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Unwissenheit und Armut

„… in einem freien Volke, wo die Sklaverei verboten ist, [besteht] der sicherste Reichtum in einer großen Menge schwer arbeitender Armer. Denn … ohne sie [würde] es keinen Lebensgenuss geben, und kein Erzeugnis irgendeines Landes hätte mehr einen Wert. Um die Gesellschaft glücklich und die Leute selbst unter den niedrigsten Verhältnissen zufrieden zu machen, ist es notwendig, dass ein beträchtlicher Teil davon sowohl unwissend wie auch arm sei. Kenntnisse vergrößern und vervielfachen unsere Bedürfnisse, und je weniger Dinge ein Mensch begehrt, um so leichter kann er zufriedengestellt werden.“
Bernard de Mandeville, 1714 (gefunden auf: Die Mathematik der Ungerechtigkeit)

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Armutsökonomie

„Warum soll man für etwas Geld ausgeben,
wenn es doch so viele gibt,  die es umsonst machen?“
(Stefan Selke)

Zitat aus seinem Beitrag auf SozBlog.de, in dem es zum Beispiel um „nützliche Armut“, „Armut als Ware“ und „Freiwilligenmanagement“ geht. Stefan Selke hat sich mit Herz und Leidenschaft der Tafelkritik verschrieben.

Interessant auch seine eigene Website sowie die des Kritischen Aktionsbündnisses 20 Jahre Tafeln und die des Tafelforums.

Und – last, not least – eine Rezension seines Buches „Schamland“ auf den Nachdenkseiten.

VIEL SPASS BEIM LESEN!

So wahr mir Gott helfe

Der Bundespräsident, der Bundeskanzler und die Bundesminister leisten bei Amtsantritt folgenden Eid:
„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“*
Der Eid kann auch ohne die religiöse Formel – und von Frauen ;-) – geleistet werden.

Bundesbeamtinnen und -beamte leisten bei Verbeamtung folgenden Diensteid (kann auch ohne religiöse Formel geleistet werden):
„Ich schwöre, das Grundgesetz und alle in der Bundesrepublik Deutschland geltenden Gesetze zu wahren und meine Amtspflichten gewissenhaft zu erfüllen, so wahr mir Gott helfe. “**

Richterinnen und Richter legen bei ihrer Berufung folgenden Eid (auch ohne religiöse Formel möglich) ab:
„Ich schwöre, das Richteramt getreu dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und getreu dem Gesetz auszuüben, nach bestem Wissen und Gewissen ohne Ansehen der Person zu urteilen und nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen, so wahr mir Gott helfe.“***

Und was schwören die Bayern, sprich: die Mitglieder der bayerischen Staatsregierung?
„Ich schwöre Treue der Verfassung des Freistaates Bayern, Gehorsam den Gesetzen und gewissenhafte Erfüllung meiner Amtspflichten, so wahr mir Gott helfe.“****
Und dann steht da noch: „Der Eid kann auch mit einer anderen oder ohne religiöse Beteuerungsformel geleistet werden.“ Einer anderen?

*Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, GG Art. 56 und Art. 64
**Bundesbeamtengesetz, BBG § 64
***Deutsches Richtergesetz, DRiG § 38
****Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Mitglieder der Staatsregierung, Abschnitt I, Art. 2(1)

§§§

Pflicht zur Bildung

„Es ist einfach, zu sagen, dass das Recht der Kinder auf Erziehung genauso wenig den Staatsbürgerstatus berührt wie die Anerkennung des Rechts der Kinder auf Schutz vor übermäßiger Arbeit oder vor gefährlichen Maschinen, einfach weil Kinder definitionsgemäß keine Bürger sein können. Aber eine derartige Behauptung ist irreführend. Die Bildung der Kinder hat einen direkten Einfluss auf den Staatsbürgerstatus. Wenn der Staat allen Kindern eine Erziehung sicherstellen will, dann hat er dabei ausdrücklich die Voraussetzungen und das Wesen des Staatsbürgerstatus im Blick. Er versucht, die Entwicklung der werdenden Staatsbürger zu fördern.

Das Recht auf Bildung ist ein genuines soziales Recht der Staatsbürgerschaft, weil während der Kindheit das Ziel der Erziehung die Formung des zukünftigen Erwachsenen ist. Grundsätzlich sollte es nicht als das Recht des Kindes auf den Besuch der Schule gesehen werden, sondern als das Recht des erwachsenen Staatsbürgers, eine Erziehung genossen zu haben. (…) Bürgerrechte sind für den Gebrauch durch vernünftige und intelligente Personen bestimmt, die lesen und schreiben gelernt haben. Bildung ist eine unverzichtbare Voraussetzung der bürgerlichen Freiheit.

Aber am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war die Elementarbildung nicht nur für jedermann kostenlos, sondern auch eine Pflicht. (…) Wir haben es hier mit einem persönlichen Recht zu tun, das mit der öffentlichen Pflicht verbunden ist, von ihm Gebrauch zu machen. (…) Mit dem Fortgang des neunzehnten Jahrhunderts wurde zunehmend anerkannt, dass eine politische Demokratie eine gebildete Wählerschaft braucht (…). Die Pflicht zum eigenen Fortschritt und zur eigenen Zivilisierung ist eine soziale Pflicht und nicht nur eine persönliche, weil die soziale Gesundheit der Gesellschaft von der Kultur ihrer Mitglieder abhängig ist.“*

*Thomas H. Marshall, Staatsbürgerrechte und soziale Klassen, in: Jürgen Mackert / Hans-Peter Müller (Hrsg.), Citizenship – Soziologie der Staatsbürgerschaft, Wiesbaden 2000, S. 45-102.

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Thomas H. Marshall (1893-1981) Soziologe, war in Wissenschaft und öffentlichem Dienst tätig, u.a. an der London School of Economics und als Direktor der Social Science Division der UNESCO. Der vorliegende Text wurde zuerst 1950 veröffentlicht (Citizenship and Social Class – and other Essays). (gg)

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(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 5. Kalenderwoche 2003)