Schlagwort-Archiv: Gesellschaft

Sonntagsbeilage, 19. April 15

„Auf einer südöstlichen Landspitze Attikas (Dt., Eng.) steht der berühmte Tempel von Sunion, der für Poseidon, den Gott des Meeres, erbaut wurde. Zur Zeit des Perikles (Dt., Eng.) um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. errichtet, existierte er noch nicht, als die assyrischen Armeen Israel überrannten oder als die im vorausgegangenen Kapitel beschriebenen Ereignisse bei den Juden stattfanden. Obwohl also der ehemals weiße Marmor mit der Zeit dunkel geworden ist, kann Sunion immer noch als Ausdruck des Neuen in seinem Zeitalter betrachtet werden. Allein die Tatsache, daß mit diesem Tempel nicht nur eine Gottheit, sondern auch die Schiffe und Männer Athens, die Sieger über die persische Flotte bei Salamis (Dt., Eng.), geehrt wurden, machte ihn zu einem menschlichen Monument und nicht nur zu einer Andachtsstätte. Mehr noch: Wenn seine anmutigen Säulen zum ersten Mal in das Blickfeld eines Reisenden kommen, der sich Griechenland per Schiff nähert, vermögen sie ein intensives Gefühl für den Wandel der Zeiten wachzurufen. Mit schweigender Beredsamkeit verbreiten sie eine Atmosphäre, die sich sehr von der des Alten Testaments unterscheidet, welche von Mahnung, Verdammung, hingebungsvollem Monotheismus und selbstgerechter Gewalt durchdrungen war. Wahrscheinlich teilt nicht jeder Beobachter diesen Eindruck; aber jeder, der ihn hat, muß sich fragen, woher er kommt.“ *

Franklin L. FORD (keine Wikipediaeinträge vorhanden, obit.) schrieb eine Geschichte des politischen Mordes von den Anfängen der Geschichte bis hin zum modernen Terrorismus. Der zitierte Abschnitt steht am Beginn des zweiten Kapitels „Die Griechen“ – und ich habe ihn recht eigentlich nur wegen des schönen Wortes in der drittletzten Zeile hierher gesetzt, nämlich wegen „selbstgerechter Gewalt“. Das scheint mir so passend zu sein, auch für die heutigen Zustände im Nahen Osten. Die Griechen des Goldenen Zeitalters haben gezeigt, daß es auch anders geht, daß Politik ohne Gewalttätigkeit auskommen kann, daß man Staat und Gesellschaft auf eine Verfassung gründen kann, auf menschliches Recht also, nicht auf wie auch immer geartete „göttliche“ Offenbarung, die eben zu der genannten selbstgerechten Gewalt führt. Denn wer im Namen des Herrn mordet, der kann ja keine Fehler machen.

 

*FORD, Franklin L.: Der politische Mord. Von der Antike bis zur Gegenwart. Aus dem Englischen von Ilse UTZ, Reinbek 1992, S. 50. Zuerst: Political Murder. From Tyrannicide to Terrorism. Cambridge (Mass.) & London 1985.

(mg)

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Sonntagsbeilage, 22. Februar 15

Heute besuchen wir Moye Neel Jans in Graft.

„Am 20. Oktober 1654 wurde die spärliche Habe von Jochem Wilemsz. Klinckert, zu Lebzeiten Bierverkäufer von Graft (Dt., Eng.) versteigert. Unter den angebotenen Gütern befand sich eine Partie Laken, die für ungefähr einen Gulden pro Stück weggingen. Ein Laken bringt nur die Hälfte dieses Betrages ein. Es geht für zehn Stuiver an Moye Neel (Hübsche Neel). Wir kennen sie noch aus Kap. 2, als wir auf ihren bemerkenswerten Beinamen hinwiesen. Eine so saloppe Titulierung weist auf keine gute soziale Position, ebensowenig wie der auffallend niedrige Preis ihres Ankaufs. Die Frauen von Graft kamen gern ins Wirtshaus, wenn dort etwas versteigert wurde, und vielleicht war Moye Neel immer dabei. Doch sie kaufte selten etwas. Erst 1670 ist ihr Name bei der Versteigerung der Güter der verstorbenen Ladenbesitzerin Anne Maertens notiert worden. Moye Neel geht nach Hause mit einem Töpfchen grüner Erbsen für einen Stuiver und vier Penningen und einem Pelz für fünf Stuiver. Der war bestimmt nicht von Spitzenqualität, denn bei anderen Versteigerungen sehen wir Pelze zu Preisen von über drei Gulden über den Tisch gehen.
Moye Neel war offenbar keine reiche Frau. Das Kassenbuch der Armenpfleger bestätigt das, denn sie kommt regelmäßig darin vor. Am 6. März 1655 bekommen drei Lieferanten insgesamt 5 [Gulden]:9 [Stuiver]:4[Pennige] ausbezahlt, für Öl, Seife, Zucker und jungen Käse, zugunsten von Moye Neel. Warum sie das alles erhielt, kommt am 18. April heraus. Denn da bekommt Pieter Kistemaker 1:4:0 ausbezahlt, „für den Sarg von Moye Neels Kind“. Sie war also Mutter geworden, und das Kind ist innerhalb von zwei Monaten gestorben. Das Kassenbuch verzeichnet danach noch vier andere Geburten. Auf eine davon folgt wiederum rasch die Beerdigung. Ihr Name wird zum letzten Mal am 6. Dezember 1680 erwähnt, diesmal unter den Einkünften. Ihr Nachlaß fiel den Armenpflegern zu und hat 16:10:12 gebracht.
Die Armenpfleger werden die Wohnung nicht leergeräumt haben, denn Moye Neel hinterließ vier Töchter, die alle der Armenkasse zur Last fielen. Das ist eine mehr, als wir aufgrund des Kassenbuchs erwarten würden, denn das gibt fünf Geburten an, wobei zwei von den Kindern schnell gestorben sind. Die jüngste von Moye Neels Töchtern kommt auch nicht darin vor. Sie war laut der Salz- und Seifenveranlagung von 1680 in jenem Jahr noch unter zehn, während die letzte Geburt in dem Kassenbuch unter 1668 verzeichnet ist. Aber wir erfahren noch mehr. Das Begräbnisbuch enthält die Angabe über eine Beerdigung am 11. Januar 1666: ‚Guertje Willems, Tochter von Moye Neel‘. Die Sterbefälle in dem Kassenbuch sind vom April 1655 und vom April 1665. Es muß sich hier also um ein siebtes Kind handeln. Das Kassenbuch hat nur fünf Geburten festgehalten. Moye Neel ist also zweimal selbst für eine Geburt und einmal für eine Beerdigung aufgekommen. Das Geld stammt aus ihrer eigenen Tasche oder aus der des ansonsten unbekannten Willem, welcher der Vater der 1666 begrabenen Guertje Willems gewesen sein muß.
Über diesen Willem wissen wir nichts weiter. Vielleicht war er Seemann, der ab und zu an Land kam, um ein Kind zu zeugen, und der die Sorge für den Sprößling seiner Frau überließ. Sie muß auch selbst etwas verdient haben, mit Spinnen, mit Scheuern oder was sich sonst noch anbot. Wir wissen durch Zufall, daß der Tabakhändler Abraham Jansz. 1664 74 Fässer Tabak bei ihr eingelagert hat. Diesen Platz hatte sie vermietet, und vielleicht verkaufte sie ab und zu auch kleine Mengen Tabak. So verfügte sie von Zeit zu Zeit über Geld, um Lebensmittel und die Särge für die Kinder bezahlen zu können und um bei günstiger Gelegenheit auf einer Versteigerung ein Töpfchen Erbsen oder einen halbverschlissenen Pelz zu erstehen.
Das ist das Leben von Moye Neel Jans. Daß sie im Goldenen Zeitalter (Dt., Eng.) lebte, wird ihr nicht aufgefallen sein. Sie hat das tägliche Dasein vermutlich nur von seiner schwierigen Seite kennengelernt. In kinderreichen Familien und Häusern von Witwen war die größte Armut zu Hause. Moye Neel hat zuerst sieben Kinder auf die Welt gebracht, oder vielleicht noch mehr, und blieb dann als Witwe zurück. Alt wird sie nicht geworden sein. Angesichts des Alters ihres jüngsten Kindes bei ihrem Tod ist es unwahrscheinlich, daß sie die fünfzig noch erreicht hat. Man hat sie nicht im Stich gelassen. Die Gemeinschaft hat sie unterstützt, auch wenn Moye Neel nicht mehr als das Allernötigste bekam. Sie hat sich damit abgefunden. Diejenigen Armen, die sich nicht anzupassen wußten, haben andere Mittel gewählt, um an Geld zu kommen. Sie konnten betteln, stehlen oder der Prostitution nachgehen. Moye Neel tat das nicht. Hätte sie gebettelt, so wäre sie aus der Armenversorgung herausgefallen, und hätte sie es mit Diebstahl und Prostitution versucht, dann hätte sie sich vor dem Vogtgericht verantworten müssen. Sie hielt sich an die Normen der Gesellschaft, die sie wie alle Armen in ihre Gemeinschaft einzubinden suchte. Nach den Möglichkeiten, die der Samtgemeinde (Dt., Eng.) Graft gegeben waren, hat die Armenfürsorge ihren Zweck erfüllt.“ *

* van DEURSEN, A. Th. (Nl., Eng., about): Graft. Ein Dorf im 17. Jahrhundert, 1. Auflage, Göttingen 1997 (Erstausgabe: Een dorp in de polder. Graft in de zeventiende eeuw, Amsterdam 1994), S. 265-67

(mg)

Sonntagsbeilage, 16. November 14

„Schließlich besteht ein immer wieder auftretender Denkfehler der pauschalen Technikbewertung darin, daß die zugrundeliegenden Bewertungsmaßstäbe im unklaren bleiben und unversehens gewechselt werden. Ein Beispiel: Man kritisiert den Autoverkehr, indem man auf die vielen Opfer von Verkehrsunfällen, auf die Luftverschmutzung durch Auspuffgase und die störende Geräuschentwicklung hinweist; man bezieht sich dabei auf die Werte der Lebenserhaltung und der Gesundheit, die in unserer Gesellschaft wohl unumstritten sind. Auch die Befürworter des Autos nehmen die Kritik ernst, geben aber zu bedenken, daß nur das Auto dem einzelnen ermöglicht, schnell, bequem und geschützt gegen Wind und Wetter zu fahren, wann und wohin immer er will; sie sehen die Chance zur selbstbstimmten Mobilbität als ein Stück individueller Selbstentfaltung an und beziehen sich damit ebenfalls auf einen Wert, der in unserer Gesellschaft einen hohen Rang genießt. Dem halten nun die Kritiker des Autos entgegen, daß die räumliche Mobilität in Wirklichkeit zur individuellen Selbstentfaltung gar nicht nötig sei, sondern den Menschen nur durch verfehlte Siedlungsformen und falsche Verhaltensmodelle aufgezwungen werde;  nicht Mobilität, sondern Bodenständigkeit führe zur wahren Selbstentfaltung.
Was ist hier geschehen? Im ersten Teil der Diskussion halten sich beide Seiten an das herrschende Wertsystem und stoßen auf einen Wertkonflikt. In diesem Augenblick verläßt der Kritiker des Autos die gemeinsame Wertbasis und führt eine ganz neue Wertvorstellung ein, die gegenwärtig von den meisten Menschen nicht geteilt wird und auch nicht ohne weiteres verwirklicht werden könnte. Weil man dem Wertkonflikt entgehen möchte, ändert man die Bewertungsbasis: Urteilte man zunächst nach Kriterien der gegenwärtigen Gesellschaftsverfassung, so unterschiebt man schließlich Kriterien einer völlig anderen Gesellschaftsverfassung und wechselt damit unversehens auf eine ganz neue Ebene der Diskussion.
Als Denkfehler bezeichne ich natürlich nur den unbemerkten Wechsel der normativen Bezugsbasis und die undurchschaute Verwechslung verschiedener Wertsysteme. Ich wehre mich nicht dagegen, eine bestimmte Technik mit verschiedenen Wertsystemen zu beurteilen, wenn man sich jeweils im klaren ist und eindeutig angibt, welches Wertsystem man zugrunde legt; und ich wehre mich auch nicht dagegen, daß man über konkurrierende Wertsysteme diskutiert. Nur soll man nicht so tun, als diskutiere man über das Auto, während man in Wirklichkeit verschiedene Wertvorstellungen gegeneinander ausspielt.“ *

So Günter ROPOHL (Dt., Eng.), Fertigungsingenieur und Technikphilosoph, in seinem 1985 veröffentlichten Buch zur „unvollkommenen Technik“, in dem er sich gegen pauschalisierende Urteile über Technik – gleichgültig ob pro oder contra – ausspricht, und zu „technischer Aufklärung“ mahnt. In der Mitte der 1980er Jahre waren heute allgegenwärtige Produkte der „consumer electronic“ (alles was mit „i-“ anfängt z.B.) noch Fantasie. Es stand ja noch nicht einmal auf wirklich jedem Schreibtisch ein „personal computer“, und das Internet – ach … Die technische Entwicklung der letzten dreißig Jahre ist beeindruckend, erstaunliche Möglichkeiten, auch des Missbrauchs, haben sich aufgetan. Um so lauter sollte der Ruf nach „technischer Aufklärung“ – im Sinne Kants und nicht der NSA – heute erschallen. Es wäre interessant ROPOHLs Meinung zu aktuellen Entwicklungen zu hören.

(mg)

*ROPOHL, Günter: Die unvollkommene Technik, 1. Aufl. Frankfurt/Main 1985 (suhrkamp taschenbuch 1213), S. 69-70

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Sonntagsbeilage, 2. November 14

Zeit ist Geld

„Zunächst, vom 14. ins 18. Jh., geht es um die Veränderung der großen Lebens- und Arbeitsrhythmen, der Perioden, in denen gewacht und geschlafen, gearbeitet, gegessen, verhandelt, geliebt und gelernt wurde. Hier gibt es die entscheidenden Disziplinierungsschübe, die mit der Umwandlung der agrarischen in die manufakturiellen und schließlich industriellen Gesellschaften einhergingen.
Nachdem die Uhren genau geworden sind, können auch die Arbeitszeiten exakter definiert werden, können und müssen Verabredungen eingehalten, Geschäfte präzis terminiert, Zeitpläne für alles und jedes aufgestellt werden. Ein Mittel, das jahrhundertelang neben anderen Mitteln dazu gedient hatte, Waren zu tauschen, wurde allmählich zum ausgezeichneten Tauschmittel, das Geld. Mehr und mehr mißt es nicht von Kultur zu Kultur variierende Werte, Naturalien, Böden, bewegliche Güter. Auf der Suche nach dem Raster, auf das tendenziell alle Güter bezogen, nach dem sie verglichen, verhandelt, getauscht werden könnten, wird das Geld zum Maß für die in etwas investierte Zeit, Herstellungszeit, Transportzeit, Abnutzungszeit. Nach der Uhr, die den Zeittakt gibt, wird das Geld zu dem Ding, das sie zählt und aufbewahrt, damit sie getauscht werden kann. Geld wird „gespeicherte Zeit“. Die drei wichtigsten Funktionen des Geldes – daß es Werte mißt, tauscht und speichert – lassen sich in einer einzigen zusammenfassen: Es hält die Zeit fest. Die verrinnende, flüchtige Zeit, die mit den Uhren ja nicht zu beeinflussen ist, nur sichtbar gemacht wird, als immer verschwindende, unaufhaltsame Bewegung, mit dem Geld wird sie in ein Stück Metall gepreßt, in ein Papier geschrieben, zu einer Summe gemacht, die bearbeitet werden kann. Mit dem von allen als abstrakter Wertmesser anerkannten Geld scheint ein Mittel gefunden zu sein, das gegen die Ungewißheiten, die plötzlichen Änderungen, gegen Unfälle und Katastrophen zu helfen verspricht: die flüssige, ungreifbare Zeit erstarren läßt, in berechenbare Zahlen verwandelt. Das Geld selbst wird so auch in Kooperation mit der Uhr und dem Kalender zum wichtigsten jener ’sozialen Signale‘, die die inneren Uhren einzustellen erlauben, das die individuellen Aktivitäten als soziale koordiniert. Nur weil es auf sofortige Befriegung drängende Triebansprüche aufzuheben und zu verschieben vermag, eine größere, intensivere Befriedigung in der Zukunft verspricht, kann sich jenes langfristige Wirtschaften der modernen Gesellschaften entwickeln, welches nach und nach die alten Subsistenzökonomien ablöst. Das Geld wird zu der zwischen innen und außen oszillierenden ‚Hemmung‘, zu jenem Schalter, der die Wünsche einstellt, der den kurzfristigen in einen langfristigen Triebhaushalt verwandelt, so daß er den sozialen Haushalt speisen und fortzutreiben vermag.
Daß es sich beim Geld um eine besondere Materialisierung von Zeit handelt, wird nirgends deutlicher als in der Auseinandersetzung um den Zins, der ja nichts anderes darstellt als den durchaus erfolgreichen Versuch, die Dauer der Geldzirkulation zu bewerten, d.h. Zeit direkt in Geld umzuformulieren. Für das Mittelalter, für die Theologen, welche die öffentliche Moral zu vertreten hatten, war das Zinsnehmen wie überhaupt der Handel mit Geld im Grunde eine Sünde, der Zins nichts als Wucher. Diese Einschätzung verschärft sich noch in dem Maße, wie die neuen Wirtschaftsformen sich durchsetzen und den Geldhandel in immer größeren Umfang nötig machen.“ *

So schreibt der Siegener Germanist Peter GENDOLLA in seinem sehr lesenswerten Essay über Zeit von 1992.

(mg)

*GENDOLLA, Peter: Zeit. Zur Geschichte der Zeiterfahrung. Vom Mythos zur ‚Punktzeit‘. Köln 1992 (DuMont-Taschenbücher, 279), S. 51-52

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Sonntagsbeilage, 26. Oktober 14

„Es ist interessant, über die Frage zu spekulieren, wie viele Bürger der wohlhabenden, pluralistischen Bundesrepublik Deutschland mit ihren praktisch unumstrittenden demokratischen Institutionen und ihren Freiheits- und Rechtsgarantien für den einzelnen, vor die Wahl zwischen der Realität und einem Leben in einem nicht durch Hitler und den Krieg zerstörten Deutschen Reich gestellt, sich für letzteres entscheiden würden. Die Entscheidung für das alte Reich wäre eine Entscheidung für ein wesentlich größeres und mächtigeres Deutschland, das auf politischem, wissenschaftlichem und kulturellem Gebiet international weit mehr Gewicht besäße als die BRD.
Aber es wäre auch ein im Innern viel zerrisseneres und zerstritteneres Deutschland mit einem weniger stabilen Regierungssystem. Gut möglich, daß es keine Demokratie wäre und die Rechte des einzelnen wesentlich eingeschränkter und nicht so verläßlich abgesichert wären. Die Klassenschranken wären in diesem Deutschland ausgeprägter, die sozialen Konflikte schärfer, und in vielen Bereichen stünden Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten nur den Angehörigen einer privilegierten Schicht offen. Es wäre ein kulturell vielgestaltigeres, aber auch ein engstirnigeres und mehr nach innen orientiertes Land. Ob seine Bewohner überall auf der Welt so freundlich aufgenommen werden würden wie die heutigen Bundesbürger?“*

H.A. TURNER (Dt., Eng., Nachruf) (1932-2008) ist ein US-amerikanischer Historiker, der sich besonders mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt hat, ein Schüler des großen Gordon A. CRAIG (Dt., Eng.) (1913-2005). TURNER lehrte mehr als vierzig Jahre in Yale. In der oben zitierten, kleinen kontrafaktischen Studie beschäftigt er sich mit der Frage, wie die Geschichte Deutschlands, Europas und der Welt verlaufen wäre, wenn Hitler 1930 bei einem Verkehrsunfall getötet worden wäre. Der Unfall hat tatsächlich stattgefunden und wird von einem der Mitfahrer, Otto WAGENER (Dt., Eng.), in seinen Erinnerungen beschrieben. Nach der Besichtigung des Luitpoldhains am Stadtrand von Nürnberg – dort, wo später das Reichsparteitagsgelände entstand – verunglückte der Wagen Hitlers. Ein Lastwagen rammte die Limousine von rechts und schob sie über eine Kreuzung. Wäre der schwere Lkw nicht zum Stehen gekommen, hätte er den gegen den Bordstein schrammenden Pkw umgeworfen und überrollt. Hitler kam mit Quetschungen und Abschürfungen davon. Wäre er getötet worden, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.

(mg)

* TURNER, Henry Ashby Jr.: Geißel des Jahrhunderts. Hitler und seine Hinterlassenschaft, Berlin 1989, S. 87/88

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Zur Ökonomie des Teilens

In einen interessanten Beitrag auf der Süddeutschen online: “Warum heute keine Revolution möglich ist” beschreibt der Autor Byung-Chul Han, Philosoph und Kulturwissenschaftler an der Universität der Künste Berlin, wie sich die Menschen dem neoliberalen System freiwillig unterwerfen. Besonders bedenkenswert finde ich seine Sätze über die “Ökonomie des Teilens” – Fazit und Schluss-Satz des Beitrags: “Der Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution.”

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Sonntagsbeilage, 20. Juli 14

Daß Archive und Bibliotheken gefährliche Orte sind, besonders für diejenigen, die darin arbeiten, das wissen wir ja schon. Aber dass das Abstatten von compliments auch zu Schaden an Leib und Leben führen kann, das ist dann doch neu.
Jedenfalls spricht davon Julius Bernhard von ROHR (Dt.) im 44. und letzten Paragraphen des 5. Kapitels, ersten Teils seiner Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft der Privat-Personen, Berlin 1728 – und man darf füglich annehmen, daß Herr von ROHR weiß, wovon er spricht.

„§.44. Endlich mag sich ein junger Mensch, und ein jedweder angelegen seyn lassen, mit der Manierlichkeit und Wohlanständigkeit, auch die Behutsamkeit zu vereinigen, damit er seine Complimen[t]s so einrichte, daß er über den vielen Complimentiren an seinem Leibe keinen Schaden leide, oder gar des Lebens verlustig werde. Daher muß er im Zuwillgehen aus ein Gemach einer Fürstlichen Person oder eines großen Ministris, die er stets in Augen behalten, und ihr nicht den bloßen Rücken zukehren muß, vorher Acht haben, was ihm e[t]wan an Tischen, Stühlen, und andern Meublen bey dieser Passage im Wege stehe, oder ein wenig seithalben gehen;  insonderheit aber sich bey den Treppen wohl wahrnehmen soll, daß er nicht hinunter schmeisse, inmaßen ja unterschiedene Exempel vorhanden, daß einige diese Unvorsichtigkeit, da sie die Treppe herunter gestürtzt, das Leben gekostet.“

Man mag es sich kaum vorstellen: Stunden, vielleicht Tage des Antichambrierens; endlich Einlass und Audienz gewährt; die compliments ohne Stottern vorgebracht, vielleicht sogar ein Leuchten der Anerkennung im Augen des Allergnädigsten erreicht; dann retirade, wie gelernt, rückwärts, am meublement vorbei – keine Vase runtergeschmissen. Dann auf der Treppe vertreten, runtergepurzelt und den Hals gebrochen.
Vorzeitiges Ende einer verheißungsvollen Karriere.

An welche „unterschiedene Exempel“ mag Herr von ROHR gedacht haben? Dass er um welche wusste, scheint mir gewiss. Das wäre doch eine lohnende Aufgabe, derartige Unfälle bei Hofe einmal zusammenzustellen. Quellen könnten Memoiren, (Auto-)Biographien, Briefe, vielleicht auch Akten, sein. An Tratschtanten des 18. Jahrhunderts fällt mir eigentlich nur der Ritter von Lang (Dt.; Eng.) ein, und soweit ich weiß, gibt es keine Quellensammlung oder Untersuchung zum Tratsch an den Höfen der Frühen Neuzeit – obwohl doch genau der als wesentlicher und zu berücksichtigender Teil der sogenannten „Hofkultur“ angesehen wird, von den Zeitgenossen wie von den heutigen Forschern.
Vielleicht bin ich ja gerade auf ein Desiderat der Forschung gestoßen.

(mg)

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Liebeserklärung an Gerbrunn

Die Mediatorin wohnt in einem Hochhaus, das außen und innen bunt ist. Außen ist es in verschiedenen Gelb- und Orangetönen gestrichen, mit roten und blauen Balkonen dazwischen. Von Weitem leuchtet es durch die Landschaft. Innen wohnen Menschen unterschiedlichster Couleur nach dem Motto „leben und leben lassen“. Manche sieht sie häufig, manche selten, manche nie. Zu den einen und anderen hat sie nachbarschaftlichen Kontakt. Freundlich gegrüßt wird immer.

Ein so buntes, tolerantes Miteinander ist nicht selbstverständlich. Als sie damals, vor gut dreizehn Jahren, auf Wohnungssuche war, schaute sie sich auch eine Wohnung in einem anderen Hochhaus an. Darin waren der Aufzug und die Flure mit braunem Teppichboden ausgelegt, vor den Wohnungstüren standen gehämmerte Kupfervasen mit Plastikblumen, an den Wänden hingen billige Drucke und Kupferreliefs. Es roch so muffig, wie es spießig wirkte. Die Wohnung war entsprechend. Nicht sehr geneigt, sie zu nehmen, fragte sie nach der Besichtigung vor der Haustüre unten noch den Vermieter, was denn für Leute im Hause wohnten. „Nur anständige Leute!“, sagte er im Brustton der Überzeugung, „da, gucken Sie hin“ – und er wies auf die vielen Klingelschilder – „nur deutsche Namen!“ Das war’s dann.

Die Mediatorin hat eine sehr ruhige Wohnung hoch oben. Sie sieht auf der einen Seite über den Ort hinweg bis hinüber zur Frankenwarte. Auf der anderen Seite blickt sie auf die Roßsteige und die Weinberge hinauf zum Flürle, darüber grüßt das Windrad vom Gieshügel. Früh scheint die Sonne in ihr Schlafzimmer, abends versinkt die Sonne am Horizont vor ihrem Balkon. Oft geht sie in den nahen Weinbergen und Feldern rund ums Gut spazieren und genießt das Grün der Landschaft, den Blick in die Ferne ringsum. Im Herbst und Winter scheint hier oben schon die Sonne, während sie über dem Maintal noch die Nebelschwaden wabern sieht; im Sommer, wenn unten im Tal stickige Hitze zwischen den Häusermauern der Stadt steht, weht oben im Dorf stets ein leichtes Lüftchen.

Hier scheint die Sonne öfter, die Luft ist besser, die Menschen sind freundlicher. Reichlich Grün umspielt die Häuser, versteckte Pfade und Treppen zwischen den Häuserreihen verbinden Straßen und Ortsteile. Ihren Beratungsraum hat die Mediatorin lange gesucht und auf dem sonnigen Plateau im Einkaufszentrum in der Mitte Gerbrunns vor eineinhalb Jahren gefunden. Dort gibt es eine kleine Fußgängerzone, einen offenen Platz, der fast den ganzen Tag sonnenbeschienen ist, ein Café, Geschäfte und Ärzte. Sie sieht die Menschen an ihrem großen Fenster vorbeigehen, die hereinschauen, lächeln und grüßen. Die Mediatorin grüßt zurück; oft hält sie ein Schwätzchen mit ihnen, wenn sie gerade vor der Türe ist; manche kommen auch auf ein Schwätzchen herein. Sie fühlt sich wohl in dieser lebendigen, entspannten Atmosphäre; hier lässt es sich gut arbeiten.

Die Einwohnerschaft der Gemeinde ist so bunt wie die Bewohner des Hochhauses. Es gibt die Alteinsässigen, junge wie alte. Bedingt durch den nahen Campus und die Schulen wohnen hier viele Universitätsangestellte, Lehrer, Studenten. Es gibt ein Neubaugebiet mit jungen Familien, ein Seniorenheim und ein Studentenwohnheim. Menschen aus anderen Ländern der Welt leben hier ebenso selbstverständlich wie die Alteingesessenen; reich und arm mischt sich darunter.

Die Infrastruktur ist gut: Neben einer Grund- und Hauptschule und den Kindergärten gibt es ein Hallenbad, eine Gemeindebücherei und ein Jugendzentrum, ausreichend ärztliche Versorgung und andere Heilberufe, die wichtigsten Geschäfte, Banken und Supermärkte. Es gibt Lokale und, nicht zu vergessen, mehrere Winzer, die mit ihrem Weinverkauf und den Heckenwirtschaften auch viele Gäste von außerhalb anlocken. Im Gewerbegebiet und im Ort selbst haben sich verschiedene Unternehmen und freien Berufe niedergelassen. Das Gemeindeleben wird bereichert durch Vereine und Städtepartnerschaften, aktive Bürger und einen engagierten Bürgermeister.

In die anliegende fränkische Metropole – die jeweiligen Ortsschilder sind gerade einmal einen Kilometer auseinander – fährt alle 20 Minuten ein Bus bis spät in die Nacht, die zahlreichen Bushaltestellen sind zu Fuß schnell erreicht. Mit dem Fahrrad schafft man spielend das Nötige, sogar die Stadt und die umliegenden Gemeinden, nur zurück ist es wegen der Steigungen etwas happig – wer das nicht kann, steigt samt Rad in den Bus ;-)

Die Mediatorin fühlt sich zuhause in ihrem liebenswerten, lebenswerten Ort: Gerbrunn!

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Stunden der offenen Tür

Wir danken allen, die uns in den Stunden der offenen Tür besucht haben, herzlich für ihr Kommen! Die Zahl der Gäste war überschaubar, die Stimmung gut, die Atmosphäre entspannt. Das Programm und die Ausstellung gefielen. Schön war’s! Beste Grüße, bis zum nächsten Mal …

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 Blick durchs Fenster zu Beginn

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Im Gespräch

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 Rauchertischchen

Event 4

 Noch ein Gespräch

 Event 95

 Entspannte Gäste

Event 7

 Vortrag zur Geschichte des Hafens

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 Illustration zum Treideln auf dem Main

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 Aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer

Event 92

Raucherpause

Event 91

 Vortrag „Des Pudels Kern“

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 Über Lösungen

Event 94

Die Künstlerin und der Historiker
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Armutsökonomie

„Warum soll man für etwas Geld ausgeben,
wenn es doch so viele gibt,  die es umsonst machen?“
(Stefan Selke)

Zitat aus seinem Beitrag auf SozBlog.de, in dem es zum Beispiel um „nützliche Armut“, „Armut als Ware“ und „Freiwilligenmanagement“ geht. Stefan Selke hat sich mit Herz und Leidenschaft der Tafelkritik verschrieben.

Interessant auch seine eigene Website sowie die des Kritischen Aktionsbündnisses 20 Jahre Tafeln und die des Tafelforums.

Und – last, not least – eine Rezension seines Buches „Schamland“ auf den Nachdenkseiten.

VIEL SPASS BEIM LESEN!