Schlagwort-Archiv: Kultur

Sonntagsbeilage, 15. März 15

Der Mensch macht Musik, sicherlich seit Anbeginn seines Menschseins. Sehr wahrscheinlich saß der Frühmensch am Feuer in der Höhle und sang, Steine rhythmisch aneinander klopfend, von den Dingen, die ihm wichtig waren: Die Götter, die Jagd, das beste Rezept für Selbstgebrautes. Bald baute der Mensch spezielle Instrumente, deren einziger Zweck darin bestand, Töne zu erzeugen: In Höhlen der Schwäbischen Alb wurden circa 35.000 Jahre alte Knochenflöten gefunden, so im „Hohlen Fels“ und in der „Geißenklösterle-Höhle“ – ja, die Schwaben …
Daneben gibt es auch Instrumente, die für einen ganz anderen Zweck erfunden, konstruiert und zusammengebaut worden sind, die ebenfalls Töne produzieren, allerdings unmelodisch, ungeordnet, eben un-musikalisch.
Aber das kann man ja ändern.
Ich rede von DIngen unserer Arbeitswelt, die jeden Computerbenutzer umgeben oder umgaben:  Drucker (dot-matrix printer), Diskettenlaufwerke (5-Zoll-Floppy-Laufwerke) und natürlich auch Scanner.
Beliebt sind neben klassischen Stücken – Pachelbels Kanon auf Floppies (hier), Bachs Toccata auf einem Dot-matrix-Drucker (hier) und Beethovens „Elise“ auf einem Scanner (hier) – auch Themen und Erkennungsmelodien von elektronischen Spielen wie z.B. „Tetris“ oder „Duke Nukem (hier), und selbstverständlich werden auch modernste Geräte kreativ umgenutzt: Hier gibt ein moderner 3D-Drucker das Thema der „Legends of Zelda„-Spieleserie von sich; es hört sich doch eher nach dem Wachszylinder eines frühen Phonographen an.
Der menschlichen Kreativität sind scheinbar keine Grenzen gesetzt – egal, ob es sich um Schweineknochen oder 3D-Drucker handelt: Hauptsache, man kann damit spielen.
Und weil’s so schön ist – Soft Cell, Tainted Love, 13 Floppies, eine Festplatte.

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(mg)

Sonntagsbeilage, 1. März 15

Theodor FONTANE – für manche einer der langweiligsten Schreiber deutscher Zunge aller Zeiten, für andere einer der großartigsten Stilisten des neunzehnten Jahrhunderts, der in einer Reihe mit HEINE zu stehen kommen sollte, FONTANE, sage ich, schreibt vier Bände „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Hierbei handelt es sich um wirkliche Wanderungen, die ihn „ins Blaue“, durch lichte Nadelholzungen und über sandige Wege an stille Orte seiner geliebten Mark führen. Der fünfte und letzte Band dieser „Wanderungen“, erschienen 1889 unter dem Titel „Fünf Schlösser.  Altes und Neues aus Mark Brandenburg“, enthält nicht Wanderungen, sondern hier handelt es sich um geplante Reisen und Archivstudien, die Lücken der vorhergehenden Bände schließen sollen.
FONTANE behandelt auch die Geschichte des Schlosses Liebenberg und seiner interessanten Besitzer im neunzehnten Jahrhundert, Vater und Sohn  von HERTEFELD, aber darum soll es jetzt nicht gehen, sondern um eine Königin.

„Der älteste Sohn dieses Ehepaares ist der gegenwärtige Graf Sandels, Samuel August, geboren 1810. Er trat früh in die Armee, war aber nichtsdestoweniger durch eine lange Reihe von Jahren hin Kammerherr bei der Königin Desirée, Gemahlin Karl Johanns XIV. (Bernadottes) von Schweden. Desirée war eine Tochter des Marseiller Bankiers Clari und gab Napoleon einen Korb, um den damaligen Advokaten Bernadotte zu heiraten. Sie war eine sehr originelle Dame, schlief bei Tag und war auf in der Nacht. Um vier Uhr morgens aß sie zu Mittag. In jedem Jahre reiste sie mit großem Troß nach Frankreich, kam aber immer nur bis an die schwedische Küste und kehrte dann, aus Furcht vor dem Wasser, nach Stockholm zurück. Es war deshalb die Regel, auf der Hinreise schon die Nachtquartiere für die Rückreise zu bestellen. Im Dienste dieser Dame stand Graf Sandels bis an den Tod derselben. Er wurde dann, auf weitere zehn Jahre hin, Hofmarschall bei König Oskar I. All dieser Hofämter unerachtet blieb er im Armeedienst und ist gegenwärtig kommandierender General der Gardetruppen und des Korps von Südermannland, Gouverneur von Stockholm, Präses des obersten Militärgerichtshofes und Ritter des Seraphinenordens. Er vermählte sich mit der Freiin von Tersmeden, einer hugenottischen Familie zugehörig, die schon bald nach der Bartholomäusnacht aus Frankreich emigrierte.“

Der biographische Wikipediaartikel sagt leider nichts über die seltsame Zeiteinteilung der Königin Desideria von Schweden und Norwegen (Dt., Eng.). Allerdings war sie einige Zeit mit dem damals noch nicht bedeutenden General Napoleon BUONAPARTE verlobt, vor 1796, da war sie (1777 geboren) um die 18 Jahre alt; ihre Schwester heiratete einen seiner Brüder. Napoleon seinerseits heiratete flugs Josephine (1796), die ihm gesellschaftlich von mehr Nutzen sein konnte. Dass das Fräulein CLARY dem nachmaligen Kaiser und Weltenerschütterer einen Korb gab, womöglich um „dem Herzen zu folgen“, ist also eine durchaus romantische Sichtweise.
Jedenfalls heiratete sie im August 1798 Jean-Baptiste BERNADOTTE, im nächsten Jahr kommt der gemeinsame Sohn Oskar auf die Welt – der von FONTANE erwähnte spätere König von Schweden und Nachfolger seines Vaters. Der ältere BERNADOTTE wurde vom kinderlosen schwedischen Königspaar als Thronfolger adoptiert. Vater und Sohn lebten ab 1810 in Schweden, während Desirée bis 1823 unter dem Pseudonym „Gräfin von Gotland“ in Paris blieb. Sie kam erst anlässlich der Eheschließung ihres Sohnes nach Stockholm und lebte noch bis 1860 auf Schloss Rosersberg, umsorgt von Graf SANDELS.

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(mg)

Sonntagsbeilage, 16. November 14

„Schließlich besteht ein immer wieder auftretender Denkfehler der pauschalen Technikbewertung darin, daß die zugrundeliegenden Bewertungsmaßstäbe im unklaren bleiben und unversehens gewechselt werden. Ein Beispiel: Man kritisiert den Autoverkehr, indem man auf die vielen Opfer von Verkehrsunfällen, auf die Luftverschmutzung durch Auspuffgase und die störende Geräuschentwicklung hinweist; man bezieht sich dabei auf die Werte der Lebenserhaltung und der Gesundheit, die in unserer Gesellschaft wohl unumstritten sind. Auch die Befürworter des Autos nehmen die Kritik ernst, geben aber zu bedenken, daß nur das Auto dem einzelnen ermöglicht, schnell, bequem und geschützt gegen Wind und Wetter zu fahren, wann und wohin immer er will; sie sehen die Chance zur selbstbstimmten Mobilbität als ein Stück individueller Selbstentfaltung an und beziehen sich damit ebenfalls auf einen Wert, der in unserer Gesellschaft einen hohen Rang genießt. Dem halten nun die Kritiker des Autos entgegen, daß die räumliche Mobilität in Wirklichkeit zur individuellen Selbstentfaltung gar nicht nötig sei, sondern den Menschen nur durch verfehlte Siedlungsformen und falsche Verhaltensmodelle aufgezwungen werde;  nicht Mobilität, sondern Bodenständigkeit führe zur wahren Selbstentfaltung.
Was ist hier geschehen? Im ersten Teil der Diskussion halten sich beide Seiten an das herrschende Wertsystem und stoßen auf einen Wertkonflikt. In diesem Augenblick verläßt der Kritiker des Autos die gemeinsame Wertbasis und führt eine ganz neue Wertvorstellung ein, die gegenwärtig von den meisten Menschen nicht geteilt wird und auch nicht ohne weiteres verwirklicht werden könnte. Weil man dem Wertkonflikt entgehen möchte, ändert man die Bewertungsbasis: Urteilte man zunächst nach Kriterien der gegenwärtigen Gesellschaftsverfassung, so unterschiebt man schließlich Kriterien einer völlig anderen Gesellschaftsverfassung und wechselt damit unversehens auf eine ganz neue Ebene der Diskussion.
Als Denkfehler bezeichne ich natürlich nur den unbemerkten Wechsel der normativen Bezugsbasis und die undurchschaute Verwechslung verschiedener Wertsysteme. Ich wehre mich nicht dagegen, eine bestimmte Technik mit verschiedenen Wertsystemen zu beurteilen, wenn man sich jeweils im klaren ist und eindeutig angibt, welches Wertsystem man zugrunde legt; und ich wehre mich auch nicht dagegen, daß man über konkurrierende Wertsysteme diskutiert. Nur soll man nicht so tun, als diskutiere man über das Auto, während man in Wirklichkeit verschiedene Wertvorstellungen gegeneinander ausspielt.“ *

So Günter ROPOHL (Dt., Eng.), Fertigungsingenieur und Technikphilosoph, in seinem 1985 veröffentlichten Buch zur „unvollkommenen Technik“, in dem er sich gegen pauschalisierende Urteile über Technik – gleichgültig ob pro oder contra – ausspricht, und zu „technischer Aufklärung“ mahnt. In der Mitte der 1980er Jahre waren heute allgegenwärtige Produkte der „consumer electronic“ (alles was mit „i-“ anfängt z.B.) noch Fantasie. Es stand ja noch nicht einmal auf wirklich jedem Schreibtisch ein „personal computer“, und das Internet – ach … Die technische Entwicklung der letzten dreißig Jahre ist beeindruckend, erstaunliche Möglichkeiten, auch des Missbrauchs, haben sich aufgetan. Um so lauter sollte der Ruf nach „technischer Aufklärung“ – im Sinne Kants und nicht der NSA – heute erschallen. Es wäre interessant ROPOHLs Meinung zu aktuellen Entwicklungen zu hören.

(mg)

*ROPOHL, Günter: Die unvollkommene Technik, 1. Aufl. Frankfurt/Main 1985 (suhrkamp taschenbuch 1213), S. 69-70

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Sonntagsbeilage, 2. November 14

Zeit ist Geld

„Zunächst, vom 14. ins 18. Jh., geht es um die Veränderung der großen Lebens- und Arbeitsrhythmen, der Perioden, in denen gewacht und geschlafen, gearbeitet, gegessen, verhandelt, geliebt und gelernt wurde. Hier gibt es die entscheidenden Disziplinierungsschübe, die mit der Umwandlung der agrarischen in die manufakturiellen und schließlich industriellen Gesellschaften einhergingen.
Nachdem die Uhren genau geworden sind, können auch die Arbeitszeiten exakter definiert werden, können und müssen Verabredungen eingehalten, Geschäfte präzis terminiert, Zeitpläne für alles und jedes aufgestellt werden. Ein Mittel, das jahrhundertelang neben anderen Mitteln dazu gedient hatte, Waren zu tauschen, wurde allmählich zum ausgezeichneten Tauschmittel, das Geld. Mehr und mehr mißt es nicht von Kultur zu Kultur variierende Werte, Naturalien, Böden, bewegliche Güter. Auf der Suche nach dem Raster, auf das tendenziell alle Güter bezogen, nach dem sie verglichen, verhandelt, getauscht werden könnten, wird das Geld zum Maß für die in etwas investierte Zeit, Herstellungszeit, Transportzeit, Abnutzungszeit. Nach der Uhr, die den Zeittakt gibt, wird das Geld zu dem Ding, das sie zählt und aufbewahrt, damit sie getauscht werden kann. Geld wird „gespeicherte Zeit“. Die drei wichtigsten Funktionen des Geldes – daß es Werte mißt, tauscht und speichert – lassen sich in einer einzigen zusammenfassen: Es hält die Zeit fest. Die verrinnende, flüchtige Zeit, die mit den Uhren ja nicht zu beeinflussen ist, nur sichtbar gemacht wird, als immer verschwindende, unaufhaltsame Bewegung, mit dem Geld wird sie in ein Stück Metall gepreßt, in ein Papier geschrieben, zu einer Summe gemacht, die bearbeitet werden kann. Mit dem von allen als abstrakter Wertmesser anerkannten Geld scheint ein Mittel gefunden zu sein, das gegen die Ungewißheiten, die plötzlichen Änderungen, gegen Unfälle und Katastrophen zu helfen verspricht: die flüssige, ungreifbare Zeit erstarren läßt, in berechenbare Zahlen verwandelt. Das Geld selbst wird so auch in Kooperation mit der Uhr und dem Kalender zum wichtigsten jener ’sozialen Signale‘, die die inneren Uhren einzustellen erlauben, das die individuellen Aktivitäten als soziale koordiniert. Nur weil es auf sofortige Befriegung drängende Triebansprüche aufzuheben und zu verschieben vermag, eine größere, intensivere Befriedigung in der Zukunft verspricht, kann sich jenes langfristige Wirtschaften der modernen Gesellschaften entwickeln, welches nach und nach die alten Subsistenzökonomien ablöst. Das Geld wird zu der zwischen innen und außen oszillierenden ‚Hemmung‘, zu jenem Schalter, der die Wünsche einstellt, der den kurzfristigen in einen langfristigen Triebhaushalt verwandelt, so daß er den sozialen Haushalt speisen und fortzutreiben vermag.
Daß es sich beim Geld um eine besondere Materialisierung von Zeit handelt, wird nirgends deutlicher als in der Auseinandersetzung um den Zins, der ja nichts anderes darstellt als den durchaus erfolgreichen Versuch, die Dauer der Geldzirkulation zu bewerten, d.h. Zeit direkt in Geld umzuformulieren. Für das Mittelalter, für die Theologen, welche die öffentliche Moral zu vertreten hatten, war das Zinsnehmen wie überhaupt der Handel mit Geld im Grunde eine Sünde, der Zins nichts als Wucher. Diese Einschätzung verschärft sich noch in dem Maße, wie die neuen Wirtschaftsformen sich durchsetzen und den Geldhandel in immer größeren Umfang nötig machen.“ *

So schreibt der Siegener Germanist Peter GENDOLLA in seinem sehr lesenswerten Essay über Zeit von 1992.

(mg)

*GENDOLLA, Peter: Zeit. Zur Geschichte der Zeiterfahrung. Vom Mythos zur ‚Punktzeit‘. Köln 1992 (DuMont-Taschenbücher, 279), S. 51-52

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Sonntagsbeilage, 14. September 14

„Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Revolution – und in einem gewissen Sinne bis heute – wird die russische Kultur vom Streit zwischen Westlern und Slawophilen bestimmt. Während die Westler, früher wie auch heute, den Grund für alles Unglück Rußlands in seinem kulturellen, technischen und sozialen Rückstand gegenüber dem Westen sehen, sind die Slawophilen, früher wie auch heute, der Ansicht, die Ursache dieses Unglücks sei die Kluft zwischen dem russischen Volk, seinen Traditionen und spezifischen geistigen, psychologischen und sozialen Prägungen sowie, auf der anderen Seite, den russischen Staatsinstitutionen, die zur Zeit Peters des Großen aus dem Westen importiert wurden. Die Reformen Peters des Großen hätten eine unüberwindliche Kluft aufgerissen zwischen der kleinen und völlig europäisierten Schicht derer, die im Land die Macht ausüben, und der riesigen Mehrheit der Bevölkerung, die dieser Kultur fremd geblieben ist. Nach den Ansichten der Slawophilen habe diese Kluft dazu geführt, daß die gebildete Gesellschaftsschicht sich wie ein Okkupant in einem fremden Land aufführte. Wobei die Situation noch dadurch verschärft wurde, daß diese herrschende Schicht auch ethnisch wohl kaum als russisch bezeichnet werden konnte. Ein hoher Prozentsatz war traditionell deutsch – die Deutschen bildeten einen großen Teil der regierenden Bürokratie, in der sie häufig Schlüsselpositionen innehatten. Außer den Deutschen gab es in der höchsten russischen Gesellschaft einen großen Anteil von Georgiern (zum Beispiel bestand Nikolaus‘ Leibwache fast gänzlich asu Georgiern), Polen, Armeniern, russifizierten Tartaren usw. Die Sprache der russischen Aristokratie war traditionsgemäß das Französische, und ihrem Bewußtsein nach war diese Aristokratie äußerst kosmopolitisch. Am wohlsten fühlte sie sich in den modischen europäischen Badeorten, am unwohlsten in Rußland.
[…]
Fast das gesamte 19. Jahrhundert über war das Slawophilentum in Rußland eine eher oppositionelle Bewegung, zugleich aber unter der Intelligenz, die eher westlerische Ansichten hegte, wenig populär. Ab den achtziger Jahren wurde es im Kulturleben des Landes jedoch dominierend, was im wesentlichen durch zwei politische Ereignisse hervorgerufen wurde; die Befreiung der leibeigenen Bauern durch Alexander II. im Jahre 1861 und Alexanders Ermordung durch linke Terroristen im Jahre 1881.
[…]
Dostojewski ist in dieser Hinsicht besonders charakteristisch. Die Zwangsarbeit in Sibirien hatte ihn sehr direkt mit dem Volk in Berührung gebracht. Mit der Zeit empfand er dem Volk gegenüber jenes gemischte Gefühl von Mitleid und Verachtung, das den spezifischen emotionalen Hintergrund der damaligen russsichen Geistesgeschichte bildet und das man in vollem Ausmaß auch bei Solschenizyn entdecken kann, der ebenfalls über Lagererfahrung verfügt. Einerseits Mitleid zu einem Volk, das ausgebeutet wird von herrschenden Klassen, denen es gleichgültig ist und die auf eine „kapitalistische Plutokratie“ westlicher Prägung ausgerichtet sind; andererseits das klare Bewußtsein, daß das Volk, wenn man ihm die Freiheit gibt, sich nicht als das von Gott erleuchtete Volk erweist, wie die früheren Slawophilen geglaubt hatten, sondern Raublust und sinnlose  Grausamkeit an den Tag legt. Pures Mitleid oder pure Verachtung hätten zur Idee des Liberalismus und der Demokratie führen können, aber die Kombination von beiden führte (und führt noch heute) zwangsläufig zur Idee der Monarchie, um das Volk sowohl vor der Ausbeutung durch andere wie auch vor sich selbst zu schützen.“*

Fürst Felix JUSSUPOFF (Dt., Eng.) (1887-1967) ist einer der Mörder Rasputins (Dt., Eng.) (1869-1916). Er emigrierte und veröffentlichte seine als „Erinnerungen“ getarnte Rechtfertigungsschrift zuerst 1928 in Berlin, Klabund (Dt., Eng.) (1890-1928) steuerte ein Vorwort bei. Diese Ausgabe von 1928 wurde 1985 in München neu aufgelegt, erweitert um die hier zitierte Studie zu Jussupoff von Boris GROYS (Dt., Eng.). Es ist wichtig sich vor Augen zu halten, daß dieser Text vor mitlerweile dreißig Jahren entstand, noch vor dem Ende der Sowjetunion, lange vor der Herrschaft von Präsident Putin. Nichtsdestoweniger dürfte das, was GROYS beschreibt, im Wesentlichen heute noch gelten.

(mg)

*GROYS, Boris: Felix Jussupoff. Eine Studie. In: Fürst Felix Jussupoff: Rasputins Ende. Mit einer Studie von Boris Groys. Frankfurt am Main 1990 (Insel taschenbuch 1282), S. 26-29.

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Sonntagsbeilage, 7. September 14

„Das Gespräch wurde während des Wartens weitergeführt, und der Arzt fragte Dumas, ob er die ‚Etruskische Vase‘ von Merimée gelesen habe. Der Dichter war ob der Frage sehr erstaunt. Der Arzt: ‚Nun, in dem Stück wird behauptet, daß ein tödlich von der Kugel Getroffener sich einige Male um sich selbst dreht, bevor er fällt. Ich möchte mich davon, vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus, selbst überzeugen.‘ Darauf Dumas: ‚Wenn dir ein Gefallen damit geschieht, will ich mir alle Mühe geben es an mir selbst zu beobachten.‘

Dann hatte der Gegner seine Stellung eingenommen. Das Duell konnte beginnen. Der erste Schuß gehörte Gaillardet. Dieser hob die Pistole, zielte auf Dumas, wartete noch eine ganze Weile und drückte schließlich ab. Die Kugel pfiff an Dumas vorbei. – Er atmete auf! Nun war die Reihe an ihm. Zu schnell ging er vor – und schoß ebenfalls daneben. Temperamentvoll verlangte Dumas weiterzukämpfen – bis einer auf der Strecke bliebe. Der Gegner war einverstanden. Jedoch die Sekundanten, die um das Leben des berühmten Mannes bangten, weigerten sich die Waffen nochmals zu laden. Ja, sie lehnten jeden weiteren Beistand ab. Damit war das Duell nach dem Ritual beendet. Die verhängnisvollen drei Sternchen und ihre Auswirkungen beschäftigten die Zeitungen von Paris noch lange Zeit.

Dr. Birio hingegen hatte später Gelegenheit sein wissenschaftliches Experiment an sich selbst zu erproben. Er nahm in Paris an der Revolution im Juni 1848 teil. Auf der Barrikade des Pantheons traf ihn ein Schuß durch die Lunge in das Rückenmark. Wie berichtet wurde, drehte er sich dreimal und rief noch: ‚Es ist richtig, man dreht sich!‘ Dann starb er.“ *

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Es handelt sich um den älteren Alexandre DUMAS (1802-1870) (Dt., Eng.), den Autor der Drei Musketiere und des Graf von Monte Christo. Der Anlass für das Duell ist verletzte Eitelkeit auf seiten des Herausforderers GAILLARDET (1808-1882) (Fr.). Dieser hatte ein Theaterstück geschrieben, das aber verbesserungswürdig war. Der Theaterdirektor, der das Stück angenommen hatte, bat DUMAS um eine Überarbeitung. Das allein sorgte schon für heftige publizistische Auseinandersetzungen. Als auf dem Theaterprogramm – auf dem DUMAS‘ Name unterdrückt werden sollte – vor dem Namen GAILLARDET aber drei Pünktchen abgedruckt wurden, war für diesen das Maß voll und die Ehre musste mit der Waffe wiederhergestellt werden.

Über Dr. Birio habe ich nichts herausfinden können. Da die Autorin aus DUMAS‘ Autobiographie zitiert, besteht sicherlich kein Zweifel daran, dass Dr. Birio eine tatsächliche Person ist. Ob er aber wirklich sich „dreimal um sich selbst drehte“ und seinen denkwürdigen Ausspruch tat, als er in Paris erschossen wurde? Das hört sich doch ein wenig zu arg nach Ausschmückung an – und wer war besser im Ausschmücken als der ältere DUMAS?

(mg)

* SCHMIEDEL, Helga: Berüchtigte Duelle. Berlin Leipzig, 1. Auflage 1992, S. 75-76

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Zur Ökonomie des Teilens

In einen interessanten Beitrag auf der Süddeutschen online: “Warum heute keine Revolution möglich ist” beschreibt der Autor Byung-Chul Han, Philosoph und Kulturwissenschaftler an der Universität der Künste Berlin, wie sich die Menschen dem neoliberalen System freiwillig unterwerfen. Besonders bedenkenswert finde ich seine Sätze über die “Ökonomie des Teilens” – Fazit und Schluss-Satz des Beitrags: “Der Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution.”

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Sonntagsbeilage, 10. August 14

Vor ein paar Tagen habe ich (mal wieder) eine Kelleferführung im Staatlichen Hofkeller (Dt.) unter der Residenz in Würzburg (Dt., Eng.) mitgemacht. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die einzelnen Führer ihre Veranstaltung gestalten, diesmal war’s recht lebhaft und die Geschichte vom „Schwedenfass“ (Dt.) wurde erzählt – die hatte ich noch nicht gehört.

Der Sommer 1540 muss einer der trockensten seit Menschengedenken – und ebenso für die kommenden Generationen – gewesen sein. Die Trauben sind am Stock verdorrt und ein wenig faulig wurden sie wohl auch. Der Bischof ließ trotzdem ernten und keltern. Was man in diesem Jahr anscheinend noch nicht wusste, später aber – durch selbstloses Probieren – herausfand: Diese Trockenbeerenauslese (Dt., Eng.) wurde ein Jahrhundertjahrgang, manche sprechen sogar von einem „Jahrtausendjahrgang“.
Das flüssige Gold wurde auf Flaschen gezogen, die lagerten auf der Festung, denn die Residenz stand ja noch nicht.

1631 kommen die Schweden und die Festung wird – das einzige Mal in ihrer Geschichte – von gegnerischen Truppen eingenommen, Schotten und deutschen Söldner, nebenbei. Der Herr Fürstbischof setzt Prioritäten und lässt den Jahrhundertwein in weiser Voraussicht in Sicherheit bringen; das heißt, die Flaschen werden vergraben. Leider geht in der anschließenden panischen Flucht das Wissen um den genauen Ort verloren, der Wein bleibt verschwunden.

Im Jahr 1684 wird im Gramschatzer Wald zufällig das Weinversteck entdeckt. Der damalige Fürstbischof Konrad Wilhelm von WERNAU (Dt., Eng.) lässt ein Fass bauen und mit dem verbliebenen Wein aus den Flaschen auffüllen. Der Wein ist ausgezeichnet und bei ganz besonderen Gelegenheiten gibt’s einen Fingerhut davon, der Pegel sinkt.

Das ändert sich im 19. Jahrhundert, unter dem bayerischen König Ludwig II. Ludwig hatte wohl kein besonderes Interesse an inzwischen mehr als 300 Jahre altem Riesling, sah aber die Gelegenheit gutes Geld zu machen und damit den Schloßbau in Bayern zu fördern. Also wurde das Schwedenfass geleert, der Inhalt auf Flaschen gezogen und die Flaschen einzeln verkauft oder versteigert, um aus dem Erlös wichtige Infrastrukturmaßnahmen in Altbayern zu fördern. Der Wein selbst war im 19. Jahrhundert wohl noch durchaus gut trinkbar.

Nach Auskunft des Kellerführers sind in England zu Beginn der 1950er-Jahre mehrere Flaschen des legendären Jahrgangs zum Verkauf gekommen und zwei oder drei kamen nach Deutschland: Eine steht wohl in der Sammlung „Weinmuseum“ im Historischen Museum der Pfalz (Dt., Eng.) in Speyer, eine ist im Besitz des Staatlichen Hofkellers.
Allerdings ist das Würzburger Fläschchen leer, denn im Jahr 1966 kam es zu einer internationalen Verkostung von altem Wein in der Residenz, da wurde auch die letzte Pulle geköpft. Die Einschätzungen darüber, ob der mitlerweile 426 Jahre alte Wein noch trinkbar sei, scheinen etwas zu divergieren. Anscheinend ist die Flüssigkeit doch recht schnell „gekippt“, hat also an der Luft mit dem Sauerstoff reagiert und sich in etwas kaum mehr weinartiges Anderes verwandelt.

Das Eichenfass ist jedenfalls immer noch da, inzwischen auch schon rund 330 Jahre alt. Vielleicht gibt’s ja wieder einen „Jahrhundertjahrgang“, dann ist wenigstens das passende Behältnis schon vorhanden.

(mg)

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Sonntagsbeilage, 20. Juli 14

Daß Archive und Bibliotheken gefährliche Orte sind, besonders für diejenigen, die darin arbeiten, das wissen wir ja schon. Aber dass das Abstatten von compliments auch zu Schaden an Leib und Leben führen kann, das ist dann doch neu.
Jedenfalls spricht davon Julius Bernhard von ROHR (Dt.) im 44. und letzten Paragraphen des 5. Kapitels, ersten Teils seiner Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft der Privat-Personen, Berlin 1728 – und man darf füglich annehmen, daß Herr von ROHR weiß, wovon er spricht.

„§.44. Endlich mag sich ein junger Mensch, und ein jedweder angelegen seyn lassen, mit der Manierlichkeit und Wohlanständigkeit, auch die Behutsamkeit zu vereinigen, damit er seine Complimen[t]s so einrichte, daß er über den vielen Complimentiren an seinem Leibe keinen Schaden leide, oder gar des Lebens verlustig werde. Daher muß er im Zuwillgehen aus ein Gemach einer Fürstlichen Person oder eines großen Ministris, die er stets in Augen behalten, und ihr nicht den bloßen Rücken zukehren muß, vorher Acht haben, was ihm e[t]wan an Tischen, Stühlen, und andern Meublen bey dieser Passage im Wege stehe, oder ein wenig seithalben gehen;  insonderheit aber sich bey den Treppen wohl wahrnehmen soll, daß er nicht hinunter schmeisse, inmaßen ja unterschiedene Exempel vorhanden, daß einige diese Unvorsichtigkeit, da sie die Treppe herunter gestürtzt, das Leben gekostet.“

Man mag es sich kaum vorstellen: Stunden, vielleicht Tage des Antichambrierens; endlich Einlass und Audienz gewährt; die compliments ohne Stottern vorgebracht, vielleicht sogar ein Leuchten der Anerkennung im Augen des Allergnädigsten erreicht; dann retirade, wie gelernt, rückwärts, am meublement vorbei – keine Vase runtergeschmissen. Dann auf der Treppe vertreten, runtergepurzelt und den Hals gebrochen.
Vorzeitiges Ende einer verheißungsvollen Karriere.

An welche „unterschiedene Exempel“ mag Herr von ROHR gedacht haben? Dass er um welche wusste, scheint mir gewiss. Das wäre doch eine lohnende Aufgabe, derartige Unfälle bei Hofe einmal zusammenzustellen. Quellen könnten Memoiren, (Auto-)Biographien, Briefe, vielleicht auch Akten, sein. An Tratschtanten des 18. Jahrhunderts fällt mir eigentlich nur der Ritter von Lang (Dt.; Eng.) ein, und soweit ich weiß, gibt es keine Quellensammlung oder Untersuchung zum Tratsch an den Höfen der Frühen Neuzeit – obwohl doch genau der als wesentlicher und zu berücksichtigender Teil der sogenannten „Hofkultur“ angesehen wird, von den Zeitgenossen wie von den heutigen Forschern.
Vielleicht bin ich ja gerade auf ein Desiderat der Forschung gestoßen.

(mg)

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Sonntagsbeilage, 13. Juli 14

Den Freitagnachmittag verbrachte ich in besonderer Gesellschaft, nämlich mit Cuthswyth und Kilian, Hieronymus und Dunstan aus Schottland.
In dieser Form werden wir nicht wieder zusammenkommen – und hätte ich mich getraut und meine weißen Baumwollhandschuhe dabei gehabt, dann hätte ich sie sogar anfassen können. Aber ich weiß, was sich gehört.

Cuthswyth war Äbtissin in einem Kloster in der Nähe von Worcester, möglicherweise Inkberrow (Eng.). Sie hat ungefähr zwischen 650 und 700 gelebt, man findet ihren Namen in zwei Urkunden um 700.
Cuthswyth hat ein Buch besessen, nämlich einen Kommentar von St. Hieronymus über das Buch Ecclesiastes (auch Kohelet oder Prediger) – allerdings war es keine Neuausgabe, sondern auch schon circa 200 Jahre alt, geschrieben um 500 in Italien, vielleicht Rom.
Aus Gründen, die wir nicht mehr erfahren werden, hat Cuthswyth ihren Namen in dieses Buch geschrieben. Genau schrieb sie: „Cuthsuuithae boec thaerae abbatissan“. Das „abbatissan“ hat sie in der folgenden Zeile noch einmal wiederholt. Schauen Sie selbst!

Es ist äußerst ungewöhnlich, daß man in einem frühmittelalterlichen Buch einen Besitzeintrag findet – und noch ungewöhnlicher ist, daß es der Name einer Frau ist. Aber es gibt Hinweise auf frühe Schreiberinnen – zusammengetragen in diesem Artikel von Dr. J.A. KOSTER. Wenn die Datierungen korrekt sind, dann ist dieses früheste Zeugnis von geschriebenem „Englisch“ älter als „Beowulf“; das englische Nationalepos ist erst gegen Ende des zehnten Jahrhunderts schriftlich fixiert worden und nach allgemeiner Ansicht im Lauf des achten Jahrhunderts entstanden.

DAS Schaustück aber war ein Band des Würzburger Kilians-Evangeliars aus dem neunten Jahrhundert: Wir durften M.p.th.f.66 aus nächster Nähe sehen.

Der Anlass für diese äußerst ungewöhnlich Schau war, dass die Digitalisierung der Würzburger Dombibliothek abgeschlossen ist (Liste der Ms.). Das gesamte Projekt wird weitergehen, aber dies ist ein besonderer Meilenstein für das ganze Unterfangen.

In dieser Form wird eine Besichtigung der Bücher nicht mehr stattfinden – die Digitalisate stehen nun weltweit zur Verfügung: Die Wiedergabe ist farbtreu (vorausgesetzt, man hat seinen Monitor kalibriert); es ist möglich kleinste Details zu vergrößern; es ist möglich zu messen – Abstände genau festzustellen – und man kann sich einfach an den Illuminationen freuen. Und das alles, ohne dass den Originalen etwas passiert – die wurden noch am Abend an ihren sicheren Aufbewahrungsort zurückgebracht und dort bleiben sie, ungestört und ungefährdet für hoffentlich noch lange Zeit.

Zu meinen Lebzeiten werde ich Cuthswyth nicht wieder sehen.

(mg)