Schlagwort-Archiv: Geschichte

Sonntagsbeilage, 14. Dezember 14

Nachdem wir uns schon im London der Zwischenkriegsjahre und im München und Berlin von vor 1914 umgesehen haben, ist ein Ausflug in den Süden doch sicherlich ganz angenehm: Die heutige Sonntagsbeilage ist ein Reisefilm aus dem Rom der Dreißigerjahre. Neben der Antike und der Schwerst-Renaissance werden auch die modernen, das heißt faschistischen, Bauten gezeigt; der Duce spricht auch, aber es ist ein stummer Film. Es scheint mir ein sonnendurchglühtes und gemächliches Rom zu sein, wahrscheinlich im Hochsommer gefilmt, wenn alle Römer am Strand sind. Die Quelle für diesen Film ist das hochinteressante travelfilmarchive, das allemal einen Besuch wert zu sein scheint.

Schönen dritten Advent!

(mg)

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Sonntagsbeilage, 30. November 14

Letzte Woche besuchten wir London, also warum nicht einen Blick nach Berlin – und München – werfen? Es sind farbige Bilder aus dem Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg. Man erkennt Orte in Berlin und München, einige wenige Szenen wiederholen sich. Wer das Synthesizergeblubber nicht mag, kann es getrost abstellen, es wird kein Text gesprochen. Die mehr oder minder intelligenten Benutzerkommentare am Ende bitte ich zu entschuldigen – youtube ist ja recht bekannt für die außerordentlich hochstehende Qualität der Kommentare und die Sachlichkeit der Diskussionen … Wer übrigens Videos auf youtube ohne alle möglichen Zusätze anschauen möchte, dem sei „viewpure“ empfohlen, daß viel Unsinn ausfiltert.

Schönen ersten Advent !

(mg)

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Sonntagsbeilage, 23. November 14

Vier Wochen bis Weihnachten. Das bedeutet also, daß nächstes Wochenende der erste Advent über uns herfällt. Kaum zu glauben, aber der Blick in den Kalender bestätigt es.
Ich würde gerne verreisen, z.B. ins London der 1920er Jahre. Einen Eindruck davon gibt die heutige Sonntagsbeilage: Es handelt sich um vier stumme Kurzfilme betitelt „Seeing London“, die zusammengefasst worden sind; der vierte endet etwas abrupt. Neben den bekannten touristischen Sehenswürdigkeiten werden auch etwas weniger bekannte Dinge gezeigt und Straßenszenen aus der Hauptstadt des Empire, damals bestand’s ja noch.
Also auf nach London !

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(mg)

Sonntagsbeilage, 16. November 14

„Schließlich besteht ein immer wieder auftretender Denkfehler der pauschalen Technikbewertung darin, daß die zugrundeliegenden Bewertungsmaßstäbe im unklaren bleiben und unversehens gewechselt werden. Ein Beispiel: Man kritisiert den Autoverkehr, indem man auf die vielen Opfer von Verkehrsunfällen, auf die Luftverschmutzung durch Auspuffgase und die störende Geräuschentwicklung hinweist; man bezieht sich dabei auf die Werte der Lebenserhaltung und der Gesundheit, die in unserer Gesellschaft wohl unumstritten sind. Auch die Befürworter des Autos nehmen die Kritik ernst, geben aber zu bedenken, daß nur das Auto dem einzelnen ermöglicht, schnell, bequem und geschützt gegen Wind und Wetter zu fahren, wann und wohin immer er will; sie sehen die Chance zur selbstbstimmten Mobilbität als ein Stück individueller Selbstentfaltung an und beziehen sich damit ebenfalls auf einen Wert, der in unserer Gesellschaft einen hohen Rang genießt. Dem halten nun die Kritiker des Autos entgegen, daß die räumliche Mobilität in Wirklichkeit zur individuellen Selbstentfaltung gar nicht nötig sei, sondern den Menschen nur durch verfehlte Siedlungsformen und falsche Verhaltensmodelle aufgezwungen werde;  nicht Mobilität, sondern Bodenständigkeit führe zur wahren Selbstentfaltung.
Was ist hier geschehen? Im ersten Teil der Diskussion halten sich beide Seiten an das herrschende Wertsystem und stoßen auf einen Wertkonflikt. In diesem Augenblick verläßt der Kritiker des Autos die gemeinsame Wertbasis und führt eine ganz neue Wertvorstellung ein, die gegenwärtig von den meisten Menschen nicht geteilt wird und auch nicht ohne weiteres verwirklicht werden könnte. Weil man dem Wertkonflikt entgehen möchte, ändert man die Bewertungsbasis: Urteilte man zunächst nach Kriterien der gegenwärtigen Gesellschaftsverfassung, so unterschiebt man schließlich Kriterien einer völlig anderen Gesellschaftsverfassung und wechselt damit unversehens auf eine ganz neue Ebene der Diskussion.
Als Denkfehler bezeichne ich natürlich nur den unbemerkten Wechsel der normativen Bezugsbasis und die undurchschaute Verwechslung verschiedener Wertsysteme. Ich wehre mich nicht dagegen, eine bestimmte Technik mit verschiedenen Wertsystemen zu beurteilen, wenn man sich jeweils im klaren ist und eindeutig angibt, welches Wertsystem man zugrunde legt; und ich wehre mich auch nicht dagegen, daß man über konkurrierende Wertsysteme diskutiert. Nur soll man nicht so tun, als diskutiere man über das Auto, während man in Wirklichkeit verschiedene Wertvorstellungen gegeneinander ausspielt.“ *

So Günter ROPOHL (Dt., Eng.), Fertigungsingenieur und Technikphilosoph, in seinem 1985 veröffentlichten Buch zur „unvollkommenen Technik“, in dem er sich gegen pauschalisierende Urteile über Technik – gleichgültig ob pro oder contra – ausspricht, und zu „technischer Aufklärung“ mahnt. In der Mitte der 1980er Jahre waren heute allgegenwärtige Produkte der „consumer electronic“ (alles was mit „i-“ anfängt z.B.) noch Fantasie. Es stand ja noch nicht einmal auf wirklich jedem Schreibtisch ein „personal computer“, und das Internet – ach … Die technische Entwicklung der letzten dreißig Jahre ist beeindruckend, erstaunliche Möglichkeiten, auch des Missbrauchs, haben sich aufgetan. Um so lauter sollte der Ruf nach „technischer Aufklärung“ – im Sinne Kants und nicht der NSA – heute erschallen. Es wäre interessant ROPOHLs Meinung zu aktuellen Entwicklungen zu hören.

(mg)

*ROPOHL, Günter: Die unvollkommene Technik, 1. Aufl. Frankfurt/Main 1985 (suhrkamp taschenbuch 1213), S. 69-70

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Sonntagsbeilage, 2. November 14

Zeit ist Geld

„Zunächst, vom 14. ins 18. Jh., geht es um die Veränderung der großen Lebens- und Arbeitsrhythmen, der Perioden, in denen gewacht und geschlafen, gearbeitet, gegessen, verhandelt, geliebt und gelernt wurde. Hier gibt es die entscheidenden Disziplinierungsschübe, die mit der Umwandlung der agrarischen in die manufakturiellen und schließlich industriellen Gesellschaften einhergingen.
Nachdem die Uhren genau geworden sind, können auch die Arbeitszeiten exakter definiert werden, können und müssen Verabredungen eingehalten, Geschäfte präzis terminiert, Zeitpläne für alles und jedes aufgestellt werden. Ein Mittel, das jahrhundertelang neben anderen Mitteln dazu gedient hatte, Waren zu tauschen, wurde allmählich zum ausgezeichneten Tauschmittel, das Geld. Mehr und mehr mißt es nicht von Kultur zu Kultur variierende Werte, Naturalien, Böden, bewegliche Güter. Auf der Suche nach dem Raster, auf das tendenziell alle Güter bezogen, nach dem sie verglichen, verhandelt, getauscht werden könnten, wird das Geld zum Maß für die in etwas investierte Zeit, Herstellungszeit, Transportzeit, Abnutzungszeit. Nach der Uhr, die den Zeittakt gibt, wird das Geld zu dem Ding, das sie zählt und aufbewahrt, damit sie getauscht werden kann. Geld wird „gespeicherte Zeit“. Die drei wichtigsten Funktionen des Geldes – daß es Werte mißt, tauscht und speichert – lassen sich in einer einzigen zusammenfassen: Es hält die Zeit fest. Die verrinnende, flüchtige Zeit, die mit den Uhren ja nicht zu beeinflussen ist, nur sichtbar gemacht wird, als immer verschwindende, unaufhaltsame Bewegung, mit dem Geld wird sie in ein Stück Metall gepreßt, in ein Papier geschrieben, zu einer Summe gemacht, die bearbeitet werden kann. Mit dem von allen als abstrakter Wertmesser anerkannten Geld scheint ein Mittel gefunden zu sein, das gegen die Ungewißheiten, die plötzlichen Änderungen, gegen Unfälle und Katastrophen zu helfen verspricht: die flüssige, ungreifbare Zeit erstarren läßt, in berechenbare Zahlen verwandelt. Das Geld selbst wird so auch in Kooperation mit der Uhr und dem Kalender zum wichtigsten jener ’sozialen Signale‘, die die inneren Uhren einzustellen erlauben, das die individuellen Aktivitäten als soziale koordiniert. Nur weil es auf sofortige Befriegung drängende Triebansprüche aufzuheben und zu verschieben vermag, eine größere, intensivere Befriedigung in der Zukunft verspricht, kann sich jenes langfristige Wirtschaften der modernen Gesellschaften entwickeln, welches nach und nach die alten Subsistenzökonomien ablöst. Das Geld wird zu der zwischen innen und außen oszillierenden ‚Hemmung‘, zu jenem Schalter, der die Wünsche einstellt, der den kurzfristigen in einen langfristigen Triebhaushalt verwandelt, so daß er den sozialen Haushalt speisen und fortzutreiben vermag.
Daß es sich beim Geld um eine besondere Materialisierung von Zeit handelt, wird nirgends deutlicher als in der Auseinandersetzung um den Zins, der ja nichts anderes darstellt als den durchaus erfolgreichen Versuch, die Dauer der Geldzirkulation zu bewerten, d.h. Zeit direkt in Geld umzuformulieren. Für das Mittelalter, für die Theologen, welche die öffentliche Moral zu vertreten hatten, war das Zinsnehmen wie überhaupt der Handel mit Geld im Grunde eine Sünde, der Zins nichts als Wucher. Diese Einschätzung verschärft sich noch in dem Maße, wie die neuen Wirtschaftsformen sich durchsetzen und den Geldhandel in immer größeren Umfang nötig machen.“ *

So schreibt der Siegener Germanist Peter GENDOLLA in seinem sehr lesenswerten Essay über Zeit von 1992.

(mg)

*GENDOLLA, Peter: Zeit. Zur Geschichte der Zeiterfahrung. Vom Mythos zur ‚Punktzeit‘. Köln 1992 (DuMont-Taschenbücher, 279), S. 51-52

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Sonntagsbeilage, 26. Oktober 14

„Es ist interessant, über die Frage zu spekulieren, wie viele Bürger der wohlhabenden, pluralistischen Bundesrepublik Deutschland mit ihren praktisch unumstrittenden demokratischen Institutionen und ihren Freiheits- und Rechtsgarantien für den einzelnen, vor die Wahl zwischen der Realität und einem Leben in einem nicht durch Hitler und den Krieg zerstörten Deutschen Reich gestellt, sich für letzteres entscheiden würden. Die Entscheidung für das alte Reich wäre eine Entscheidung für ein wesentlich größeres und mächtigeres Deutschland, das auf politischem, wissenschaftlichem und kulturellem Gebiet international weit mehr Gewicht besäße als die BRD.
Aber es wäre auch ein im Innern viel zerrisseneres und zerstritteneres Deutschland mit einem weniger stabilen Regierungssystem. Gut möglich, daß es keine Demokratie wäre und die Rechte des einzelnen wesentlich eingeschränkter und nicht so verläßlich abgesichert wären. Die Klassenschranken wären in diesem Deutschland ausgeprägter, die sozialen Konflikte schärfer, und in vielen Bereichen stünden Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten nur den Angehörigen einer privilegierten Schicht offen. Es wäre ein kulturell vielgestaltigeres, aber auch ein engstirnigeres und mehr nach innen orientiertes Land. Ob seine Bewohner überall auf der Welt so freundlich aufgenommen werden würden wie die heutigen Bundesbürger?“*

H.A. TURNER (Dt., Eng., Nachruf) (1932-2008) ist ein US-amerikanischer Historiker, der sich besonders mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt hat, ein Schüler des großen Gordon A. CRAIG (Dt., Eng.) (1913-2005). TURNER lehrte mehr als vierzig Jahre in Yale. In der oben zitierten, kleinen kontrafaktischen Studie beschäftigt er sich mit der Frage, wie die Geschichte Deutschlands, Europas und der Welt verlaufen wäre, wenn Hitler 1930 bei einem Verkehrsunfall getötet worden wäre. Der Unfall hat tatsächlich stattgefunden und wird von einem der Mitfahrer, Otto WAGENER (Dt., Eng.), in seinen Erinnerungen beschrieben. Nach der Besichtigung des Luitpoldhains am Stadtrand von Nürnberg – dort, wo später das Reichsparteitagsgelände entstand – verunglückte der Wagen Hitlers. Ein Lastwagen rammte die Limousine von rechts und schob sie über eine Kreuzung. Wäre der schwere Lkw nicht zum Stehen gekommen, hätte er den gegen den Bordstein schrammenden Pkw umgeworfen und überrollt. Hitler kam mit Quetschungen und Abschürfungen davon. Wäre er getötet worden, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.

(mg)

* TURNER, Henry Ashby Jr.: Geißel des Jahrhunderts. Hitler und seine Hinterlassenschaft, Berlin 1989, S. 87/88

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Sonntagsbeilage, 19. Oktober 14

Letzte Woche besuchte ich das Auto & Technik Museum Sinsheim – eine unglaubliche Sammlung von Fahrzeugen aller Art in zwei sehr großen Hallen. Auf dem Dach einer Halle sind begehbare Flugzeuge aufgestellt bzw. in Haltern montiert – wohin man auch guckt, irgendwas ist bestimmt immer zu sehen.
Wer auch immer diese Sammlung zusammengetragen hat, hat neben dem Interessse für Fahr- und Flugzeuge auch eine spezielle Neigung zu Musikautomaten entwickelt: Ich weiß nicht, wie viele automatisierte Orgeln und Orchestrions aufgestellt sind, es sind jedenfalls viele und sie sind laut. Man kann diese Musikmaschinen gegen Einwurf von einem Euro dazu bringen ein Lied zu spielen, ebenso wie man für einen Euro Gebühr manche Maschinen in Bewegung setzen kann: eine Lokomotive (von dreien) oder einen Kampfpanzer aus dem letzten Weltkrieg, bei dem man auch den Turm drehen und die Kanone bewegen darf.
Kurz: Es ist ein großer Spielplatz!
Wir haben dort mehr als 6 Stunden verbracht, es blieb keine Zeit, um das angeschlossene IMAX-Kino zu besuchen und einen dreidimensionalen Film anzuschauen, das wäre im Eintrittspreis mit inbegriffen gewesen.
Wer einfach nur Autos, Motorräder, allerlei Flugzeuge und Militärgerät anschauen will, der ist in Sinsheim – und im Partnermuseum in Speyer – bestens aufgehoben, nur bei den Orchestrions ist ein wenig Vorsicht geboten.

In Sinsheim gibt es alles: Vom klassischen, amerikanischen Motorrad …

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Sinsheim Indian

Indian Chief

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… zum deutschen Kampfpanzer aus dem letzten Weltkrieg:

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Sinsheim Panzer III

Panzerkampfwagen III

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Von der tonnenschweren Schnellzuglok …

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Sinsheim Schnellzuglok

Sinsheim Schnellzuglok

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… bis zum Überschallflieger auf dem Dach:

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Unter der Concorde, Blick auf die Tupolew

Unter der Concorde, Blick auf die Tupolew

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Nett war’s; anstrengend auch, weil man stundenlang auf Betonboden rumrennt und Treppen steigt, aber ich will nicht rummäkeln.
Was mir besonders in Erinnerung bleiben wird: Durch den Parcour schlendernd, steht man auf einmal vor einer kleinen Herde süßer blauer Bugattis, elegante, fragile, ja zarte Rennwägelchen, die mit dem angeberischen Monstrum von heute nichts gemein haben. Auch die klassischen Rolls Royce und die umwerfend schlicht-eleganten Bentleys der Vorkriegszeit lassen einen verstehen, warum diese Marken noch heute leuchten.

(mg)

Sonntagsbeilage, 27. September 14

„Der Kampf der christlichen Kaiser des 4. Jhs. gegen das Heidentum setzte bereits in der Regierungszeit des Constantin I. (306-337) ein und fand mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch Theodosius I. (379-395) im Jahre 391 sein offizielles Ende. Daß der Widerstand des Heidentums damit jedoch nicht gebrochen war, läßt sich anhand archäologischer Befunde deutlich zeigen. Münz- und Keramikfunde beweisen, daß die Heiden ihre Kultstätten noch lange Zeit nach der offiziellen Schließung der Tempel aufsuchten und sie noch im späten 4. Jh. wiederaufbauten, als das Christentum seinen Siegeszug längst angetreten hatte.
In der ersten Hälfte des 4. Jhs. – der Zeit von Constantin I. bis Constans (327-350) – wurden bereits erste heidenfeindliche Gesetze erlassen und eine größere Zahl von Tempeln geschlossen. Daß dies auch eine Folge christlicher Missionstätigkeit war, zeigen die Befunde im Westen und Süden Galliens: Die Zahl der aufgelassenen heidnischen Heiligtümer ist dort sehr viel größer als in den nordöstlichen Grenzprovinzen.

Obwohl der Einfluß des Christentums immer stärker wurde, erlebte das Heidentum in der zweiten Hälfte des 4. Jhs. noch einmal eine Renaissance. Eingeleitet wurde sie von dem Kaiser Julian Apostata (361-363), der dem Christentum ablehnend gegenüberstand. Voraussetzung dafür war vor allem, daß das Heidentum im Westen des Römischen Reiches noch einen starken Rückhalt bei weiten Kreisen der Bevölkerung besaß. Es stütze sich nicht nur auf die Bewohner ländlicher Gebiete, sondern auch auf die gebildeten Schichten und die Aristokratie. Wortführer war der römische Senat. Bereits verfallene Kultstätten wurden in dieser Zeit wiederaufgebaut, wie z.B. die Tempel in Nattenheim, Matagne-la-Petite und Mackwiller. Andere Heiligtümer, wie jene in Pesch, Koblenz, Möhn und Steinsel, wurden in der zweiten Hälfte des 4. Jhs. so zahlreich von Gläubigen aufgesucht wie nie zuvor. Selbst in Südgallien lassen sich noch Spuren des Heidentums fassen. Trotz frühzeitiger Christianisierung und der Aufgabe der heidnischen Beigabensitte im Totenbrauchtum wurden auch dort einige Tempel im späten 4. Jh., teilsweise sogar noch im frühen 5. Jh. aufgesucht. Ebenso wie in Rom blieben auch in Südgallien selbst Angehörige der reichsten und vornehmsten Familien dem Heidentum verbunden. […] Die heidenfeindliche Gesetzgebung nahm unter Kaiser Gratian (367-383) allmählich zu und erreichte unter Kaiser Thedosius I. ihren abschließenden Höhepunkt. Im Jahre 391 verbot Thedosius I. unter Androhung der Todesstrafe das Betreten heidnischer Tempel, die Anbetung von Kultbildern sowie die Teilnahme an Opferhandlungen und erhob das Christentum zur Staatsreligion. Die meisten heidnischen Tempel Galliens, vor allem jene, die bis dahin noch in oder bei großen Städten – wie z.B. Trier – gestanden hatten, wurden nun zerstört. Daß der Widerstand der heidnischen Bevölkerungskreise damit jedoch noch immer nicht gebrochen war, beweist der Versuch stadtrömischer Adelsfamilien unter Führung der Symmachi und Nicomachi die Macht der antiken Religionen mit Hilfe des Usurpators Eugenius (392-394) wiederherzustellen. In diesen Jahren erlebte das Heidentum im Westen des Imperiums eine letzte Blüte, die nicht nur in Kunstwerken ihren Ausdruck fand, sondern auch noch einmal zum Wiederaufbau verfallener Heiligtümer führte, zu denen anscheinend auch der Tempel am Kölner Dom gehörte.

In den abgelegeneren Gebieten Galliens, vor allem in unzugänglichen Bergregionen, blieben erstaunlich viele Heiligtümer sogar über die Jahrhundertwende hinaus bis weit in die erste Hälfte des 5. Jhs. hinein bestehen. Eine Voraussetzung dafür war sicher auch, daß es im Westen des Reiches niemals zu einer planmäßigen Heidenverfolgung kam. Erst unter Kaiser Valentinian III. (425-455) wurde der Befehl zur Zerstörung heidnischer Tempel, der im oströmischen Reichsteil schon seit 399 galt, auch auf den Westen ausgedehnt. Ob die bis dahin übrig gebliebenen heidnischen Tempel Galliens aufgrund dieses Gesetzes zerstört wurden oder ob sie schon bei den Germaneneinfällen des frühen 5. Jhs. zugrundegegangen waren, bleibt unklar. jedenfalls enden die meisten Münzreihen der gallischen Heiligtümer mit Prägungen des Honorius (395-423) und Arcadius (395-408). Zu den letzten Kultstätten, die anscheinend erst zur Zeit des Valentinian III. aufgegeben wurden, gehören die Tempel von Genainville, Dép. Val d’Oise und Altrier in Luxemburg.“ *

*SCHULZE, Mechthild: Karte: Heidnische Heiligtümer im spätantiken Gallien, in: Gallien in der Spätantike. Von Kaiser Constantin zu Frankenkönig Childerich, herausgegeben vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum, Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte, Mainz 1980 (Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung im Kurfürstlichen Schloß Mainz vom 29. Oktober 1980-4. Januar 1981 und in Paris, Palais du Luxembourg, Februar-April 1981), S. 85-87, Objekt 98

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Sonntagsbeilage, 14. September 14

„Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Revolution – und in einem gewissen Sinne bis heute – wird die russische Kultur vom Streit zwischen Westlern und Slawophilen bestimmt. Während die Westler, früher wie auch heute, den Grund für alles Unglück Rußlands in seinem kulturellen, technischen und sozialen Rückstand gegenüber dem Westen sehen, sind die Slawophilen, früher wie auch heute, der Ansicht, die Ursache dieses Unglücks sei die Kluft zwischen dem russischen Volk, seinen Traditionen und spezifischen geistigen, psychologischen und sozialen Prägungen sowie, auf der anderen Seite, den russischen Staatsinstitutionen, die zur Zeit Peters des Großen aus dem Westen importiert wurden. Die Reformen Peters des Großen hätten eine unüberwindliche Kluft aufgerissen zwischen der kleinen und völlig europäisierten Schicht derer, die im Land die Macht ausüben, und der riesigen Mehrheit der Bevölkerung, die dieser Kultur fremd geblieben ist. Nach den Ansichten der Slawophilen habe diese Kluft dazu geführt, daß die gebildete Gesellschaftsschicht sich wie ein Okkupant in einem fremden Land aufführte. Wobei die Situation noch dadurch verschärft wurde, daß diese herrschende Schicht auch ethnisch wohl kaum als russisch bezeichnet werden konnte. Ein hoher Prozentsatz war traditionell deutsch – die Deutschen bildeten einen großen Teil der regierenden Bürokratie, in der sie häufig Schlüsselpositionen innehatten. Außer den Deutschen gab es in der höchsten russischen Gesellschaft einen großen Anteil von Georgiern (zum Beispiel bestand Nikolaus‘ Leibwache fast gänzlich asu Georgiern), Polen, Armeniern, russifizierten Tartaren usw. Die Sprache der russischen Aristokratie war traditionsgemäß das Französische, und ihrem Bewußtsein nach war diese Aristokratie äußerst kosmopolitisch. Am wohlsten fühlte sie sich in den modischen europäischen Badeorten, am unwohlsten in Rußland.
[…]
Fast das gesamte 19. Jahrhundert über war das Slawophilentum in Rußland eine eher oppositionelle Bewegung, zugleich aber unter der Intelligenz, die eher westlerische Ansichten hegte, wenig populär. Ab den achtziger Jahren wurde es im Kulturleben des Landes jedoch dominierend, was im wesentlichen durch zwei politische Ereignisse hervorgerufen wurde; die Befreiung der leibeigenen Bauern durch Alexander II. im Jahre 1861 und Alexanders Ermordung durch linke Terroristen im Jahre 1881.
[…]
Dostojewski ist in dieser Hinsicht besonders charakteristisch. Die Zwangsarbeit in Sibirien hatte ihn sehr direkt mit dem Volk in Berührung gebracht. Mit der Zeit empfand er dem Volk gegenüber jenes gemischte Gefühl von Mitleid und Verachtung, das den spezifischen emotionalen Hintergrund der damaligen russsichen Geistesgeschichte bildet und das man in vollem Ausmaß auch bei Solschenizyn entdecken kann, der ebenfalls über Lagererfahrung verfügt. Einerseits Mitleid zu einem Volk, das ausgebeutet wird von herrschenden Klassen, denen es gleichgültig ist und die auf eine „kapitalistische Plutokratie“ westlicher Prägung ausgerichtet sind; andererseits das klare Bewußtsein, daß das Volk, wenn man ihm die Freiheit gibt, sich nicht als das von Gott erleuchtete Volk erweist, wie die früheren Slawophilen geglaubt hatten, sondern Raublust und sinnlose  Grausamkeit an den Tag legt. Pures Mitleid oder pure Verachtung hätten zur Idee des Liberalismus und der Demokratie führen können, aber die Kombination von beiden führte (und führt noch heute) zwangsläufig zur Idee der Monarchie, um das Volk sowohl vor der Ausbeutung durch andere wie auch vor sich selbst zu schützen.“*

Fürst Felix JUSSUPOFF (Dt., Eng.) (1887-1967) ist einer der Mörder Rasputins (Dt., Eng.) (1869-1916). Er emigrierte und veröffentlichte seine als „Erinnerungen“ getarnte Rechtfertigungsschrift zuerst 1928 in Berlin, Klabund (Dt., Eng.) (1890-1928) steuerte ein Vorwort bei. Diese Ausgabe von 1928 wurde 1985 in München neu aufgelegt, erweitert um die hier zitierte Studie zu Jussupoff von Boris GROYS (Dt., Eng.). Es ist wichtig sich vor Augen zu halten, daß dieser Text vor mitlerweile dreißig Jahren entstand, noch vor dem Ende der Sowjetunion, lange vor der Herrschaft von Präsident Putin. Nichtsdestoweniger dürfte das, was GROYS beschreibt, im Wesentlichen heute noch gelten.

(mg)

*GROYS, Boris: Felix Jussupoff. Eine Studie. In: Fürst Felix Jussupoff: Rasputins Ende. Mit einer Studie von Boris Groys. Frankfurt am Main 1990 (Insel taschenbuch 1282), S. 26-29.

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Sonntagsbeilage, 7. September 14

„Das Gespräch wurde während des Wartens weitergeführt, und der Arzt fragte Dumas, ob er die ‚Etruskische Vase‘ von Merimée gelesen habe. Der Dichter war ob der Frage sehr erstaunt. Der Arzt: ‚Nun, in dem Stück wird behauptet, daß ein tödlich von der Kugel Getroffener sich einige Male um sich selbst dreht, bevor er fällt. Ich möchte mich davon, vom rein wissenschaftlichen Standpunkt aus, selbst überzeugen.‘ Darauf Dumas: ‚Wenn dir ein Gefallen damit geschieht, will ich mir alle Mühe geben es an mir selbst zu beobachten.‘

Dann hatte der Gegner seine Stellung eingenommen. Das Duell konnte beginnen. Der erste Schuß gehörte Gaillardet. Dieser hob die Pistole, zielte auf Dumas, wartete noch eine ganze Weile und drückte schließlich ab. Die Kugel pfiff an Dumas vorbei. – Er atmete auf! Nun war die Reihe an ihm. Zu schnell ging er vor – und schoß ebenfalls daneben. Temperamentvoll verlangte Dumas weiterzukämpfen – bis einer auf der Strecke bliebe. Der Gegner war einverstanden. Jedoch die Sekundanten, die um das Leben des berühmten Mannes bangten, weigerten sich die Waffen nochmals zu laden. Ja, sie lehnten jeden weiteren Beistand ab. Damit war das Duell nach dem Ritual beendet. Die verhängnisvollen drei Sternchen und ihre Auswirkungen beschäftigten die Zeitungen von Paris noch lange Zeit.

Dr. Birio hingegen hatte später Gelegenheit sein wissenschaftliches Experiment an sich selbst zu erproben. Er nahm in Paris an der Revolution im Juni 1848 teil. Auf der Barrikade des Pantheons traf ihn ein Schuß durch die Lunge in das Rückenmark. Wie berichtet wurde, drehte er sich dreimal und rief noch: ‚Es ist richtig, man dreht sich!‘ Dann starb er.“ *

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Es handelt sich um den älteren Alexandre DUMAS (1802-1870) (Dt., Eng.), den Autor der Drei Musketiere und des Graf von Monte Christo. Der Anlass für das Duell ist verletzte Eitelkeit auf seiten des Herausforderers GAILLARDET (1808-1882) (Fr.). Dieser hatte ein Theaterstück geschrieben, das aber verbesserungswürdig war. Der Theaterdirektor, der das Stück angenommen hatte, bat DUMAS um eine Überarbeitung. Das allein sorgte schon für heftige publizistische Auseinandersetzungen. Als auf dem Theaterprogramm – auf dem DUMAS‘ Name unterdrückt werden sollte – vor dem Namen GAILLARDET aber drei Pünktchen abgedruckt wurden, war für diesen das Maß voll und die Ehre musste mit der Waffe wiederhergestellt werden.

Über Dr. Birio habe ich nichts herausfinden können. Da die Autorin aus DUMAS‘ Autobiographie zitiert, besteht sicherlich kein Zweifel daran, dass Dr. Birio eine tatsächliche Person ist. Ob er aber wirklich sich „dreimal um sich selbst drehte“ und seinen denkwürdigen Ausspruch tat, als er in Paris erschossen wurde? Das hört sich doch ein wenig zu arg nach Ausschmückung an – und wer war besser im Ausschmücken als der ältere DUMAS?

(mg)

* SCHMIEDEL, Helga: Berüchtigte Duelle. Berlin Leipzig, 1. Auflage 1992, S. 75-76

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