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Siegertypen

„Wer hoch steigt, fällt tief“, weiß der Volksmund und setzt Erfolg und Niederlage in ein unmittelbares Verhältnis. Fünf kleine Worte weisen auf die Vergänglichkeit von Ruhm und Reichtum hin, geben heimlichen Neid und offene Häme preis, implizieren Anerkennung für die erbrachte Leistung des Aufstiegs.

Vor einigen Jahren nahm ich an der internen Tagung eines namhaften Unternehmens für seine Franchisenehmer teil. Beim gemeinsamen Mittagstisch saß ich dem Marketingmanager – frisch abgeworben von einem ebenso namhaften Kreditkarteninstitut – gegenüber. „Und? Wie geht es Ihnen hier?“ fragte ich ihn leichthin. Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. „Alles Loser!“ sagte er knapp und verächtlich, mit einer wegwerfenden Handbewegung. Wenige Wochen später setzte der neue Wundermann eine teure Werbekampagne in den Sand. Kurz darauf hieß der Marketingmanager der Firma anders.

Diese kleine Geschichte hat mich gelehrt, dass die als „Loser“ Bezeichneten – vermutlich geübt im Umgang mit Niederlagen – den dauerhaften Sieg davontragen, während ein sogenannter „Winner“ schnell und endgültig verlieren kann, weil er womöglich das Wiederaufstehen nach dem Hinfallen nie gelernt hat.

Siegertypen. Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der die rasche und flache Etikettierung von Menschen, Dingen und Sachverhalten dazu verführt, sich der – oft mühevollen – Auseinandersetzung mit inhaltlicher Vielfalt zu entledigen. Klischees verstellen den Blick auf das Tatsächliche, Labels verkürzen Bedeutungsreichtum auf ein einziges Merkmal, Begriffe werden oberflächlich umgedeutet. Nike, die klassische griechische Göttin des Sieges, deren Geschwister Eifer, Kraft und Stärke heißen, ist – verstümmelt, entstellt und anglisiert zu [naiki] – als solche unter diesem Labeling nicht mehr zu erkennen: Sie ist buchstäblich auf einem Sportschuh abgehakt.

Rennfahrer, die sich gegenseitig mit Champagner bespritzen. Sportler auf Siegertreppchen, denen gerade die Medaille umgehängt wird. Das Victory-Zeichen eines Herrn Ackermann – anrüchig zwar, doch (an)erkannt. Schnittiges Jaguar-Heck und gediegenes Maybach-Modell. Naomi Campbell auf dem Laufsteg. Sophie Mutter im Konzertsaal. Thomas Gottschalk mit Gummibärchen. Das moderne Klischee vom Sieger ist mit bestimmten Bildern assoziiert. Öffentlichkeit gehört unbedingt dazu.

Wie sieht ein Siegertyp aus? Das gelabelte Bild vom Sieger ist retuschiert, montiert, beschnitten: Es schönt die ungeheure Anstrengung, die vor dem Erfolg steht, leugnet erlittene Niederlagen, lässt Verlierer außen vor: „Das Scheitern ist das große moderne Tabu“*, sagt Richard Sennett.

Der heutige Begriff vom Siegertypus ist vor allem einseitig. Die Umschreibungen unserer Sprache zeigen auf, was „siegen“ außerdem noch heißt: sein Leben meistern, eine Krankheit besiegen, eine Aufgabe bewältigen, lernen (sic!). Gegen Widerwärtigkeiten und Unbill kämpfen und trotzdem nicht aufgeben. Immer wieder aufstehen, auch wenn man noch so oft fällt. Versuchungen widerstehen, Zivilcourage zeigen, sich bescheiden können. Das sind im besten Wortsinn (!) typische, weil beispielhafte Siege. […]

*Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 2002, S. 159.

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Auszug aus meinem Vorwort zur Gesellenarbeit einer Fotografin zum Thema „Siegertypen“, geschrieben 2005. Aktueller denn je, wie mir scheint. (gg)

Scheitern

Das Scheitern ist das große moderne Tabu. Es gibt jede Menge populärer Sachbücher über den Weg zum Erfolg, aber kaum eines zum Umgang mit dem Scheitern. Wie wir mit dem Scheitern zurechtkommen, wie wir ihm Gestalt und einen Platz in unserem Leben geben, mag uns innerlich verfolgen, aber wir diskutieren es selten mit anderen. Statt dessen flüchten wir uns in die Sicherheit des Klischees. Die Vertreter der Armen tun dies, wenn sie an die Stelle der Wörter: ‚Ich bin gescheitert‘ das angeblich heilende: ‚Nein, das bist du nicht, du bist ein Opfer‘ setzen. Wie bei allem, das man sich auszusprechen weigert, werden sowohl die innere Besessenheit als auch die Scham dadurch nur größer. Unbehandelt bleibt der harte innere Satz: ‚Ich bin nicht gut genug.‘

Das Scheitern ist nicht länger nur eine Aussicht der sehr Armen und Unterprivilegierten; es ist zu einem häufigen Phänomen im Leben auch der Mittelschicht [und Oberschicht, eig. Anm.] geworden. Die schrumpfende Größe der Elite macht die Lebensleistung immer schwieriger. Der Markt, auf dem der Gewinner alles bekommt, wird von einer Konkurrenz beherrscht, die eine große Zahl von Verlierern erzwingt. Betriebsverschlankungen und Umstrukturierungen setzen die Mittelschicht plötzlich Katastrophen aus, die im früheren Kapitalismus sehr viel stärker auf die Arbeiterklasse begrenzt waren. Kommt man aber den Forderungen nach Flexibilität und Mobilität nach, verfolgt einen auf subtilere, aber ebenso mächtige Weise das Gefühl, als Familienvater oder -mutter zu scheitern. (…)

Der Gegensatz von Erfolg und Scheitern ist eine Art, sich der Auseinandersetzung mit dem Scheitern zu entziehen. Diese einfache Entgegensetzung bedeutet, daß wir, wenn wir nur genug materielle Nachweise unserer Leistung anhäufen, von Gefühlen des Versagens verschont bleiben (…). Einer der Gründe, warum es schwer ist, Versagensgefühle durch Dollars zu beschwichtigen, ist die Tatsache, daß das Gefühl, gescheitert zu sein, aus tieferen Motiven aufsteigen kann — zum Beispiel, weil es einem nicht gelingt, das eigene Leben vor dem Auseinanderfallen zu bewahren, etwas Wertvolles in sich selbst zu entdecken, zu leben, statt einfach nur zu existieren. (…)“*

*Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 2002, S. 159 f.

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Richard Sennett, geb. 1943 in Chicago, lehrt Geschichte und Soziologie in New York und London. Er gründete in Cambridge (Massachusetts) das Cambridge Institute, ein soziologisches Forschungszentrum. Richard Sennett ist einer der bedeutendsten Soziologen der Gegenwart. Seine Thesen in „Der flexible Mensch“ über die Auswirkungen der Globalisierung auf den menschlichen Charakter wurden auch außerhalb von Fachkreisen heftig diskutiert.

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(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 48. Kalenderwoche 2003)