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Höflichkeit

„Das Höfliche, oft als leere Fratze verachtet, offenbart sich als eine Gabe der Weisen. Ohne das Höfliche nämlich, das nicht im Gegensatz zum Wahrhaftigen steht, sondern eine liebevolle Form für das Wahrhaftige ist, können wir nicht wahrhaftig sein und zugleich in menschlicher Gesellschaft leben, die hinwiederum allein auf der Wahrhaftigkeit bestehen kann – also auf der Höflichkeit.

Höflichkeit natürlich nicht als eine Summe von Regeln, die man drillt, sondern als eine innere Haltung, eine Bereitschaft, die sich von Fall zu Fall bewähren muss –

Man hat sie nicht ein für allemal.

Wesentlich, scheint mir, geht es darum, dass wir uns vorstellen können, wie sich ein Wort oder eine Handlung, die unseren eigenen Umständen entspringt, für den anderen ausnimmt. Man macht, obschon es vielleicht unsrer eignen Laune entspräche, keinen Witz über Leichen, wenn der andere gerade seine Mutter verloren hat, und das setzt voraus, dass man an den anderen denkt. Man bringt Blumen: als äußeren und sichtbaren Beweis, dass man an die anderen gedacht hat, und auch alle weiteren Gebärden zeigen genau, worum es geht. Man hilft dem anderen, wenn er den Mantel anzieht. Natürlich sind es meistens bloße Faxen; immerhin erinnern sie uns, worin das Höfliche bestünde, das wirkliche, wenn es einmal nicht als Geste vorkommt, sondern als Tat, als lebendiges Gelingen –

Zum Beispiel: Man begnügt sich nicht damit, dass man dem andern einfach seine Meinung sagt: man bemüht sich zugleich um ein Maß, damit sie den andern nicht umwirft, sondern ihm hilft; wohl hält man ihm die Wahrheit hin, aber so daß er hineinschlüpfen kann.“*

* Max Frisch. Die Tagebücher 1946-1949, 1966-1971, Berlin Darmstadt Wien o. J. [1978], S. 54-55

Durch Höflichkeit kann Wahrheit anziehbar und tragbar werden. Höflichkeit nicht nur als Geste und Faxen, sondern als „Tat, als lebendiges Gelingen“ will also immer wieder neu erworben, angewendet und gelebt werden. Das ist anstrengend und erinnert ein wenig an den christlichen Glauben. Deswegen und weil Höflichkeit meistens mit Schwäche und mangelnder Durchsetzungskraft assoziiert wird, sind die meisten Menschen oft unhöflich. Frisch dürfte diesen Text im Sommer 1946 geschrieben haben. (mg)

[DIAGNOSIS-Lesefrucht der 35. KW 2005]

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Man muss dran glauben

„Ich hatte mal einen dicken Freund, der sagte mir auf die Frage, ob er denn schwimmen könne, immer: ‚Ja – ich kann schwimmen. Aber – ich glaube nicht recht dran.‘ Das ist ein merkwürdiges Wort, und ich kann es nicht vergessen.

Es ist nämlich die kürzeste Formulierung für die eigentümliche Tatsache, daß es letzten Endes hienieden gar nicht aufs Können ankommt, gar nicht auf die Technik, auf das Äußerliche, auf das, was erlernbar ist. Es kommt einfach darauf an, daß man das glaubt, was man macht.

Das kann man nun keinem beibringen. Es gibt gewachsene Dinge und gemachte – die meisten sind gemacht. Die gewachsenen sind die, bei deren Herstellung der Schöpfer sich das geglaubt hat, was er machte. Es ist merkwürdig, ein wie tiefes und feines Gefühl alle Leute für diesen Unterschied haben. Falsche Herzenstöne gibt es nicht. Es gibt nur falsche Herzen. Ein leises Schwanken, ein bängliches Zögern – und vorbei ists mit aller Wirkung, mit der künstlichen und mit der menschlichen. Aus und vorbei.

Eine ausgewachsene Zote in einem Salon ist etwas Unmögliches. Schon deshalb, weil keiner da ist, der sie mit saftiger Freude, mit vollem Bewußtsein ihrer Unmöglichkeit, mit dem vollen Glauben erzählen kann. Ich habe im Felde von altgedienten Intendanturbeamten Dinge erzählen hören, die einen vom Stuhl warfen – wurden sie dann von irgendeinem schwächlichen Vertreter wiederholt, verpufften sie und wirkten übel, weil der dabei feixte und sich im Grunde seines Herzens für viel zu fein für diese Dinge hielt. Der andere aber war angetreten, hatte voller Lebensfreude vorgemacht, wie ein Mann, der sich Unter den Linden nicht sehr fein benommen hatte, aufgeschrieben wurde (dabei ist mir noch die prächtige Bewegung in der Erinnerung, wie der imaginäre Schutzmann mit behördlichem Schwung in seiner hinteren Rocktasche nach dem dicken Buch wühlte) – und das alles war so lebenswahr, so famos beobachtet, so massiv und selbstverständlich wiedergegeben, daß man nur seine helle Freude haben konnte. Rot wurde niemand. Und es war auch gar nicht nötig.

Das ist beim Schauspieler so, der sich irgendwie glauben muß, was er uns da vormacht – sonst glauben wirs auch nicht. Das ist beim Redner so und das ist schließlich, wenn man genau hinsieht, bei jedem Menschen so. Zuerst muß er glauben, dann erst können wirs.

Mir ist die alte Sage vom Reiter über dem Bodensee, der über die gefrorene Fläche des Wassers ritt, immer recht als Symbol schwersten Kalibers erschienen. Der glaubte auch, über festes Land zu reiten – er sah den Abgrund unter seinen Füßen nicht; erfühlte die Gefahr nicht, in der er schwebte, und bestand sie, weil er sie nicht zu bestehen brauchte. Was der Berliner in dem einen kurzen Satz auszudrücken pflegt: »Der hats gut – der ist blöd!« Und das ist manchmal wirklich kein Schade. Denn die Reflexion tötet. Maeterlinck hat einmal in einem sehr interessanten Aufsatz erzählt, wie bei Automobil-Unfällen allemal derjenige verunglückt, der noch im Augenblick der Gefahr nachdenkt, was er nun zu tun habe – daß aber der unbehelligt davonkomme, der sein Gehirn völlig ausschalte, der gar nichts tue. Das Unterbewußtsein, das ja viel stärker, raffinierter und zweckbewußter arbeitet als die Überlegung, regelt dann alles von selbst. Das Gehirn ist eben nicht allen Dingen gewachsen.

Wohl aber die gesunde Lebenskraft. Wohl aber jener Saft, der in den Pflanzen sein Wesen treibt und in den Tieren – und in den Menschen nicht minder. Wohl aber jener Glaube, der Berge versetzt, und der – Wunder über Wunder – sogar über Menschen etwas vermag.

Es brauchte nicht erst der Krieg zu sein, um uns zu belehren, wieviel solch ein Kerl wert ist, der immer Rat weiß – aber nicht jenen erklügelten Rat, den wir uns schließlich auch selbst erschwitzen können, sondern einen andern, bessern. Einen gewachsenen, einen immer fertig parat liegenden, einen erdgeborenen Rat. Aber wo wächst der –!

Es ist ja kein Zufall, daß alle die Leute, ›die daran glauben‹, ständig mit der Natur in Berührung leben. Es ist, als zögen sie, deren Füße die braune Erde treten, eine Kraft aus dem Boden, der Asphaltmenschen versagt ist.

Also kämen wir dahin, Primitivität zu fordern? Blauäugige Blondheit? Robuste Stiernacken? Simpelste Kraft? – Nicht doch. Nicht sie allein.

Glauben fordern wir als Grundlage aller menschlichen Dinge. (Daß hier nicht an Dogmenglaube gedacht ist, braucht wohl nicht erst betont zu werden.) Wir fordern den Glauben, weil wir alle instinktiv wissen – Frauen wissen das noch besser als wir Männer –, daß das Wesen des Menschen, das, was er eigentlich ist, da beginnt, wo seine Reflexion aufhört. Die ist erworben und künstlich ausgebildet, die ist nicht immer adäquat; die ist nicht er selbst. Aber das andere, das, was Schopenhauer ›Wille‹ und andre anders genannt haben: das ist er.

Es muß ein Punkt da sein, wo einer, nach allem Grübeln, nach allem Denken und Knobeln, einmal, klar und erfrischend auf den Tisch schlägt und sagt: »Grad durch!« und dann seinen Weg geht. Denn es lassen sich die Dinge dieser Welt nun einmal nicht alle restlos mit dem Gehirn erledigen. Wenn man mit dem mathematischen Denken fertig ist, bleibt etwas zurück, das sich nur mit der robusten Kraft bewältigen läßt. Und das ist ganz gut so, sonst säße ein Rabulist auf dem Thron, und das werden wir doch nicht wollen, nicht wahr

Das Ideal – das Ideal wäre freilich: beides zu haben. Die Kraft und das Gehirn. Die Faust und den Kopf. Hierzulande ist das heftig getrennt.

Die einen haben Gehirn, viel Gehirn. Sehr viel Gehirn. Dann taugen sie meist wenig zum aktiven Tun – und wenn sie sich darin versuchen, verfallen sie immer wieder in den alten Fehler, alles mit den Regeln der Logik abmachen zu wollen – was nun einmal nicht geht.

Die andern haben die Faust. Aber keinen Kopf – und ganz ohne ihn gehts auch wieder nicht. Wenn das einmal zusammenträfe! Wenn das einmal bei uns vereinigt wäre (…) Damit ließe sich etwas ausrichten! Wenn unsere Junker klug wären! Wenn unsere Intellektuellen kräftig wären! Aber sie sind leider nur kräftig und nur intellektuell. Bliebe übrig, den lieben Freunden zu predigen, vor allem und vorerst zu glauben. An sich und das, was man macht. Das ist nahrhaft: denn der gewandteste Gehirnakrobat ist gar nicht fähig, einen solchen eisernen Steher zu werfen.

Und die Freundinnen –! Geehrte, ihr wißt, wie subjektiv alles ist, was mit euch zu tun hat: die Eifersucht und die Ablehnung und die freundliche Gewährung und – entschuldigen Sie – die Liebe. Man muß dran glauben, auch an sie.

Kommt es denn darauf an, wie ihr, Schönste, seid? Genügt es nicht vollkommen, zu glauben, ihr seid so, wie wir euch lieben? Ihr braucht euch nicht einmal zu verstellen – wenn wir nur glauben. Vater Zille hat einmal eine blinde Frau gezeichnet, die fährt ihrem Führer, einem versoffenen, übeln Kerl, über das Gesicht und sagt: ‚Wilhelm, du mußt ein schöner Mann sein!‘ Diese Geschichte hat er selbst erlebt – und es ist eine tiefe Geschichte.

Freundinnen, wir streichen euch über das Gesicht und sind blind und murmeln: ‚Agda – du hast viel Herz!‘ Aber Agda hat gar kein Herz, sondern nur eine runde Brust, und das ist schließlich auch etwas wert.

Wir aber glauben an ihr Herz und sind sehr glücklich.

Peter Panter“*

*Berliner Tageblatt, 27.10.1919, Nr. 508 (in: Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke, Bd. 2, Reinbek 1975, S. 186 ff.).

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DIAGNOSIS-Lesefrucht der 48. Kalenderwoche 2002
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Popper und Wittgenstein

„Bei allen sozialen und kulturellen Unterschieden mußte es durch eine charakterliche Ähnlichkeit in H3 zwangsläufig zu einer wütenden Auseinandersetzung kommen. Sowohl Popper als auch Wittgenstein verhielten sich in Diskussionen und Debatten anderen gegenüber fürchterlich. Beide waren von kleiner Statur, bis zur Erschöpfung intensiv und kompromißunfähig. Beide waren tyrannisch, aggressiv, intolerant und ichbezogen (…)

Einer der größten Beiträge Poppers zur Rationalität war zwar die Erkenntnis, daß eine Theorie nur dann wissenschaftlich war, wenn sie sich falsifizieren ließ, doch war er stets abgeneigt, dieses Prinzip auf seine eigenen Gedanken zur Anwendung kommen zu lassen. Es ist gesagt worden, daß man Die offene Gesellschaft und ihre Feinde in Die offene Gesellschaft von einem ihrer Feinde hätte umbenennen sollen. John Watkins gibt zu, daß Popper ein intellektueller Tyrann war (…) Joseph Agassi erzählt: `Jede seiner Vorlesungen begann wunderbar und endete fürchterlich, weil irgend jemand etwas Falsches sagte, Popper ihn fertigmachte und die sehr angenehme Atmosphäre in eine äußerst spannungsgeladene umkippte.´

Popper hatte mit Wittgenstein gemein, daß sie dazu neigten, ihren Studenten zu vermitteln, daß sie zu nichts taugten. Lord Dahrendorf (…) erinnert sich daran, daß englische Studenten Poppers Vorlesungen nicht mehr besuchten, weil sie es nicht gewohnt waren, so behandelt zu werden. Popper hatte aber im übrigen kein Problem damit, seine Kollegen ebenso zu behandeln. (…) Auch seine Assistenten wurden nicht verschont (…)

Angesichts seiner gnadenlosen Attacken mag es überraschen, daß Popper überhaupt Freunde hatte — es war aber so. Neben dem Kunsthistoriker Ernst Gombrich gab es eine ganze Reihe von Freunden, deren Namen sich lesen wie ein Who´s who der Naturwissenschaften (…) Die Liste ehemaliger Freunde hingegen ist schier endlos, und sie sind alle schuldig, einen Einwand gegen einen Aspekt von Poppers Werk formuliert zu haben, gleichgültig wie vorsichtig oder konstruktiv dieser gemeint war.

Während Popper trotz seiner Kompromißlosigkeit in Debatten und gegenüber anderen Meinungen noch als Mensch erkennbar bleibt, tritt bei Wittgensteins Umgang mit anderen eine unheimliche, außerhalb jeder Norm liegende Art zutage. (…)

Da Wittgenstein hauptberufliche Philosophen verachtete, sah er es gerne, wenn Studenten das Fach aufgaben. Die Begabung eines Studenten bedeutete ihm nichts: Er riet einem seiner brillantesten Schüler, Yorick Smythies, mit seinen Händen zu arbeiten, obwohl Smythies solche Koordinationsprobleme hatte, daß er kaum in der Lage war, seine Schuhe zuzubinden. Handarbeit sei gut für das Gehirn, sagte Wittgenstein ihm. Smythies´ Eltern und die Eltern von Francis Skinner, einem weiteren Studenten Wittgensteins, der das Studium abbrach, um in einer Fabrik zu arbeiten, dürften ihn wohl eher als bösen Genius betrachtet haben, weil er ihre intellektuell begabten Söhne überredete, der Universität zu entsagen.

Worin lagen die Wurzeln dieser Beherrschung von Freunden und Studenten? Eine erhellende Erkenntnis kommt von Wittgensteins Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Philosophie, Georg von Wright: `Keiner, der ihn kennenlernte, vermochte unbeeindruckt zu bleiben. Manche wurden von ihm abgestoßen. Die meisten fühlten sich angezogen oder waren fasziniert. Man kann sagen, daß Wittgenstein bloßen Bekannten aus dem Weg ging, aber Freundschaft brauchte und suchte. Als Freund hatte er nicht seinesgleichen, aber er forderte auch viel.´ An anderer Stelle schildert von Wright, wie fordernd Wittgensteins Freundschaft sein konnte, und beschreibt einen Prozeß, der dem einer Gehirnwäsche oder gar dem Beitritt zu einem Kult nicht unähnlich ist: `Jedes Gespräch mit Wittgenstein war, als ob man den Tag des Jüngsten Gerichts durchlebte. Es war furchtbar. Alles wurde ständig neu ausgegraben, hinterfragt und Wahrhaftigkeitstests unterzogen. Dies galt nicht nur für Philosophie, sondern das ganze Leben.´

Die überlebenden Zeitzeugen der Konfrontation in H3 erinnern sich an das Unbehagen und an die Beklommenheit, die sie im Kontakt mit ihm empfanden (…), selbst so enge Freunde wie Peter Geach. (…) Wittgenstein war `schonungslos intolerant gegenüber jeder Bemerkung, die er als dahingesagt oder prätentiös empfand.´ Stephen Toulmin nahm an Wittgensteins Seminaren teil, die zweimal pro Woche stattfanden: `Er hielt uns für unannehmbar dumm. Er sagte uns ins Gesicht, daß man uns nichts beibringen könne.´ (…)

Wenn man die Beziehungen Wittgensteins zu anderen untersucht, dann stellt man fest, daß diese vor allem von seinem Wunsch geprägt sind, die beherrschende, wenn nicht gar die einzige Stimme zu sein. (…)“*

*Edmonds, David J. / Eidinow, John A.: Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte. Eine Ermittlung. 2. Aufl., München 2001, S. 165 ff. u. 175 ff.

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Ordnung

„BUSCHs Geschichten entwickeln ihre Dynamik erst von dem Punkt an, wo der Widerspruch zwischen äußerem Anschein und dahinter verborgenem Wesen durch ein mehr oder weniger zufällig herbeigeführtes Ereignis vollständig hervortritt. Nichts bleibt dann von dem Prozeß verschont, in dem sich Bewegung und drängender Wille gegen Ruhe und Beharrung durchsetzen. Nicht als eine Apotheose der ewigen Unveränderlichkeit der bürgerlichen Alltagswelt darf daher Buschs Werk aufgefaßt werden, es zeigt gerade deren Veränderlichkeit und Labilität. Mit der Pfeife des Lehrer Lämpel fliegen auch sämtliche Gegenstände seiner Behaglichkeit durch die Luft, Huckebein zerstört die Küchenordnung der Tante, und ob Kinder oder Tiere, ihre Wirksamkeit hat gerade für die alltägliche Ordnung der Dinge katastrophale Folgen. Gewiß folgt auf die Zerstörung der Ordnung deren Restauration und die Schlußbilder einer jeden Geschichte führen deren Ergebnis vor. Busch läßt jedoch keinen Zweifel daran, daß auch die vorläufig ist und jeder Augenblick aufs neue den Umschwung bringen kann. Die Dinge haben in den Bildergeschichten diese einzige Bedeutung, ihre eigene Unfestigkeit sinnfällig zu machen, zu zeigen, wie wenig Verlaß auf die Ordnung ist, die sich durch sie hindurch verwirklichen soll. Es gibt in Buschs Bilderfolgen keine blinden Motive, wenn ein Topf ein Loch zeigt, wie in Huckebeins zweitem Abenteuer, kann der Leser sicher sein, daß eben daraus neue Verwicklungen folgen werden, liegt irgendwo ein Besen herum, wie in der folgenden Szene derselben Geschichte, so beschränkt sich seine Funktion auf die eines Hebels zur Kraftübertragung, und erscheint im Bild ein wohlgepflegtes Blumenbeet, so allein zum Zwecke, gleich verwüstet zu werden, wie Plisch und Plum es klarmachen. Indem Busch derart hartnäckig auf der Zerbrechlichkeit gerade des scheinbar Sichersten beharrt, jener Alltagswelt nämlich, die stillschweigender bürgerlicher Übereinkunft nach dem öffentlichen, politischen wie beruflichen Zugriff entzogen sein sollte, versetzt er auch dem Selbstbewußtsein seiner Leser einen empfindlichen Stoß, das sich ja meist alleine auf die Verfügungsgewalt über diesen Bereich gründet. Denn die Konstitution dieses Bewußtseins ist abhängig von den Gegenständen, die ihm gegenüberstehen – ist deren Ordnung Abbild von Werten und Normen, so stabilisiert sie auch umgekehrt immer wieder deren Geltung und Bestand. […]

Wilhelm Busch hat sich zu dieser Auffassung nie ausdrücklich bekannt, die doch gegen Endes des [19.] Jahrhunderts immer mehr Anhänger gewann, aber sein gesamtes Werk hat sie in sich aufgenommen, besteht aus nichts anderem als den Bewegungsgestalten der Wirklichkeit, illustriert den Prozeß, in dem alles feste, alle scheinbar bleibenden Verhältnisse in Fluß geraten, und gerade die nie lösbaren Spannungen, der Kampf und die Ausbrüche des Chaos, werden zu Gegenständen des ästhetischen Genusses. Uneingestanden noch bei Busch, der gleichwohl die Zwiespältigkeit der ästhetischen Welterfahrung bei den Niederländern, bei Brouwer und Teniers, stets betonte und den Neffen gegenüber verriet: ‚Was auf Beobachtung beruht ist immer interessant, ob’s sich um Grafen oder Lumpen handelt. Die Lumpen sind mir fast noch lieber als die anderen, die konventionellen Menschen.‘“*

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*So charakterisiert Gert UEDING die anarchische Kunst von Wilhelm Busch in seinem Buch: Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature, Frankfurt am Main 1986 (suhrkamp taschenbuch 1246), S. 169–171.

(Lesefrucht: mg)

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Vom Frostableiter

„In einer Schrift wie die hier vorliegende muss ich auch wohl noch eines vermeinten, früher für probat gehaltenen, wiewohl ganz wirkungslosen Schutzmittels, der sog. Frostableiter gedenken, das heisst eines oder zweier um den Baum in der Krone befestigten Strohseile, die zum Boden oder, nach späteren Angaben, in untergesetzte Wasserzuber hineingeleitet und darin mit einem Steine festgehalten wurden, Diese Frostableiter sollten den Frost in die Erde oder das unten stehende Gefäss von dem Baume ableiten, indem das Wasser dann stärker gefriere. Sie sollten bald im Winter überhaupt den Frost ableiten, bald nur in späten Frühlingsfrösten, namentlich in der Blüthe der Bäume wirksam sein und noch Christ sagt, wie oben schon gedacht, dass er es aus vielfältiger Erfahrung wisse, dass diese Frostableiter den Baum, an dem sie angebracht gewesen seien, vor Frost geschützt hätten. Aufgekommen sind diese Frostableiter vielleicht durch den früheren Aberglauben, dass man in der Christnacht den Bäumen etwas schenken müsse, damit sie im kommenden Sommer recht voll trügen und sie dazu dann in der gedachten Nacht mit einem Strohseile umband. Mir ist erinnerlich, dass ich in meiner Jugend noch alle Bäume in einzelnen Gärten mit einem Strohseile umbunden gesehen habe, von dem die Frostableiter vielleicht nur eine Modification sind. Dass sie nicht helfen können, wird Jeder, der mit den Naturgesetzen näher bekannt ist, leicht einsehen. Frost ist nichts Positives, sondern nur eine so und so tief unter den Nullpunkt erniedrigte Wärme, also ein Mangel an grösserer zum Gedeihen oder selbst zum Leben eines Gewächses nöthigen Wärme und sollte der Frostableiter den Baum schützen, so müsste er Wärme aus der Erde oder dem untergesetzten Wassergefässe herauf führen und da ist nun gerade Stroh einer der schlechtesten Wärmeleiter und könnte, wenn er ein besserer wäre, einem ganzen Baume nie auch nur in Nachtfrösten so viele Wärme zuleiten, als der Baum bedürfte. Wir wollen also nun von besseren Schutzmitteln reden.“

So schreibt der Superintendent in Jeinsen J. G. C. OBERDIECK auf Seite 92 seiner kleinen Schrift „Beobachtungen über das Erfrieren vieler Gewächse und namentlich unserer Obstbäume in kalten Wintern; nebst Erörterung der Mittel, durch welche Frostschaden möglichst verhütet werden kann“, Ravensburg 1872, die als „Vereinsgabe des Deutschen Pomologen-Vereins für seine Mitglieder für 1871/72“ abgegeben wird. OBERDIECK schildert seine Beobachtungen während der strengen Winter 1822/23, 1825/26, 1844/45 und besonders 1870/71 und bemüht sich eine Theorie zu formen, die die Entstehung der Schäden erklärt. Das populäre „Gefrieren“ und dadurch verursachte „Aufsprengen der Gefäße“ ist bei näherer Überlegung nicht haltbar – OBERDIECK bringt zu viele Beispiele zusammen, wo bei gleichen äußerlichen Bedingungen anscheinend willkürlich Bäume geschädigt werden, die direkt neben nicht geschädigten stehen. Auch das Auftauen in der Sonne, Glatteis und Reif und was sonst noch an meteorologischen Erklärungen gerne gegeben werden, sind nicht haltbar. OBERDIECK kommt dazu Kombinationen zu beschreiben, die zu Schädigungen führen müssen: Standort, Bodenbeschaffenheit, Verlauf der Kälteeinwirkung etc. – also eine Vielzahl von Faktoren anstelle von monokausalen Erklärungsversuchen. Abhilfe kann er aber  auch nicht schaffen; er verweist am Ende auf die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein derart verheerender Winter wie der von 1822/23 für ein ganzes Land nur maximal zweimal im Jahrhundert, für einen einzelnen Landstrich nur einmal pro einhundert Jahre auftritt – ein schöner Trost, den die Zahlen da ergeben … (mg)

Symbolsuche

„In meiner Volontärzeit in Regensburg lernte ich einen dortigen Altjournalisten kennen, der bei seinen Berichten im wesentlichen mit sechs Wörtern auskam: ‚Veranstaltung’, ‚Maßnahme’, ‚durchführen’, ‚stattfinden’, ‚teilnehmen’ und ‚Initiative’. Das las sich dann etwa so: ‚Nach Durchführung der Veranstaltung kommt es zu einer weiteren Initiative mit einer Maßnahme aller Teilnehmer.’ Im Zweifelsfall war die gemeinte Maßnahme ein Hochamt im Dom.

Das Wörterbuch des Unmenschen? Aber woher denn. Den verehrlichten Altjournalisten – R.i.P. – sehne ich als richtungsweisend und maßstabsetzend oft zurück; z.B. wenn mich Geschoße wie das folgende aus der ‚Süddeutschen Zeitung’ blenden, nein, in diesem Fall nicht von Kaiser, sondern von Doris Schmidt, welche über ‚Beuys’ religiöse Wurzeln’ dies zu Papier bringt:

‚Das Missionarische, das Beuys’ gesamt Werke’ – möglicherweise ein Druckfehler – ‚gesamte Werke, seinen Objekten wie seinen Aktionen anhaftet, ist legitim. Seine Symbolsuche, die sich immer wieder zum Motiv des Kreuzes wendet, hängt zunächst mit Aufgaben im Bereich der religiösen Thematik zusammen. Die Kreuzform bleibt lange Beuys’ zentrales Thema …’

War’s b’suffa, dös Madl? Jaja, es is’ wirkli a Kreuz mit denane Symbolsuachereien, die wo se aa no an dene Motive hinwend’n!

’O meio mei!’ (Karl Valentin) – bei meinem Regensburger Altjournalisten jedenfalls hätte der Sachverhalt schon mannhafter getönt: ‚Eine Missionsveranstaltung wird derzeit im Werk von Beuys durchgeführt. Auch zahllose Kreuze nehmen teil. Anschließend findet noch eine Symbolsuche statt.’“*

*Henscheid, Eckhard: Sudelblätter, 6. Auflage Zürich 1996, S. 79 f.

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Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. (mg)

Scheitern

Das Scheitern ist das große moderne Tabu. Es gibt jede Menge populärer Sachbücher über den Weg zum Erfolg, aber kaum eines zum Umgang mit dem Scheitern. Wie wir mit dem Scheitern zurechtkommen, wie wir ihm Gestalt und einen Platz in unserem Leben geben, mag uns innerlich verfolgen, aber wir diskutieren es selten mit anderen. Statt dessen flüchten wir uns in die Sicherheit des Klischees. Die Vertreter der Armen tun dies, wenn sie an die Stelle der Wörter: ‚Ich bin gescheitert‘ das angeblich heilende: ‚Nein, das bist du nicht, du bist ein Opfer‘ setzen. Wie bei allem, das man sich auszusprechen weigert, werden sowohl die innere Besessenheit als auch die Scham dadurch nur größer. Unbehandelt bleibt der harte innere Satz: ‚Ich bin nicht gut genug.‘

Das Scheitern ist nicht länger nur eine Aussicht der sehr Armen und Unterprivilegierten; es ist zu einem häufigen Phänomen im Leben auch der Mittelschicht [und Oberschicht, eig. Anm.] geworden. Die schrumpfende Größe der Elite macht die Lebensleistung immer schwieriger. Der Markt, auf dem der Gewinner alles bekommt, wird von einer Konkurrenz beherrscht, die eine große Zahl von Verlierern erzwingt. Betriebsverschlankungen und Umstrukturierungen setzen die Mittelschicht plötzlich Katastrophen aus, die im früheren Kapitalismus sehr viel stärker auf die Arbeiterklasse begrenzt waren. Kommt man aber den Forderungen nach Flexibilität und Mobilität nach, verfolgt einen auf subtilere, aber ebenso mächtige Weise das Gefühl, als Familienvater oder -mutter zu scheitern. (…)

Der Gegensatz von Erfolg und Scheitern ist eine Art, sich der Auseinandersetzung mit dem Scheitern zu entziehen. Diese einfache Entgegensetzung bedeutet, daß wir, wenn wir nur genug materielle Nachweise unserer Leistung anhäufen, von Gefühlen des Versagens verschont bleiben (…). Einer der Gründe, warum es schwer ist, Versagensgefühle durch Dollars zu beschwichtigen, ist die Tatsache, daß das Gefühl, gescheitert zu sein, aus tieferen Motiven aufsteigen kann — zum Beispiel, weil es einem nicht gelingt, das eigene Leben vor dem Auseinanderfallen zu bewahren, etwas Wertvolles in sich selbst zu entdecken, zu leben, statt einfach nur zu existieren. (…)“*

*Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 2002, S. 159 f.

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Richard Sennett, geb. 1943 in Chicago, lehrt Geschichte und Soziologie in New York und London. Er gründete in Cambridge (Massachusetts) das Cambridge Institute, ein soziologisches Forschungszentrum. Richard Sennett ist einer der bedeutendsten Soziologen der Gegenwart. Seine Thesen in „Der flexible Mensch“ über die Auswirkungen der Globalisierung auf den menschlichen Charakter wurden auch außerhalb von Fachkreisen heftig diskutiert.

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(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 48. Kalenderwoche 2003)

A Spanish Teacher*

A Spanish teacher was explaining to her class that in Spanish, unlike English, nouns are designated as either masculine or feminine.
„House“, for instance, is feminine: „la casa“. „Pencil“, however, is masculine: „el lapiz“.
A student asked:“What gender is ‚computer‘?“
Instead of giving the answer, the teacher split the class into two groups, male and female, and asked them to decide for themselves whether „computer“ should be a masculine or a feminine noun.

Each group was asked to give four reasons for its recommendation.
The men’s group decided that „computer“ should definitely be of the feminine gender („la computadora“), because:

1. No one but their creator understands their internal logic;
2. The native language they use to communicate with other computers is incomprehensible to everyone else;
3. Even the smallest mistakes are stored in long term memory for possible later retrieval; and
4. As soon as you make a commitment to one, you find yourself spending half your paycheck on accessories for it.

The women’s group, however, concluded that computers should be masculine („el computador“), because:

1. In order to do anything with them, you have to turn them on;
2. They have a lot of data but still can’t think for themselves;
3. They are supposed to help you solve problems, but half the time they ARE the problem; and
4. As soon as you commit to one, you realize that if you had waited a little longer, you could have gotten a better model.

The women won.

*Joke sent by a Canadian friend.

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(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 4. Kalenderwoche 2008)

Boswell

On the 20th of July 1764 James Boswell decides to be himself.

He is in Berlin on his Grand Tour, 24 years of age. He does not longer try to be as his friends Johnston, Temple or the great Mr. Johnson – from now on he wants to be Boswell. His father, a Scottish judge and Laird of Auchinleck, expects his son to follow him up, to be his successor. In a few years James will take the exams and he will try to live the life of an honourable Scottish nobleman.

It will go absolutely wrong.

Scottland is boring, the marriage unsatisfactory, the work brainmelting. He will have affairs and alcohol and finally escape to London only to slowly but steadily ruin himself. He will die working on the biography of his friend Samuel Johnson, 1795.

Boswell is a man of letters, an intellectual, an interviewer, curious, reckless, an unlimited narciss. He wants to know himself and he learns himself, writing. Blessed – or cursed – with a cast iron memory, short notices are sufficient for him to bring his journal up to the latest, to remember conversations and occurences even after longer breaks. On his Grand Tour he writes in the evening or in the night. He creates memoranda, short notes, requests to himself for the coming day – the most beautiful for 21st of July 1764:

„Be yourself. Be unique. Be happy!“

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I have only the German translation available (James Boswell: Journal. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Helmut Winter (Universal-Bibliothek Nr. 9429), Stuttgart 1996, S. 92 und Anmerkung 10, S. 431) and could not locate an English text on the web, so I hope I did him no harm. (mg)

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(DIAGNOSIS Specialty No. 8, 2007)