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Sonntagsbeilage, 1. Juni 14

„Opium haut Opi um, haut Opium auch Omi um?“

Schlaflosigkeit kann jeden treffen. Heute, im Zeitalter der Listen, kann man jederzeit im Netz verschiedene Zusammenstellungen von berühmten Schlaflosen finden. Die Liste reicht von der Antike (Caligula) bis in die Gegenwart – aber möchte man wissen, welches moderne Schlagersternchen nachts nicht schlafen kann? Staatsfrauen und -männer (von Katherina der Großen bis Mao), Künstler, Schreiber (Kafka, Proust) – unter Schlaflosigkeit darf jedermann leiden.

Philippe ARIÈS zitiert in seiner Geschichte des Todes (zuerst 1978) aus Les derniers vers des französischen Poeten RONSARD (1524-1585). RONSARD schrieb diese “letzten Verse” wirklich zum Ende seines Lebens, unter anderem beklagt er seine Krankheiten, darunter die Gicht:
La goutte jà vieillard me bourrela les veins …

Und da ist die Schlaflosigkeit:
Mais ne pouvais dormir, c’est bien de mes malheurs
Le plus grand, qui ma vie & chagrine & despite.
Seize heures pour le moins, je meurs, les yeux ouverts,
Me tournant, me virant de droict & de travers
Sur l’un, sur l’autre flanc, je tempête, je crie …
Miséricorde ! Ô Dieu ! ô Dieu, ne me consume
A faute de dormir …
Vielle ombre de la terre, ainçois ombre d’enfer,
Tu m’as ouvert des yeux d’une chaîne de fer,
Me consumant au lict, navré de mille pointes …
Mechantes nuits d’hiver, nuits, filles de Cocyte …
N’approchez de mon lit, ou bien tournez plus vite.

Er wirft sich auf deinem Bett hin und her, noch sechs Stunden bis zum Morgen, der Schlaf will nicht kommen: „Erbarmen, Herr!“ Die eiserne Kette der Nächte reißt nicht ab – am Ende bleibt nur ein verzweifeltes „tournez plus vite“ – „ach, geht doch weg!“

Er wendet sich dem natürlichen Heilmittel zu:
Heureux, cent fois heureux, animaux qui dormez …
Sans manger du pavot qui tous les sens assomme !
J’en ay mangé, j’ay bu de son jus oublieux,
En salade, cuit, cru & toutefois le somme
Ne vient par sa froideur s’asseoir dessus mes yeux.*

Pavot, der Mohn, soll’s richten. RONSARD hat ihn gegessen, roh, gekocht, den Saft getrunken, aber es nutzte nichts, die Augen blieben offen.

Es ist doch wirklich traurig, wenn einen noch nicht einmal mehr das Opium schlafen schickt.
Die zeitgenössischen Ärzte hätten RONSARD eventuell einen Theriak verschrieben, das allmächtige Getränk, die Panacée; oder sie hätten ihn mit Laudanum versorgt, eine Opiumlösung, die PARACELSUS irgendwann zwischen circa 1520 und 1541 (seinem Todesjahr) zusammengestellt hatte – das könnte also vierzig Jahre später in Frankreich durchaus bekannt gewesen sein.

Eine letzte Möglichkeit wäre ein Schlafschwamm, ein Hilfsmittel der Chirurgie. Schon die alten Ägypter beschreiben, dass es möglich ist, durch das Inhalieren von Dämpfen in Ohnmacht zu fallen, also eine Anaesthesie herbeizuführen. Ein Antidotarium des 9. Jahrhunderts aus Bamberg erwähnt diese Praxis, ebenso ein Kodex in Monte Cassino. Ein Gemisch aus Opium, Hyoscyamin (das ist der Wirkstoff in Nachtschattengewächsen wie Tollkirsche, Stechapfel etc.), Maulbeersaft (wohl zum Süßen), Salat, Schierling, Mandragora (Alraune) und Efeu wird bereitet; der „Schwamm“ oder das Gewebe wird damit getränkt, anschließend wird der Schwamm getrocknet. Vor der Verwendung wird der Schwamm befeuchtet und dann unter die Nase des Patienten gehalten, der die Dämpfe inhaliert und betäubt einschläft. Ungewollte Nebenwirkungen können Blutstau und Erstickungstod sein. Diese Technik war der medizinischen Schule von Salerno anscheinend gut bekannt, die Absolventen trugen das Wissen um diese Praxis mit sich an die Orte ihrer Tätigkeit.

Ich würde einen guten Schluck aus Bombastus PARACELUS‘ Laudanum-Pulle bevorzugen – und RONSARD war sicherlich gut beraten, bei seinem Mohn zu bleiben.

(mg)

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*Die Gicht hat mir, der ich schon ein Greis bin, die Venen gemartert.

Aber ich konnte nicht schlafen, von meinen vielen Leiden / Ist das das größte, das mein Leben bekümmert und verdrießlich macht. / Sechzehn Stunden wenigstens sterbe ich, / Mich drehend und von rechts nach links, / Auf die eine, die andere Seite wälzend, rase ich, schrei ich … / Barmherzigkeit, o Gott „ O Gott, verzehre mich nicht / durch Mangel an Schlaf … / Alter Schatten der Erde, alter Schatten der Hölle, / Du hältst mir die Augen mit einer eisernen Kette geöffnet, / Und vernichtest mich im Bett, von tausend Schmerzensstichen gebrochen … / Elende Winternächte, Nächte, Töchter des Cocytus, / Nähert euch meinem Bett nicht oder kehrt euch ganz schnell um.

Glücklich, hundert Mal glücklich ihr Tiere, die ihr Schlaf findet … / Ohne vom Mohn zu essen, der alle Sinne betäubt! / Ich habe davon gegessen, ich habe seinen vergessenschenkenden Saft / Als Salat, gekocht, und roh getrunken, und gleichwohl kommt der Schlaf / In seinem Starrsinn nicht, sich auf meine Lider zu senken.

*

 

Philosoph der Hohenlohe

Karl Julius WEBER (1767-1832) starb im gleichen Jahr wie sein berühmter Kollege Johann Wolfgang von GOETHE, 18 Jahre jünger und heute anscheinend vergessen.

WEBER wurde in Langenburg geboren, einer der Duodezresidenzen des Alten Reichs, mitten in der magischen Hohenlohe. Magisch deshalb, weil „das Land Hohenlohe“ eigentlich gar nicht existiert. Was heute „die Hohenlohe“ genannt wird, besteht aus den fünf Landkreisen Bad Mergentheim, Crailsheim, Künzelsau, Öhringen, Schwäbisch Hall. Für die einen ist es eine Gegend zum Vergessen, an Langeweile nicht zu überbieten und nur gut, um durchfahren zu werden. Für andere ist sie ein Schatzkästlein.

WEBERs Vater arbeitete am Langenburger Hof, ebenso seine Mutter, die als Kammerjungfer angestellt war. Er besucht das Gymnasium in Öhringen und studiert zuerst in Erlangen, dann in Göttingen die Rechte. Das hört sich alles unschuldig genug an, aber in der Zeit der Großen Revolution in Göttingen, dem Zentrum der Aufklärung, zu studieren, das konnte in der konservativen Heimat für Aufregung und Verdacht sorgen. WEBER war am Anfang durchaus ein Anhänger der Revolution, doch die Gewaltherrschaft, die Kopfabhackerei der Grande Terreur, ernüchterte ihn und er fand durchaus kritische Worte für diese Dinge. Er versuchte in Göttingen eine juristische Professur zu erreichen, was misslang; er verließ die Universität 1790, anscheinend ziemlich verletzt. das wird er in heimatliche Gefilde mitbringen.

1792 kehrt WEBER in die Hohenlohe zurück und findet eine Anstellung als Sekretär des Kanzlers des Deutschen Ordens in Mergentheim, Graf Christian zu Erbach-Schönberg. Bis zu des Grafen Tod im Jahr 1799 lebt WEBER in Mergentheim und kann ungestört seinen Studien nachgehen – was vor allem bedeutet, dass er sämtliche Archive und die Bibliothek des Ordens nutzen kann. Nach dem Tod des Grafen wird Weber zunächst Hofrat in dessen Herrschaft, um dann 1804 in die Verwaltung von Ysenburg-Büdingen zu wechseln – ein schwerer Fehler! Um es kurz zu machen: Er verlässt diese Position schon im April des Jahres, desillusioniert und verletzt, nachdem Versprechungen nicht eingehalten worden waren; sein zum Cholerischen neigender Charakter war keine Hilfe, er begann hypochondrische Züge zu entwickeln.

WEBER geht heim und „heim“ meint den Haushalt seiner verheirateten Schwester. Er wird in seinen verbleibenden Jahren in Jagsthausen, Weikersheim, Künzelsau und Kupferzell wohnen – einmal quer durch die Hohenlohe. Er nimmt sich Zeit, um wieder zu sich selber zu kommen, Bücher helfen – am Ende seines Lebens wird er eine stattliche Bibliothek von 11.000 Bänden zusammengetragen haben. Er verbringt den Rest seines Lebens lesend, schreibend, Pfeife rauchend – und einmal im Jahr geht er auf eine Reise. Der Herr Hofrat verschwindet und an seine Stelle tritt Demokritos, der lächelnde Philosoph. Ab 1818 – er ist in seinen Fünfzigern – erscheinen seine historischen Arbeiten über „Die Mönche“ und „Die Ritter“. Es folgen die „Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen“ (am Ende werden es sechs Bände sein) und das ist ein Erfolg: Herr Biedermeier benutzt die Bände als Reiseführer. Diese Briefe sind heute noch lesenswert.

WEBER stirbt 1832 in Kupferzell und wird dort beerdigt, wo noch heute sein Grabstein steht. Sein umfangreiches Werk „Demokritos, oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen“ erscheint erst nach seinem Tod. Er hat an diesem Text fast dreißig Jahre lang gearbeitet, mit längeren Unterbrechungen, und es wurde eine Art Enzyklopädie des Lächerlichen. WEBER ist ein Vorläufer des modernen feuilletonistischen Essays und, darin Montaigne nicht unähnlich, er scheut nicht davor zurück seine innersten Gedanken zu offenbaren. Er beschreibt sich, seinen Charakter, was ihn umgibt – mit einem Lächeln.

Der Erfolg des Werks (fünfzehn Auflagen bis in die 1920er-Jahre) spricht für sich, Kritik kann nicht ausbleiben. Oberflächlichkeit, Anekdotenjägerei und anderes werden dem guten Demokrit vorgeworfen, das liberale Bürgertum des 19. Jahrhunderts kauft und liest.

Als Grabinschrift wählte WEBER:
„Hier liegen meine Gebeine. / Ich wollt’ es wären Deine.“
Das gefiel der Familie nicht, deshalb wurde ein lateinischer Sinnspruch gezimmert:
“Jocosus vixi, sed non impius / Incertus morior, nec perturbatus / Humanum est nescire et errare / Ens entium, misere mei!”
„Fröhlich habe ich gelebt, aber nicht unfromm / Unsicher sterbe ich, aber nicht ohne Zuversicht / Es ist menschlich nicht zu wissen und zu irren / Höchstes Wesen, erbarme dich meiner!“

WEBER ist der bedeutendste Schriftsteller, den die Hohenlohe hervorgebracht hat – und ziemlich vergessen heutzutage: Ein bißchen wie das Land, aus dem er stammt. (mg)

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Spurensuche am Haugerring

Der irische Nationaldichter John Milington Synge*

Am 24. Januar 1894 wird der irische Musikstudent John Milington Synge in Würzburg eingeschrieben. Er stammt aus Rothfanhan, einem südlichen Vorort von Dublin, wo er 1871 geboren wurde. Synge zog studierend durch Europa und machte dabei auch in Würzburg Station. Er bezog hier eine kleine Wohnung in dem Haus Haugerring 16.

Für Synge wurde sein relativ kurzer, sechsmonatiger Aufenthalt in Würzburg zum Wendepunkt in seinem Leben. Er musste erkennen, dass sein nicht zu bezwingendes Lampenfieber ein öffentliches Auftreten für ihn unmöglich machte. Sein Traum von der Karriere als Konzertpianist zerplatzte, und als Konsequenz brach er sein Klavierstudium ab. Stattdessen wandte er sich der Sprache als Ausdrucksmittel seines künstlerischen Wollens zu. Er entdeckte für sich die Gedichte Walthers von der Vogelweide und verbrachte viel Zeit im Lusamgärtchen mit der Lektüre der originalen Texte und mit Übersetzungsversuchen ins Englische. In dieser Zeit entstanden auch eigene Dichtungen, in denen Synge innere Empfindungen und Eindrücke von Würzburg und seiner Umgebung festgehalten hat.

Im Sommer des Jahres 1894 verließ Synge die Residenzstadt, um sich nach Paris zu wenden und dort den bekannten Dramatiker Yeats zu treffen. Er schrieb später einige Theaterstücke und sorgte für einen handfesten Skandal in Dublin, denn er beschrieb „irische Helden“ als notorische Trunkenbolde und Kneipensitzer.

Synge stirbt 1909 38-jährig in Dublin an Krebs. Leider haben sich Pläne der Deutsch-Irischen Gesellschaft Würzburg, am Gebäude Haugerring 16 (1894, heute Haugerring 5) eine Gedenktafel, eine Plakette oder einen sonstigen Hinweis auf Synges Aufenthalt anzubringen, bisher nicht verwirklichen lassen.

*Matthias Gorzolka: Der Haugerring damals und heute, Würzburg 2005 (Historische Schriftenreihe: Die WVV im Wandel der Zeit, Band 1), S. 15.

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Wie ein Schilfrohr

„Ouch wizzet daz der niht ist ein tôr,
Der sich kan neigen als ein rôr,
So gewalt und ungelücke über in fliegent
Und sîne fröude nider biegent

Wisset auch, dass der kein Tor ist,
der sich neigen kann wie ein Schilfrohr,
wenn Gewalt und Unglück über ihn hinwegfegen
und seine Freude niederdrücken!“*
(Hugo von Trimberg)

*Schilf am See

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*Quelle: Thesaurus proverbiorum medii aevi. Lexikon der Sprichwörter des romanisch-germanischen Mittelalters, hrsgg. von Samuel Singer, Bd. 10, Berlin New York 2000, S. 90.

Unverhofftes geschieht

Selten nur entspricht der Ausgang der Ereignisse unserer Hoffnung.
Oft werden unsere Erwartungen enttäuscht, Unverhofftes geschieht. Und nicht dies darf verwundern, ein Wunder vielmehr ist es, wenn es anders verläuft. Wohl lenkt die Vernunft den Anfang der Ereignisse; doch das Geschehen wird durch das Schicksal verändert, und nichts steht der Vernunft mehr entgegen als das Schicksal. So zerreißt dieses ein Gewebe, wie geschickt es jene auch begonnen, mit Gewalt, noch ehe es fertig ist. Oh, wäre das doch nicht so offensichtlich und das Leben der Menschen nicht gar so voll von solchen Klagen, so daß man schon über kaum etwas anderes mehr seufzt.“*

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Mit diesen Worten leitet Petrarca seinen fiktiven Bericht über eine Reise ein, die er selbst nie gemacht hat – er schrieb das Büchlein für einen Freund, der sich auf die Pilgerreise nach Jerusalem begeben wollte. Petrarca (1304-1374), war ein bedeutender Briefeschreiber und großer Dichter („Laura“) am Anfang des italienischen Humanismus. (gg)

*Francesco Petrarca: Reisebuch zum Heiligen Grab, Stuttgart 1999, übersetzt von Jens Reufsteck, S. 5.

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(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 45. Kalenderwoche 2002)