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Mehr Liebe zum Volk*

Beim Kongress für Volkskunde 2003 in Berlin tat Martin Scharfe am Ende seines Abschlussvortrags eine denkwürdige Äußerung. Er sagte, er wünsche sich von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“. Unter den Zuhörern stieß diese Aussage auf Befremden und Unverständnis, zumindest auf Verwunderung.

Was meinte er damit?

In den vergangenen Jahren habe ich verschiedentlich klagen hören, die jungen Leute vom Fach verstünden sich nicht mehr aufs Quellenstudium – sie könnten diese nicht einmal mehr lesen. Woran das liegen mag, sei dahingestellt. Ich möchte hier jedoch auf die Verführung aufmerksam machen, die der Umgang mit PC und Internet mit sich bringt, und auf den überhöhten Stellenwert, der diesen unbestreitbar nützlichen Hilfsmitteln eingeräumt wird. Es wird suggeriert, jegliches Wissen sei schnell und mühelos abrufbar und es erübrige sich, selbst eigene, zeitraubende und aufwändige Nachforschungen vor Ort zu betreiben: Oben wird ein Knopf gedrückt, und unten „fällt Geschichte raus“.
Dieser Suggestion erliegen allerdings nicht nur die jungen Leute vom Fach.

Ein Hilfsmittel wie z.B. eine Datenbank, das für naturwissenschaftliche Versuchsreihen taugt und für betriebswirtschaftliche Auswertungen entwickelt wurde, muss der Erschließung geschichtlichen Materials nicht frommen. Lebendige Menschen und historische Quellen – letztere zu Schrift, Bild und Gegenstand gewordene Zeugnisse einst lebender Menschen – scheinen mir eines gemeinsam zu haben: Sie sträuben sich dagegen, klassifiziert und katalogisiert, standardisiert, vereinheitlicht und digitalisiert zu werden. Wer sie auf Zahlen und Daten reduzieren zu können glaubt, wer sie zu bloßen Objekten degradiert, dem geben sie ihr innerstes Wesen nicht preis. Sie lassen lediglich dem Klassifizierenden den irrigen Glauben, er habe ihr Wesentlichstes erfasst: Er hält den Schatten für die Wirklichkeit, verwechselt die Datenbank mit dem Original, das Hilfsmittel mit dem eigentlichen Forschungsgegenstand.

Vielleicht haben manche geisteswissenschaftlichen Fächer in jüngster Zeit unter anderem deswegen so sehr an Boden verloren, weil sie – dem wachsendem Erfolg und Einfluss naturwissenschaftlicher Forschung hinterherhechelnd – unbesehen und unkritisch Methoden kopieren und Hilfsmittel anwenden, die ihrem eigenen Gegenstand nicht unbedingt angemessen sind, und weil sie darüber hinaus Fragestellungen und Sichtweisen übernehmen, die diesen Gegenstand schlicht verfehlen. Vielleicht hat so manches Fach gar seinen ursprünglichen Gegenstand aus den Augen verloren?

Denn die digitale Nutzbarmachung historischer Quellen birgt nach meinem Dafürhalten noch eine weitere Gefahr: Manchmal könnte man meinen, der Gegenstand historischer und volkskundlicher Forschung erschöpfe sich in Archivalien und Museumsobjekten, und es gelte nur, deren Informationsgehalt (digital) aufzubereiten und abrufbar zu machen. Die Erschließung historischer Quellen gerät durch eine solche Bearbeitung leicht zum Selbstzweck und wird dadurch freilich als mühsam und lästig empfunden. Die Quelle – in handliche, vereinheitlichte Einzelteile zerlegt – wird auf Zahlen und Fakten reduziert. Der eigentliche Wert der Quelle, ihre Aussagekraft für eine Verortung, ihren „Sitz im Leben“ – im Original, im Zusammenhang und zwischen den Zeilen gelesen – wird durch diesen Focus vernachlässigt.

Die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Gegenstand der Forschung findet durch die so entstehende Distanz zu einer derart bearbeiteten und genutzten Quelle nicht statt; es entfällt die Notwendigkeit, selbst zu denken, Stellung zu beziehen.

Doch auch Archivalien und museale Objekte sind nur Hilfsmittel – kostbare zwar und oft einzigartige, die es zu bewahren gilt. Denn dienen sie nicht lediglich dazu, vergangenes menschliches Leben, Denken und Handeln in seinen Zusammenhängen zum Erkenntnisgewinn für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu erschließen? Gilt es nicht, die Menschen, die hinter diesen Quellen verborgen sind, in ihrem Facettenreichtum sichtbar zu machen und zu würdigen?

Vielleicht wünschte sich Martin Scharfe auch in dieser Hinsicht von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“.

*Vorwort von Gabriele Gerstmeier zum „Projekt des Bezirks Unterfranken: Digitale Erfassung von Gewerbestatistiken der ersten Hälfte des 19. Jhs. aus Archivalien des Staatsarchivs Würzburg“, bearbeitet von Gabriele Gerstmeier und Matthias Gorzolka, unveröffentlichte begrenzte Auflage, Gerbrunn 2006.

(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 28. Kalenderwoche 2006)

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Das oben zitierte Vorwort entdeckte ich beim Stöbern in den Lesefrüchten der ehemaligen DIAGNOSIS-Website. Ich hatte es vergessen – doch während ich es las, hatte ich plötzlich wieder den Tagungssaal des damaligen Kongresses vor Augen; die Unruhe, die durch die Stuhlreihen wogte nach Scharfes Worten; den Volkskundler-Kollegen, der auf der Heimfahrt im Zug sagte: „Ich weiß nicht, was der wollte – ich bin Wissenschaftler.“

Ich erinnerte mich beim Lesen auch an die Situation der Geisteswissenschaften 2006: Die fuhren gerade mächtig in den Keller, alle schrien nur noch nach Biomedizinern und Naturwissenschaftlern; in den Jahren davor waren – im Rahmen der mit der damaligen Rezession begründeten Sparmaßnahmen erst im kulturellen, dann im sozialen Bereich – die meisten Stellen für Geisteswissenschaftler sowieso gestrichen worden; die verdingten sich als Spüler, Taxifahrer und Ähnliches oder gingen als Arbeitslose nach den Segnungen der Schröder’schen Agenda 2010 sofort in Hartz IV.

Elf Jahre nach dem Kongress und acht Jahre nach diesem Vorwort sehe ich sowohl die eine Aussage – das Für-wahr-und-einzig-Halten digitaler Quellen (Internet!) – als auch die andere – den Absturz der Geisteswissenschaften – bestätigt. Leute, die zu denken gelernt (sic!) haben, sind heutzutage offensichtlich überflüssig. Wie sehr – und für wie doof man sie außerdem hält -, lässt sich an einem Artikel für geisteswissenschaftliche Berufseinsteiger in „Die Zeit“ ablesen: Hohn gebrüllt!**

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**… und dem Herrn Vonhoff vom BDS den doppelten Effenberger gezeigt.

Preise

1986, noch während des Studiums, eröffnete ich ein Schreibbüro mit Lektorat. Eine der ersten Kundinnen war eine junge Frau, die ihre Abschlussarbeit getippt haben wollte. Als ich ihr den sorgfältig kalkulierten, durchaus marktüblichen Preis dafür nannte, erbleichte sie: “Waas! Was ist denn da so teuer dran? Das Papier?”

Wenn ich mich heute daran erinnere, fällt mir der folgende Witz dazu ein:*

In einem podolischen Nest bleibt ein Reisender mit seinem Automobil stecken. Alle Mühe, den Wagen selber zu reparieren, ist vergeblich. Man ruft den jüdischen Dorfklempner. Dieser öffnet die Motorhaube, blickt hinein, versetzt dem Motor mit einem Hämmerchen einen einzigen Schlag – und der Wagen fährt wieder!  “Macht 20 Zloty”, erklärt der Klempner. Der Reisende: “So teuer?! Wie rechnen Sie das?” Der Klempner schreibt auf:
Gegeben a Klopp   1 Zloty
Gewußt wo          19 Zloty
Zusammen          20 Zloty

*Quelle: Jüdische Witze. Ausgewählt und eingeleitet von Salcia Landmann, 18. Aufl., München 1976, S. 64/65.

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Liebeserklärung an Gerbrunn

Die Mediatorin wohnt in einem Hochhaus, das außen und innen bunt ist. Außen ist es in verschiedenen Gelb- und Orangetönen gestrichen, mit roten und blauen Balkonen dazwischen. Von Weitem leuchtet es durch die Landschaft. Innen wohnen Menschen unterschiedlichster Couleur nach dem Motto „leben und leben lassen“. Manche sieht sie häufig, manche selten, manche nie. Zu den einen und anderen hat sie nachbarschaftlichen Kontakt. Freundlich gegrüßt wird immer.

Ein so buntes, tolerantes Miteinander ist nicht selbstverständlich. Als sie damals, vor gut dreizehn Jahren, auf Wohnungssuche war, schaute sie sich auch eine Wohnung in einem anderen Hochhaus an. Darin waren der Aufzug und die Flure mit braunem Teppichboden ausgelegt, vor den Wohnungstüren standen gehämmerte Kupfervasen mit Plastikblumen, an den Wänden hingen billige Drucke und Kupferreliefs. Es roch so muffig, wie es spießig wirkte. Die Wohnung war entsprechend. Nicht sehr geneigt, sie zu nehmen, fragte sie nach der Besichtigung vor der Haustüre unten noch den Vermieter, was denn für Leute im Hause wohnten. „Nur anständige Leute!“, sagte er im Brustton der Überzeugung, „da, gucken Sie hin“ – und er wies auf die vielen Klingelschilder – „nur deutsche Namen!“ Das war’s dann.

Die Mediatorin hat eine sehr ruhige Wohnung hoch oben. Sie sieht auf der einen Seite über den Ort hinweg bis hinüber zur Frankenwarte. Auf der anderen Seite blickt sie auf die Roßsteige und die Weinberge hinauf zum Flürle, darüber grüßt das Windrad vom Gieshügel. Früh scheint die Sonne in ihr Schlafzimmer, abends versinkt die Sonne am Horizont vor ihrem Balkon. Oft geht sie in den nahen Weinbergen und Feldern rund ums Gut spazieren und genießt das Grün der Landschaft, den Blick in die Ferne ringsum. Im Herbst und Winter scheint hier oben schon die Sonne, während sie über dem Maintal noch die Nebelschwaden wabern sieht; im Sommer, wenn unten im Tal stickige Hitze zwischen den Häusermauern der Stadt steht, weht oben im Dorf stets ein leichtes Lüftchen.

Hier scheint die Sonne öfter, die Luft ist besser, die Menschen sind freundlicher. Reichlich Grün umspielt die Häuser, versteckte Pfade und Treppen zwischen den Häuserreihen verbinden Straßen und Ortsteile. Ihren Beratungsraum hat die Mediatorin lange gesucht und auf dem sonnigen Plateau im Einkaufszentrum in der Mitte Gerbrunns vor eineinhalb Jahren gefunden. Dort gibt es eine kleine Fußgängerzone, einen offenen Platz, der fast den ganzen Tag sonnenbeschienen ist, ein Café, Geschäfte und Ärzte. Sie sieht die Menschen an ihrem großen Fenster vorbeigehen, die hereinschauen, lächeln und grüßen. Die Mediatorin grüßt zurück; oft hält sie ein Schwätzchen mit ihnen, wenn sie gerade vor der Türe ist; manche kommen auch auf ein Schwätzchen herein. Sie fühlt sich wohl in dieser lebendigen, entspannten Atmosphäre; hier lässt es sich gut arbeiten.

Die Einwohnerschaft der Gemeinde ist so bunt wie die Bewohner des Hochhauses. Es gibt die Alteinsässigen, junge wie alte. Bedingt durch den nahen Campus und die Schulen wohnen hier viele Universitätsangestellte, Lehrer, Studenten. Es gibt ein Neubaugebiet mit jungen Familien, ein Seniorenheim und ein Studentenwohnheim. Menschen aus anderen Ländern der Welt leben hier ebenso selbstverständlich wie die Alteingesessenen; reich und arm mischt sich darunter.

Die Infrastruktur ist gut: Neben einer Grund- und Hauptschule und den Kindergärten gibt es ein Hallenbad, eine Gemeindebücherei und ein Jugendzentrum, ausreichend ärztliche Versorgung und andere Heilberufe, die wichtigsten Geschäfte, Banken und Supermärkte. Es gibt Lokale und, nicht zu vergessen, mehrere Winzer, die mit ihrem Weinverkauf und den Heckenwirtschaften auch viele Gäste von außerhalb anlocken. Im Gewerbegebiet und im Ort selbst haben sich verschiedene Unternehmen und freien Berufe niedergelassen. Das Gemeindeleben wird bereichert durch Vereine und Städtepartnerschaften, aktive Bürger und einen engagierten Bürgermeister.

In die anliegende fränkische Metropole – die jeweiligen Ortsschilder sind gerade einmal einen Kilometer auseinander – fährt alle 20 Minuten ein Bus bis spät in die Nacht, die zahlreichen Bushaltestellen sind zu Fuß schnell erreicht. Mit dem Fahrrad schafft man spielend das Nötige, sogar die Stadt und die umliegenden Gemeinden, nur zurück ist es wegen der Steigungen etwas happig – wer das nicht kann, steigt samt Rad in den Bus ;-)

Die Mediatorin fühlt sich zuhause in ihrem liebenswerten, lebenswerten Ort: Gerbrunn!

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Stunden der offenen Tür

Wir danken allen, die uns in den Stunden der offenen Tür besucht haben, herzlich für ihr Kommen! Die Zahl der Gäste war überschaubar, die Stimmung gut, die Atmosphäre entspannt. Das Programm und die Ausstellung gefielen. Schön war’s! Beste Grüße, bis zum nächsten Mal …

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 Blick durchs Fenster zu Beginn

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Im Gespräch

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 Rauchertischchen

Event 4

 Noch ein Gespräch

 Event 95

 Entspannte Gäste

Event 7

 Vortrag zur Geschichte des Hafens

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 Illustration zum Treideln auf dem Main

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 Aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer

Event 92

Raucherpause

Event 91

 Vortrag „Des Pudels Kern“

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 Über Lösungen

Event 94

Die Künstlerin und der Historiker
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Schaufenster-Vergnügen

Das Spielraumfenster ist, genau genommen, ein Schaufenster: Der Raum war ursprünglich als Ladenlokal konzipiert. Ich liebe dieses große Fenster, das Draußen und Drinnen verbindet, mir den Blick hinaus auf die vorbeigehenden Menschen und diesen den Blick zu mir herein und auf mich erlaubt; Blickkontakte, freundliches Zunicken und Zulächeln ermöglicht. Zwar kann ich den Raum vor neugierigen Augen schützen. Doch wenn ich alleine darin bin, lasse ich ihn meistens offen und transparent.

Ich experimentiere damit, mein Spielraum-Schaufenster zu dekorieren – mit Vergnügen!

So sieht die aktuelle Deko aus:

Schaufensterdeko Anfang Dezember

Detailansicht:

Detail Schaufensterdeko

:-)

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Weiß der Henker!

Heute putzte ich den Spielraum und das Schaufenster innen und außen. Manchmal, wenn ich so da draußen rumschaffe, fasst sich der eine oder die andere ein Herz und spricht mich neugierig an: „Was ist denn das, was Sie da machen?“ Ich erkläre freundlich, dass ich Mediatorin bin: „Ich vermittle, wenn sich Leute streiten …“ „Ah so – na, des brauch i Gott sei Dank net!“ Und dann verabschieden sich die meisten so eilig, als hätte ich gesagt, ich sei der Henker. So viel zum Image von Menschen, die professionell mit Konflikten zu tun haben.

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Lang Lang

Das Leben besteht nicht immerzu aus appetitlichen Häppchen; manchmal gibt es uns dicke Brocken zu schlucken und nicht selten ist auch eine fette Kröte dabei.

Der Pianist Lang Lang gab in München beim „Junior Music Camp“ einen Meisterkurs für den pianistischen Nachwuchs (nettes Video). Im anschließenden Interview mit einer Moderatorin des Senders Bayern 4 Klassik sagte er zum Schluss, als er danach gefragt wurde, welchen Rat er Kindern und Jugendlichen geben würde, die von der großen Karriere träumen:

„Das klingt jetzt ein bisschen langweilig, aber es braucht Zeit, das ist die Realität. Als ich 13 Jahre alt war, habe ich es gehasst, wenn jemand gesagt hat: Es dauert lange, bis man wirklich etwas erreicht hat; es kann das ganze Leben lang dauern. Aber es ist wahr. Ich werde jetzt auch schon schrecklich langweilig, was das angeht, aber es ist wirklich so. Ich habe nie aufgegeben. Es gibt immer Zeiten, in denen es nicht so gut läuft, und nicht jeder Tag kann so sein, wie du ihn geplant hast. Als Kind versuchen wir alles perfekt zu machen. Manchmal ist es dann sogar mehr als perfekt und manchmal eben nicht. Damit müssen wir umgehen können. Ob gute oder schlechte Zeiten, wir müssen uns fokussieren. Unsere Profession sollte absolute Priorität haben, und wir dürfen nicht aufgeben. Das ist fast wie eine Ehe, wie in der Kirche, wenn du die Worte des Priesters wiederholen musst. Die Musik braucht die gleiche Aufmerksamkeit. Du musst mit vollem Herzen dabei sein, der Musik dein Leben widmen. Das brauchen wir. Das brauchen wir wirklich.“*

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

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*selbst transkribiert

Gruppenarbeit im Unterricht

„In Bezug auf das didaktisch-methodische Zieldreieck (Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz) ist Gruppenarbeit kontraproduktiv und ineffektiv. Gruppenarbeit senkt die Qualität und die Effektivität schulischen Lernens. Gruppenarbeit vermittelt nur wenig oder gar kein (neues) Wissen; vielfach wird nichts oder nur sehr wenig und äußerst zeitaufwändig gelernt. Das Gleiche gilt in Bezug auf die Fachkompetenz. Gruppenarbeit vermittelt keine Methodenkompetenz; in der Regel wird diese vorausgesetzt und gefestigt, aber nicht gezielt und professionell gefördert. Angesprochen und genutzt werden vor allem die Rezeptions- und die Präsentationskompetenz der Schüler; vernachlässigt wird die professionell angeleitete Förderung der Aufnahme (Rezeption), Verarbeitung, Speicherung und Präsentation des (neuen) Wissens. Gruppenarbeit vermittelt keine Sozialkompetenz; in der Regel wird diese genutzt und gefestigt, aber nicht gezielt und professionell verbessert.

Gruppenarbeit verhindert das selbstständige Lernen, die individuelle Aneignung, Bearbeitung, Verarbeitung und Speicherung des Wissens, die einsame Konfrontation mit einem Text, mit einer Aufgabe, mit einem Problem. Gruppenarbeit zerstört die Selbstständigkeit, die Fähigkeit selbstständigen Denkens und Handelns. Gruppenarbeit hat unprofessionellen Charakter. Zum einen müssen sich die Schüler das Wissen selbst beibringen, zum anderen präsentieren Schüler (und nicht Lehrer) das neue Wissen. Das entspricht einer gezielten Entprofessionalisierung schulischen Lernens. Gruppenarbeit hat eine geringe Qualität. In der Regel senkt Gruppenarbeit das Niveau schulischen Lernens, vor allem im Vergleich zur professionellen Wissensvermittlung durch qualifizierte Lehrer, und zwar aus mehreren Gründen: Wissensquellen sind in der Regel unprofessionelle Arbeitsblätter und/oder unprofessionelle Schülervorträge; das Wissen stammt aus „zweiter Hand“ bzw. aus Kindermund; der Lern- und Erkenntnisprozess wird in unzusammenhängende Teile zerstückelt; die Schüler lernen in Gruppen unter ungünstigen Bedingungen (Lärm, Unruhe usw.); die Schüler müssen sich auf mehrere Schülervorträge konzentrieren, obwohl sie sich (angeblich) nicht mehr auf einen einzigen, längeren Lehrervortrag konzentrieren können; die Arbeitsergebnisse können in der Regel nicht professionell kontrolliert, evaluiert, korrigiert und gespeichert werden.“*

*Reinhard Franzke: Der Unfug mit der Gruppenarbeit. Fördert oder verhindert Gruppenarbeit das professionelle, effektive und selbstständige Lernen in der Schule? Dezember 2008.

Prof. Dr. rer. pol. Reinhard Franzke, Emeritus des Instituts für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung der Leibniz-Universität Hannover, gibt hier eine ausgezeichnete Analyse dieser Unterrichtsmethode; der obige Text ist aus seinem diesbezüglichen Fazit zitiert. Ich kann ihm hier nur zustimmen.

Franzke hat sich offensichtlich dem Kampf für eine bessere Bildung in Deutschland verschrieben. Auf seiner privaten Website nimmt er „Zeitgeist-Pädagogik, Didaktik, Unterrichtsmethodik, Esoterik und Psychotechnik“ kritisch unter die Lupe. Man muss mit ihm nicht in allem d’accord gehen, doch es lohnt sich meines Erachtens, sich mit seinen Texten auseinanderzusetzen; was ich bis jetzt davon gelesen habe, finde ich angesichts unseres immer mehr verrottenden Bildungssystems äußerst bedenkenswert.

Seine Gegner – und, oh ja, die hat er anscheinend: Ein wütender Aufschrei geht durch die Reihen der Bildungs- und anderer Ideologen, die im Netz ihre Statements abgeben – seine Gegner diffamieren ihn als christlichen Fundamentalisten und meinen, mit diesem (auch in anderen Zusammenhängen beliebten und modernen, dem Zeitgeist gefälligen) Rundum-Totschlag-Argument eines religiösen Fundamentalismus seine wissenschaftliche Kompetenz und Erfahrung vom Tisch wischen zu können, indem sie Persönliches und Sachliches vermischen. Hier verweise ich auf unsere Verfassung, Art. 4 GG (Religionsfreiheit). In der Kritik zu stehen, weil man unbequeme Wahrheiten ausspricht, zeugt meiner Meinung nach zunächst einmal von größerer Persönlichkeit, als gelobhudelt zu werden, weil man allen nach dem Munde redet. Auch muss man schauen, vom wem die Kritik kommt! Hier halte ich es – nicht zuletzt – mit einen großen Philosophen, dessen Weisheit mich seit meiner eigenen Schulzeit begleitet:

„Viele loben dich: Hast du einen Grund, mit dir zufrieden zu sein, wenn du einer bist, den viele verstehen?“
(Lucius Annaeus Seneca, Epistulae Morales, Liber I, Epistula VII,12)

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Der erste Jurist

„Am Anfang der juristischen Tätigkeit stand ja (…) nichts anderes als das Vermögen, Ordnung – und zwar eine Verfahrensordnung – in das Chaos eines sozialen Konfliktes zu bringen. Wesentlich war und ist dabei die strikte Trennung des Sachverhaltes und der Bewertung und Entscheidung des Sachverhaltes. Man weiß nicht genau, wer zuerst auf diese Idee gekommen ist, aber einige in Mesopotamien gefundene Tontafeln aus dem vierten Jahrtausend vor Christi Geburt lassen den Schluß zu, daß dies im Zweistromland geschah. Sie berichten von einem Fall, in welchem zwei Ziegenherden, eine Wasserquelle, ein ausgerissenes Haarbüschel (weiblich) und zwei ausgeschlagene Vorderzähne (männlich) eine Rolle gespielt haben. Soweit man den Tontafeln entnehmen kann, trat in diesem Falle ein neutraler Dritter auf. Dieser trennte die streitenden Parteien und sprach zur klagenden Partei: ‚Zuerst redest du!‘ Nachdem er eine Stunde oder auch länger gelauscht hatte, erteilte er der beklagten Partei das Wort. Wieder hörte er längere Zeit zu. Dann zog er sich zur Beratung zurück. anschließend verkündete er sein Urteil: ‚An geraden Tagen darfst du die Quelle benutzen. an ungeraden du! Wann jeweils gerade und ungerade Tage sind, erfahrt ihr immer von mir. Dafür bekomme ich jedesmal einen Topf Milch. Und als Gebühr für diesen Spruch erhalte ich von jedem von euch eine Ziege.‘ Dieser Mann war der erste Jurist der Weltgeschichte.

Moderne Verhandler müssen danach trachten, diese Rolle zu übernehmen. Sie müssen also in der Verhandlung dafür sorgen, daß der Sachverhalt erst einmal hergestellt wird, ehe darüber verhandelt wird, und ehe die Wertentscheidungen gefällt werden. Das geschieht (…) nach Regeln, für welche die Juristen Vorbilder geliefert haben, die auch in nichtjuristischen Verhandlungssituationen helfen.“*

*Fritjof Haft: Verhandlung und Mediation. Die Alternative zum Rechtsstreit, 2., erw. Auflage, München 2000, S.135/136.

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Die Mediation ist eine „nichtjuristische Verhandlungssituation“. Allerdings gibt die Mediatorin keine Lösungen vor wie im obigen humorigen Beispiel einer Schlichtung, sondern die Konfliktpartner erarbeiten eigenverantwortlich einvernehmliche Lösungen, mit denen alle Beteiligten gut leben können. Die Mediatorin begleitet und strukturiert mit ihrem „Handwerkszeug“, mit angemessenen Methoden dieses Verhandeln, damit faire und nachhaltige Ergebnisse dabei herauskommen. Sie vermittelt zwischen den Konfliktparteien: „mediare“ (lat.) heißt „vermitteln“. Das ist Mediation.

Mediaton ist darüber hinaus preiswerter als im obigen Beispiel: Es wird nicht auf unabsehbare Zeit alle paar Tage „ein Topf Milch“ von jedem Verhandlungspartner gefordert oder gar eine einmalige Schiedsspruchgebühr – das gibt es bei Rechtsanwälten und vor Gericht – , sondern es werden feste Stundensätze für die begrenzte Zeit vereinbart, in der die Mediation stattfindet. Außerdem kann die Mediation jederzeit von jedem Beteiligten ohne Schaden beendet werden – es gibt keine  „Vertragslaufzeit“.

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EPD – Equal Pay Day 2013 in Würzburg

Am morgigen Donnerstag (21. März) ist der diesjährige Equal Pay Day – so viel länger müssen Frauen durchschnittlich arbeiten, um das Gleiche zu verdienen wie Männer im Jahr 2012!

Deshalb informiert das Würzburger EPD-Bündnis morgen mit einem Stand am Sternplatz über die Entgeltunterschiede zwischen Männern und Frauen – der diesjährige Schwerpunkt liegt auf den Gesundheitsberufen – und mit einem Flashmob um 14.15 Uhr vor dem Würzburger Rathaus.

Kommet zuhauf :-)

Taschentuecher 003(Design: Gabriele Gerstmeier, Logo: BPW, Foto: E.B.)