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Sonntagsbeilage, 5. Juli 15

Das System hat den Vorrang

Seit 1870 haben sich Erfinder, Wissenschaftler und Systematiker damit beschäftigt, die technologischen Systeme der modernen Welt zu schaffen. Heute lebt der größte Teil der industrialisierten Welt in einem künstlichen Umfeld, das von diesen Systemen strukturiert wird, und nicht in der natürlichen Umwelt vergangener Jahrhunderte. […] Aber bis heute denken wir zuwenig über die Einflüsse und die Gestalt einer Welt nach, die in große technologische Systeme gegliedert ist. Gewöhnlich machen wir den Fehler, die moderne Technologie nicht mit Systemen in Verbindung zu bringen, sondern mit Gegebenheiten wie dem elektrischen Licht, Radio und Fernsehen, dem Flugzeug, dem Automobil, dem Computer und den nuklearen Fernlenkwaffen. Wenn wir die moderne Technologie nur in einzelnen Maschinen und Geräten erblicken, dann übersehen wir die tieferen Strömungen der modernen Technologie, die in dem halben Jahrhundert nach der Einrichtung der Erfinderfabrik in Menlo Park von Thomas Edison an Stärke und Zielrichtung zugenommen haben. Heute sind Maschinen wie das Automobil und das Flugzeug allgegenwärtig. Da sie mechanisch und greifbar sind, fällt es uns nicht allzu schwer, sie zu verstehen. Aber Maschinen wie diese sind gewöhnlich nur Bestandteile straff organisierter und von Menschen beherrschter technologischer Systeme. Solche Systeme sind schwer zu verstehen, weil zu ihnen auch komplexe Bestandteile wie Menschen und Organisationen gehören und weil sie oft aus physikalischen Komponenten bestehen wie den chemischen und elektrischen, die nicht nur mechanisch sind. Große Systeme – für die Energieversorgung, die industrielle Produktion, die Kommunikation und den Transport  – stellen den Kern der modernen Technologie dar. Wie Alan Trachtenberg gesagt hat, sind der ‚Westen‘ und die ‚Maschine‘ die Symbole, die ihnen die Perspektiven für das Begreifen ihrer frühen und jüngsten Geschichte geben. Nachdem ein Jahrhundert lang technologische Systeme entwickelt worden sind, könnten wir durchaus ‚das System‘ als das Kennzeichen ihrer Zivilisation ansehen.“*

Dies schreibt der amerikanische Technikhistoriker Thomas HUGHES (1923-2014) in seinem zuerst vor 26 Jahren erschienenem Buch zur Geschichte der modernen, amerikanischen, Technologie.
Heute verleibt sich das „System“ den Menschen langsam aber sicher ein, jedenfalls arbeiten Google und Konsorten daran. Alle Menschen haben heute gefälligst ein „i-phone“ mit sich herumzutragen, sollen den Computer als Brille oder als Armbanduhr getarnt „am Mann“ mit sich herumführen, während sie sich im voll überwachten öffentlichen Raum bewegen, jederzeit voll vernetzt. Computer steuern alle möglichen Dinge; totale Kommunikation bedeutet, dass alle Computer mit einander „reden“ können, einander erkennen und berücksichtigen, vom autonomen Automobil bis zum Kampfroboter (im Grunde ja nur eine andere Anwendung), vom Warenbegleitsystem bis zur Gesichtserkennung – egal, was oder wer sortiert wird, sortiert muss werden …
Cui bono? Wem nützt’s? Braucht man das? Wer eigentlich baut diese Systeme, wer profitiert? Wer entscheidet, wie sortiert wird?

*HUGHES, Thomas P.: Die Erfindung Amerikas. Der technologische Aufstieg der USA seit 1870, München 1991, S. 190. Zuerst: American Genesis. A Century of Invention and Technological Enthusiasm. 1870-1970, 1989.

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Sonntagsbeilage, 19. April 15

„Auf einer südöstlichen Landspitze Attikas (Dt., Eng.) steht der berühmte Tempel von Sunion, der für Poseidon, den Gott des Meeres, erbaut wurde. Zur Zeit des Perikles (Dt., Eng.) um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. errichtet, existierte er noch nicht, als die assyrischen Armeen Israel überrannten oder als die im vorausgegangenen Kapitel beschriebenen Ereignisse bei den Juden stattfanden. Obwohl also der ehemals weiße Marmor mit der Zeit dunkel geworden ist, kann Sunion immer noch als Ausdruck des Neuen in seinem Zeitalter betrachtet werden. Allein die Tatsache, daß mit diesem Tempel nicht nur eine Gottheit, sondern auch die Schiffe und Männer Athens, die Sieger über die persische Flotte bei Salamis (Dt., Eng.), geehrt wurden, machte ihn zu einem menschlichen Monument und nicht nur zu einer Andachtsstätte. Mehr noch: Wenn seine anmutigen Säulen zum ersten Mal in das Blickfeld eines Reisenden kommen, der sich Griechenland per Schiff nähert, vermögen sie ein intensives Gefühl für den Wandel der Zeiten wachzurufen. Mit schweigender Beredsamkeit verbreiten sie eine Atmosphäre, die sich sehr von der des Alten Testaments unterscheidet, welche von Mahnung, Verdammung, hingebungsvollem Monotheismus und selbstgerechter Gewalt durchdrungen war. Wahrscheinlich teilt nicht jeder Beobachter diesen Eindruck; aber jeder, der ihn hat, muß sich fragen, woher er kommt.“ *

Franklin L. FORD (keine Wikipediaeinträge vorhanden, obit.) schrieb eine Geschichte des politischen Mordes von den Anfängen der Geschichte bis hin zum modernen Terrorismus. Der zitierte Abschnitt steht am Beginn des zweiten Kapitels „Die Griechen“ – und ich habe ihn recht eigentlich nur wegen des schönen Wortes in der drittletzten Zeile hierher gesetzt, nämlich wegen „selbstgerechter Gewalt“. Das scheint mir so passend zu sein, auch für die heutigen Zustände im Nahen Osten. Die Griechen des Goldenen Zeitalters haben gezeigt, daß es auch anders geht, daß Politik ohne Gewalttätigkeit auskommen kann, daß man Staat und Gesellschaft auf eine Verfassung gründen kann, auf menschliches Recht also, nicht auf wie auch immer geartete „göttliche“ Offenbarung, die eben zu der genannten selbstgerechten Gewalt führt. Denn wer im Namen des Herrn mordet, der kann ja keine Fehler machen.

 

*FORD, Franklin L.: Der politische Mord. Von der Antike bis zur Gegenwart. Aus dem Englischen von Ilse UTZ, Reinbek 1992, S. 50. Zuerst: Political Murder. From Tyrannicide to Terrorism. Cambridge (Mass.) & London 1985.

(mg)

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Sonntagsbeilage, 15. März 15

Der Mensch macht Musik, sicherlich seit Anbeginn seines Menschseins. Sehr wahrscheinlich saß der Frühmensch am Feuer in der Höhle und sang, Steine rhythmisch aneinander klopfend, von den Dingen, die ihm wichtig waren: Die Götter, die Jagd, das beste Rezept für Selbstgebrautes. Bald baute der Mensch spezielle Instrumente, deren einziger Zweck darin bestand, Töne zu erzeugen: In Höhlen der Schwäbischen Alb wurden circa 35.000 Jahre alte Knochenflöten gefunden, so im „Hohlen Fels“ und in der „Geißenklösterle-Höhle“ – ja, die Schwaben …
Daneben gibt es auch Instrumente, die für einen ganz anderen Zweck erfunden, konstruiert und zusammengebaut worden sind, die ebenfalls Töne produzieren, allerdings unmelodisch, ungeordnet, eben un-musikalisch.
Aber das kann man ja ändern.
Ich rede von DIngen unserer Arbeitswelt, die jeden Computerbenutzer umgeben oder umgaben:  Drucker (dot-matrix printer), Diskettenlaufwerke (5-Zoll-Floppy-Laufwerke) und natürlich auch Scanner.
Beliebt sind neben klassischen Stücken – Pachelbels Kanon auf Floppies (hier), Bachs Toccata auf einem Dot-matrix-Drucker (hier) und Beethovens „Elise“ auf einem Scanner (hier) – auch Themen und Erkennungsmelodien von elektronischen Spielen wie z.B. „Tetris“ oder „Duke Nukem (hier), und selbstverständlich werden auch modernste Geräte kreativ umgenutzt: Hier gibt ein moderner 3D-Drucker das Thema der „Legends of Zelda„-Spieleserie von sich; es hört sich doch eher nach dem Wachszylinder eines frühen Phonographen an.
Der menschlichen Kreativität sind scheinbar keine Grenzen gesetzt – egal, ob es sich um Schweineknochen oder 3D-Drucker handelt: Hauptsache, man kann damit spielen.
Und weil’s so schön ist – Soft Cell, Tainted Love, 13 Floppies, eine Festplatte.

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(mg)

Sonntagsbeilage, 1. März 15

Theodor FONTANE – für manche einer der langweiligsten Schreiber deutscher Zunge aller Zeiten, für andere einer der großartigsten Stilisten des neunzehnten Jahrhunderts, der in einer Reihe mit HEINE zu stehen kommen sollte, FONTANE, sage ich, schreibt vier Bände „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Hierbei handelt es sich um wirkliche Wanderungen, die ihn „ins Blaue“, durch lichte Nadelholzungen und über sandige Wege an stille Orte seiner geliebten Mark führen. Der fünfte und letzte Band dieser „Wanderungen“, erschienen 1889 unter dem Titel „Fünf Schlösser.  Altes und Neues aus Mark Brandenburg“, enthält nicht Wanderungen, sondern hier handelt es sich um geplante Reisen und Archivstudien, die Lücken der vorhergehenden Bände schließen sollen.
FONTANE behandelt auch die Geschichte des Schlosses Liebenberg und seiner interessanten Besitzer im neunzehnten Jahrhundert, Vater und Sohn  von HERTEFELD, aber darum soll es jetzt nicht gehen, sondern um eine Königin.

„Der älteste Sohn dieses Ehepaares ist der gegenwärtige Graf Sandels, Samuel August, geboren 1810. Er trat früh in die Armee, war aber nichtsdestoweniger durch eine lange Reihe von Jahren hin Kammerherr bei der Königin Desirée, Gemahlin Karl Johanns XIV. (Bernadottes) von Schweden. Desirée war eine Tochter des Marseiller Bankiers Clari und gab Napoleon einen Korb, um den damaligen Advokaten Bernadotte zu heiraten. Sie war eine sehr originelle Dame, schlief bei Tag und war auf in der Nacht. Um vier Uhr morgens aß sie zu Mittag. In jedem Jahre reiste sie mit großem Troß nach Frankreich, kam aber immer nur bis an die schwedische Küste und kehrte dann, aus Furcht vor dem Wasser, nach Stockholm zurück. Es war deshalb die Regel, auf der Hinreise schon die Nachtquartiere für die Rückreise zu bestellen. Im Dienste dieser Dame stand Graf Sandels bis an den Tod derselben. Er wurde dann, auf weitere zehn Jahre hin, Hofmarschall bei König Oskar I. All dieser Hofämter unerachtet blieb er im Armeedienst und ist gegenwärtig kommandierender General der Gardetruppen und des Korps von Südermannland, Gouverneur von Stockholm, Präses des obersten Militärgerichtshofes und Ritter des Seraphinenordens. Er vermählte sich mit der Freiin von Tersmeden, einer hugenottischen Familie zugehörig, die schon bald nach der Bartholomäusnacht aus Frankreich emigrierte.“

Der biographische Wikipediaartikel sagt leider nichts über die seltsame Zeiteinteilung der Königin Desideria von Schweden und Norwegen (Dt., Eng.). Allerdings war sie einige Zeit mit dem damals noch nicht bedeutenden General Napoleon BUONAPARTE verlobt, vor 1796, da war sie (1777 geboren) um die 18 Jahre alt; ihre Schwester heiratete einen seiner Brüder. Napoleon seinerseits heiratete flugs Josephine (1796), die ihm gesellschaftlich von mehr Nutzen sein konnte. Dass das Fräulein CLARY dem nachmaligen Kaiser und Weltenerschütterer einen Korb gab, womöglich um „dem Herzen zu folgen“, ist also eine durchaus romantische Sichtweise.
Jedenfalls heiratete sie im August 1798 Jean-Baptiste BERNADOTTE, im nächsten Jahr kommt der gemeinsame Sohn Oskar auf die Welt – der von FONTANE erwähnte spätere König von Schweden und Nachfolger seines Vaters. Der ältere BERNADOTTE wurde vom kinderlosen schwedischen Königspaar als Thronfolger adoptiert. Vater und Sohn lebten ab 1810 in Schweden, während Desirée bis 1823 unter dem Pseudonym „Gräfin von Gotland“ in Paris blieb. Sie kam erst anlässlich der Eheschließung ihres Sohnes nach Stockholm und lebte noch bis 1860 auf Schloss Rosersberg, umsorgt von Graf SANDELS.

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(mg)

Sonntagsbeilage, 22. Februar 15

Heute besuchen wir Moye Neel Jans in Graft.

„Am 20. Oktober 1654 wurde die spärliche Habe von Jochem Wilemsz. Klinckert, zu Lebzeiten Bierverkäufer von Graft (Dt., Eng.) versteigert. Unter den angebotenen Gütern befand sich eine Partie Laken, die für ungefähr einen Gulden pro Stück weggingen. Ein Laken bringt nur die Hälfte dieses Betrages ein. Es geht für zehn Stuiver an Moye Neel (Hübsche Neel). Wir kennen sie noch aus Kap. 2, als wir auf ihren bemerkenswerten Beinamen hinwiesen. Eine so saloppe Titulierung weist auf keine gute soziale Position, ebensowenig wie der auffallend niedrige Preis ihres Ankaufs. Die Frauen von Graft kamen gern ins Wirtshaus, wenn dort etwas versteigert wurde, und vielleicht war Moye Neel immer dabei. Doch sie kaufte selten etwas. Erst 1670 ist ihr Name bei der Versteigerung der Güter der verstorbenen Ladenbesitzerin Anne Maertens notiert worden. Moye Neel geht nach Hause mit einem Töpfchen grüner Erbsen für einen Stuiver und vier Penningen und einem Pelz für fünf Stuiver. Der war bestimmt nicht von Spitzenqualität, denn bei anderen Versteigerungen sehen wir Pelze zu Preisen von über drei Gulden über den Tisch gehen.
Moye Neel war offenbar keine reiche Frau. Das Kassenbuch der Armenpfleger bestätigt das, denn sie kommt regelmäßig darin vor. Am 6. März 1655 bekommen drei Lieferanten insgesamt 5 [Gulden]:9 [Stuiver]:4[Pennige] ausbezahlt, für Öl, Seife, Zucker und jungen Käse, zugunsten von Moye Neel. Warum sie das alles erhielt, kommt am 18. April heraus. Denn da bekommt Pieter Kistemaker 1:4:0 ausbezahlt, „für den Sarg von Moye Neels Kind“. Sie war also Mutter geworden, und das Kind ist innerhalb von zwei Monaten gestorben. Das Kassenbuch verzeichnet danach noch vier andere Geburten. Auf eine davon folgt wiederum rasch die Beerdigung. Ihr Name wird zum letzten Mal am 6. Dezember 1680 erwähnt, diesmal unter den Einkünften. Ihr Nachlaß fiel den Armenpflegern zu und hat 16:10:12 gebracht.
Die Armenpfleger werden die Wohnung nicht leergeräumt haben, denn Moye Neel hinterließ vier Töchter, die alle der Armenkasse zur Last fielen. Das ist eine mehr, als wir aufgrund des Kassenbuchs erwarten würden, denn das gibt fünf Geburten an, wobei zwei von den Kindern schnell gestorben sind. Die jüngste von Moye Neels Töchtern kommt auch nicht darin vor. Sie war laut der Salz- und Seifenveranlagung von 1680 in jenem Jahr noch unter zehn, während die letzte Geburt in dem Kassenbuch unter 1668 verzeichnet ist. Aber wir erfahren noch mehr. Das Begräbnisbuch enthält die Angabe über eine Beerdigung am 11. Januar 1666: ‚Guertje Willems, Tochter von Moye Neel‘. Die Sterbefälle in dem Kassenbuch sind vom April 1655 und vom April 1665. Es muß sich hier also um ein siebtes Kind handeln. Das Kassenbuch hat nur fünf Geburten festgehalten. Moye Neel ist also zweimal selbst für eine Geburt und einmal für eine Beerdigung aufgekommen. Das Geld stammt aus ihrer eigenen Tasche oder aus der des ansonsten unbekannten Willem, welcher der Vater der 1666 begrabenen Guertje Willems gewesen sein muß.
Über diesen Willem wissen wir nichts weiter. Vielleicht war er Seemann, der ab und zu an Land kam, um ein Kind zu zeugen, und der die Sorge für den Sprößling seiner Frau überließ. Sie muß auch selbst etwas verdient haben, mit Spinnen, mit Scheuern oder was sich sonst noch anbot. Wir wissen durch Zufall, daß der Tabakhändler Abraham Jansz. 1664 74 Fässer Tabak bei ihr eingelagert hat. Diesen Platz hatte sie vermietet, und vielleicht verkaufte sie ab und zu auch kleine Mengen Tabak. So verfügte sie von Zeit zu Zeit über Geld, um Lebensmittel und die Särge für die Kinder bezahlen zu können und um bei günstiger Gelegenheit auf einer Versteigerung ein Töpfchen Erbsen oder einen halbverschlissenen Pelz zu erstehen.
Das ist das Leben von Moye Neel Jans. Daß sie im Goldenen Zeitalter (Dt., Eng.) lebte, wird ihr nicht aufgefallen sein. Sie hat das tägliche Dasein vermutlich nur von seiner schwierigen Seite kennengelernt. In kinderreichen Familien und Häusern von Witwen war die größte Armut zu Hause. Moye Neel hat zuerst sieben Kinder auf die Welt gebracht, oder vielleicht noch mehr, und blieb dann als Witwe zurück. Alt wird sie nicht geworden sein. Angesichts des Alters ihres jüngsten Kindes bei ihrem Tod ist es unwahrscheinlich, daß sie die fünfzig noch erreicht hat. Man hat sie nicht im Stich gelassen. Die Gemeinschaft hat sie unterstützt, auch wenn Moye Neel nicht mehr als das Allernötigste bekam. Sie hat sich damit abgefunden. Diejenigen Armen, die sich nicht anzupassen wußten, haben andere Mittel gewählt, um an Geld zu kommen. Sie konnten betteln, stehlen oder der Prostitution nachgehen. Moye Neel tat das nicht. Hätte sie gebettelt, so wäre sie aus der Armenversorgung herausgefallen, und hätte sie es mit Diebstahl und Prostitution versucht, dann hätte sie sich vor dem Vogtgericht verantworten müssen. Sie hielt sich an die Normen der Gesellschaft, die sie wie alle Armen in ihre Gemeinschaft einzubinden suchte. Nach den Möglichkeiten, die der Samtgemeinde (Dt., Eng.) Graft gegeben waren, hat die Armenfürsorge ihren Zweck erfüllt.“ *

* van DEURSEN, A. Th. (Nl., Eng., about): Graft. Ein Dorf im 17. Jahrhundert, 1. Auflage, Göttingen 1997 (Erstausgabe: Een dorp in de polder. Graft in de zeventiende eeuw, Amsterdam 1994), S. 265-67

(mg)

Sonntagsbeilage, 25. Januar 15

An diesem grauen Sonntagnachmittag interessieren mich die griechischen Erbstreitigkeiten bei Philosophens gar nicht. Ich würde lieber verreisen – und deshalb gibt’s heute einen Beitrag des „Screen Traveler“, das ist der interessante André de la VARRE (Dt., Eng.) (1904-1987), der seine Leidenschaft für Reisen und Filmen zum Beruf machte und von den 1920er bis in die 1970er Jahre filmische Reiseberichte produzierte.
Wir fahren nach Hong Kong, in das Jahr 1938 – so sieht’s dort heute aus. Viel Vergnügen !

(mg)

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Sonntagsbeilage, 18. Januar 15

Es wäre ja zu schön gewesen.
Das Testament des Aristoteles (Dt., Eng.) wird als authentisch angesehen, es gilt als Zeugnis der „intensiven menschlichen Gegenwart“ (J.-M.ZEMB) (Dt.) des „Fürsten der Philosophen“ (wie ihn Moses Maimonides nannte). Erstaunlicherweise habe ich keine Onlineversion des Textes gefunden, aber es wird sicherlich im Aristoteles-Handbuch behandelt ; in der mir vorliegenden Biographie des Aristoteles von J.-M.Zemb * ist der Text in deutscher Übersetzung abgedruckt (S.14-16).
Zur Erläuterung des Testaments sagt ZEMB:
„Antipater, den Aristoteles als Vollstrecker seines letzten Willens einsetzt, ist sozusagen der Schirmherr der Peripatetiker und zugleich der Herrscher über Griechenland. Ihn hat Alexander als Reichsverweser und obersten Militärbefehlshaber mit weitgehenden Vollmachten versehen. Im Unterschied zu Hermias von Atarneus (Dt., Eng.) hegt Antipater (Dt., Eng.) keine wissenschaftlichen Ambitionen. Die treue Freundschaft, die ihn mit Aristoteles verbindet, beruht nicht auf gemeinsamen Interessen, es sei denn in politischer Hinsicht, sondern auf gegenseitiger Hochachtung. Schon vor Alexanders Tod hat Antipater seine Macht eingebüßt. Der König hat ihn ins Hoflager befohlen, um Griechenland besser in seine neuen Pläne einbeziehen zu können. In jenen Tagen, in denen Aristoteles aus Athen geflohen ist, befand sich sein Freund noch auf dieser heiklen Reise durch Kleinasien.
Seinen frühverstorbenen Eltern und seinem Pflegevater Proxenos zu Ehren will der dankbare Aristoteles Statuen errichten lassen. Den Sohn des Proxenos hat er als künftigen Schwiegersohn adoptiert: Nikanor (Dt., Eng.), der im Feldlager Alexanders eine Vertrauensstellung einnimmt, wie es sein Auftrag im Vorjahre bewies. Er mußte damals den in Olympia zum Fest versammelten Griechen mitteilen, daß sein Herr auch im griechischen Pantheon seinen Platz verlangte. Grund genug, ein Gelübde für seine glückliche Heimkehr zu tun. Die Tochter, die Aristoteles Nikanor zugedacht hat, Pythias, trägt den Namen ihrer Mutter (Dt., Eng.), der ersten Frau des Philosophen, die er im Hause des Hermias kennengelernt hatte. Nach ihrem Tod nahm Aristoteles eine Frau namens Herpyllis in sein Haus. Herpyllis schenkte ihm einen Sohn, Nikomachos. Der kinderlos verstorbene Arimnestos war der einzige Bruder des Philosophen.“
Aristoteles regelt seine Geschäfte in diesem Testament, verteilt Geld und Besitz, berücksichtigt auch die Sklaven, zeigt sich als würdiger und menschlicher Herr.
Dummerweise scheint jetzt aber ein zweites Testament aufgetaucht zu sein, das auf einem ganz anderen Weg überliefert worden ist als das bekannte und zitierte, nämlich über die arabische Tradition. Ich bin auf den Aufsatz gespannt, zumal „inheritance disputes“ erwähnt werden, also Erbstreitigkeiten, anscheinend zwischen Nikomachos und Nikanor – warum soll’s bei Philosophens denn auch anders sein als bei Hempels ?

(mg)

* Zemb, J.-M.: Aristoteles mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 12. Aufl. 1993 (1. Aufl. 1961, rowolths monographien 63)

Sonntagsbeilage, 11. Januar 15

Das Reisen durch Zeit und Raum via internet ist doch eine schöne Erfindung. Diesmal geht’s nach Bukarest, in das Jahr 1961. Damals – laut Bericht – eine Stadt von weniger als 1,5 Millionen Einwohnern, ist es heute die sechstgrößte Stadt der EU, und wird wohl immer noch „das Paris des Ostens“ genannt. Ich weiß nicht, wie schlimm die Zerstörungen des letzten Krieges gewesen sind, aber angeblich kann man – ähnlich wie in Budapest – Beispiele für alle Architekturstile der Neuzeit finden. Ansonsten weiß ich von Bukarest, der Wallachei, Rumänien und dem ganzen Balkan so gut wie nichts zu sagen.
Ob der Stalin noch steht?

(mg)

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Sonntagsbeilage, 21. Dezember 14

Nachdem wir am letzten Sonntag durch das Rom der 1930er-Jahre gelaufen und geschlendert sind und pflichtschuldigst die edlen Zeugnisse der Antike und des Barock besichtigt haben, ist vielleicht ein Kontrast ganz angenehm – keine durch die Jahrtausende gewachsene „Hauptstadt der Welt“, sondern eine am Reißbrett geplante, in Beton gegossene Utopie, errichtet buchstäblich „in the middle of nowhere“ : Wir fahren nach Brasilia (Dt., Eng., UNESCO).
Viel Spaß mit dem sehr englischen Englisch von Robert Hughes.

Schönen vierten Advent!

(mg)

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