Schlagwort-Archiv: Sonntagsbeilage

Sonntagsbeilage, 1. März 15

Theodor FONTANE – für manche einer der langweiligsten Schreiber deutscher Zunge aller Zeiten, für andere einer der großartigsten Stilisten des neunzehnten Jahrhunderts, der in einer Reihe mit HEINE zu stehen kommen sollte, FONTANE, sage ich, schreibt vier Bände „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Hierbei handelt es sich um wirkliche Wanderungen, die ihn „ins Blaue“, durch lichte Nadelholzungen und über sandige Wege an stille Orte seiner geliebten Mark führen. Der fünfte und letzte Band dieser „Wanderungen“, erschienen 1889 unter dem Titel „Fünf Schlösser.  Altes und Neues aus Mark Brandenburg“, enthält nicht Wanderungen, sondern hier handelt es sich um geplante Reisen und Archivstudien, die Lücken der vorhergehenden Bände schließen sollen.
FONTANE behandelt auch die Geschichte des Schlosses Liebenberg und seiner interessanten Besitzer im neunzehnten Jahrhundert, Vater und Sohn  von HERTEFELD, aber darum soll es jetzt nicht gehen, sondern um eine Königin.

„Der älteste Sohn dieses Ehepaares ist der gegenwärtige Graf Sandels, Samuel August, geboren 1810. Er trat früh in die Armee, war aber nichtsdestoweniger durch eine lange Reihe von Jahren hin Kammerherr bei der Königin Desirée, Gemahlin Karl Johanns XIV. (Bernadottes) von Schweden. Desirée war eine Tochter des Marseiller Bankiers Clari und gab Napoleon einen Korb, um den damaligen Advokaten Bernadotte zu heiraten. Sie war eine sehr originelle Dame, schlief bei Tag und war auf in der Nacht. Um vier Uhr morgens aß sie zu Mittag. In jedem Jahre reiste sie mit großem Troß nach Frankreich, kam aber immer nur bis an die schwedische Küste und kehrte dann, aus Furcht vor dem Wasser, nach Stockholm zurück. Es war deshalb die Regel, auf der Hinreise schon die Nachtquartiere für die Rückreise zu bestellen. Im Dienste dieser Dame stand Graf Sandels bis an den Tod derselben. Er wurde dann, auf weitere zehn Jahre hin, Hofmarschall bei König Oskar I. All dieser Hofämter unerachtet blieb er im Armeedienst und ist gegenwärtig kommandierender General der Gardetruppen und des Korps von Südermannland, Gouverneur von Stockholm, Präses des obersten Militärgerichtshofes und Ritter des Seraphinenordens. Er vermählte sich mit der Freiin von Tersmeden, einer hugenottischen Familie zugehörig, die schon bald nach der Bartholomäusnacht aus Frankreich emigrierte.“

Der biographische Wikipediaartikel sagt leider nichts über die seltsame Zeiteinteilung der Königin Desideria von Schweden und Norwegen (Dt., Eng.). Allerdings war sie einige Zeit mit dem damals noch nicht bedeutenden General Napoleon BUONAPARTE verlobt, vor 1796, da war sie (1777 geboren) um die 18 Jahre alt; ihre Schwester heiratete einen seiner Brüder. Napoleon seinerseits heiratete flugs Josephine (1796), die ihm gesellschaftlich von mehr Nutzen sein konnte. Dass das Fräulein CLARY dem nachmaligen Kaiser und Weltenerschütterer einen Korb gab, womöglich um „dem Herzen zu folgen“, ist also eine durchaus romantische Sichtweise.
Jedenfalls heiratete sie im August 1798 Jean-Baptiste BERNADOTTE, im nächsten Jahr kommt der gemeinsame Sohn Oskar auf die Welt – der von FONTANE erwähnte spätere König von Schweden und Nachfolger seines Vaters. Der ältere BERNADOTTE wurde vom kinderlosen schwedischen Königspaar als Thronfolger adoptiert. Vater und Sohn lebten ab 1810 in Schweden, während Desirée bis 1823 unter dem Pseudonym „Gräfin von Gotland“ in Paris blieb. Sie kam erst anlässlich der Eheschließung ihres Sohnes nach Stockholm und lebte noch bis 1860 auf Schloss Rosersberg, umsorgt von Graf SANDELS.

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(mg)

Sonntagsbeilage, 22. Februar 15

Heute besuchen wir Moye Neel Jans in Graft.

„Am 20. Oktober 1654 wurde die spärliche Habe von Jochem Wilemsz. Klinckert, zu Lebzeiten Bierverkäufer von Graft (Dt., Eng.) versteigert. Unter den angebotenen Gütern befand sich eine Partie Laken, die für ungefähr einen Gulden pro Stück weggingen. Ein Laken bringt nur die Hälfte dieses Betrages ein. Es geht für zehn Stuiver an Moye Neel (Hübsche Neel). Wir kennen sie noch aus Kap. 2, als wir auf ihren bemerkenswerten Beinamen hinwiesen. Eine so saloppe Titulierung weist auf keine gute soziale Position, ebensowenig wie der auffallend niedrige Preis ihres Ankaufs. Die Frauen von Graft kamen gern ins Wirtshaus, wenn dort etwas versteigert wurde, und vielleicht war Moye Neel immer dabei. Doch sie kaufte selten etwas. Erst 1670 ist ihr Name bei der Versteigerung der Güter der verstorbenen Ladenbesitzerin Anne Maertens notiert worden. Moye Neel geht nach Hause mit einem Töpfchen grüner Erbsen für einen Stuiver und vier Penningen und einem Pelz für fünf Stuiver. Der war bestimmt nicht von Spitzenqualität, denn bei anderen Versteigerungen sehen wir Pelze zu Preisen von über drei Gulden über den Tisch gehen.
Moye Neel war offenbar keine reiche Frau. Das Kassenbuch der Armenpfleger bestätigt das, denn sie kommt regelmäßig darin vor. Am 6. März 1655 bekommen drei Lieferanten insgesamt 5 [Gulden]:9 [Stuiver]:4[Pennige] ausbezahlt, für Öl, Seife, Zucker und jungen Käse, zugunsten von Moye Neel. Warum sie das alles erhielt, kommt am 18. April heraus. Denn da bekommt Pieter Kistemaker 1:4:0 ausbezahlt, „für den Sarg von Moye Neels Kind“. Sie war also Mutter geworden, und das Kind ist innerhalb von zwei Monaten gestorben. Das Kassenbuch verzeichnet danach noch vier andere Geburten. Auf eine davon folgt wiederum rasch die Beerdigung. Ihr Name wird zum letzten Mal am 6. Dezember 1680 erwähnt, diesmal unter den Einkünften. Ihr Nachlaß fiel den Armenpflegern zu und hat 16:10:12 gebracht.
Die Armenpfleger werden die Wohnung nicht leergeräumt haben, denn Moye Neel hinterließ vier Töchter, die alle der Armenkasse zur Last fielen. Das ist eine mehr, als wir aufgrund des Kassenbuchs erwarten würden, denn das gibt fünf Geburten an, wobei zwei von den Kindern schnell gestorben sind. Die jüngste von Moye Neels Töchtern kommt auch nicht darin vor. Sie war laut der Salz- und Seifenveranlagung von 1680 in jenem Jahr noch unter zehn, während die letzte Geburt in dem Kassenbuch unter 1668 verzeichnet ist. Aber wir erfahren noch mehr. Das Begräbnisbuch enthält die Angabe über eine Beerdigung am 11. Januar 1666: ‚Guertje Willems, Tochter von Moye Neel‘. Die Sterbefälle in dem Kassenbuch sind vom April 1655 und vom April 1665. Es muß sich hier also um ein siebtes Kind handeln. Das Kassenbuch hat nur fünf Geburten festgehalten. Moye Neel ist also zweimal selbst für eine Geburt und einmal für eine Beerdigung aufgekommen. Das Geld stammt aus ihrer eigenen Tasche oder aus der des ansonsten unbekannten Willem, welcher der Vater der 1666 begrabenen Guertje Willems gewesen sein muß.
Über diesen Willem wissen wir nichts weiter. Vielleicht war er Seemann, der ab und zu an Land kam, um ein Kind zu zeugen, und der die Sorge für den Sprößling seiner Frau überließ. Sie muß auch selbst etwas verdient haben, mit Spinnen, mit Scheuern oder was sich sonst noch anbot. Wir wissen durch Zufall, daß der Tabakhändler Abraham Jansz. 1664 74 Fässer Tabak bei ihr eingelagert hat. Diesen Platz hatte sie vermietet, und vielleicht verkaufte sie ab und zu auch kleine Mengen Tabak. So verfügte sie von Zeit zu Zeit über Geld, um Lebensmittel und die Särge für die Kinder bezahlen zu können und um bei günstiger Gelegenheit auf einer Versteigerung ein Töpfchen Erbsen oder einen halbverschlissenen Pelz zu erstehen.
Das ist das Leben von Moye Neel Jans. Daß sie im Goldenen Zeitalter (Dt., Eng.) lebte, wird ihr nicht aufgefallen sein. Sie hat das tägliche Dasein vermutlich nur von seiner schwierigen Seite kennengelernt. In kinderreichen Familien und Häusern von Witwen war die größte Armut zu Hause. Moye Neel hat zuerst sieben Kinder auf die Welt gebracht, oder vielleicht noch mehr, und blieb dann als Witwe zurück. Alt wird sie nicht geworden sein. Angesichts des Alters ihres jüngsten Kindes bei ihrem Tod ist es unwahrscheinlich, daß sie die fünfzig noch erreicht hat. Man hat sie nicht im Stich gelassen. Die Gemeinschaft hat sie unterstützt, auch wenn Moye Neel nicht mehr als das Allernötigste bekam. Sie hat sich damit abgefunden. Diejenigen Armen, die sich nicht anzupassen wußten, haben andere Mittel gewählt, um an Geld zu kommen. Sie konnten betteln, stehlen oder der Prostitution nachgehen. Moye Neel tat das nicht. Hätte sie gebettelt, so wäre sie aus der Armenversorgung herausgefallen, und hätte sie es mit Diebstahl und Prostitution versucht, dann hätte sie sich vor dem Vogtgericht verantworten müssen. Sie hielt sich an die Normen der Gesellschaft, die sie wie alle Armen in ihre Gemeinschaft einzubinden suchte. Nach den Möglichkeiten, die der Samtgemeinde (Dt., Eng.) Graft gegeben waren, hat die Armenfürsorge ihren Zweck erfüllt.“ *

* van DEURSEN, A. Th. (Nl., Eng., about): Graft. Ein Dorf im 17. Jahrhundert, 1. Auflage, Göttingen 1997 (Erstausgabe: Een dorp in de polder. Graft in de zeventiende eeuw, Amsterdam 1994), S. 265-67

(mg)

Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 16. Februar 15

Grad‘ noch so … auch diesmal verspätet, ich bitte das zu entschuldigen. Die wochenendliche Tiefenentspannung hat mich schlicht und einfach den sonntäglichen Abgabetermin vergessen lassen. Aber nichtsdestotrotz erscheint natürlich eine Sonntagsbeilage.

Diesmal soll eine der drängenden Fragen des modernen Lebens gelöst werden:
Wo kommen eigentlich die kleinen Bonbons her?
Der freundliche Mann aus Montreal erklärt und zeigt uns das im folgenden Video*.

* Many thanks to our friend LX for providing the link!

(mg)

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Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 9. Februar 15

Ein kurzes, aber doch hinreichend erholsames Wochenende – und glatt die Sonntagsbeilage verdrängt! Der fränkische Montagvormittag ist grau und feucht, aber nicht übermäßig kalt.
Man könnt‘ glatt ein wenig Musik hören, zum Beispiel Povera Tittina vorgetragen vom Trio Lescano (Dt., Eng., Artikel auf hagalil), damit man in Schwung kommt.

(mg)

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Sonntagsbeilage, 25. Januar 15

An diesem grauen Sonntagnachmittag interessieren mich die griechischen Erbstreitigkeiten bei Philosophens gar nicht. Ich würde lieber verreisen – und deshalb gibt’s heute einen Beitrag des „Screen Traveler“, das ist der interessante André de la VARRE (Dt., Eng.) (1904-1987), der seine Leidenschaft für Reisen und Filmen zum Beruf machte und von den 1920er bis in die 1970er Jahre filmische Reiseberichte produzierte.
Wir fahren nach Hong Kong, in das Jahr 1938 – so sieht’s dort heute aus. Viel Vergnügen !

(mg)

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Sonntagsbeilage, 18. Januar 15

Es wäre ja zu schön gewesen.
Das Testament des Aristoteles (Dt., Eng.) wird als authentisch angesehen, es gilt als Zeugnis der „intensiven menschlichen Gegenwart“ (J.-M.ZEMB) (Dt.) des „Fürsten der Philosophen“ (wie ihn Moses Maimonides nannte). Erstaunlicherweise habe ich keine Onlineversion des Textes gefunden, aber es wird sicherlich im Aristoteles-Handbuch behandelt ; in der mir vorliegenden Biographie des Aristoteles von J.-M.Zemb * ist der Text in deutscher Übersetzung abgedruckt (S.14-16).
Zur Erläuterung des Testaments sagt ZEMB:
„Antipater, den Aristoteles als Vollstrecker seines letzten Willens einsetzt, ist sozusagen der Schirmherr der Peripatetiker und zugleich der Herrscher über Griechenland. Ihn hat Alexander als Reichsverweser und obersten Militärbefehlshaber mit weitgehenden Vollmachten versehen. Im Unterschied zu Hermias von Atarneus (Dt., Eng.) hegt Antipater (Dt., Eng.) keine wissenschaftlichen Ambitionen. Die treue Freundschaft, die ihn mit Aristoteles verbindet, beruht nicht auf gemeinsamen Interessen, es sei denn in politischer Hinsicht, sondern auf gegenseitiger Hochachtung. Schon vor Alexanders Tod hat Antipater seine Macht eingebüßt. Der König hat ihn ins Hoflager befohlen, um Griechenland besser in seine neuen Pläne einbeziehen zu können. In jenen Tagen, in denen Aristoteles aus Athen geflohen ist, befand sich sein Freund noch auf dieser heiklen Reise durch Kleinasien.
Seinen frühverstorbenen Eltern und seinem Pflegevater Proxenos zu Ehren will der dankbare Aristoteles Statuen errichten lassen. Den Sohn des Proxenos hat er als künftigen Schwiegersohn adoptiert: Nikanor (Dt., Eng.), der im Feldlager Alexanders eine Vertrauensstellung einnimmt, wie es sein Auftrag im Vorjahre bewies. Er mußte damals den in Olympia zum Fest versammelten Griechen mitteilen, daß sein Herr auch im griechischen Pantheon seinen Platz verlangte. Grund genug, ein Gelübde für seine glückliche Heimkehr zu tun. Die Tochter, die Aristoteles Nikanor zugedacht hat, Pythias, trägt den Namen ihrer Mutter (Dt., Eng.), der ersten Frau des Philosophen, die er im Hause des Hermias kennengelernt hatte. Nach ihrem Tod nahm Aristoteles eine Frau namens Herpyllis in sein Haus. Herpyllis schenkte ihm einen Sohn, Nikomachos. Der kinderlos verstorbene Arimnestos war der einzige Bruder des Philosophen.“
Aristoteles regelt seine Geschäfte in diesem Testament, verteilt Geld und Besitz, berücksichtigt auch die Sklaven, zeigt sich als würdiger und menschlicher Herr.
Dummerweise scheint jetzt aber ein zweites Testament aufgetaucht zu sein, das auf einem ganz anderen Weg überliefert worden ist als das bekannte und zitierte, nämlich über die arabische Tradition. Ich bin auf den Aufsatz gespannt, zumal „inheritance disputes“ erwähnt werden, also Erbstreitigkeiten, anscheinend zwischen Nikomachos und Nikanor – warum soll’s bei Philosophens denn auch anders sein als bei Hempels ?

(mg)

* Zemb, J.-M.: Aristoteles mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 12. Aufl. 1993 (1. Aufl. 1961, rowolths monographien 63)

Sonntagsbeilage, 11. Januar 15

Das Reisen durch Zeit und Raum via internet ist doch eine schöne Erfindung. Diesmal geht’s nach Bukarest, in das Jahr 1961. Damals – laut Bericht – eine Stadt von weniger als 1,5 Millionen Einwohnern, ist es heute die sechstgrößte Stadt der EU, und wird wohl immer noch „das Paris des Ostens“ genannt. Ich weiß nicht, wie schlimm die Zerstörungen des letzten Krieges gewesen sind, aber angeblich kann man – ähnlich wie in Budapest – Beispiele für alle Architekturstile der Neuzeit finden. Ansonsten weiß ich von Bukarest, der Wallachei, Rumänien und dem ganzen Balkan so gut wie nichts zu sagen.
Ob der Stalin noch steht?

(mg)

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Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 5. Januar 15

„Wie dem auch sei, die Abhilfe, die mein Vater dafür fand, war diese, daß er mich noch im Säuglingsalter und bevor sich noch meine Zunge zu lösen begann, einem Deutschen anvertraute, der nachmals als ein berühmter Arzt in Frankreich starb und der unserer Sprache völlig unkundig, aber im Lateinischen sehr wohl bewandert war. Dieser nun, den er eigens hatte kommen lassen und sehr reichlich entlöhnte, hatte mich beständig auf den Armen. Es waren noch zwei andere von geringeren Kenntnissen neben ihm, um mir nachzugehen und den ersten zu entlasten. Diese redeten in keiner andern Sprache mit mir als Latein. Für die übrigen Hausbewohner war es eine unverbrüchliche Regel, daß weder mein Vater, noch meine Mutter, noch Knecht, noch Zofe in meiner Gegenwart etwas anderes redeten als die paar Brocken Latein, die jeder gelernt hatte, um mit mir zu radebrechen. Es ist zum Verwundern, welche Fortschritte ein jeder darin machte. Mein Vater und meine Mutter lernten darüber Latein genug, um es zu verstehen, und erwarben davon zur Genüge, um sich im Notfall dessen zu bedienen, wie auch die andern Hausleute, die am meisten mit mir zu tun hatten. Kurz, wir latinisierten uns dermaßen, daß davon bis in die Dörfer rundum etwas abkrümelte, wo noch verschiedene lateinische Benennungen von Handwerkern und Geräten fortleben und sich durch den Gebrauch eingewurzelt haben.
Was mich selbst anlangt, so war ich schon mehr als sechs Jahre alt und verstand noch ebensowenig von Französisch oder Perigordinisch als vom Arabischen. Und ohne Kunst, ohne Buch, ohne Grammatik und Regel, ohne Rute und ohne Tränen hatte ich ein so reines Latein gelernt, wie mein Lehrer es konnte: denn ich konnte es nicht vermischt oder verdorben haben. Wenn man mir zur Übung, wie es in den Schulen gebräuchlich ist, eine Übersetzung aufgeben wollte, so mußte man sie mir, wie den andern auf Französisch, in schlechtem Latein geben, um es in gutes zu bringen.“

So beschreibt Michel de MONTAIGNE, wie er Latein lernte, in einem Brief an Madame Diane de FOIX, Gräfin von Gurson, den er unter dem Titel Über die Kindererziehung in seinen Essais abdruckte*. Er hält überhaupt nichts davon Kinder zu schlagen, sie mit Gewalt und Zwang zu verformen.
Das Lateinische war ihm sehr hilfreich in späteren Jahren, die romanischen Sprachen sind eben aus einer gemeinsamen Wurzel erwachsen. In einem ganz anderen Zusammenhang – er spricht über Gesichter und Gestalten der Philosophhie – erwähnt er Folgendes:

„Ich habe in Italien einem Mann, der Mühe hatte, italienisch zu sprechen, diesen Rat gegeben, falls er nichts weiter begehre, als sich verständlich zu machen, ohne dabei weiter glänzen zu wollen, möge er sich einfach der erstbesten Worte bedienen, die ihm auf die Zunge kämen, ob Latein, Französisch, Spanisch oder Gaskognisch, und wenn er ihnen nur eine italienische Endung anhänge, werde er nie verfehlen sich mit irgendeiner Mundart des Landes zu begegnen, sei es Toskanisch, Romanisch, Venezianisch, Piemontesisch oder Neapolitanisch.“**

Recht hat er, der Herr de MONTAIGNE: Reden muss man, schweigen bringt’s nicht.

(mg)

*In der mir vorliegenden Ausgabe, ausgewählt und übersetzt von Herbert LÜTHY, 6. Aufl., Zürich 1985 (Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Erstauflage 1953), auf S. 209 ff.

**Am angegebenen Ort, S. 460.

Sonntagsbeilage, 21. Dezember 14

Nachdem wir am letzten Sonntag durch das Rom der 1930er-Jahre gelaufen und geschlendert sind und pflichtschuldigst die edlen Zeugnisse der Antike und des Barock besichtigt haben, ist vielleicht ein Kontrast ganz angenehm – keine durch die Jahrtausende gewachsene „Hauptstadt der Welt“, sondern eine am Reißbrett geplante, in Beton gegossene Utopie, errichtet buchstäblich „in the middle of nowhere“ : Wir fahren nach Brasilia (Dt., Eng., UNESCO).
Viel Spaß mit dem sehr englischen Englisch von Robert Hughes.

Schönen vierten Advent!

(mg)

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