachlässigt.

Die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Gegenstand der Forschung findet durch die so entstehende Distanz zu einer derart bearbeiteten und genutzten Quelle nicht statt; es entfällt die Notwendigkeit, selbst zu denken, Stellung zu beziehen.

Doch auch Archivalien und museale Objekte sind nur Hilfsmittel – kostbare zwar und oft einzigartige, die es zu bewahren gilt. Denn dienen sie nicht lediglich dazu, vergangenes menschliches Leben, Denken und Handeln in seinen Zusammenhängen zum Erkenntnisgewinn für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu erschließen? Gilt es nicht, die Menschen, die hinter diesen Quellen verborgen sind, in ihrem Facettenreichtum sichtbar zu machen und zu würdigen?

Vielleicht wünschte sich Martin Scharfe auch in dieser Hinsicht von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“.

*Vorwort von Gabriele Gerstmeier zum „Projekt des Bezirks Unterfranken: Digitale Erfassung von Gewerbestatistiken der ersten Hälfte des 19. Jhs. aus Archivalien des Staatsarchivs Würzburg“, bearbeitet von Gabriele Gerstmeier und Matthias Gorzolka, unveröffentlichte begrenzte Auflage, Gerbrunn 2006.

(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 28. Kalenderwoche 2006)

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Das oben zitierte Vorwort entdeckte ich beim Stöbern in den Lesefrüchten der ehemaligen DIAGNOSIS-Website. Ich hatte es vergessen – doch während ich es las, hatte ich plötzlich wieder den Tagungssaal des damaligen Kongresses vor Augen; die Unruhe, die durch die Stuhlreihen wogte nach Scharfes Worten; den Volkskundler-Kollegen, der auf der Heimfahrt im Zug sagte: „Ich weiß nicht, was der wollte – ich bin Wissenschaftler.“

Ich erinnerte mich beim Lesen auch an die Situation der Geisteswissenschaften 2006: Die fuhren gerade mächtig in den Keller, alle schrien nur noch nach Biomedizinern und Naturwissenschaftlern; in den Jahren davor waren – im Rahmen der mit der damaligen Rezession begründeten Sparmaßnahmen erst im kulturellen, dann im sozialen Bereich – die meisten Stellen für Geisteswissenschaftler sowieso gestrichen worden; die verdingten sich als Spüler, Taxifahrer und Ähnliches oder gingen als Arbeitslose nach den Segnungen der Schröder’schen Agenda 2010 sofort in Hartz IV.

Elf Jahre nach dem Kongress und acht Jahre nach diesem Vorwort sehe ich sowohl die eine Aussage – das Für-wahr-und-einzig-Halten digitaler Quellen (Internet!) – als auch die andere – den Absturz der Geisteswissenschaften – bestätigt. Leute, die zu denken gelernt (sic!) haben, sind heutzutage offensichtlich überflüssig. Wie sehr – und für wie doof man sie außerdem hält -, lässt sich an einem Artikel für geisteswissenschaftliche Berufseinsteiger in „Die Zeit“ ablesen: Hohn gebrüllt!**

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**… und dem Herrn Vonhoff vom BDS den doppelten Effenberger gezeigt.

Liebeserklärung an Gerbrunn

Die Mediatorin wohnt in einem Hochhaus, das außen und innen bunt ist. Außen ist es in verschiedenen Gelb- und Orangetönen gestrichen, mit roten und blauen Balkonen dazwischen. Von Weitem leuchtet es durch die Landschaft. Innen wohnen Menschen unterschiedlichster Couleur nach dem Motto „leben und leben lassen“. Manche sieht sie häufig, manche selten, manche nie. Zu den einen und anderen hat sie nachbarschaftlichen Kontakt. Freundlich gegrüßt wird immer.

Ein so buntes, tolerantes Miteinander ist nicht selbstverständlich. Als sie damals, vor gut dreizehn Jahren, auf Wohnungssuche war, schaute sie sich auch eine Wohnung in einem anderen Hochhaus an. Darin waren der Aufzug und die Flure mit braunem Teppichboden ausgelegt, vor den Wohnungstüren standen gehämmerte Kupfervasen mit Plastikblumen, an den Wänden hingen billige Drucke und Kupferreliefs. Es roch so muffig, wie es spießig wirkte. Die Wohnung war entsprechend. Nicht sehr geneigt, sie zu nehmen, fragte sie nach der Besichtigung vor der Haustüre unten noch den Vermieter, was denn für Leute im Hause wohnten. „Nur anständige Leute!“, sagte er im Brustton der Überzeugung, „da, gucken Sie hin“ – und er wies auf die vielen Klingelschilder – „nur deutsche Namen!“ Das war’s dann.

Die Mediatorin hat eine sehr ruhige Wohnung hoch oben. Sie sieht auf der einen Seite über den Ort hinweg bis hinüber zur Frankenwarte. Auf der anderen Seite blickt sie auf die Roßsteige und die Weinberge hinauf zum Flürle, darüber grüßt das Windrad vom Gieshügel. Früh scheint die Sonne in ihr Schlafzimmer, abends versinkt die Sonne am Horizont vor ihrem Balkon. Oft geht sie in den nahen Weinbergen und Feldern rund ums Gut spazieren und genießt das Grün der Landschaft, den Blick in die Ferne ringsum. Im Herbst und Winter scheint hier oben schon die Sonne, während sie über dem Maintal noch die Nebelschwaden wabern sieht; im Sommer, wenn unten im Tal stickige Hitze zwischen den Häusermauern der Stadt steht, weht oben im Dorf stets ein leichtes Lüftchen.

Hier scheint die Sonne öfter, die Luft ist besser, die Menschen sind freundlicher. Reichlich Grün umspielt die Häuser, versteckte Pfade und Treppen zwischen den Häuserreihen verbinden Straßen und Ortsteile. Ihren Beratungsraum hat die Mediatorin lange gesucht und auf dem sonnigen Plateau im Einkaufszentrum in der Mitte Gerbrunns vor eineinhalb Jahren gefunden. Dort gibt es eine kleine Fußgängerzone, einen offenen Platz, der fast den ganzen Tag sonnenbeschienen ist, ein Café, Geschäfte und Ärzte. Sie sieht die Menschen an ihrem großen Fenster vorbeigehen, die hereinschauen, lächeln und grüßen. Die Mediatorin grüßt zurück; oft hält sie ein Schwätzchen mit ihnen, wenn sie gerade vor der Türe ist; manche kommen auch auf ein Schwätzchen herein. Sie fühlt sich wohl in dieser lebendigen, entspannten Atmosphäre; hier lässt es sich gut arbeiten.

Die Einwohnerschaft der Gemeinde ist so bunt wie die Bewohner des Hochhauses. Es gibt die Alteinsässigen, junge wie alte. Bedingt durch den nahen Campus und die Schulen wohnen hier viele Universitätsangestellte, Lehrer, Studenten. Es gibt ein Neubaugebiet mit jungen Familien, ein Seniorenheim und ein Studentenwohnheim. Menschen aus anderen Ländern der Welt leben hier ebenso selbstverständlich wie die Alteingesessenen; reich und arm mischt sich darunter.

Die Infrastruktur ist gut: Neben einer Grund- und Hauptschule und den Kindergärten gibt es ein Hallenbad, eine Gemeindebücherei und ein Jugendzentrum, ausreichend ärztliche Versorgung und andere Heilberufe, die wichtigsten Geschäfte, Banken und Supermärkte. Es gibt Lokale und, nicht zu vergessen, mehrere Winzer, die mit ihrem Weinverkauf und den Heckenwirtschaften auch viele Gäste von außerhalb anlocken. Im Gewerbegebiet und im Ort selbst haben sich verschiedene Unternehmen und freien Berufe niedergelassen. Das Gemeindeleben wird bereichert durch Vereine und Städtepartnerschaften, aktive Bürger und einen engagierten Bürgermeister.

In die anliegende fränkische Metropole – die jeweiligen Ortsschilder sind gerade einmal einen Kilometer auseinander – fährt alle 20 Minuten ein Bus bis spät in die Nacht, die zahlreichen Bushaltestellen sind zu Fuß schnell erreicht. Mit dem Fahrrad schafft man spielend das Nötige, sogar die Stadt und die umliegenden Gemeinden, nur zurück ist es wegen der Steigungen etwas happig – wer das nicht kann, steigt samt Rad in den Bus ;-)

Die Mediatorin fühlt sich zuhause in ihrem liebenswerten, lebenswerten Ort: Gerbrunn!

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Armutsökonomie

„Warum soll man für etwas Geld ausgeben,
wenn es doch so viele gibt,  die es umsonst machen?“
(Stefan Selke)

Zitat aus seinem Beitrag auf SozBlog.de, in dem es zum Beispiel um „nützliche Armut“, „Armut als Ware“ und „Freiwilligenmanagement“ geht. Stefan Selke hat sich mit Herz und Leidenschaft der Tafelkritik verschrieben.

Interessant auch seine eigene Website sowie die des Kritischen Aktionsbündnisses 20 Jahre Tafeln und die des Tafelforums.

Und – last, not least – eine Rezension seines Buches „Schamland“ auf den Nachdenkseiten.

VIEL SPASS BEIM LESEN!

So wahr mir Gott helfe

Der Bundespräsident, der Bundeskanzler und die Bundesminister leisten bei Amtsantritt folgenden Eid:
„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“*
Der Eid kann auch ohne die religiöse Formel – und von Frauen ;-) – geleistet werden.

Bundesbeamtinnen und -beamte leisten bei Verbeamtung folgenden Diensteid (kann auch ohne religiöse Formel geleistet werden):
„Ich schwöre, das Grundgesetz und alle in der Bundesrepublik Deutschland geltenden Gesetze zu wahren und meine Amtspflichten gewissenhaft zu erfüllen, so wahr mir Gott helfe. “**

Richterinnen und Richter legen bei ihrer Berufung folgenden Eid (auch ohne religiöse Formel möglich) ab:
„Ich schwöre, das Richteramt getreu dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und getreu dem Gesetz auszuüben, nach bestem Wissen und Gewissen ohne Ansehen der Person zu urteilen und nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen, so wahr mir Gott helfe.“***

Und was schwören die Bayern, sprich: die Mitglieder der bayerischen Staatsregierung?
„Ich schwöre Treue der Verfassung des Freistaates Bayern, Gehorsam den Gesetzen und gewissenhafte Erfüllung meiner Amtspflichten, so wahr mir Gott helfe.“****
Und dann steht da noch: „Der Eid kann auch mit einer anderen oder ohne religiöse Beteuerungsformel geleistet werden.“ Einer anderen?

*Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, GG Art. 56 und Art. 64
**Bundesbeamtengesetz, BBG § 64
***Deutsches Richtergesetz, DRiG § 38
****Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Mitglieder der Staatsregierung, Abschnitt I, Art. 2(1)

§§§

Popper und Wittgenstein

„Bei allen sozialen und kulturellen Unterschieden mußte es durch eine charakterliche Ähnlichkeit in H3 zwangsläufig zu einer wütenden Auseinandersetzung kommen. Sowohl Popper als auch Wittgenstein verhielten sich in Diskussionen und Debatten anderen gegenüber fürchterlich. Beide waren von kleiner Statur, bis zur Erschöpfung intensiv und kompromißunfähig. Beide waren tyrannisch, aggressiv, intolerant und ichbezogen (…)

Einer der größten Beiträge Poppers zur Rationalität war zwar die Erkenntnis, daß eine Theorie nur dann wissenschaftlich war, wenn sie sich falsifizieren ließ, doch war er stets abgeneigt, dieses Prinzip auf seine eigenen Gedanken zur Anwendung kommen zu lassen. Es ist gesagt worden, daß man Die offene Gesellschaft und ihre Feinde in Die offene Gesellschaft von einem ihrer Feinde hätte umbenennen sollen. John Watkins gibt zu, daß Popper ein intellektueller Tyrann war (…) Joseph Agassi erzählt: `Jede seiner Vorlesungen begann wunderbar und endete fürchterlich, weil irgend jemand etwas Falsches sagte, Popper ihn fertigmachte und die sehr angenehme Atmosphäre in eine äußerst spannungsgeladene umkippte.´

Popper hatte mit Wittgenstein gemein, daß sie dazu neigten, ihren Studenten zu vermitteln, daß sie zu nichts taugten. Lord Dahrendorf (…) erinnert sich daran, daß englische Studenten Poppers Vorlesungen nicht mehr besuchten, weil sie es nicht gewohnt waren, so behandelt zu werden. Popper hatte aber im übrigen kein Problem damit, seine Kollegen ebenso zu behandeln. (…) Auch seine Assistenten wurden nicht verschont (…)

Angesichts seiner gnadenlosen Attacken mag es überraschen, daß Popper überhaupt Freunde hatte — es war aber so. Neben dem Kunsthistoriker Ernst Gombrich gab es eine ganze Reihe von Freunden, deren Namen sich lesen wie ein Who´s who der Naturwissenschaften (…) Die Liste ehemaliger Freunde hingegen ist schier endlos, und sie sind alle schuldig, einen Einwand gegen einen Aspekt von Poppers Werk formuliert zu haben, gleichgültig wie vorsichtig oder konstruktiv dieser gemeint war.

Während Popper trotz seiner Kompromißlosigkeit in Debatten und gegenüber anderen Meinungen noch als Mensch erkennbar bleibt, tritt bei Wittgensteins Umgang mit anderen eine unheimliche, außerhalb jeder Norm liegende Art zutage. (…)

Da Wittgenstein hauptberufliche Philosophen verachtete, sah er es gerne, wenn Studenten das Fach aufgaben. Die Begabung eines Studenten bedeutete ihm nichts: Er riet einem seiner brillantesten Schüler, Yorick Smythies, mit seinen Händen zu arbeiten, obwohl Smythies solche Koordinationsprobleme hatte, daß er kaum in der Lage war, seine Schuhe zuzubinden. Handarbeit sei gut für das Gehirn, sagte Wittgenstein ihm. Smythies´ Eltern und die Eltern von Francis Skinner, einem weiteren Studenten Wittgensteins, der das Studium abbrach, um in einer Fabrik zu arbeiten, dürften ihn wohl eher als bösen Genius betrachtet haben, weil er ihre intellektuell begabten Söhne überredete, der Universität zu entsagen.

Worin lagen die Wurzeln dieser Beherrschung von Freunden und Studenten? Eine erhellende Erkenntnis kommt von Wittgensteins Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Philosophie, Georg von Wright: `Keiner, der ihn kennenlernte, vermochte unbeeindruckt zu bleiben. Manche wurden von ihm abgestoßen. Die meisten fühlten sich angezogen oder waren fasziniert. Man kann sagen, daß Wittgenstein bloßen Bekannten aus dem Weg ging, aber Freundschaft brauchte und suchte. Als Freund hatte er nicht seinesgleichen, aber er forderte auch viel.´ An anderer Stelle schildert von Wright, wie fordernd Wittgensteins Freundschaft sein konnte, und beschreibt einen Prozeß, der dem einer Gehirnwäsche oder gar dem Beitritt zu einem Kult nicht unähnlich ist: `Jedes Gespräch mit Wittgenstein war, als ob man den Tag des Jüngsten Gerichts durchlebte. Es war furchtbar. Alles wurde ständig neu ausgegraben, hinterfragt und Wahrhaftigkeitstests unterzogen. Dies galt nicht nur für Philosophie, sondern das ganze Leben.´

Die überlebenden Zeitzeugen der Konfrontation in H3 erinnern sich an das Unbehagen und an die Beklommenheit, die sie im Kontakt mit ihm empfanden (…), selbst so enge Freunde wie Peter Geach. (…) Wittgenstein war `schonungslos intolerant gegenüber jeder Bemerkung, die er als dahingesagt oder prätentiös empfand.´ Stephen Toulmin nahm an Wittgensteins Seminaren teil, die zweimal pro Woche stattfanden: `Er hielt uns für unannehmbar dumm. Er sagte uns ins Gesicht, daß man uns nichts beibringen könne.´ (…)

Wenn man die Beziehungen Wittgensteins zu anderen untersucht, dann stellt man fest, daß diese vor allem von seinem Wunsch geprägt sind, die beherrschende, wenn nicht gar die einzige Stimme zu sein. (…)“*

*Edmonds, David J. / Eidinow, John A.: Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte. Eine Ermittlung. 2. Aufl., München 2001, S. 165 ff. u. 175 ff.

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Ratten

Das Zimmer ist lang und schmal. Gegenüber der Tür ein hohes Fenster, auf dem Steinsims draußen – es ist Winter – lagern seine Bewohner verderbliche Lebensmittel, es gibt keinen Kühlschrank. Manchmal werden sie von wilden Katzen geholt. An den Wänden zum Fenster hin metallene Doppelbetten, hinter der Tür ein Schrank, obenauf vollgepackt mit Koffern und Taschen bis zur Decke, die ungewöhnlich hoch ist. Davor Sperrmüllstühle, ein abgewetzter Sessel und ein wackeliges Tischchen, eingetrocknete Flüssigkeitsreste zieren die Platte. In den Zimmerecken zur Außenwand blüht schwarzer Schimmel – zu viele Menschen im Raum, die Feuchtigkeit ausdünsten. Es zieht durchs verschlossene Fenster, die Luft ist abgestanden überheizt, modrige Tapeten wölben sich über dem bröckeligen Putz. Liegend erreiche ich mit ausgestrecktem Arm mühelos das Bett an der gegenüberliegenden Wand, so schmal ist der Gang dazwischen.

Nachts lausche ich auf ungewohnte Geräusche. Die nahe, kaum befahrene Straße hört man nicht, auch keinen anderen Lärm, der von lebendigen Menschen außerhalb zeugt. Das Lager liegt mitten im Wald, etliche Kilometer von der Stadt entfernt, ein Nobelhotel ehedem, doch es ist unschwer zu erkennen, dass das lange her ist. Marode zerfällt es vor sich hin. Die nackte Glühbirne am Strang von der Decke ist jetzt erloschen, Vollmondlicht erhellt das notdürftig mit einem schmuddeligen Vorhang verhüllte Fenster. Die beiden schmächtigen Jüngelchen im Bett über mir tuscheln und kichern, tauschen Zärtlichkeiten aus, früh finde ich sie eng aneinandergeschmiegt schlafend. Irgendwann hören auch diese intimen Regungen auf, nur noch der Mittvierziger im Bett nebenan tut ab und an einen Schnarcher. Im weitläufigen Haus ist es schon lange ruhig – mehr als bald schlafen zu gehen bleibt hier nicht. Das andere obere Bett ist leer, sein regulärer Benutzer verbringt die Nacht anderswo.

Bis zum frühen Morgen, als fahle graue Dämmerung ins Zimmer bricht und mir endlich die Augen zufallen, verfolge ich das eilige Trippeln der Ratten, die unter den Betten an den Wänden hin und her huschen, vergeblich auf der Suche nach Beute, denn alles Nahrhafte ist sorgfältig in Kisten verschlossen im Schrank.

(Quelle: Anonymus, Nachrichten aus einer bayerischen Asylbewerberunterkunft.)

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FemFest Würzburg am 8./9. Juni 2013

Vor einigen Tagen erreichte mich die Einladung der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Würzburg, Frau Dr. Zohreh Salali,  zum diesjährigen FemFest, die ich gerne weitergebe (Auszug):

„Die Gleichstellungsstelle möchte Sie alle herzlich zum dritten FEMFEST einladen. Bereits zum dritten Mal wird das FEMFEST in Würzburg vom FEMFEST Team organisiert. Es werden Vorträge, Workshops, Podiumsdiskussion, Filme und Konzerte rund um Geschlechterfragen präsentiert. (…)
Das FEMFEST Team setzt sich kritisch mit Geschlechterrollen auseinander und möchte neue Diskussionen entfachen. Themen wie sexualisierte Gewalt, eingeschränkte Lebensverwirklichungen und Sexismus stehen im Fokus der Aufmerksamkeit, genauso wie Ungleichheit von Machtverhältnissen. Das FEMFEST Team möchte mit Ihnen gemeinsam über die Zukunft der Geschlechterbeziehungen diskutieren!

Gefördert wird das FEMFEST dieses Jahr von der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Würzburg Dr. Zohreh Salali, der Petra-Kelly-Stiftung sowie der Akademie Frankenwarte. Willkommen sind alle Menschen, die Interesse an einer Diskussionen über Geschlechterverhältnisse, sexualisierte Gewalt und Zukunftsperspektiven haben und sich darüber informieren, weiterbilden oder austauschen wollen. (…) Auch in diesem Jahr ist es dem Team gelungen, ein abwechslungsreiches Programm mit vielen Highlights zusammenzustellen. (…)

Es muss sich in den Geschlechterbeziehungen einiges ändern, damit es besser wird!“

Jawoll ;-)

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