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Dann ist ja alles klar!

„Der mutmaßliche Amokläufer von Aurora befand sich bei einer Psychiaterin in Behandlung – und zwar bei einer Spezialistin für Schizophrenie. (…)“
(Tagesschau online am 28.07.2012)

„Dann ist ja alles klar! Schizophren ist der! Warum sperrt man solche Wahnsinnigen eigentlich nicht weg?“

Auf Tagesschau.de kann man heute auf der Hauptseite (Homepage) zum Amoklauf von Aurora unter der Titelüberschrift „Kino-Attentäter war in psychiatrischer Behandlung“ als ersten Teaser-Satz lesen:

„Der mutmaßliche Amokläufer von Aurora befand sich bei einer Psychiaterin in Behandlung – und zwar bei einer Spezialistin für Schizophrenie. (…)“ Dann kommt der Link „[mehr]“ zum ganzen Artikel.

Dort wird dann berichtet, dass der Attentäter in „psychiatrischer“ Behandlung gewesen sei und was es mit einem Päckchen auf sich habe und so weiter – und erst ziemlich weit unten ist als vorletzter Absatz unter der Zwischenüberschrift „Spezialistin für die Behandlung von Schizophrenie“ zu lesen:

„Die Psychiaterin arbeitet an der Universität von Colorado, an der Holmes eingeschrieben war. Die Spezialistin für die Behandlung von Schizophrenie leitet an der Universität den psychiatrischen Dienst für Studenten.“*

Hier steht nichts anderes, als dass es an dieser Uni ein psychotherapeutisches Hilfsangebot für die Studierenden gibt wie an jeder anderen und deutschen Universität auch** (die Bezeichnung „psychiatrischer Dienst“ finde ich hier ziemlich unglücklich gewählt) und dass die leitende Fachkraft dort von Beruf Psychiaterin und zufällig auch Spezialistin für Schizophrenie ist. Mehr nicht.

Es steht dort nicht, dass sie nur schizophrene Studenten behandelt, es steht dort nichts davon, dass der Attentäter schizophren ist. Diese Schlussfolgerung legt der Artikel aber nahe – und zwar schon mit dem ersten zusammenfassenden Satz (!) auf der Hauptseite. Folgerichtig drehen sich auch die Kommentare zu dieser Meldung nur noch um die vermeintliche Schizophrenie des Attentäters.

Erst kürzlich las ich über Schizophrenie, dass sie  die am wenigsten akzeptierte psychische Erkrankung in der deutschen Gesellschaft – in der psychisch Kranke immer noch heftig stigmatisiert sind – ist, im Gegensatz zum Beispiel zur Depression. Und genau genommen weiß kaum einer etwas über Schizophrenie und ihre verschiedenen Ausprägungen – doch an einer schizophrenen Erkrankung leidende Menschen werden in der Regel stark abgelehnt; Verständnis oder gar Hilfe erfahren sie von ihren Mitmenschen wenig.

Welcher Ignorant auch immer in der Tagesschau-Redaktion diesen Artikel, diesen ersten Satz verbrochen (!) hat, der schlägt genau in diese Kerbe und schürt Vorurteile und die Angst vor Menschen mit psychischen Erkrankungen und insbesondere vor Menschen mit dieser Diagnose; er stellt an Schizophrenie Erkrankte als gewalttätige, unberechenbare, geistesgestörte Irre, als potenzielle Amokläufer und Mörder hin.

Eine dermaßen fahrlässige, ja kriminelle Berichterstattung auf Kosten dieser Menschen gehört genau genommen vor den deutschen Presserat!*** Und noch was: Bei „Bild“ würde ich mich nicht darüber wundern – aber die Tagesschau, die sich gerne selbst mit hohem Anspruch und kritischer Berichterstattung darstellt, sollte sich so etwas nicht erlauben: Das ist nur noch beschämend! (gg)

*Dieser Absatz findet sich als letzter auch in einem entsprechenden Artikel der „Zeit“ – die allerdings keine Schizophrenie des Attentäters suggeriert – und stammt vermutlich von der dpa (ich mag der Tagesschau nicht unterstellen, dass sie ihre Berichte teils wortwörtlich aus der „Zeit“ abschreibt).

**In der Psychotherapeutischen Beratung des Studentenwerks Würzburg zum Beispiel arbeitet laut deren Website ein „Team von Diplom-Psychologen mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung und ein psychotherapeutisch tätiger Arzt“.

***Nachtrag zwei Stunden später: Beim Deutschen Presserat habe ich gerade wegen dieses diskriminierenden Teasers Beschwerde eingelegt.

Update am 02.08.2012: Vom deutschen Presserat erhielt ich vor zwei Tagen eine Mail: „Der Deutsche Presserat beschäftigt sich als Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle der deutschen Pressemedien ausschließlich mit Vorgängen im Pressebereich sowie mit Beschwerden über Veröffentlichungen von Zeitungen und Zeitschriften. Für den Bereich der Rundfunkmedien sind wir nicht zuständig. Wir empfehlen Ihnen, sich an die entsprechende Landesmedienanstalt zu wenden.“ Aha. Dann ist ja alles klar. Nein, das verfolge ich jetzt nicht weiter – keine Zeit. gg

Symbolsuche

„In meiner Volontärzeit in Regensburg lernte ich einen dortigen Altjournalisten kennen, der bei seinen Berichten im wesentlichen mit sechs Wörtern auskam: ‚Veranstaltung’, ‚Maßnahme’, ‚durchführen’, ‚stattfinden’, ‚teilnehmen’ und ‚Initiative’. Das las sich dann etwa so: ‚Nach Durchführung der Veranstaltung kommt es zu einer weiteren Initiative mit einer Maßnahme aller Teilnehmer.’ Im Zweifelsfall war die gemeinte Maßnahme ein Hochamt im Dom.

Das Wörterbuch des Unmenschen? Aber woher denn. Den verehrlichten Altjournalisten – R.i.P. – sehne ich als richtungsweisend und maßstabsetzend oft zurück; z.B. wenn mich Geschoße wie das folgende aus der ‚Süddeutschen Zeitung’ blenden, nein, in diesem Fall nicht von Kaiser, sondern von Doris Schmidt, welche über ‚Beuys’ religiöse Wurzeln’ dies zu Papier bringt:

‚Das Missionarische, das Beuys’ gesamt Werke’ – möglicherweise ein Druckfehler – ‚gesamte Werke, seinen Objekten wie seinen Aktionen anhaftet, ist legitim. Seine Symbolsuche, die sich immer wieder zum Motiv des Kreuzes wendet, hängt zunächst mit Aufgaben im Bereich der religiösen Thematik zusammen. Die Kreuzform bleibt lange Beuys’ zentrales Thema …’

War’s b’suffa, dös Madl? Jaja, es is’ wirkli a Kreuz mit denane Symbolsuachereien, die wo se aa no an dene Motive hinwend’n!

’O meio mei!’ (Karl Valentin) – bei meinem Regensburger Altjournalisten jedenfalls hätte der Sachverhalt schon mannhafter getönt: ‚Eine Missionsveranstaltung wird derzeit im Werk von Beuys durchgeführt. Auch zahllose Kreuze nehmen teil. Anschließend findet noch eine Symbolsuche statt.’“*

*Henscheid, Eckhard: Sudelblätter, 6. Auflage Zürich 1996, S. 79 f.

 *

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. (mg)