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Manipulation

„Der Machiavellist aktiviert Verhaltensprogramme in nichtpassenden Situationen.

Diese teils angeborenen, teils angelernten Verhaltensprogramme sind (…) ein wichtiger Bestandteil unseres informationsverarbeitenden Systemes. Sie enthalten gespeicherte Anweisungen zu richtigen Reaktionen in bestimmten Situationen. Sobald eine Information anzeigt, daß die Situation da ist, wird die zugehörige Reaktion automatisch, ohne Nachdenken ausgelöst. (…)

Wir sind uns nicht einmal der Existenz dieser Programme bewußt. Dies kommt dem Manipulateur zugute. Er löst Programme, deren Befolgung im Alltag sinnvoll und notwendig ist, in Situationen aus, die kein Alltag sind. Wir bemerken aber nicht, daß kein Alltag ist, und reagieren wie im Alltag und damit auf eine Weise, die in der besonderen Situation, in die uns der Manipulateur gebracht hat, nicht angemessen ist. (…)

Der Machiavellist kennt normalerweise die Mechanismen nicht, auf denen sein Erfolg beruht. Er hat seine Methoden intuitiv erworben und wendet sie intuitiv an. (Fußnote: Es gibt natürlich auch geschulte Machiavellisten. Man gerät hier in die Niederungen der Schulung von Haustürvertretern und Veranstaltern von Kaffeefahrten.)

[Es] können insbesondere folgende Verhaltensprogramme aktiviert werden: ‚Harmonie‘ (Bitten sind zu erfüllen), ‚Gegenseitigkeit‘ (Geschenke sind zu erwidern), ‚Sympathie‘ (Vorschläge netter Leute sind zu befolgen), ‚Knappheit‘ (knappe Güter sind zu erstreben), ‚Beständigkeit‘ (einmal eingenommene Positionen sind beizubehalten) und ‚Kontrast‘ (neue Größen sind an den zuletzt gemessenen Größen zu messen). Mehrere dieser Verhaltensprogramme können zusammentreffen und ihre Wirkung dadurch noch gegenseitig verstärken.“*

*Fritjof Haft: Verhandlung und Mediation. Die Alternative zum Rechtsstreit, 2., erw. Auflage, München 2000, S.176/177.

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Jede und jeder wird sich beim Lesen dieses Textes vermutlich sofort an Situationen erinnern, in denen sie/er selbst manipuliert wurde und etwas tat, was sie/er eigentlich nicht tun wollte. Hinterher ärgert man sich maßlos, darauf hereingefallen zu sein, und schwört, dass einem das nicht mehr passieren werde. Denn merken tut man es früher oder später (meist früher, häufig sofort danach) fast immer.

Dem Manipulateur begegnet man künftig zumindest mit größter Vorsicht, in der Regel jedoch mit Ablehnung und „unfreundlichen Gefühlen“ – je nachdem, wie nahe er einem steht und wie groß das Ausmaß der Manipulation war. „Durch Manipulationen werden Dauerbeziehungen dauerhaft beschädigt. Auch der Manipulateur selbst wird übrigens dauerhaft beschädigt. Er wird ein Mensch werden, der manipuliert, und er wird kein sympathischer Mensch sein.“ Und es „ist keine Frage, dass man selbst solche Methoden nicht anwenden sollte“. Haft schreibt, dass man sich gegen Manipulation schützen kann, wenn man „die (…) benutzten Techniken kennt“ und  den Mechanismus durchschaut, der einer Manipulation stets zugrunde liegt. (Haft, S. 184)

Interessant, gell?

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Dann ist ja alles klar!

„Der mutmaßliche Amokläufer von Aurora befand sich bei einer Psychiaterin in Behandlung – und zwar bei einer Spezialistin für Schizophrenie. (…)“
(Tagesschau online am 28.07.2012)

„Dann ist ja alles klar! Schizophren ist der! Warum sperrt man solche Wahnsinnigen eigentlich nicht weg?“

Auf Tagesschau.de kann man heute auf der Hauptseite (Homepage) zum Amoklauf von Aurora unter der Titelüberschrift „Kino-Attentäter war in psychiatrischer Behandlung“ als ersten Teaser-Satz lesen:

„Der mutmaßliche Amokläufer von Aurora befand sich bei einer Psychiaterin in Behandlung – und zwar bei einer Spezialistin für Schizophrenie. (…)“ Dann kommt der Link „[mehr]“ zum ganzen Artikel.

Dort wird dann berichtet, dass der Attentäter in „psychiatrischer“ Behandlung gewesen sei und was es mit einem Päckchen auf sich habe und so weiter – und erst ziemlich weit unten ist als vorletzter Absatz unter der Zwischenüberschrift „Spezialistin für die Behandlung von Schizophrenie“ zu lesen:

„Die Psychiaterin arbeitet an der Universität von Colorado, an der Holmes eingeschrieben war. Die Spezialistin für die Behandlung von Schizophrenie leitet an der Universität den psychiatrischen Dienst für Studenten.“*

Hier steht nichts anderes, als dass es an dieser Uni ein psychotherapeutisches Hilfsangebot für die Studierenden gibt wie an jeder anderen und deutschen Universität auch** (die Bezeichnung „psychiatrischer Dienst“ finde ich hier ziemlich unglücklich gewählt) und dass die leitende Fachkraft dort von Beruf Psychiaterin und zufällig auch Spezialistin für Schizophrenie ist. Mehr nicht.

Es steht dort nicht, dass sie nur schizophrene Studenten behandelt, es steht dort nichts davon, dass der Attentäter schizophren ist. Diese Schlussfolgerung legt der Artikel aber nahe – und zwar schon mit dem ersten zusammenfassenden Satz (!) auf der Hauptseite. Folgerichtig drehen sich auch die Kommentare zu dieser Meldung nur noch um die vermeintliche Schizophrenie des Attentäters.

Erst kürzlich las ich über Schizophrenie, dass sie  die am wenigsten akzeptierte psychische Erkrankung in der deutschen Gesellschaft – in der psychisch Kranke immer noch heftig stigmatisiert sind – ist, im Gegensatz zum Beispiel zur Depression. Und genau genommen weiß kaum einer etwas über Schizophrenie und ihre verschiedenen Ausprägungen – doch an einer schizophrenen Erkrankung leidende Menschen werden in der Regel stark abgelehnt; Verständnis oder gar Hilfe erfahren sie von ihren Mitmenschen wenig.

Welcher Ignorant auch immer in der Tagesschau-Redaktion diesen Artikel, diesen ersten Satz verbrochen (!) hat, der schlägt genau in diese Kerbe und schürt Vorurteile und die Angst vor Menschen mit psychischen Erkrankungen und insbesondere vor Menschen mit dieser Diagnose; er stellt an Schizophrenie Erkrankte als gewalttätige, unberechenbare, geistesgestörte Irre, als potenzielle Amokläufer und Mörder hin.

Eine dermaßen fahrlässige, ja kriminelle Berichterstattung auf Kosten dieser Menschen gehört genau genommen vor den deutschen Presserat!*** Und noch was: Bei „Bild“ würde ich mich nicht darüber wundern – aber die Tagesschau, die sich gerne selbst mit hohem Anspruch und kritischer Berichterstattung darstellt, sollte sich so etwas nicht erlauben: Das ist nur noch beschämend! (gg)

*Dieser Absatz findet sich als letzter auch in einem entsprechenden Artikel der „Zeit“ – die allerdings keine Schizophrenie des Attentäters suggeriert – und stammt vermutlich von der dpa (ich mag der Tagesschau nicht unterstellen, dass sie ihre Berichte teils wortwörtlich aus der „Zeit“ abschreibt).

**In der Psychotherapeutischen Beratung des Studentenwerks Würzburg zum Beispiel arbeitet laut deren Website ein „Team von Diplom-Psychologen mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung und ein psychotherapeutisch tätiger Arzt“.

***Nachtrag zwei Stunden später: Beim Deutschen Presserat habe ich gerade wegen dieses diskriminierenden Teasers Beschwerde eingelegt.

Update am 02.08.2012: Vom deutschen Presserat erhielt ich vor zwei Tagen eine Mail: „Der Deutsche Presserat beschäftigt sich als Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle der deutschen Pressemedien ausschließlich mit Vorgängen im Pressebereich sowie mit Beschwerden über Veröffentlichungen von Zeitungen und Zeitschriften. Für den Bereich der Rundfunkmedien sind wir nicht zuständig. Wir empfehlen Ihnen, sich an die entsprechende Landesmedienanstalt zu wenden.“ Aha. Dann ist ja alles klar. Nein, das verfolge ich jetzt nicht weiter – keine Zeit. gg