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Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 5. Januar 15

„Wie dem auch sei, die Abhilfe, die mein Vater dafür fand, war diese, daß er mich noch im Säuglingsalter und bevor sich noch meine Zunge zu lösen begann, einem Deutschen anvertraute, der nachmals als ein berühmter Arzt in Frankreich starb und der unserer Sprache völlig unkundig, aber im Lateinischen sehr wohl bewandert war. Dieser nun, den er eigens hatte kommen lassen und sehr reichlich entlöhnte, hatte mich beständig auf den Armen. Es waren noch zwei andere von geringeren Kenntnissen neben ihm, um mir nachzugehen und den ersten zu entlasten. Diese redeten in keiner andern Sprache mit mir als Latein. Für die übrigen Hausbewohner war es eine unverbrüchliche Regel, daß weder mein Vater, noch meine Mutter, noch Knecht, noch Zofe in meiner Gegenwart etwas anderes redeten als die paar Brocken Latein, die jeder gelernt hatte, um mit mir zu radebrechen. Es ist zum Verwundern, welche Fortschritte ein jeder darin machte. Mein Vater und meine Mutter lernten darüber Latein genug, um es zu verstehen, und erwarben davon zur Genüge, um sich im Notfall dessen zu bedienen, wie auch die andern Hausleute, die am meisten mit mir zu tun hatten. Kurz, wir latinisierten uns dermaßen, daß davon bis in die Dörfer rundum etwas abkrümelte, wo noch verschiedene lateinische Benennungen von Handwerkern und Geräten fortleben und sich durch den Gebrauch eingewurzelt haben.
Was mich selbst anlangt, so war ich schon mehr als sechs Jahre alt und verstand noch ebensowenig von Französisch oder Perigordinisch als vom Arabischen. Und ohne Kunst, ohne Buch, ohne Grammatik und Regel, ohne Rute und ohne Tränen hatte ich ein so reines Latein gelernt, wie mein Lehrer es konnte: denn ich konnte es nicht vermischt oder verdorben haben. Wenn man mir zur Übung, wie es in den Schulen gebräuchlich ist, eine Übersetzung aufgeben wollte, so mußte man sie mir, wie den andern auf Französisch, in schlechtem Latein geben, um es in gutes zu bringen.“

So beschreibt Michel de MONTAIGNE, wie er Latein lernte, in einem Brief an Madame Diane de FOIX, Gräfin von Gurson, den er unter dem Titel Über die Kindererziehung in seinen Essais abdruckte*. Er hält überhaupt nichts davon Kinder zu schlagen, sie mit Gewalt und Zwang zu verformen.
Das Lateinische war ihm sehr hilfreich in späteren Jahren, die romanischen Sprachen sind eben aus einer gemeinsamen Wurzel erwachsen. In einem ganz anderen Zusammenhang – er spricht über Gesichter und Gestalten der Philosophhie – erwähnt er Folgendes:

„Ich habe in Italien einem Mann, der Mühe hatte, italienisch zu sprechen, diesen Rat gegeben, falls er nichts weiter begehre, als sich verständlich zu machen, ohne dabei weiter glänzen zu wollen, möge er sich einfach der erstbesten Worte bedienen, die ihm auf die Zunge kämen, ob Latein, Französisch, Spanisch oder Gaskognisch, und wenn er ihnen nur eine italienische Endung anhänge, werde er nie verfehlen sich mit irgendeiner Mundart des Landes zu begegnen, sei es Toskanisch, Romanisch, Venezianisch, Piemontesisch oder Neapolitanisch.“**

Recht hat er, der Herr de MONTAIGNE: Reden muss man, schweigen bringt’s nicht.

(mg)

*In der mir vorliegenden Ausgabe, ausgewählt und übersetzt von Herbert LÜTHY, 6. Aufl., Zürich 1985 (Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Erstauflage 1953), auf S. 209 ff.

**Am angegebenen Ort, S. 460.

Sonntagsbeilage, 24. August 14

„Immer noch gab es Schießereien in der Rue de l’Odéon, und wir hatten es langsam satt. Da kam eines Tages eine Reihe Jeeps die Straße herauf und hielt vor meinem Haus. Ich hörte eine tiefe Stimme „Sylvia!“ rufen. Und auf der Straße stimmten alle in den Ruf „Sylvia!“ mit ein.
„Es ist Hemingway! Es ist Hemingway!“ schrie Adrienne. Ich flog die Stiege hinunter, wir krachten zusammen, er hob mich hoch, schwang mich herum und küßte mich, während die Leute auf der Straße und in den Fenstern uns zujubelten.
Wir gingen in Adriennes Wohnung und schoben Hemingway auf einen Stuhl. Er war in Feldunifrom, schmutzig und blutig. Eine Maschinenpistole klirrte auf den Boden. Er bat Adrienne um Seife, und sie gab ihm ihr letztes Stück.
Er wollte wissen, ob er irgendwas für uns tun könne. Wir fragten, ob er in der Lage sei, etwas gegen die Nazi-Schützen zu unternehmen, die oben auf den Dächern in unserer Straße saßen, besonders gegen die auf Adriennes dach. Er holte seine Kompanie aus den Jeeps und führte sie aufs Dach. Wir hörten zum letzten Mal in der Rue de l’Odéon schießen. Hemingway und seine Leute kamen wieder runter und fuhren in ihren Jeeps ab – „um den Keller im Ritz zu befreien“, wie Hemingway sagte.“ *

Diese Szene muss sich gegen Ende August 1944, also vor 70 Jahren, abgespielt haben. Damit war der Krieg für Sylvia BEACH und Adrienne MONNIER beendet; HEMINGWAY machte ein paar Tage Pause, bevor er sich in die Ardennen aufmachte.
Sylvia BEACH (1883-1962, Dt., Eng., fembio mit Videos)) gründete 1919 in Paris einen Buchladen, eben das titelgebende Etablissement „Shakespeare & Co.“ (Dt., Eng.), zuerst Rue Dupuytren 8, dann Rue de l’Odéon (Eng.) 12, gegenüber von Adrienne MONNIERs (Dt., Eng.) Maison des Amis des Livres. In BEACHs Laden trafen sich vor allem amerikanische und englischsprachige Schriftsteller, die in der Zwischenkriegszeit in Frankreich und Europa lebten. Den Platz im Olymp der Literaturgeschichte hat sich BEACH dadurch gesichert, dass sie JOYCEns Ulysses herausgab. Auch das beschreibt sie in ihrem kurzweiligen, ein wenig zum Tratsch neigenden Buch.

(mg)

* BEACH, Sylvia: Shakespeare und Company. Ein Buchladen in Paris, Frankfurt am Main 1982 (suhrkamp taschenbuch 823), S.243

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Philosoph der Hohenlohe

Karl Julius WEBER (1767-1832) starb im gleichen Jahr wie sein berühmter Kollege Johann Wolfgang von GOETHE, 18 Jahre jünger und heute anscheinend vergessen.

WEBER wurde in Langenburg geboren, einer der Duodezresidenzen des Alten Reichs, mitten in der magischen Hohenlohe. Magisch deshalb, weil „das Land Hohenlohe“ eigentlich gar nicht existiert. Was heute „die Hohenlohe“ genannt wird, besteht aus den fünf Landkreisen Bad Mergentheim, Crailsheim, Künzelsau, Öhringen, Schwäbisch Hall. Für die einen ist es eine Gegend zum Vergessen, an Langeweile nicht zu überbieten und nur gut, um durchfahren zu werden. Für andere ist sie ein Schatzkästlein.

WEBERs Vater arbeitete am Langenburger Hof, ebenso seine Mutter, die als Kammerjungfer angestellt war. Er besucht das Gymnasium in Öhringen und studiert zuerst in Erlangen, dann in Göttingen die Rechte. Das hört sich alles unschuldig genug an, aber in der Zeit der Großen Revolution in Göttingen, dem Zentrum der Aufklärung, zu studieren, das konnte in der konservativen Heimat für Aufregung und Verdacht sorgen. WEBER war am Anfang durchaus ein Anhänger der Revolution, doch die Gewaltherrschaft, die Kopfabhackerei der Grande Terreur, ernüchterte ihn und er fand durchaus kritische Worte für diese Dinge. Er versuchte in Göttingen eine juristische Professur zu erreichen, was misslang; er verließ die Universität 1790, anscheinend ziemlich verletzt. das wird er in heimatliche Gefilde mitbringen.

1792 kehrt WEBER in die Hohenlohe zurück und findet eine Anstellung als Sekretär des Kanzlers des Deutschen Ordens in Mergentheim, Graf Christian zu Erbach-Schönberg. Bis zu des Grafen Tod im Jahr 1799 lebt WEBER in Mergentheim und kann ungestört seinen Studien nachgehen – was vor allem bedeutet, dass er sämtliche Archive und die Bibliothek des Ordens nutzen kann. Nach dem Tod des Grafen wird Weber zunächst Hofrat in dessen Herrschaft, um dann 1804 in die Verwaltung von Ysenburg-Büdingen zu wechseln – ein schwerer Fehler! Um es kurz zu machen: Er verlässt diese Position schon im April des Jahres, desillusioniert und verletzt, nachdem Versprechungen nicht eingehalten worden waren; sein zum Cholerischen neigender Charakter war keine Hilfe, er begann hypochondrische Züge zu entwickeln.

WEBER geht heim und „heim“ meint den Haushalt seiner verheirateten Schwester. Er wird in seinen verbleibenden Jahren in Jagsthausen, Weikersheim, Künzelsau und Kupferzell wohnen – einmal quer durch die Hohenlohe. Er nimmt sich Zeit, um wieder zu sich selber zu kommen, Bücher helfen – am Ende seines Lebens wird er eine stattliche Bibliothek von 11.000 Bänden zusammengetragen haben. Er verbringt den Rest seines Lebens lesend, schreibend, Pfeife rauchend – und einmal im Jahr geht er auf eine Reise. Der Herr Hofrat verschwindet und an seine Stelle tritt Demokritos, der lächelnde Philosoph. Ab 1818 – er ist in seinen Fünfzigern – erscheinen seine historischen Arbeiten über „Die Mönche“ und „Die Ritter“. Es folgen die „Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen“ (am Ende werden es sechs Bände sein) und das ist ein Erfolg: Herr Biedermeier benutzt die Bände als Reiseführer. Diese Briefe sind heute noch lesenswert.

WEBER stirbt 1832 in Kupferzell und wird dort beerdigt, wo noch heute sein Grabstein steht. Sein umfangreiches Werk „Demokritos, oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen“ erscheint erst nach seinem Tod. Er hat an diesem Text fast dreißig Jahre lang gearbeitet, mit längeren Unterbrechungen, und es wurde eine Art Enzyklopädie des Lächerlichen. WEBER ist ein Vorläufer des modernen feuilletonistischen Essays und, darin Montaigne nicht unähnlich, er scheut nicht davor zurück seine innersten Gedanken zu offenbaren. Er beschreibt sich, seinen Charakter, was ihn umgibt – mit einem Lächeln.

Der Erfolg des Werks (fünfzehn Auflagen bis in die 1920er-Jahre) spricht für sich, Kritik kann nicht ausbleiben. Oberflächlichkeit, Anekdotenjägerei und anderes werden dem guten Demokrit vorgeworfen, das liberale Bürgertum des 19. Jahrhunderts kauft und liest.

Als Grabinschrift wählte WEBER:
„Hier liegen meine Gebeine. / Ich wollt’ es wären Deine.“
Das gefiel der Familie nicht, deshalb wurde ein lateinischer Sinnspruch gezimmert:
“Jocosus vixi, sed non impius / Incertus morior, nec perturbatus / Humanum est nescire et errare / Ens entium, misere mei!”
„Fröhlich habe ich gelebt, aber nicht unfromm / Unsicher sterbe ich, aber nicht ohne Zuversicht / Es ist menschlich nicht zu wissen und zu irren / Höchstes Wesen, erbarme dich meiner!“

WEBER ist der bedeutendste Schriftsteller, den die Hohenlohe hervorgebracht hat – und ziemlich vergessen heutzutage: Ein bißchen wie das Land, aus dem er stammt. (mg)

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Ideale des Daseins

„Es gibt zwei Ideale unseres Daseins: einen Zustand der höchsten Einfalt, wo unsre Bedürfnisse mit sich selbst, und mit unsern Kräften, und mit allem, womit wir in Verbindung stehen, durch die bloße Organisation der Natur, ohne unser Zutun, gegenseitig zusammenstimmen, und einen Zustand der höchsten Bildung, wo dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten Bedürfnissen und Kräften, durch die Organisation, die wir uns selbst zu geben imstande sind. Die exzentrische Bahn, die der Mensch, im allgemeinen und einzelnen, von einem Punkte (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu sein.“*

*Friedrich Hölderlin (1770-1843): Fragment von Hyperion. Fourier Verlag, Wiesbaden 1982 (Erstveröffentlichung 1793), S. 7.

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Manipulation

„Der Machiavellist aktiviert Verhaltensprogramme in nichtpassenden Situationen.

Diese teils angeborenen, teils angelernten Verhaltensprogramme sind (…) ein wichtiger Bestandteil unseres informationsverarbeitenden Systemes. Sie enthalten gespeicherte Anweisungen zu richtigen Reaktionen in bestimmten Situationen. Sobald eine Information anzeigt, daß die Situation da ist, wird die zugehörige Reaktion automatisch, ohne Nachdenken ausgelöst. (…)

Wir sind uns nicht einmal der Existenz dieser Programme bewußt. Dies kommt dem Manipulateur zugute. Er löst Programme, deren Befolgung im Alltag sinnvoll und notwendig ist, in Situationen aus, die kein Alltag sind. Wir bemerken aber nicht, daß kein Alltag ist, und reagieren wie im Alltag und damit auf eine Weise, die in der besonderen Situation, in die uns der Manipulateur gebracht hat, nicht angemessen ist. (…)

Der Machiavellist kennt normalerweise die Mechanismen nicht, auf denen sein Erfolg beruht. Er hat seine Methoden intuitiv erworben und wendet sie intuitiv an. (Fußnote: Es gibt natürlich auch geschulte Machiavellisten. Man gerät hier in die Niederungen der Schulung von Haustürvertretern und Veranstaltern von Kaffeefahrten.)

[Es] können insbesondere folgende Verhaltensprogramme aktiviert werden: ‚Harmonie‘ (Bitten sind zu erfüllen), ‚Gegenseitigkeit‘ (Geschenke sind zu erwidern), ‚Sympathie‘ (Vorschläge netter Leute sind zu befolgen), ‚Knappheit‘ (knappe Güter sind zu erstreben), ‚Beständigkeit‘ (einmal eingenommene Positionen sind beizubehalten) und ‚Kontrast‘ (neue Größen sind an den zuletzt gemessenen Größen zu messen). Mehrere dieser Verhaltensprogramme können zusammentreffen und ihre Wirkung dadurch noch gegenseitig verstärken.“*

*Fritjof Haft: Verhandlung und Mediation. Die Alternative zum Rechtsstreit, 2., erw. Auflage, München 2000, S.176/177.

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Jede und jeder wird sich beim Lesen dieses Textes vermutlich sofort an Situationen erinnern, in denen sie/er selbst manipuliert wurde und etwas tat, was sie/er eigentlich nicht tun wollte. Hinterher ärgert man sich maßlos, darauf hereingefallen zu sein, und schwört, dass einem das nicht mehr passieren werde. Denn merken tut man es früher oder später (meist früher, häufig sofort danach) fast immer.

Dem Manipulateur begegnet man künftig zumindest mit größter Vorsicht, in der Regel jedoch mit Ablehnung und „unfreundlichen Gefühlen“ – je nachdem, wie nahe er einem steht und wie groß das Ausmaß der Manipulation war. „Durch Manipulationen werden Dauerbeziehungen dauerhaft beschädigt. Auch der Manipulateur selbst wird übrigens dauerhaft beschädigt. Er wird ein Mensch werden, der manipuliert, und er wird kein sympathischer Mensch sein.“ Und es „ist keine Frage, dass man selbst solche Methoden nicht anwenden sollte“. Haft schreibt, dass man sich gegen Manipulation schützen kann, wenn man „die (…) benutzten Techniken kennt“ und  den Mechanismus durchschaut, der einer Manipulation stets zugrunde liegt. (Haft, S. 184)

Interessant, gell?

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Ordnung

„BUSCHs Geschichten entwickeln ihre Dynamik erst von dem Punkt an, wo der Widerspruch zwischen äußerem Anschein und dahinter verborgenem Wesen durch ein mehr oder weniger zufällig herbeigeführtes Ereignis vollständig hervortritt. Nichts bleibt dann von dem Prozeß verschont, in dem sich Bewegung und drängender Wille gegen Ruhe und Beharrung durchsetzen. Nicht als eine Apotheose der ewigen Unveränderlichkeit der bürgerlichen Alltagswelt darf daher Buschs Werk aufgefaßt werden, es zeigt gerade deren Veränderlichkeit und Labilität. Mit der Pfeife des Lehrer Lämpel fliegen auch sämtliche Gegenstände seiner Behaglichkeit durch die Luft, Huckebein zerstört die Küchenordnung der Tante, und ob Kinder oder Tiere, ihre Wirksamkeit hat gerade für die alltägliche Ordnung der Dinge katastrophale Folgen. Gewiß folgt auf die Zerstörung der Ordnung deren Restauration und die Schlußbilder einer jeden Geschichte führen deren Ergebnis vor. Busch läßt jedoch keinen Zweifel daran, daß auch die vorläufig ist und jeder Augenblick aufs neue den Umschwung bringen kann. Die Dinge haben in den Bildergeschichten diese einzige Bedeutung, ihre eigene Unfestigkeit sinnfällig zu machen, zu zeigen, wie wenig Verlaß auf die Ordnung ist, die sich durch sie hindurch verwirklichen soll. Es gibt in Buschs Bilderfolgen keine blinden Motive, wenn ein Topf ein Loch zeigt, wie in Huckebeins zweitem Abenteuer, kann der Leser sicher sein, daß eben daraus neue Verwicklungen folgen werden, liegt irgendwo ein Besen herum, wie in der folgenden Szene derselben Geschichte, so beschränkt sich seine Funktion auf die eines Hebels zur Kraftübertragung, und erscheint im Bild ein wohlgepflegtes Blumenbeet, so allein zum Zwecke, gleich verwüstet zu werden, wie Plisch und Plum es klarmachen. Indem Busch derart hartnäckig auf der Zerbrechlichkeit gerade des scheinbar Sichersten beharrt, jener Alltagswelt nämlich, die stillschweigender bürgerlicher Übereinkunft nach dem öffentlichen, politischen wie beruflichen Zugriff entzogen sein sollte, versetzt er auch dem Selbstbewußtsein seiner Leser einen empfindlichen Stoß, das sich ja meist alleine auf die Verfügungsgewalt über diesen Bereich gründet. Denn die Konstitution dieses Bewußtseins ist abhängig von den Gegenständen, die ihm gegenüberstehen – ist deren Ordnung Abbild von Werten und Normen, so stabilisiert sie auch umgekehrt immer wieder deren Geltung und Bestand. […]

Wilhelm Busch hat sich zu dieser Auffassung nie ausdrücklich bekannt, die doch gegen Endes des [19.] Jahrhunderts immer mehr Anhänger gewann, aber sein gesamtes Werk hat sie in sich aufgenommen, besteht aus nichts anderem als den Bewegungsgestalten der Wirklichkeit, illustriert den Prozeß, in dem alles feste, alle scheinbar bleibenden Verhältnisse in Fluß geraten, und gerade die nie lösbaren Spannungen, der Kampf und die Ausbrüche des Chaos, werden zu Gegenständen des ästhetischen Genusses. Uneingestanden noch bei Busch, der gleichwohl die Zwiespältigkeit der ästhetischen Welterfahrung bei den Niederländern, bei Brouwer und Teniers, stets betonte und den Neffen gegenüber verriet: ‚Was auf Beobachtung beruht ist immer interessant, ob’s sich um Grafen oder Lumpen handelt. Die Lumpen sind mir fast noch lieber als die anderen, die konventionellen Menschen.‘“*

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*So charakterisiert Gert UEDING die anarchische Kunst von Wilhelm Busch in seinem Buch: Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature, Frankfurt am Main 1986 (suhrkamp taschenbuch 1246), S. 169–171.

(Lesefrucht: mg)

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Elfenbeinturm

„Vor wenigen Jahren mußte sich Camus gegen den Vorwurf wehren, ein reaktionärer Idealist zu sein. Da schrieb er in den ‚Temps modernes‘ einen Offenen Brief an den Herausgeber Sartre: man werfe ihm, Camus, vor, im ‚Elfenbeinturm‘ zu sitzen, ‚wo Träumer meiner Sorte kontemplieren, ohne jedes Interesse für die unsühnbaren, nicht gutzumachenden Verbrechen der Bourgeoisie‘. Damit wurde sehr exakt beschrieben, was die attackierende Wendung ‚Im Elfenbeinturm-Sitzen‘ meint: Du hast für die Nöte deiner Mitmenschen nichts übrig.

Dies Schlagwort schoss, im Laufe der letzten dreizehn Jahrhunderte, immer üppiger ins Kraut: schlug Dichter, die nicht auf die Freiheit Gedichte machten, sondern auf Fräulein Venus (was Marx Heine vorwarf, zu Beginn ihrer Freundschaft); schlug Philosophen, die über Jahrtausend-Fragen nachdachten anstatt über Denken und Dichten im Zeitalter des Monopol-Kapitalismus; schlug Maler, die nicht das Gesicht der herrschenden Klasse oder die Friedenstaube malten, sondern eine Birne oder einen Baum. Sie alle und noch viele mehr (zum Beispiel die, welche ‚Privates‘ wichtig nehmen) wurden in den ‚Elfenbeinturm‘ gesperrt; es hat den Anschein, als sei er das einzige Gefängnis, das schlechthin entehrend ist. Wie kam es in die Welt?

Im Jahrhundert der Industrialisierung, der englischen, amerikanischen und russischen, wurde die Vita mediativa zur Faulheit degradiert und die Aktivität ausgezeichnet. Sogar die Intellektuellen, Nachfolger der Mönche, meditieren nur noch mit schlechtem Gewissen. Man könnte die Geschichte der säkularisierten Kleriker schreiben: in ihrer Entwicklung vom brotlosen zum einträglichen Geist, auch vom Abenteurer zum Angestellten; vor allem aber: vom Lynkeus zum Politiker. In der Romantik gab es einen letzten Aufstand gegen die Tüchtigkeit des Bürgers, der den, dem Gott will rechte Gunst erweisen, einen ‚Taugenichts‘ nannte. Der junge Friedrich Schlegel sang der ‚Faulheit‘, der produktiven Muße, den Schwanengesang. Dann erschien auf der Sprachbühne unser ‚Elfenbeinturm‘: ein Fanal der Rührigkeit gegen den Turm Montaignes, dem man die Bestimmung ‚köstliche Abgeschiedenheit‘ ließ – um sie aktivistisch zu verleumden.“*

*Marcuse, Ludwig: Meine Geschichte der Philosophie. Aus den Papieren eines bejahrten Philosophie-Studenten, Zürich 1981, 276-277 (zuerst München 1964).

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Ludwig Marcuse (1894-1971) ist ein deutscher, jüdischer Philosoph. Nach der Ausbürgerung 1937 lebte er in Frankreich, der Sowjetunion und den USA, wo er an der University of Southern California in Los Angeles Philosophie lehrte. Neben philosophischen und philosophiegeschichtlichen Werken hinterlässt Marcuse auch ein interessantes journalistisches Werk, das gerade auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland anfangs der 1960er-Jahre die kulturelle Szenerie schildert. Lynkeus heißt der „Luchsäugige“, der, der scharf sehen kann – das kann kein Politiker sein … (mg)

Symbolsuche

„In meiner Volontärzeit in Regensburg lernte ich einen dortigen Altjournalisten kennen, der bei seinen Berichten im wesentlichen mit sechs Wörtern auskam: ‚Veranstaltung’, ‚Maßnahme’, ‚durchführen’, ‚stattfinden’, ‚teilnehmen’ und ‚Initiative’. Das las sich dann etwa so: ‚Nach Durchführung der Veranstaltung kommt es zu einer weiteren Initiative mit einer Maßnahme aller Teilnehmer.’ Im Zweifelsfall war die gemeinte Maßnahme ein Hochamt im Dom.

Das Wörterbuch des Unmenschen? Aber woher denn. Den verehrlichten Altjournalisten – R.i.P. – sehne ich als richtungsweisend und maßstabsetzend oft zurück; z.B. wenn mich Geschoße wie das folgende aus der ‚Süddeutschen Zeitung’ blenden, nein, in diesem Fall nicht von Kaiser, sondern von Doris Schmidt, welche über ‚Beuys’ religiöse Wurzeln’ dies zu Papier bringt:

‚Das Missionarische, das Beuys’ gesamt Werke’ – möglicherweise ein Druckfehler – ‚gesamte Werke, seinen Objekten wie seinen Aktionen anhaftet, ist legitim. Seine Symbolsuche, die sich immer wieder zum Motiv des Kreuzes wendet, hängt zunächst mit Aufgaben im Bereich der religiösen Thematik zusammen. Die Kreuzform bleibt lange Beuys’ zentrales Thema …’

War’s b’suffa, dös Madl? Jaja, es is’ wirkli a Kreuz mit denane Symbolsuachereien, die wo se aa no an dene Motive hinwend’n!

’O meio mei!’ (Karl Valentin) – bei meinem Regensburger Altjournalisten jedenfalls hätte der Sachverhalt schon mannhafter getönt: ‚Eine Missionsveranstaltung wird derzeit im Werk von Beuys durchgeführt. Auch zahllose Kreuze nehmen teil. Anschließend findet noch eine Symbolsuche statt.’“*

*Henscheid, Eckhard: Sudelblätter, 6. Auflage Zürich 1996, S. 79 f.

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Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. (mg)

Boswell

On the 20th of July 1764 James Boswell decides to be himself.

He is in Berlin on his Grand Tour, 24 years of age. He does not longer try to be as his friends Johnston, Temple or the great Mr. Johnson – from now on he wants to be Boswell. His father, a Scottish judge and Laird of Auchinleck, expects his son to follow him up, to be his successor. In a few years James will take the exams and he will try to live the life of an honourable Scottish nobleman.

It will go absolutely wrong.

Scottland is boring, the marriage unsatisfactory, the work brainmelting. He will have affairs and alcohol and finally escape to London only to slowly but steadily ruin himself. He will die working on the biography of his friend Samuel Johnson, 1795.

Boswell is a man of letters, an intellectual, an interviewer, curious, reckless, an unlimited narciss. He wants to know himself and he learns himself, writing. Blessed – or cursed – with a cast iron memory, short notices are sufficient for him to bring his journal up to the latest, to remember conversations and occurences even after longer breaks. On his Grand Tour he writes in the evening or in the night. He creates memoranda, short notes, requests to himself for the coming day – the most beautiful for 21st of July 1764:

„Be yourself. Be unique. Be happy!“

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I have only the German translation available (James Boswell: Journal. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Helmut Winter (Universal-Bibliothek Nr. 9429), Stuttgart 1996, S. 92 und Anmerkung 10, S. 431) and could not locate an English text on the web, so I hope I did him no harm. (mg)

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(DIAGNOSIS Specialty No. 8, 2007)

The Shipwrecked

„Man asks himself: what is this one thing that remains to me, my life, my life without illusion? How did it happen that it alone has remained? And the answer is to discover the history of human development, that dialectic series of his experiences, which, I repeat, might have been otherwise but has been that which it was, and which we must know because it is the transcendent reality. Man, alienated from himself, finds himself again as reality, as history. And for the first time he sees himself forced to preoccupy himself with the past, not for curiosity’s sake, or in order to find normative examples, but because he has nothing else.“*

„The sense of being shipwrecked, since it is the truth about life, already means a measure of rescue. I therefore believe only in the thoughts of the shipwrecked. One should place the classics before a tribunal of the shipwrecked and ask them certain fundamental questions about life“**

*Josè Ortega y Gasset: Gesammelte Werke, 4 Bde. Stuttgart 1954-56, hier: IV, 411. Zitiert nach: Weintraub, Karl J.: Visions of Culture. Voltaire, Guizot, Burckhardt, Lamprecht, Huizinga, Ortega y Gasset, Chicago London 1966, 287.

**Gesammelte Werke wie oben, III, 270, from an essay „Um einen Goethe von innen bittend („Pidiendo un Goethe desde dentro“), 1932. Nach Weintraub wie oben, 286.

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Over the years since his death in 1955, interest in Ortega y Gasset has dwindled in German-speaking areas. In the Spanish-speaking world, however, he has not vanished, but lives on in his disciples. In other countries, there currently seems to be a certain Ortega-renaissance occuring. In any case, his thoughts about culture, about man being shipwrecked and his concept of creencias (beliefs) are worth rediscovering. (mg)

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(DIAGNOSIS Specialty No. 3, 2006)