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Sonntagsbeilage, 3. August 14

Die heutige Sonntagsbeilage besteht nicht aus einem langatmigen Text über irgendein mehr oder minder interessantes kulturhistorisches Detail der europäischen Frühen Neuzeit. Sonder wir guggen uns einen Film an, und zwar achteinhalb farbige Minuten auf der Themse im Jahr 1935. Die Quelle der netten Kleinigkeit ist das British Film Institute (BFI, Eng., Dt.), das immer wieder einen Besuch im Netz wert ist.
Viel Vergnügen!

(mg)

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Sonntagsbeilage, 27. Juli 14

„Und haben Sie auch eine Karte für mich?“ Sicherlich hat „man“ auch eine Karte, eine Vistenkarte (Dt., Eng.) nämlich, mit den Kontaktangaben und (sofern vorhanden) der Bezeichnung der Position im Unternehmen. Die Visitenkarte ist heute ein nicht mehr wegzudenkendes Utensil im Geschäftsleben (Eng.). Normalerweise trägt sie kein Bild desjenigen, der sie hergibt. Das war aber einmal anders.

Die Besuchskarte ist ein Kind der Etikette und des vornehmen Lebens des ancien regime, des alten Reichs. Wenn der (junge) cavalier (siehe den Beitrag über Herrn von ROHR) in einem Haus seine Aufwartung machte, dann gab er dem Bediensteten an der Pforte seine Karte, damit diese der Herrschaft vorgelegt wurde. So wusste man also gleich, ohne umständliches und unerfreuliches Nachfragen, wer sich für den Besuch anmeldete. Bei größeren Empfängen wurde die Karte dem Zeremonienmeister übergeben, der sie vorlas, wenn der Besucher eingelassen wurde. Das Einknicken der Karte konnte eine besondere Bedeutung haben. Auch war es möglich eine Besuchskarte stellvertretend für die eigene Person zu übersenden, etwa in der Ballsaison oder an Neujahr, wenn man selbst nicht vorbeikommen konnte.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verändert sich die carte de visit – sie wird zur Fotokarte. Das neue Medium der Fotografie suchte seinen Platz im angestammten Kanon der Künste, schon früh wurde die Porträtfotografie gepflegt. Aber diese Künstlerfotografie mit ihrem hohen ästhetischen Anspruch blieb einer kleinen Schicht vorbehalten, die sich dieser kostspieligen Beschäftigung widmen konnte. Zu nennen wären hier Fotografen wie NADAR (Dt., Eng.), CARJAT (Dt., Eng.), ROBINSON (Dt., Eng.) in England. Verbürgerlicht wurde die Fotografie erst, als sie erschwinglich wurde – und das bringt uns zu Andrè Adolphe DISDÉRI (Dt., Eng.) (1819-1890).

DISDÉRI ist der Sohn eines Tuchmachers in Genua. Er wandert früh nach Paris aus und lässt sich dort entweder 1852 oder 1853 als Fotograf nieder. Sein luxuriöses Atelier hat er im Haus Boulevard des Italiens Nummer 8.
Seine Leistung besteht darin, dass er das Format des Porträts verkleinert, auf circa 6×9, und dass er auf eine fotografische Platte acht unterschiedliche Aufnahmen bringt. Dafür entwickelt er eine Kamera mit vier Aufnahmeobjektiven, die eines nach dem anderen benutzt wurden, so dass also auch verschiedene Posen eingenommen werden konnten. Waren die ersten vier Aufnahmen gemacht, wurde die Platte in einem Magazin verschoben und die nächsten vier konnten belichtet werden – alles auf einer Kollodiumplatte, von der beliebig viele Abzüge auf Bogen gemacht werden konnten; selbstverständlich mussten die Bogen dann noch geschnitten werden. Die Abzüge wurden auf starkes Papier oder Pappe kaschiert, eventuell noch bedruckt – et voilà.

DISDÉRI hatte unglaublichen Erfolg. Er lies sich sein Verfahren 1854 patentieren – vollends sein Glück gemacht hatte er, als der Kaiser selbst, Napoleon III. (Dt., Eng.) sich bei ihm abkonterfeien ließ. Das ist der Napoleon, der später mit Bismarck auf der Bank saß.
DISDÉRI eröffnete Filialen und brachte 1862 ein Buch heraus, L’Art de la Photographie, das schon zwei Jahre später auf Deutsch erschien. Darin gibt er praktische Anweisungen und beschreibt Rezepte – sicherlich eine interessante Quelle für Fotohistoriker.
Alles nicht schlecht für einen armen Einwanderer, der, nach Auskunft von Freunden, kaum eine Schulbildung genossen hatte.
Doch leider gibt es kein happy ending.

DISDÉRI scheint das Luxusleben ausgiebig genossen zu haben. Hinzu kam, dass die Entwicklung der fotografischen Technik weiter fortschritt, so dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt möglich war, dass in einem Foto-Atelier angelernte Kräfte arbeiteten, handwerkliche oder künstlerische Vorbildung war nicht mehr nötig. Das heißt, die Konkurrenz wurde wirklich sehr groß.
Sein Patent war mehr oder minder nutzlos, in allen größeren – und bald auch kleineren – Städten ganz Europas eröffneten Fotoateliers, die kostengünstig carte de visite, Porträts und was sonst verlangt wurde produzierten.
DISDÉRI konnte sein Vermögen nicht festhalten. Er starb verarmt und krank entweder (nach HABERKORN, (Dt., Nachruf)) in einem Asyl in Nizza, oder (nach Wikipedia) im Hospital St. Anna in Paris, einer Einrichtung für Alkoholiker und Geisteskranke.

Verwendete Quelle:
HABERKORN, Heinz: Anfänge der Fotografie. Entstehungsbedingungen eines neuen Mediums, Reinbek 1985 (Buchreihe des Deutschen Museums „Kulturgeschichte der Naturwissenschaften und der Technik“)

(mg)

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Wie ein Schilfrohr

„Ouch wizzet daz der niht ist ein tôr,
Der sich kan neigen als ein rôr,
So gewalt und ungelücke über in fliegent
Und sîne fröude nider biegent

Wisset auch, dass der kein Tor ist,
der sich neigen kann wie ein Schilfrohr,
wenn Gewalt und Unglück über ihn hinwegfegen
und seine Freude niederdrücken!“*
(Hugo von Trimberg)

*Schilf am See

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*Quelle: Thesaurus proverbiorum medii aevi. Lexikon der Sprichwörter des romanisch-germanischen Mittelalters, hrsgg. von Samuel Singer, Bd. 10, Berlin New York 2000, S. 90.