Schlagwort-Archiv: Beobachtung

Sonntagsbeilage, 5. Juli 15

Das System hat den Vorrang

Seit 1870 haben sich Erfinder, Wissenschaftler und Systematiker damit beschäftigt, die technologischen Systeme der modernen Welt zu schaffen. Heute lebt der größte Teil der industrialisierten Welt in einem künstlichen Umfeld, das von diesen Systemen strukturiert wird, und nicht in der natürlichen Umwelt vergangener Jahrhunderte. […] Aber bis heute denken wir zuwenig über die Einflüsse und die Gestalt einer Welt nach, die in große technologische Systeme gegliedert ist. Gewöhnlich machen wir den Fehler, die moderne Technologie nicht mit Systemen in Verbindung zu bringen, sondern mit Gegebenheiten wie dem elektrischen Licht, Radio und Fernsehen, dem Flugzeug, dem Automobil, dem Computer und den nuklearen Fernlenkwaffen. Wenn wir die moderne Technologie nur in einzelnen Maschinen und Geräten erblicken, dann übersehen wir die tieferen Strömungen der modernen Technologie, die in dem halben Jahrhundert nach der Einrichtung der Erfinderfabrik in Menlo Park von Thomas Edison an Stärke und Zielrichtung zugenommen haben. Heute sind Maschinen wie das Automobil und das Flugzeug allgegenwärtig. Da sie mechanisch und greifbar sind, fällt es uns nicht allzu schwer, sie zu verstehen. Aber Maschinen wie diese sind gewöhnlich nur Bestandteile straff organisierter und von Menschen beherrschter technologischer Systeme. Solche Systeme sind schwer zu verstehen, weil zu ihnen auch komplexe Bestandteile wie Menschen und Organisationen gehören und weil sie oft aus physikalischen Komponenten bestehen wie den chemischen und elektrischen, die nicht nur mechanisch sind. Große Systeme – für die Energieversorgung, die industrielle Produktion, die Kommunikation und den Transport  – stellen den Kern der modernen Technologie dar. Wie Alan Trachtenberg gesagt hat, sind der ‚Westen‘ und die ‚Maschine‘ die Symbole, die ihnen die Perspektiven für das Begreifen ihrer frühen und jüngsten Geschichte geben. Nachdem ein Jahrhundert lang technologische Systeme entwickelt worden sind, könnten wir durchaus ‚das System‘ als das Kennzeichen ihrer Zivilisation ansehen.“*

Dies schreibt der amerikanische Technikhistoriker Thomas HUGHES (1923-2014) in seinem zuerst vor 26 Jahren erschienenem Buch zur Geschichte der modernen, amerikanischen, Technologie.
Heute verleibt sich das „System“ den Menschen langsam aber sicher ein, jedenfalls arbeiten Google und Konsorten daran. Alle Menschen haben heute gefälligst ein „i-phone“ mit sich herumzutragen, sollen den Computer als Brille oder als Armbanduhr getarnt „am Mann“ mit sich herumführen, während sie sich im voll überwachten öffentlichen Raum bewegen, jederzeit voll vernetzt. Computer steuern alle möglichen Dinge; totale Kommunikation bedeutet, dass alle Computer mit einander „reden“ können, einander erkennen und berücksichtigen, vom autonomen Automobil bis zum Kampfroboter (im Grunde ja nur eine andere Anwendung), vom Warenbegleitsystem bis zur Gesichtserkennung – egal, was oder wer sortiert wird, sortiert muss werden …
Cui bono? Wem nützt’s? Braucht man das? Wer eigentlich baut diese Systeme, wer profitiert? Wer entscheidet, wie sortiert wird?

*HUGHES, Thomas P.: Die Erfindung Amerikas. Der technologische Aufstieg der USA seit 1870, München 1991, S. 190. Zuerst: American Genesis. A Century of Invention and Technological Enthusiasm. 1870-1970, 1989.

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Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 16. Februar 15

Grad‘ noch so … auch diesmal verspätet, ich bitte das zu entschuldigen. Die wochenendliche Tiefenentspannung hat mich schlicht und einfach den sonntäglichen Abgabetermin vergessen lassen. Aber nichtsdestotrotz erscheint natürlich eine Sonntagsbeilage.

Diesmal soll eine der drängenden Fragen des modernen Lebens gelöst werden:
Wo kommen eigentlich die kleinen Bonbons her?
Der freundliche Mann aus Montreal erklärt und zeigt uns das im folgenden Video*.

* Many thanks to our friend LX for providing the link!

(mg)

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Mehr Liebe zum Volk*

Beim Kongress für Volkskunde 2003 in Berlin tat Martin Scharfe am Ende seines Abschlussvortrags eine denkwürdige Äußerung. Er sagte, er wünsche sich von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“. Unter den Zuhörern stieß diese Aussage auf Befremden und Unverständnis, zumindest auf Verwunderung.

Was meinte er damit?

In den vergangenen Jahren habe ich verschiedentlich klagen hören, die jungen Leute vom Fach verstünden sich nicht mehr aufs Quellenstudium – sie könnten diese nicht einmal mehr lesen. Woran das liegen mag, sei dahingestellt. Ich möchte hier jedoch auf die Verführung aufmerksam machen, die der Umgang mit PC und Internet mit sich bringt, und auf den überhöhten Stellenwert, der diesen unbestreitbar nützlichen Hilfsmitteln eingeräumt wird. Es wird suggeriert, jegliches Wissen sei schnell und mühelos abrufbar und es erübrige sich, selbst eigene, zeitraubende und aufwändige Nachforschungen vor Ort zu betreiben: Oben wird ein Knopf gedrückt, und unten „fällt Geschichte raus“.
Dieser Suggestion erliegen allerdings nicht nur die jungen Leute vom Fach.

Ein Hilfsmittel wie z.B. eine Datenbank, das für naturwissenschaftliche Versuchsreihen taugt und für betriebswirtschaftliche Auswertungen entwickelt wurde, muss der Erschließung geschichtlichen Materials nicht frommen. Lebendige Menschen und historische Quellen – letztere zu Schrift, Bild und Gegenstand gewordene Zeugnisse einst lebender Menschen – scheinen mir eines gemeinsam zu haben: Sie sträuben sich dagegen, klassifiziert und katalogisiert, standardisiert, vereinheitlicht und digitalisiert zu werden. Wer sie auf Zahlen und Daten reduzieren zu können glaubt, wer sie zu bloßen Objekten degradiert, dem geben sie ihr innerstes Wesen nicht preis. Sie lassen lediglich dem Klassifizierenden den irrigen Glauben, er habe ihr Wesentlichstes erfasst: Er hält den Schatten für die Wirklichkeit, verwechselt die Datenbank mit dem Original, das Hilfsmittel mit dem eigentlichen Forschungsgegenstand.

Vielleicht haben manche geisteswissenschaftlichen Fächer in jüngster Zeit unter anderem deswegen so sehr an Boden verloren, weil sie – dem wachsendem Erfolg und Einfluss naturwissenschaftlicher Forschung hinterherhechelnd – unbesehen und unkritisch Methoden kopieren und Hilfsmittel anwenden, die ihrem eigenen Gegenstand nicht unbedingt angemessen sind, und weil sie darüber hinaus Fragestellungen und Sichtweisen übernehmen, die diesen Gegenstand schlicht verfehlen. Vielleicht hat so manches Fach gar seinen ursprünglichen Gegenstand aus den Augen verloren?

Denn die digitale Nutzbarmachung historischer Quellen birgt nach meinem Dafürhalten noch eine weitere Gefahr: Manchmal könnte man meinen, der Gegenstand historischer und volkskundlicher Forschung erschöpfe sich in Archivalien und Museumsobjekten, und es gelte nur, deren Informationsgehalt (digital) aufzubereiten und abrufbar zu machen. Die Erschließung historischer Quellen gerät durch eine solche Bearbeitung leicht zum Selbstzweck und wird dadurch freilich als mühsam und lästig empfunden. Die Quelle – in handliche, vereinheitlichte Einzelteile zerlegt – wird auf Zahlen und Fakten reduziert. Der eigentliche Wert der Quelle, ihre Aussagekraft für eine Verortung, ihren „Sitz im Leben“ – im Original, im Zusammenhang und zwischen den Zeilen gelesen – wird durch diesen Focus vernachlässigt.

Die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Gegenstand der Forschung findet durch die so entstehende Distanz zu einer derart bearbeiteten und genutzten Quelle nicht statt; es entfällt die Notwendigkeit, selbst zu denken, Stellung zu beziehen.

Doch auch Archivalien und museale Objekte sind nur Hilfsmittel – kostbare zwar und oft einzigartige, die es zu bewahren gilt. Denn dienen sie nicht lediglich dazu, vergangenes menschliches Leben, Denken und Handeln in seinen Zusammenhängen zum Erkenntnisgewinn für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu erschließen? Gilt es nicht, die Menschen, die hinter diesen Quellen verborgen sind, in ihrem Facettenreichtum sichtbar zu machen und zu würdigen?

Vielleicht wünschte sich Martin Scharfe auch in dieser Hinsicht von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“.

*Vorwort von Gabriele Gerstmeier zum „Projekt des Bezirks Unterfranken: Digitale Erfassung von Gewerbestatistiken der ersten Hälfte des 19. Jhs. aus Archivalien des Staatsarchivs Würzburg“, bearbeitet von Gabriele Gerstmeier und Matthias Gorzolka, unveröffentlichte begrenzte Auflage, Gerbrunn 2006.

(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 28. Kalenderwoche 2006)

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Das oben zitierte Vorwort entdeckte ich beim Stöbern in den Lesefrüchten der ehemaligen DIAGNOSIS-Website. Ich hatte es vergessen – doch während ich es las, hatte ich plötzlich wieder den Tagungssaal des damaligen Kongresses vor Augen; die Unruhe, die durch die Stuhlreihen wogte nach Scharfes Worten; den Volkskundler-Kollegen, der auf der Heimfahrt im Zug sagte: „Ich weiß nicht, was der wollte – ich bin Wissenschaftler.“

Ich erinnerte mich beim Lesen auch an die Situation der Geisteswissenschaften 2006: Die fuhren gerade mächtig in den Keller, alle schrien nur noch nach Biomedizinern und Naturwissenschaftlern; in den Jahren davor waren – im Rahmen der mit der damaligen Rezession begründeten Sparmaßnahmen erst im kulturellen, dann im sozialen Bereich – die meisten Stellen für Geisteswissenschaftler sowieso gestrichen worden; die verdingten sich als Spüler, Taxifahrer und Ähnliches oder gingen als Arbeitslose nach den Segnungen der Schröder’schen Agenda 2010 sofort in Hartz IV.

Elf Jahre nach dem Kongress und acht Jahre nach diesem Vorwort sehe ich sowohl die eine Aussage – das Für-wahr-und-einzig-Halten digitaler Quellen (Internet!) – als auch die andere – den Absturz der Geisteswissenschaften – bestätigt. Leute, die zu denken gelernt (sic!) haben, sind heutzutage offensichtlich überflüssig. Wie sehr – und für wie doof man sie außerdem hält -, lässt sich an einem Artikel für geisteswissenschaftliche Berufseinsteiger in „Die Zeit“ ablesen: Hohn gebrüllt!**

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**… und dem Herrn Vonhoff vom BDS den doppelten Effenberger gezeigt.

Preise

1986, noch während des Studiums, eröffnete ich ein Schreibbüro mit Lektorat. Eine der ersten Kundinnen war eine junge Frau, die ihre Abschlussarbeit getippt haben wollte. Als ich ihr den sorgfältig kalkulierten, durchaus marktüblichen Preis dafür nannte, erbleichte sie: “Waas! Was ist denn da so teuer dran? Das Papier?”

Wenn ich mich heute daran erinnere, fällt mir der folgende Witz dazu ein:*

In einem podolischen Nest bleibt ein Reisender mit seinem Automobil stecken. Alle Mühe, den Wagen selber zu reparieren, ist vergeblich. Man ruft den jüdischen Dorfklempner. Dieser öffnet die Motorhaube, blickt hinein, versetzt dem Motor mit einem Hämmerchen einen einzigen Schlag – und der Wagen fährt wieder!  “Macht 20 Zloty”, erklärt der Klempner. Der Reisende: “So teuer?! Wie rechnen Sie das?” Der Klempner schreibt auf:
Gegeben a Klopp   1 Zloty
Gewußt wo          19 Zloty
Zusammen          20 Zloty

*Quelle: Jüdische Witze. Ausgewählt und eingeleitet von Salcia Landmann, 18. Aufl., München 1976, S. 64/65.

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Man muss dran glauben

„Ich hatte mal einen dicken Freund, der sagte mir auf die Frage, ob er denn schwimmen könne, immer: ‚Ja – ich kann schwimmen. Aber – ich glaube nicht recht dran.‘ Das ist ein merkwürdiges Wort, und ich kann es nicht vergessen.

Es ist nämlich die kürzeste Formulierung für die eigentümliche Tatsache, daß es letzten Endes hienieden gar nicht aufs Können ankommt, gar nicht auf die Technik, auf das Äußerliche, auf das, was erlernbar ist. Es kommt einfach darauf an, daß man das glaubt, was man macht.

Das kann man nun keinem beibringen. Es gibt gewachsene Dinge und gemachte – die meisten sind gemacht. Die gewachsenen sind die, bei deren Herstellung der Schöpfer sich das geglaubt hat, was er machte. Es ist merkwürdig, ein wie tiefes und feines Gefühl alle Leute für diesen Unterschied haben. Falsche Herzenstöne gibt es nicht. Es gibt nur falsche Herzen. Ein leises Schwanken, ein bängliches Zögern – und vorbei ists mit aller Wirkung, mit der künstlichen und mit der menschlichen. Aus und vorbei.

Eine ausgewachsene Zote in einem Salon ist etwas Unmögliches. Schon deshalb, weil keiner da ist, der sie mit saftiger Freude, mit vollem Bewußtsein ihrer Unmöglichkeit, mit dem vollen Glauben erzählen kann. Ich habe im Felde von altgedienten Intendanturbeamten Dinge erzählen hören, die einen vom Stuhl warfen – wurden sie dann von irgendeinem schwächlichen Vertreter wiederholt, verpufften sie und wirkten übel, weil der dabei feixte und sich im Grunde seines Herzens für viel zu fein für diese Dinge hielt. Der andere aber war angetreten, hatte voller Lebensfreude vorgemacht, wie ein Mann, der sich Unter den Linden nicht sehr fein benommen hatte, aufgeschrieben wurde (dabei ist mir noch die prächtige Bewegung in der Erinnerung, wie der imaginäre Schutzmann mit behördlichem Schwung in seiner hinteren Rocktasche nach dem dicken Buch wühlte) – und das alles war so lebenswahr, so famos beobachtet, so massiv und selbstverständlich wiedergegeben, daß man nur seine helle Freude haben konnte. Rot wurde niemand. Und es war auch gar nicht nötig.

Das ist beim Schauspieler so, der sich irgendwie glauben muß, was er uns da vormacht – sonst glauben wirs auch nicht. Das ist beim Redner so und das ist schließlich, wenn man genau hinsieht, bei jedem Menschen so. Zuerst muß er glauben, dann erst können wirs.

Mir ist die alte Sage vom Reiter über dem Bodensee, der über die gefrorene Fläche des Wassers ritt, immer recht als Symbol schwersten Kalibers erschienen. Der glaubte auch, über festes Land zu reiten – er sah den Abgrund unter seinen Füßen nicht; erfühlte die Gefahr nicht, in der er schwebte, und bestand sie, weil er sie nicht zu bestehen brauchte. Was der Berliner in dem einen kurzen Satz auszudrücken pflegt: »Der hats gut – der ist blöd!« Und das ist manchmal wirklich kein Schade. Denn die Reflexion tötet. Maeterlinck hat einmal in einem sehr interessanten Aufsatz erzählt, wie bei Automobil-Unfällen allemal derjenige verunglückt, der noch im Augenblick der Gefahr nachdenkt, was er nun zu tun habe – daß aber der unbehelligt davonkomme, der sein Gehirn völlig ausschalte, der gar nichts tue. Das Unterbewußtsein, das ja viel stärker, raffinierter und zweckbewußter arbeitet als die Überlegung, regelt dann alles von selbst. Das Gehirn ist eben nicht allen Dingen gewachsen.

Wohl aber die gesunde Lebenskraft. Wohl aber jener Saft, der in den Pflanzen sein Wesen treibt und in den Tieren – und in den Menschen nicht minder. Wohl aber jener Glaube, der Berge versetzt, und der – Wunder über Wunder – sogar über Menschen etwas vermag.

Es brauchte nicht erst der Krieg zu sein, um uns zu belehren, wieviel solch ein Kerl wert ist, der immer Rat weiß – aber nicht jenen erklügelten Rat, den wir uns schließlich auch selbst erschwitzen können, sondern einen andern, bessern. Einen gewachsenen, einen immer fertig parat liegenden, einen erdgeborenen Rat. Aber wo wächst der –!

Es ist ja kein Zufall, daß alle die Leute, ›die daran glauben‹, ständig mit der Natur in Berührung leben. Es ist, als zögen sie, deren Füße die braune Erde treten, eine Kraft aus dem Boden, der Asphaltmenschen versagt ist.

Also kämen wir dahin, Primitivität zu fordern? Blauäugige Blondheit? Robuste Stiernacken? Simpelste Kraft? – Nicht doch. Nicht sie allein.

Glauben fordern wir als Grundlage aller menschlichen Dinge. (Daß hier nicht an Dogmenglaube gedacht ist, braucht wohl nicht erst betont zu werden.) Wir fordern den Glauben, weil wir alle instinktiv wissen – Frauen wissen das noch besser als wir Männer –, daß das Wesen des Menschen, das, was er eigentlich ist, da beginnt, wo seine Reflexion aufhört. Die ist erworben und künstlich ausgebildet, die ist nicht immer adäquat; die ist nicht er selbst. Aber das andere, das, was Schopenhauer ›Wille‹ und andre anders genannt haben: das ist er.

Es muß ein Punkt da sein, wo einer, nach allem Grübeln, nach allem Denken und Knobeln, einmal, klar und erfrischend auf den Tisch schlägt und sagt: »Grad durch!« und dann seinen Weg geht. Denn es lassen sich die Dinge dieser Welt nun einmal nicht alle restlos mit dem Gehirn erledigen. Wenn man mit dem mathematischen Denken fertig ist, bleibt etwas zurück, das sich nur mit der robusten Kraft bewältigen läßt. Und das ist ganz gut so, sonst säße ein Rabulist auf dem Thron, und das werden wir doch nicht wollen, nicht wahr

Das Ideal – das Ideal wäre freilich: beides zu haben. Die Kraft und das Gehirn. Die Faust und den Kopf. Hierzulande ist das heftig getrennt.

Die einen haben Gehirn, viel Gehirn. Sehr viel Gehirn. Dann taugen sie meist wenig zum aktiven Tun – und wenn sie sich darin versuchen, verfallen sie immer wieder in den alten Fehler, alles mit den Regeln der Logik abmachen zu wollen – was nun einmal nicht geht.

Die andern haben die Faust. Aber keinen Kopf – und ganz ohne ihn gehts auch wieder nicht. Wenn das einmal zusammenträfe! Wenn das einmal bei uns vereinigt wäre (…) Damit ließe sich etwas ausrichten! Wenn unsere Junker klug wären! Wenn unsere Intellektuellen kräftig wären! Aber sie sind leider nur kräftig und nur intellektuell. Bliebe übrig, den lieben Freunden zu predigen, vor allem und vorerst zu glauben. An sich und das, was man macht. Das ist nahrhaft: denn der gewandteste Gehirnakrobat ist gar nicht fähig, einen solchen eisernen Steher zu werfen.

Und die Freundinnen –! Geehrte, ihr wißt, wie subjektiv alles ist, was mit euch zu tun hat: die Eifersucht und die Ablehnung und die freundliche Gewährung und – entschuldigen Sie – die Liebe. Man muß dran glauben, auch an sie.

Kommt es denn darauf an, wie ihr, Schönste, seid? Genügt es nicht vollkommen, zu glauben, ihr seid so, wie wir euch lieben? Ihr braucht euch nicht einmal zu verstellen – wenn wir nur glauben. Vater Zille hat einmal eine blinde Frau gezeichnet, die fährt ihrem Führer, einem versoffenen, übeln Kerl, über das Gesicht und sagt: ‚Wilhelm, du mußt ein schöner Mann sein!‘ Diese Geschichte hat er selbst erlebt – und es ist eine tiefe Geschichte.

Freundinnen, wir streichen euch über das Gesicht und sind blind und murmeln: ‚Agda – du hast viel Herz!‘ Aber Agda hat gar kein Herz, sondern nur eine runde Brust, und das ist schließlich auch etwas wert.

Wir aber glauben an ihr Herz und sind sehr glücklich.

Peter Panter“*

*Berliner Tageblatt, 27.10.1919, Nr. 508 (in: Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke, Bd. 2, Reinbek 1975, S. 186 ff.).

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DIAGNOSIS-Lesefrucht der 48. Kalenderwoche 2002
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Back To The Roots

„(…) Befreie Dich für Dich selbst und sammle und bewahre die Zeit, die Dir bisher entweder geraubt oder heimlich entwendet wurde oder entschlüpfte. (…) [M]anche Augenblicke werden uns entrissen, manche entzogen, manche verrinnen. Der beschämendste Verlust jedoch ist der, der durch Nachlässigkeit verursacht wird. (…) [E]in großer Teil des Lebens entgleitet den Menschen, wenn sie Schlechtes tun, der größte, wenn sie nichts tun, das ganze Leben, wenn sie Nebensächliches tun.

Wen kannst Du mir nennen, der irgendeinen Wert der Zeit beimißt, der den Tag würdigt, der sich bewußt wird, daß er täglich stirbt. Darin nämlich täuschen wir uns, daß wir den Tod vor uns sehen: ein großer Teil davon ist bereits vorüber; jeden Lebensabschnitt, der hinter uns liegt, hat der Tod in seiner Gewalt. (…) [H]alte alle Stunden fest; so wird es geschehen, daß Du weniger vom morgigen Tag abhängig bist, wenn Du den heutigen in die Hand nimmst. Während das Leben aufgeschoben wird, eilt es vorbei.

(…) [N]ur die Zeit ist unser; in den Besitz dieses einen flüchtigen und unsicheren Gutes hat die Natur uns gestellt; daraus verdrängt uns, wer immer es will. Und so groß ist die Torheit der Sterblichen, daß sie sich das Geringste und Wertloseste, gewiß aber Ersetzbare, wenn sie es erlangt haben, als Schuld anrechnen lassen, daß aber niemand etwas zu schulden glaubt, der die Zeit in Empfang genommen hat, während doch dies das einzige ist, was nicht einmal ein Dankbarer zurückerstatten kann. (…)“*

*L. Annaeus Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, Liber I, Epistula I. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Franz Loretto, Reclam, Stuttgart 1977, S. 5.

Für das neu begonnene Jahr 2014.

 

Schaufenster-Vergnügen

Das Spielraumfenster ist, genau genommen, ein Schaufenster: Der Raum war ursprünglich als Ladenlokal konzipiert. Ich liebe dieses große Fenster, das Draußen und Drinnen verbindet, mir den Blick hinaus auf die vorbeigehenden Menschen und diesen den Blick zu mir herein und auf mich erlaubt; Blickkontakte, freundliches Zunicken und Zulächeln ermöglicht. Zwar kann ich den Raum vor neugierigen Augen schützen. Doch wenn ich alleine darin bin, lasse ich ihn meistens offen und transparent.

Ich experimentiere damit, mein Spielraum-Schaufenster zu dekorieren – mit Vergnügen!

So sieht die aktuelle Deko aus:

Schaufensterdeko Anfang Dezember

Detailansicht:

Detail Schaufensterdeko

:-)

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Gruppenarbeit im Unterricht

„In Bezug auf das didaktisch-methodische Zieldreieck (Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz) ist Gruppenarbeit kontraproduktiv und ineffektiv. Gruppenarbeit senkt die Qualität und die Effektivität schulischen Lernens. Gruppenarbeit vermittelt nur wenig oder gar kein (neues) Wissen; vielfach wird nichts oder nur sehr wenig und äußerst zeitaufwändig gelernt. Das Gleiche gilt in Bezug auf die Fachkompetenz. Gruppenarbeit vermittelt keine Methodenkompetenz; in der Regel wird diese vorausgesetzt und gefestigt, aber nicht gezielt und professionell gefördert. Angesprochen und genutzt werden vor allem die Rezeptions- und die Präsentationskompetenz der Schüler; vernachlässigt wird die professionell angeleitete Förderung der Aufnahme (Rezeption), Verarbeitung, Speicherung und Präsentation des (neuen) Wissens. Gruppenarbeit vermittelt keine Sozialkompetenz; in der Regel wird diese genutzt und gefestigt, aber nicht gezielt und professionell verbessert.

Gruppenarbeit verhindert das selbstständige Lernen, die individuelle Aneignung, Bearbeitung, Verarbeitung und Speicherung des Wissens, die einsame Konfrontation mit einem Text, mit einer Aufgabe, mit einem Problem. Gruppenarbeit zerstört die Selbstständigkeit, die Fähigkeit selbstständigen Denkens und Handelns. Gruppenarbeit hat unprofessionellen Charakter. Zum einen müssen sich die Schüler das Wissen selbst beibringen, zum anderen präsentieren Schüler (und nicht Lehrer) das neue Wissen. Das entspricht einer gezielten Entprofessionalisierung schulischen Lernens. Gruppenarbeit hat eine geringe Qualität. In der Regel senkt Gruppenarbeit das Niveau schulischen Lernens, vor allem im Vergleich zur professionellen Wissensvermittlung durch qualifizierte Lehrer, und zwar aus mehreren Gründen: Wissensquellen sind in der Regel unprofessionelle Arbeitsblätter und/oder unprofessionelle Schülervorträge; das Wissen stammt aus „zweiter Hand“ bzw. aus Kindermund; der Lern- und Erkenntnisprozess wird in unzusammenhängende Teile zerstückelt; die Schüler lernen in Gruppen unter ungünstigen Bedingungen (Lärm, Unruhe usw.); die Schüler müssen sich auf mehrere Schülervorträge konzentrieren, obwohl sie sich (angeblich) nicht mehr auf einen einzigen, längeren Lehrervortrag konzentrieren können; die Arbeitsergebnisse können in der Regel nicht professionell kontrolliert, evaluiert, korrigiert und gespeichert werden.“*

*Reinhard Franzke: Der Unfug mit der Gruppenarbeit. Fördert oder verhindert Gruppenarbeit das professionelle, effektive und selbstständige Lernen in der Schule? Dezember 2008.

Prof. Dr. rer. pol. Reinhard Franzke, Emeritus des Instituts für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung der Leibniz-Universität Hannover, gibt hier eine ausgezeichnete Analyse dieser Unterrichtsmethode; der obige Text ist aus seinem diesbezüglichen Fazit zitiert. Ich kann ihm hier nur zustimmen.

Franzke hat sich offensichtlich dem Kampf für eine bessere Bildung in Deutschland verschrieben. Auf seiner privaten Website nimmt er „Zeitgeist-Pädagogik, Didaktik, Unterrichtsmethodik, Esoterik und Psychotechnik“ kritisch unter die Lupe. Man muss mit ihm nicht in allem d’accord gehen, doch es lohnt sich meines Erachtens, sich mit seinen Texten auseinanderzusetzen; was ich bis jetzt davon gelesen habe, finde ich angesichts unseres immer mehr verrottenden Bildungssystems äußerst bedenkenswert.

Seine Gegner – und, oh ja, die hat er anscheinend: Ein wütender Aufschrei geht durch die Reihen der Bildungs- und anderer Ideologen, die im Netz ihre Statements abgeben – seine Gegner diffamieren ihn als christlichen Fundamentalisten und meinen, mit diesem (auch in anderen Zusammenhängen beliebten und modernen, dem Zeitgeist gefälligen) Rundum-Totschlag-Argument eines religiösen Fundamentalismus seine wissenschaftliche Kompetenz und Erfahrung vom Tisch wischen zu können, indem sie Persönliches und Sachliches vermischen. Hier verweise ich auf unsere Verfassung, Art. 4 GG (Religionsfreiheit). In der Kritik zu stehen, weil man unbequeme Wahrheiten ausspricht, zeugt meiner Meinung nach zunächst einmal von größerer Persönlichkeit, als gelobhudelt zu werden, weil man allen nach dem Munde redet. Auch muss man schauen, vom wem die Kritik kommt! Hier halte ich es – nicht zuletzt – mit einen großen Philosophen, dessen Weisheit mich seit meiner eigenen Schulzeit begleitet:

„Viele loben dich: Hast du einen Grund, mit dir zufrieden zu sein, wenn du einer bist, den viele verstehen?“
(Lucius Annaeus Seneca, Epistulae Morales, Liber I, Epistula VII,12)

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So wahr mir Gott helfe

Der Bundespräsident, der Bundeskanzler und die Bundesminister leisten bei Amtsantritt folgenden Eid:
„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“*
Der Eid kann auch ohne die religiöse Formel – und von Frauen ;-) – geleistet werden.

Bundesbeamtinnen und -beamte leisten bei Verbeamtung folgenden Diensteid (kann auch ohne religiöse Formel geleistet werden):
„Ich schwöre, das Grundgesetz und alle in der Bundesrepublik Deutschland geltenden Gesetze zu wahren und meine Amtspflichten gewissenhaft zu erfüllen, so wahr mir Gott helfe. “**

Richterinnen und Richter legen bei ihrer Berufung folgenden Eid (auch ohne religiöse Formel möglich) ab:
„Ich schwöre, das Richteramt getreu dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und getreu dem Gesetz auszuüben, nach bestem Wissen und Gewissen ohne Ansehen der Person zu urteilen und nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen, so wahr mir Gott helfe.“***

Und was schwören die Bayern, sprich: die Mitglieder der bayerischen Staatsregierung?
„Ich schwöre Treue der Verfassung des Freistaates Bayern, Gehorsam den Gesetzen und gewissenhafte Erfüllung meiner Amtspflichten, so wahr mir Gott helfe.“****
Und dann steht da noch: „Der Eid kann auch mit einer anderen oder ohne religiöse Beteuerungsformel geleistet werden.“ Einer anderen?

*Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, GG Art. 56 und Art. 64
**Bundesbeamtengesetz, BBG § 64
***Deutsches Richtergesetz, DRiG § 38
****Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Mitglieder der Staatsregierung, Abschnitt I, Art. 2(1)

§§§