Schlagwort-Archiv: Philosophie

Sonntagsbeilage, 18. Januar 15

Es wäre ja zu schön gewesen.
Das Testament des Aristoteles (Dt., Eng.) wird als authentisch angesehen, es gilt als Zeugnis der „intensiven menschlichen Gegenwart“ (J.-M.ZEMB) (Dt.) des „Fürsten der Philosophen“ (wie ihn Moses Maimonides nannte). Erstaunlicherweise habe ich keine Onlineversion des Textes gefunden, aber es wird sicherlich im Aristoteles-Handbuch behandelt ; in der mir vorliegenden Biographie des Aristoteles von J.-M.Zemb * ist der Text in deutscher Übersetzung abgedruckt (S.14-16).
Zur Erläuterung des Testaments sagt ZEMB:
„Antipater, den Aristoteles als Vollstrecker seines letzten Willens einsetzt, ist sozusagen der Schirmherr der Peripatetiker und zugleich der Herrscher über Griechenland. Ihn hat Alexander als Reichsverweser und obersten Militärbefehlshaber mit weitgehenden Vollmachten versehen. Im Unterschied zu Hermias von Atarneus (Dt., Eng.) hegt Antipater (Dt., Eng.) keine wissenschaftlichen Ambitionen. Die treue Freundschaft, die ihn mit Aristoteles verbindet, beruht nicht auf gemeinsamen Interessen, es sei denn in politischer Hinsicht, sondern auf gegenseitiger Hochachtung. Schon vor Alexanders Tod hat Antipater seine Macht eingebüßt. Der König hat ihn ins Hoflager befohlen, um Griechenland besser in seine neuen Pläne einbeziehen zu können. In jenen Tagen, in denen Aristoteles aus Athen geflohen ist, befand sich sein Freund noch auf dieser heiklen Reise durch Kleinasien.
Seinen frühverstorbenen Eltern und seinem Pflegevater Proxenos zu Ehren will der dankbare Aristoteles Statuen errichten lassen. Den Sohn des Proxenos hat er als künftigen Schwiegersohn adoptiert: Nikanor (Dt., Eng.), der im Feldlager Alexanders eine Vertrauensstellung einnimmt, wie es sein Auftrag im Vorjahre bewies. Er mußte damals den in Olympia zum Fest versammelten Griechen mitteilen, daß sein Herr auch im griechischen Pantheon seinen Platz verlangte. Grund genug, ein Gelübde für seine glückliche Heimkehr zu tun. Die Tochter, die Aristoteles Nikanor zugedacht hat, Pythias, trägt den Namen ihrer Mutter (Dt., Eng.), der ersten Frau des Philosophen, die er im Hause des Hermias kennengelernt hatte. Nach ihrem Tod nahm Aristoteles eine Frau namens Herpyllis in sein Haus. Herpyllis schenkte ihm einen Sohn, Nikomachos. Der kinderlos verstorbene Arimnestos war der einzige Bruder des Philosophen.“
Aristoteles regelt seine Geschäfte in diesem Testament, verteilt Geld und Besitz, berücksichtigt auch die Sklaven, zeigt sich als würdiger und menschlicher Herr.
Dummerweise scheint jetzt aber ein zweites Testament aufgetaucht zu sein, das auf einem ganz anderen Weg überliefert worden ist als das bekannte und zitierte, nämlich über die arabische Tradition. Ich bin auf den Aufsatz gespannt, zumal „inheritance disputes“ erwähnt werden, also Erbstreitigkeiten, anscheinend zwischen Nikomachos und Nikanor – warum soll’s bei Philosophens denn auch anders sein als bei Hempels ?

(mg)

* Zemb, J.-M.: Aristoteles mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 12. Aufl. 1993 (1. Aufl. 1961, rowolths monographien 63)

Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 5. Januar 15

„Wie dem auch sei, die Abhilfe, die mein Vater dafür fand, war diese, daß er mich noch im Säuglingsalter und bevor sich noch meine Zunge zu lösen begann, einem Deutschen anvertraute, der nachmals als ein berühmter Arzt in Frankreich starb und der unserer Sprache völlig unkundig, aber im Lateinischen sehr wohl bewandert war. Dieser nun, den er eigens hatte kommen lassen und sehr reichlich entlöhnte, hatte mich beständig auf den Armen. Es waren noch zwei andere von geringeren Kenntnissen neben ihm, um mir nachzugehen und den ersten zu entlasten. Diese redeten in keiner andern Sprache mit mir als Latein. Für die übrigen Hausbewohner war es eine unverbrüchliche Regel, daß weder mein Vater, noch meine Mutter, noch Knecht, noch Zofe in meiner Gegenwart etwas anderes redeten als die paar Brocken Latein, die jeder gelernt hatte, um mit mir zu radebrechen. Es ist zum Verwundern, welche Fortschritte ein jeder darin machte. Mein Vater und meine Mutter lernten darüber Latein genug, um es zu verstehen, und erwarben davon zur Genüge, um sich im Notfall dessen zu bedienen, wie auch die andern Hausleute, die am meisten mit mir zu tun hatten. Kurz, wir latinisierten uns dermaßen, daß davon bis in die Dörfer rundum etwas abkrümelte, wo noch verschiedene lateinische Benennungen von Handwerkern und Geräten fortleben und sich durch den Gebrauch eingewurzelt haben.
Was mich selbst anlangt, so war ich schon mehr als sechs Jahre alt und verstand noch ebensowenig von Französisch oder Perigordinisch als vom Arabischen. Und ohne Kunst, ohne Buch, ohne Grammatik und Regel, ohne Rute und ohne Tränen hatte ich ein so reines Latein gelernt, wie mein Lehrer es konnte: denn ich konnte es nicht vermischt oder verdorben haben. Wenn man mir zur Übung, wie es in den Schulen gebräuchlich ist, eine Übersetzung aufgeben wollte, so mußte man sie mir, wie den andern auf Französisch, in schlechtem Latein geben, um es in gutes zu bringen.“

So beschreibt Michel de MONTAIGNE, wie er Latein lernte, in einem Brief an Madame Diane de FOIX, Gräfin von Gurson, den er unter dem Titel Über die Kindererziehung in seinen Essais abdruckte*. Er hält überhaupt nichts davon Kinder zu schlagen, sie mit Gewalt und Zwang zu verformen.
Das Lateinische war ihm sehr hilfreich in späteren Jahren, die romanischen Sprachen sind eben aus einer gemeinsamen Wurzel erwachsen. In einem ganz anderen Zusammenhang – er spricht über Gesichter und Gestalten der Philosophhie – erwähnt er Folgendes:

„Ich habe in Italien einem Mann, der Mühe hatte, italienisch zu sprechen, diesen Rat gegeben, falls er nichts weiter begehre, als sich verständlich zu machen, ohne dabei weiter glänzen zu wollen, möge er sich einfach der erstbesten Worte bedienen, die ihm auf die Zunge kämen, ob Latein, Französisch, Spanisch oder Gaskognisch, und wenn er ihnen nur eine italienische Endung anhänge, werde er nie verfehlen sich mit irgendeiner Mundart des Landes zu begegnen, sei es Toskanisch, Romanisch, Venezianisch, Piemontesisch oder Neapolitanisch.“**

Recht hat er, der Herr de MONTAIGNE: Reden muss man, schweigen bringt’s nicht.

(mg)

*In der mir vorliegenden Ausgabe, ausgewählt und übersetzt von Herbert LÜTHY, 6. Aufl., Zürich 1985 (Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Erstauflage 1953), auf S. 209 ff.

**Am angegebenen Ort, S. 460.

Sonntagsbeilage, 7. Dezember 14

„Das Glück tut uns weder Gutes noch Böses: es bietet uns dazu nur den Stoff und die Saat, welche unsere Seele, die mächtiger ist als es, nach ihrem Belieben gebraucht und wendet als die alleinige Urheberin und Meisterin ihres glücklichen oder unglücklichen Befindens. Die äußeren Zufälligkeiten erhalten ihren Geschmack und ihre Farbe von der inneren Beschaffenheit, so wie die Kleider uns nicht mit ihrer eigenen Wärme, sondern mit der unsern wärmen, die sie zusammenhalten und zu bewahren tauglich sind; wer damit einen kalten Körper einhüllte, dem würden sie damit den gleichen Dienst für die Kälte leisten: auf diese Weise bewahrt man den Schnee und das Eis auf. Gewiß, genau so, wie einem Tagedieb das Studium eine Qual ist, dem Trunkenbold die Enthaltung vom Weine, ein mäßiges Mahl eine Pein für den Völler und die Leibesübungen eine Folter für den Weichling und Faulpelz: so ist es mit allem übrigen. Die Ding sind an und für sich selbst nicht so schmerzhaft, noch so schwierig: sondern unsere Schwäche und Feigheit macht sie dazu. Um über große und erhabene Dinge zu urteilen, ist eine gleichgeartete Seele vonnöten, sonst schreiben wir ihnen die Gebrechen zu, die uns selbst eigen sind. Ein gerades Ruder erscheint im Wasser krumm. Es kommt nicht allein darauf an, daß man ein Ding sieht, sondern darauf, wie man es ansieht.“ *

Einen schönen Zweiten Advent.

(mg)

*Michel de MONTAIGNE: Essais. Auswahl und Übersetzung von Herbert LÜTHY. Zürich, 6. Aufl. 1985 (Manesse Bibliothek der Weltliteratur), S. 113

Sonntagsbeilage, 16. November 14

„Schließlich besteht ein immer wieder auftretender Denkfehler der pauschalen Technikbewertung darin, daß die zugrundeliegenden Bewertungsmaßstäbe im unklaren bleiben und unversehens gewechselt werden. Ein Beispiel: Man kritisiert den Autoverkehr, indem man auf die vielen Opfer von Verkehrsunfällen, auf die Luftverschmutzung durch Auspuffgase und die störende Geräuschentwicklung hinweist; man bezieht sich dabei auf die Werte der Lebenserhaltung und der Gesundheit, die in unserer Gesellschaft wohl unumstritten sind. Auch die Befürworter des Autos nehmen die Kritik ernst, geben aber zu bedenken, daß nur das Auto dem einzelnen ermöglicht, schnell, bequem und geschützt gegen Wind und Wetter zu fahren, wann und wohin immer er will; sie sehen die Chance zur selbstbstimmten Mobilbität als ein Stück individueller Selbstentfaltung an und beziehen sich damit ebenfalls auf einen Wert, der in unserer Gesellschaft einen hohen Rang genießt. Dem halten nun die Kritiker des Autos entgegen, daß die räumliche Mobilität in Wirklichkeit zur individuellen Selbstentfaltung gar nicht nötig sei, sondern den Menschen nur durch verfehlte Siedlungsformen und falsche Verhaltensmodelle aufgezwungen werde;  nicht Mobilität, sondern Bodenständigkeit führe zur wahren Selbstentfaltung.
Was ist hier geschehen? Im ersten Teil der Diskussion halten sich beide Seiten an das herrschende Wertsystem und stoßen auf einen Wertkonflikt. In diesem Augenblick verläßt der Kritiker des Autos die gemeinsame Wertbasis und führt eine ganz neue Wertvorstellung ein, die gegenwärtig von den meisten Menschen nicht geteilt wird und auch nicht ohne weiteres verwirklicht werden könnte. Weil man dem Wertkonflikt entgehen möchte, ändert man die Bewertungsbasis: Urteilte man zunächst nach Kriterien der gegenwärtigen Gesellschaftsverfassung, so unterschiebt man schließlich Kriterien einer völlig anderen Gesellschaftsverfassung und wechselt damit unversehens auf eine ganz neue Ebene der Diskussion.
Als Denkfehler bezeichne ich natürlich nur den unbemerkten Wechsel der normativen Bezugsbasis und die undurchschaute Verwechslung verschiedener Wertsysteme. Ich wehre mich nicht dagegen, eine bestimmte Technik mit verschiedenen Wertsystemen zu beurteilen, wenn man sich jeweils im klaren ist und eindeutig angibt, welches Wertsystem man zugrunde legt; und ich wehre mich auch nicht dagegen, daß man über konkurrierende Wertsysteme diskutiert. Nur soll man nicht so tun, als diskutiere man über das Auto, während man in Wirklichkeit verschiedene Wertvorstellungen gegeneinander ausspielt.“ *

So Günter ROPOHL (Dt., Eng.), Fertigungsingenieur und Technikphilosoph, in seinem 1985 veröffentlichten Buch zur „unvollkommenen Technik“, in dem er sich gegen pauschalisierende Urteile über Technik – gleichgültig ob pro oder contra – ausspricht, und zu „technischer Aufklärung“ mahnt. In der Mitte der 1980er Jahre waren heute allgegenwärtige Produkte der „consumer electronic“ (alles was mit „i-“ anfängt z.B.) noch Fantasie. Es stand ja noch nicht einmal auf wirklich jedem Schreibtisch ein „personal computer“, und das Internet – ach … Die technische Entwicklung der letzten dreißig Jahre ist beeindruckend, erstaunliche Möglichkeiten, auch des Missbrauchs, haben sich aufgetan. Um so lauter sollte der Ruf nach „technischer Aufklärung“ – im Sinne Kants und nicht der NSA – heute erschallen. Es wäre interessant ROPOHLs Meinung zu aktuellen Entwicklungen zu hören.

(mg)

*ROPOHL, Günter: Die unvollkommene Technik, 1. Aufl. Frankfurt/Main 1985 (suhrkamp taschenbuch 1213), S. 69-70

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Zur Ökonomie des Teilens

In einen interessanten Beitrag auf der Süddeutschen online: “Warum heute keine Revolution möglich ist” beschreibt der Autor Byung-Chul Han, Philosoph und Kulturwissenschaftler an der Universität der Künste Berlin, wie sich die Menschen dem neoliberalen System freiwillig unterwerfen. Besonders bedenkenswert finde ich seine Sätze über die “Ökonomie des Teilens” – Fazit und Schluss-Satz des Beitrags: “Der Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution.”

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Philosoph der Hohenlohe

Karl Julius WEBER (1767-1832) starb im gleichen Jahr wie sein berühmter Kollege Johann Wolfgang von GOETHE, 18 Jahre jünger und heute anscheinend vergessen.

WEBER wurde in Langenburg geboren, einer der Duodezresidenzen des Alten Reichs, mitten in der magischen Hohenlohe. Magisch deshalb, weil „das Land Hohenlohe“ eigentlich gar nicht existiert. Was heute „die Hohenlohe“ genannt wird, besteht aus den fünf Landkreisen Bad Mergentheim, Crailsheim, Künzelsau, Öhringen, Schwäbisch Hall. Für die einen ist es eine Gegend zum Vergessen, an Langeweile nicht zu überbieten und nur gut, um durchfahren zu werden. Für andere ist sie ein Schatzkästlein.

WEBERs Vater arbeitete am Langenburger Hof, ebenso seine Mutter, die als Kammerjungfer angestellt war. Er besucht das Gymnasium in Öhringen und studiert zuerst in Erlangen, dann in Göttingen die Rechte. Das hört sich alles unschuldig genug an, aber in der Zeit der Großen Revolution in Göttingen, dem Zentrum der Aufklärung, zu studieren, das konnte in der konservativen Heimat für Aufregung und Verdacht sorgen. WEBER war am Anfang durchaus ein Anhänger der Revolution, doch die Gewaltherrschaft, die Kopfabhackerei der Grande Terreur, ernüchterte ihn und er fand durchaus kritische Worte für diese Dinge. Er versuchte in Göttingen eine juristische Professur zu erreichen, was misslang; er verließ die Universität 1790, anscheinend ziemlich verletzt. das wird er in heimatliche Gefilde mitbringen.

1792 kehrt WEBER in die Hohenlohe zurück und findet eine Anstellung als Sekretär des Kanzlers des Deutschen Ordens in Mergentheim, Graf Christian zu Erbach-Schönberg. Bis zu des Grafen Tod im Jahr 1799 lebt WEBER in Mergentheim und kann ungestört seinen Studien nachgehen – was vor allem bedeutet, dass er sämtliche Archive und die Bibliothek des Ordens nutzen kann. Nach dem Tod des Grafen wird Weber zunächst Hofrat in dessen Herrschaft, um dann 1804 in die Verwaltung von Ysenburg-Büdingen zu wechseln – ein schwerer Fehler! Um es kurz zu machen: Er verlässt diese Position schon im April des Jahres, desillusioniert und verletzt, nachdem Versprechungen nicht eingehalten worden waren; sein zum Cholerischen neigender Charakter war keine Hilfe, er begann hypochondrische Züge zu entwickeln.

WEBER geht heim und „heim“ meint den Haushalt seiner verheirateten Schwester. Er wird in seinen verbleibenden Jahren in Jagsthausen, Weikersheim, Künzelsau und Kupferzell wohnen – einmal quer durch die Hohenlohe. Er nimmt sich Zeit, um wieder zu sich selber zu kommen, Bücher helfen – am Ende seines Lebens wird er eine stattliche Bibliothek von 11.000 Bänden zusammengetragen haben. Er verbringt den Rest seines Lebens lesend, schreibend, Pfeife rauchend – und einmal im Jahr geht er auf eine Reise. Der Herr Hofrat verschwindet und an seine Stelle tritt Demokritos, der lächelnde Philosoph. Ab 1818 – er ist in seinen Fünfzigern – erscheinen seine historischen Arbeiten über „Die Mönche“ und „Die Ritter“. Es folgen die „Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen“ (am Ende werden es sechs Bände sein) und das ist ein Erfolg: Herr Biedermeier benutzt die Bände als Reiseführer. Diese Briefe sind heute noch lesenswert.

WEBER stirbt 1832 in Kupferzell und wird dort beerdigt, wo noch heute sein Grabstein steht. Sein umfangreiches Werk „Demokritos, oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen“ erscheint erst nach seinem Tod. Er hat an diesem Text fast dreißig Jahre lang gearbeitet, mit längeren Unterbrechungen, und es wurde eine Art Enzyklopädie des Lächerlichen. WEBER ist ein Vorläufer des modernen feuilletonistischen Essays und, darin Montaigne nicht unähnlich, er scheut nicht davor zurück seine innersten Gedanken zu offenbaren. Er beschreibt sich, seinen Charakter, was ihn umgibt – mit einem Lächeln.

Der Erfolg des Werks (fünfzehn Auflagen bis in die 1920er-Jahre) spricht für sich, Kritik kann nicht ausbleiben. Oberflächlichkeit, Anekdotenjägerei und anderes werden dem guten Demokrit vorgeworfen, das liberale Bürgertum des 19. Jahrhunderts kauft und liest.

Als Grabinschrift wählte WEBER:
„Hier liegen meine Gebeine. / Ich wollt’ es wären Deine.“
Das gefiel der Familie nicht, deshalb wurde ein lateinischer Sinnspruch gezimmert:
“Jocosus vixi, sed non impius / Incertus morior, nec perturbatus / Humanum est nescire et errare / Ens entium, misere mei!”
„Fröhlich habe ich gelebt, aber nicht unfromm / Unsicher sterbe ich, aber nicht ohne Zuversicht / Es ist menschlich nicht zu wissen und zu irren / Höchstes Wesen, erbarme dich meiner!“

WEBER ist der bedeutendste Schriftsteller, den die Hohenlohe hervorgebracht hat – und ziemlich vergessen heutzutage: Ein bißchen wie das Land, aus dem er stammt. (mg)

*

Grundfragen des Daseins

„Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung läßt sich auf folgende Fragen bringen:

1) Was kann ich wissen?
2) Was soll ich tun?
3) Was darf ich hoffen?
4) Was ist der Mensch?

Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion, und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.“*

*Immanuel Kant: Logik (IX 25).

Wie ein Schilfrohr

„Ouch wizzet daz der niht ist ein tôr,
Der sich kan neigen als ein rôr,
So gewalt und ungelücke über in fliegent
Und sîne fröude nider biegent

Wisset auch, dass der kein Tor ist,
der sich neigen kann wie ein Schilfrohr,
wenn Gewalt und Unglück über ihn hinwegfegen
und seine Freude niederdrücken!“*
(Hugo von Trimberg)

*Schilf am See

*

*Quelle: Thesaurus proverbiorum medii aevi. Lexikon der Sprichwörter des romanisch-germanischen Mittelalters, hrsgg. von Samuel Singer, Bd. 10, Berlin New York 2000, S. 90.

Ideale des Daseins

„Es gibt zwei Ideale unseres Daseins: einen Zustand der höchsten Einfalt, wo unsre Bedürfnisse mit sich selbst, und mit unsern Kräften, und mit allem, womit wir in Verbindung stehen, durch die bloße Organisation der Natur, ohne unser Zutun, gegenseitig zusammenstimmen, und einen Zustand der höchsten Bildung, wo dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten Bedürfnissen und Kräften, durch die Organisation, die wir uns selbst zu geben imstande sind. Die exzentrische Bahn, die der Mensch, im allgemeinen und einzelnen, von einem Punkte (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu sein.“*

*Friedrich Hölderlin (1770-1843): Fragment von Hyperion. Fourier Verlag, Wiesbaden 1982 (Erstveröffentlichung 1793), S. 7.

*

Back To The Roots

„(…) Befreie Dich für Dich selbst und sammle und bewahre die Zeit, die Dir bisher entweder geraubt oder heimlich entwendet wurde oder entschlüpfte. (…) [M]anche Augenblicke werden uns entrissen, manche entzogen, manche verrinnen. Der beschämendste Verlust jedoch ist der, der durch Nachlässigkeit verursacht wird. (…) [E]in großer Teil des Lebens entgleitet den Menschen, wenn sie Schlechtes tun, der größte, wenn sie nichts tun, das ganze Leben, wenn sie Nebensächliches tun.

Wen kannst Du mir nennen, der irgendeinen Wert der Zeit beimißt, der den Tag würdigt, der sich bewußt wird, daß er täglich stirbt. Darin nämlich täuschen wir uns, daß wir den Tod vor uns sehen: ein großer Teil davon ist bereits vorüber; jeden Lebensabschnitt, der hinter uns liegt, hat der Tod in seiner Gewalt. (…) [H]alte alle Stunden fest; so wird es geschehen, daß Du weniger vom morgigen Tag abhängig bist, wenn Du den heutigen in die Hand nimmst. Während das Leben aufgeschoben wird, eilt es vorbei.

(…) [N]ur die Zeit ist unser; in den Besitz dieses einen flüchtigen und unsicheren Gutes hat die Natur uns gestellt; daraus verdrängt uns, wer immer es will. Und so groß ist die Torheit der Sterblichen, daß sie sich das Geringste und Wertloseste, gewiß aber Ersetzbare, wenn sie es erlangt haben, als Schuld anrechnen lassen, daß aber niemand etwas zu schulden glaubt, der die Zeit in Empfang genommen hat, während doch dies das einzige ist, was nicht einmal ein Dankbarer zurückerstatten kann. (…)“*

*L. Annaeus Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, Liber I, Epistula I. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Franz Loretto, Reclam, Stuttgart 1977, S. 5.

Für das neu begonnene Jahr 2014.