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Sonntagsbeilage, 22. Februar 15

Heute besuchen wir Moye Neel Jans in Graft.

„Am 20. Oktober 1654 wurde die spärliche Habe von Jochem Wilemsz. Klinckert, zu Lebzeiten Bierverkäufer von Graft (Dt., Eng.) versteigert. Unter den angebotenen Gütern befand sich eine Partie Laken, die für ungefähr einen Gulden pro Stück weggingen. Ein Laken bringt nur die Hälfte dieses Betrages ein. Es geht für zehn Stuiver an Moye Neel (Hübsche Neel). Wir kennen sie noch aus Kap. 2, als wir auf ihren bemerkenswerten Beinamen hinwiesen. Eine so saloppe Titulierung weist auf keine gute soziale Position, ebensowenig wie der auffallend niedrige Preis ihres Ankaufs. Die Frauen von Graft kamen gern ins Wirtshaus, wenn dort etwas versteigert wurde, und vielleicht war Moye Neel immer dabei. Doch sie kaufte selten etwas. Erst 1670 ist ihr Name bei der Versteigerung der Güter der verstorbenen Ladenbesitzerin Anne Maertens notiert worden. Moye Neel geht nach Hause mit einem Töpfchen grüner Erbsen für einen Stuiver und vier Penningen und einem Pelz für fünf Stuiver. Der war bestimmt nicht von Spitzenqualität, denn bei anderen Versteigerungen sehen wir Pelze zu Preisen von über drei Gulden über den Tisch gehen.
Moye Neel war offenbar keine reiche Frau. Das Kassenbuch der Armenpfleger bestätigt das, denn sie kommt regelmäßig darin vor. Am 6. März 1655 bekommen drei Lieferanten insgesamt 5 [Gulden]:9 [Stuiver]:4[Pennige] ausbezahlt, für Öl, Seife, Zucker und jungen Käse, zugunsten von Moye Neel. Warum sie das alles erhielt, kommt am 18. April heraus. Denn da bekommt Pieter Kistemaker 1:4:0 ausbezahlt, „für den Sarg von Moye Neels Kind“. Sie war also Mutter geworden, und das Kind ist innerhalb von zwei Monaten gestorben. Das Kassenbuch verzeichnet danach noch vier andere Geburten. Auf eine davon folgt wiederum rasch die Beerdigung. Ihr Name wird zum letzten Mal am 6. Dezember 1680 erwähnt, diesmal unter den Einkünften. Ihr Nachlaß fiel den Armenpflegern zu und hat 16:10:12 gebracht.
Die Armenpfleger werden die Wohnung nicht leergeräumt haben, denn Moye Neel hinterließ vier Töchter, die alle der Armenkasse zur Last fielen. Das ist eine mehr, als wir aufgrund des Kassenbuchs erwarten würden, denn das gibt fünf Geburten an, wobei zwei von den Kindern schnell gestorben sind. Die jüngste von Moye Neels Töchtern kommt auch nicht darin vor. Sie war laut der Salz- und Seifenveranlagung von 1680 in jenem Jahr noch unter zehn, während die letzte Geburt in dem Kassenbuch unter 1668 verzeichnet ist. Aber wir erfahren noch mehr. Das Begräbnisbuch enthält die Angabe über eine Beerdigung am 11. Januar 1666: ‚Guertje Willems, Tochter von Moye Neel‘. Die Sterbefälle in dem Kassenbuch sind vom April 1655 und vom April 1665. Es muß sich hier also um ein siebtes Kind handeln. Das Kassenbuch hat nur fünf Geburten festgehalten. Moye Neel ist also zweimal selbst für eine Geburt und einmal für eine Beerdigung aufgekommen. Das Geld stammt aus ihrer eigenen Tasche oder aus der des ansonsten unbekannten Willem, welcher der Vater der 1666 begrabenen Guertje Willems gewesen sein muß.
Über diesen Willem wissen wir nichts weiter. Vielleicht war er Seemann, der ab und zu an Land kam, um ein Kind zu zeugen, und der die Sorge für den Sprößling seiner Frau überließ. Sie muß auch selbst etwas verdient haben, mit Spinnen, mit Scheuern oder was sich sonst noch anbot. Wir wissen durch Zufall, daß der Tabakhändler Abraham Jansz. 1664 74 Fässer Tabak bei ihr eingelagert hat. Diesen Platz hatte sie vermietet, und vielleicht verkaufte sie ab und zu auch kleine Mengen Tabak. So verfügte sie von Zeit zu Zeit über Geld, um Lebensmittel und die Särge für die Kinder bezahlen zu können und um bei günstiger Gelegenheit auf einer Versteigerung ein Töpfchen Erbsen oder einen halbverschlissenen Pelz zu erstehen.
Das ist das Leben von Moye Neel Jans. Daß sie im Goldenen Zeitalter (Dt., Eng.) lebte, wird ihr nicht aufgefallen sein. Sie hat das tägliche Dasein vermutlich nur von seiner schwierigen Seite kennengelernt. In kinderreichen Familien und Häusern von Witwen war die größte Armut zu Hause. Moye Neel hat zuerst sieben Kinder auf die Welt gebracht, oder vielleicht noch mehr, und blieb dann als Witwe zurück. Alt wird sie nicht geworden sein. Angesichts des Alters ihres jüngsten Kindes bei ihrem Tod ist es unwahrscheinlich, daß sie die fünfzig noch erreicht hat. Man hat sie nicht im Stich gelassen. Die Gemeinschaft hat sie unterstützt, auch wenn Moye Neel nicht mehr als das Allernötigste bekam. Sie hat sich damit abgefunden. Diejenigen Armen, die sich nicht anzupassen wußten, haben andere Mittel gewählt, um an Geld zu kommen. Sie konnten betteln, stehlen oder der Prostitution nachgehen. Moye Neel tat das nicht. Hätte sie gebettelt, so wäre sie aus der Armenversorgung herausgefallen, und hätte sie es mit Diebstahl und Prostitution versucht, dann hätte sie sich vor dem Vogtgericht verantworten müssen. Sie hielt sich an die Normen der Gesellschaft, die sie wie alle Armen in ihre Gemeinschaft einzubinden suchte. Nach den Möglichkeiten, die der Samtgemeinde (Dt., Eng.) Graft gegeben waren, hat die Armenfürsorge ihren Zweck erfüllt.“ *

* van DEURSEN, A. Th. (Nl., Eng., about): Graft. Ein Dorf im 17. Jahrhundert, 1. Auflage, Göttingen 1997 (Erstausgabe: Een dorp in de polder. Graft in de zeventiende eeuw, Amsterdam 1994), S. 265-67

(mg)