Unwissenheit und Armut

„… in einem freien Volke, wo die Sklaverei verboten ist, [besteht] der sicherste Reichtum in einer großen Menge schwer arbeitender Armer. Denn … ohne sie [würde] es keinen Lebensgenuss geben, und kein Erzeugnis irgendeines Landes hätte mehr einen Wert. Um die Gesellschaft glücklich und die Leute selbst unter den niedrigsten Verhältnissen zufrieden zu machen, ist es notwendig, dass ein beträchtlicher Teil davon sowohl unwissend wie auch arm sei. Kenntnisse vergrößern und vervielfachen unsere Bedürfnisse, und je weniger Dinge ein Mensch begehrt, um so leichter kann er zufriedengestellt werden.“
Bernard de Mandeville, 1714 (gefunden auf: Die Mathematik der Ungerechtigkeit)

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Sonntagsbeilage, 5. April 15

„In Miltenberg ist viel Mittelalter, und zumal der berühmte Marktplatz hält, was die Ansichtskarten versprechen. Schloß, Burgwall, Wein und Sandstein verstehen sich von selbst. Hinter dem gotischen Rathaus thront, seines Alters bewußt, das Gasthaus zum Riesen, in früheren Jahrhunderten die Herberge von Fürsten, heute gediegenes Quartier für Autofahrer, Sommergäste und Stammpublikum. Der Herr Professor hat hier seinen Mittagstisch, er wird oft und gern mit Herr Professor angeredet, und man vernimmt sogleich, daß der Herr Professor am Sonntag keine Kartoffeln ißt. Wahlen und schönes Wetter locken kleinstädtische Eleganz auf die Straße, die zum Glück der noch nicht wahlpflichtigen Jugend von dem musikalischen Auto* durchfahren wird. Alles ist zum Empfang der Ostergäste bereit; in der Konditorei strömt Schlagsahne, soviel Du begehrst, Häuser sind frisch geputzt, und die Natur rüstet sich, zu grünen. Eine Bahn zweigt nach Amorbach ab, das nicht nur Ausgangspunkt für Odenwaldtouren ist, sondern freundlich sich selbst genügt.

Zwischen Miltenberg und Wertheim baut sich hinter bleichender Wäsche Freudenberg auf. Eine in die Länge gezogene Vielheit von Farbflecken in Claude-Monet-Manier, von der schnurgeraden Mainbrücke mitten durchbohrt. Das riesige Burggemäuer dicht darüber, in dem es einst wenig gemütlich zugehen mochte, ist zum harmlosen Kinderspielzeug geworden. Rauchende Dorflausbuben fläzen sich auf den Grasflächen hin, erklettern Bastion und Turmsöller, und benutzen ohne jedes historische Interesse die mit Efeu überrankten Blendarkaden für ihre indianerhaften Zwecke. Ringsum Wälder, deren Wege Ausblick verheißen. Auf einer Bank im Gebüsch häkeln drei kleine Schulmädchen und gackern miteinander. In der körperlosen Landschaft steht der Fluß, ein silberner Spiegel, dessen Blau die Nachmittagssonne mit Gold untermischt. Graue Flöße, ewig sichtbar, gleiten hin, Kähne verlieren sich unmerklich und ein winziger Schleppdampfer schleppt und surrrt. Wieder am Ufer, trifft man Leute mit Angelgeräten, die von ihrem kontemplativen Tagewerk nicht eben unbefriedigt scheinen.

Bei Wertheim trödelt die Tauber in den Main, der sich um diesen Zuwachs nicht weiter kümmert. Die badische Stadt hält, wie es heißt, zu den Koalitionsparteien, während das bayerische Kreuzwertheim gegenüber gar nicht kreuzbrav ist, sondern sich vorwiegend deutsch-völkisch betragen soll. Mag nun das Schloß nächst dem Heidelberger die größte Ruine sein oder nicht, es genügt jedenfalls heroischen Bedürfnissen. Die Maler wissen, warum sie sich hier zusammenballen: da sind mannigfache Durchblicke und Überschneidungen, verschwiegene Treppenaufgänge und krumme Gassenfurchen. Auch Historiker und Kunstgeschichtler kommen auf ihre Kosten. In der aus romanischer Zeit stammenden Pfarrkirche befriedigen die Sarkophage der Wertheims, Stolbergs, Löwensteins, Wanderscheids den genealogischen Forschertrieb, und die St. Kilianskapelle daneben, eine Kostbarkeit in reiner Hochgotik, birgt seit kurzem die beachtliche Sammlung des Wertheimer Altertumvereins. Wer nicht den Zwang zur Besichtigung in sich verspürt, wird schon durch das bloße Bummeln in mittelalterliche Stimmung versetzt. Was das Praktische betrifft, so schmeckt Mainhecht mit Buttersauce vortrefflich; die Menschen sind umgänglich wie überall den Fluß entlang, und die Preise mäßig. Wie sehr man in weiten Umkreis diese und andere Vorzüge Wertheims zu würdigen weiß, verrät die Tatsache, daß über die Feiertage die Mehrzahl der Betten bereits vergeben ist.

[…]

Fazit: man komme, sehe, liebe. Anderer Orte sind noch viele – Triefenstein etwa, oder Rothenfels mit der Quickborn-Burg – , lyrische und epische Stimmungen nach Belieben, Ausflugsziele von jeder Beschaffenheit. In der Helle des Frühlings vermißt man hier nicht Sorrent noch Sizilien, sondern weiß sich geborgen an fremden Gestade, von blauer Unwirklichkeit eingehüllt. Wandern und Weilen: beides zusammen tut freilich not. Jagt man nur hin, so geht man nicht ein in die Zeitlosigkeit, in der Fluß, Ufer, Dörfer verharren, und liegt man nur still mit ihnen vor Anker, so erfährt man nicht, daß sie zeitlos sind.“ **

So schreibt Siegfried KRACAUER (Dt., Eng.) über eine Reise mainaufwärts im frühen Frühling des Jahres 1924, die ihn von seiner Heimatstadt Frankfurt in das badisch-bayerische Grenzgebiet (und vielleicht endlich nach dem fränkischen Würzburg) geführt hat. KRACAUERs Lebensgeschichte ist nachgerade exemplarisch für eine ganze Generation deutscher Intellektueller. Am Main hat sich, so scheint’s, nicht besonders viel geändert in den 90 Jahren, die seit dem Erscheinen von KRACAUERs Text vergangen sind.

(mg)

* Es handelt sich um ein weiter oben im Text, als es um Klingenberg geht, bereits erwähntes „sozialdemokratisches Lastauto, das die Mainbevölkerung zum Wahlgang ermuntert.“

** Zuerst veröffentlicht unter dem Titel „Der blaue Main. Vorfrühlings-Wanderung 1924“: 13.4.1924, 2. Morgenblatt; Beilage: Bäder-Blatt, S. 1.
Zitiert nach: Volk, Andreas (Hg.): Siegfried Kracauer. Frankfurter Turmhäuser. Ausgewählte Feuilletons 1906-30. 1. Auflage, Zürich 1997, S. 222 ff.

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Sonntagsbeilage, 29. März 15

Vom sonnigen Portugal der Fünfziger fahren wir heute in das weniger sonnige, kühlere, stille und noch in schwarz-weiß lebende Irland der Zwischenkriegszeit – vielleicht sieht’s da ja heute noch so aus? Wer weiß … Erfreulicherweise werden die tanzenden Eingeborenen gleich am Anfang abgehandelt. Jedenfalls viel Vergnügen mit einschlägigen irländischen Sehenswürdigkeiten, ohne lästige Erzählung und folkloristische Geräuschentwicklung.

(mg)

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Sonntagsbeilage, 15. März 15

Der Mensch macht Musik, sicherlich seit Anbeginn seines Menschseins. Sehr wahrscheinlich saß der Frühmensch am Feuer in der Höhle und sang, Steine rhythmisch aneinander klopfend, von den Dingen, die ihm wichtig waren: Die Götter, die Jagd, das beste Rezept für Selbstgebrautes. Bald baute der Mensch spezielle Instrumente, deren einziger Zweck darin bestand, Töne zu erzeugen: In Höhlen der Schwäbischen Alb wurden circa 35.000 Jahre alte Knochenflöten gefunden, so im „Hohlen Fels“ und in der „Geißenklösterle-Höhle“ – ja, die Schwaben …
Daneben gibt es auch Instrumente, die für einen ganz anderen Zweck erfunden, konstruiert und zusammengebaut worden sind, die ebenfalls Töne produzieren, allerdings unmelodisch, ungeordnet, eben un-musikalisch.
Aber das kann man ja ändern.
Ich rede von DIngen unserer Arbeitswelt, die jeden Computerbenutzer umgeben oder umgaben:  Drucker (dot-matrix printer), Diskettenlaufwerke (5-Zoll-Floppy-Laufwerke) und natürlich auch Scanner.
Beliebt sind neben klassischen Stücken – Pachelbels Kanon auf Floppies (hier), Bachs Toccata auf einem Dot-matrix-Drucker (hier) und Beethovens „Elise“ auf einem Scanner (hier) – auch Themen und Erkennungsmelodien von elektronischen Spielen wie z.B. „Tetris“ oder „Duke Nukem (hier), und selbstverständlich werden auch modernste Geräte kreativ umgenutzt: Hier gibt ein moderner 3D-Drucker das Thema der „Legends of Zelda„-Spieleserie von sich; es hört sich doch eher nach dem Wachszylinder eines frühen Phonographen an.
Der menschlichen Kreativität sind scheinbar keine Grenzen gesetzt – egal, ob es sich um Schweineknochen oder 3D-Drucker handelt: Hauptsache, man kann damit spielen.
Und weil’s so schön ist – Soft Cell, Tainted Love, 13 Floppies, eine Festplatte.

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(mg)

Sonntagsbeilage, 1. März 15

Theodor FONTANE – für manche einer der langweiligsten Schreiber deutscher Zunge aller Zeiten, für andere einer der großartigsten Stilisten des neunzehnten Jahrhunderts, der in einer Reihe mit HEINE zu stehen kommen sollte, FONTANE, sage ich, schreibt vier Bände „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Hierbei handelt es sich um wirkliche Wanderungen, die ihn „ins Blaue“, durch lichte Nadelholzungen und über sandige Wege an stille Orte seiner geliebten Mark führen. Der fünfte und letzte Band dieser „Wanderungen“, erschienen 1889 unter dem Titel „Fünf Schlösser.  Altes und Neues aus Mark Brandenburg“, enthält nicht Wanderungen, sondern hier handelt es sich um geplante Reisen und Archivstudien, die Lücken der vorhergehenden Bände schließen sollen.
FONTANE behandelt auch die Geschichte des Schlosses Liebenberg und seiner interessanten Besitzer im neunzehnten Jahrhundert, Vater und Sohn  von HERTEFELD, aber darum soll es jetzt nicht gehen, sondern um eine Königin.

„Der älteste Sohn dieses Ehepaares ist der gegenwärtige Graf Sandels, Samuel August, geboren 1810. Er trat früh in die Armee, war aber nichtsdestoweniger durch eine lange Reihe von Jahren hin Kammerherr bei der Königin Desirée, Gemahlin Karl Johanns XIV. (Bernadottes) von Schweden. Desirée war eine Tochter des Marseiller Bankiers Clari und gab Napoleon einen Korb, um den damaligen Advokaten Bernadotte zu heiraten. Sie war eine sehr originelle Dame, schlief bei Tag und war auf in der Nacht. Um vier Uhr morgens aß sie zu Mittag. In jedem Jahre reiste sie mit großem Troß nach Frankreich, kam aber immer nur bis an die schwedische Küste und kehrte dann, aus Furcht vor dem Wasser, nach Stockholm zurück. Es war deshalb die Regel, auf der Hinreise schon die Nachtquartiere für die Rückreise zu bestellen. Im Dienste dieser Dame stand Graf Sandels bis an den Tod derselben. Er wurde dann, auf weitere zehn Jahre hin, Hofmarschall bei König Oskar I. All dieser Hofämter unerachtet blieb er im Armeedienst und ist gegenwärtig kommandierender General der Gardetruppen und des Korps von Südermannland, Gouverneur von Stockholm, Präses des obersten Militärgerichtshofes und Ritter des Seraphinenordens. Er vermählte sich mit der Freiin von Tersmeden, einer hugenottischen Familie zugehörig, die schon bald nach der Bartholomäusnacht aus Frankreich emigrierte.“

Der biographische Wikipediaartikel sagt leider nichts über die seltsame Zeiteinteilung der Königin Desideria von Schweden und Norwegen (Dt., Eng.). Allerdings war sie einige Zeit mit dem damals noch nicht bedeutenden General Napoleon BUONAPARTE verlobt, vor 1796, da war sie (1777 geboren) um die 18 Jahre alt; ihre Schwester heiratete einen seiner Brüder. Napoleon seinerseits heiratete flugs Josephine (1796), die ihm gesellschaftlich von mehr Nutzen sein konnte. Dass das Fräulein CLARY dem nachmaligen Kaiser und Weltenerschütterer einen Korb gab, womöglich um „dem Herzen zu folgen“, ist also eine durchaus romantische Sichtweise.
Jedenfalls heiratete sie im August 1798 Jean-Baptiste BERNADOTTE, im nächsten Jahr kommt der gemeinsame Sohn Oskar auf die Welt – der von FONTANE erwähnte spätere König von Schweden und Nachfolger seines Vaters. Der ältere BERNADOTTE wurde vom kinderlosen schwedischen Königspaar als Thronfolger adoptiert. Vater und Sohn lebten ab 1810 in Schweden, während Desirée bis 1823 unter dem Pseudonym „Gräfin von Gotland“ in Paris blieb. Sie kam erst anlässlich der Eheschließung ihres Sohnes nach Stockholm und lebte noch bis 1860 auf Schloss Rosersberg, umsorgt von Graf SANDELS.

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(mg)

Sonntagsbeilage, 22. Februar 15

Heute besuchen wir Moye Neel Jans in Graft.

„Am 20. Oktober 1654 wurde die spärliche Habe von Jochem Wilemsz. Klinckert, zu Lebzeiten Bierverkäufer von Graft (Dt., Eng.) versteigert. Unter den angebotenen Gütern befand sich eine Partie Laken, die für ungefähr einen Gulden pro Stück weggingen. Ein Laken bringt nur die Hälfte dieses Betrages ein. Es geht für zehn Stuiver an Moye Neel (Hübsche Neel). Wir kennen sie noch aus Kap. 2, als wir auf ihren bemerkenswerten Beinamen hinwiesen. Eine so saloppe Titulierung weist auf keine gute soziale Position, ebensowenig wie der auffallend niedrige Preis ihres Ankaufs. Die Frauen von Graft kamen gern ins Wirtshaus, wenn dort etwas versteigert wurde, und vielleicht war Moye Neel immer dabei. Doch sie kaufte selten etwas. Erst 1670 ist ihr Name bei der Versteigerung der Güter der verstorbenen Ladenbesitzerin Anne Maertens notiert worden. Moye Neel geht nach Hause mit einem Töpfchen grüner Erbsen für einen Stuiver und vier Penningen und einem Pelz für fünf Stuiver. Der war bestimmt nicht von Spitzenqualität, denn bei anderen Versteigerungen sehen wir Pelze zu Preisen von über drei Gulden über den Tisch gehen.
Moye Neel war offenbar keine reiche Frau. Das Kassenbuch der Armenpfleger bestätigt das, denn sie kommt regelmäßig darin vor. Am 6. März 1655 bekommen drei Lieferanten insgesamt 5 [Gulden]:9 [Stuiver]:4[Pennige] ausbezahlt, für Öl, Seife, Zucker und jungen Käse, zugunsten von Moye Neel. Warum sie das alles erhielt, kommt am 18. April heraus. Denn da bekommt Pieter Kistemaker 1:4:0 ausbezahlt, „für den Sarg von Moye Neels Kind“. Sie war also Mutter geworden, und das Kind ist innerhalb von zwei Monaten gestorben. Das Kassenbuch verzeichnet danach noch vier andere Geburten. Auf eine davon folgt wiederum rasch die Beerdigung. Ihr Name wird zum letzten Mal am 6. Dezember 1680 erwähnt, diesmal unter den Einkünften. Ihr Nachlaß fiel den Armenpflegern zu und hat 16:10:12 gebracht.
Die Armenpfleger werden die Wohnung nicht leergeräumt haben, denn Moye Neel hinterließ vier Töchter, die alle der Armenkasse zur Last fielen. Das ist eine mehr, als wir aufgrund des Kassenbuchs erwarten würden, denn das gibt fünf Geburten an, wobei zwei von den Kindern schnell gestorben sind. Die jüngste von Moye Neels Töchtern kommt auch nicht darin vor. Sie war laut der Salz- und Seifenveranlagung von 1680 in jenem Jahr noch unter zehn, während die letzte Geburt in dem Kassenbuch unter 1668 verzeichnet ist. Aber wir erfahren noch mehr. Das Begräbnisbuch enthält die Angabe über eine Beerdigung am 11. Januar 1666: ‚Guertje Willems, Tochter von Moye Neel‘. Die Sterbefälle in dem Kassenbuch sind vom April 1655 und vom April 1665. Es muß sich hier also um ein siebtes Kind handeln. Das Kassenbuch hat nur fünf Geburten festgehalten. Moye Neel ist also zweimal selbst für eine Geburt und einmal für eine Beerdigung aufgekommen. Das Geld stammt aus ihrer eigenen Tasche oder aus der des ansonsten unbekannten Willem, welcher der Vater der 1666 begrabenen Guertje Willems gewesen sein muß.
Über diesen Willem wissen wir nichts weiter. Vielleicht war er Seemann, der ab und zu an Land kam, um ein Kind zu zeugen, und der die Sorge für den Sprößling seiner Frau überließ. Sie muß auch selbst etwas verdient haben, mit Spinnen, mit Scheuern oder was sich sonst noch anbot. Wir wissen durch Zufall, daß der Tabakhändler Abraham Jansz. 1664 74 Fässer Tabak bei ihr eingelagert hat. Diesen Platz hatte sie vermietet, und vielleicht verkaufte sie ab und zu auch kleine Mengen Tabak. So verfügte sie von Zeit zu Zeit über Geld, um Lebensmittel und die Särge für die Kinder bezahlen zu können und um bei günstiger Gelegenheit auf einer Versteigerung ein Töpfchen Erbsen oder einen halbverschlissenen Pelz zu erstehen.
Das ist das Leben von Moye Neel Jans. Daß sie im Goldenen Zeitalter (Dt., Eng.) lebte, wird ihr nicht aufgefallen sein. Sie hat das tägliche Dasein vermutlich nur von seiner schwierigen Seite kennengelernt. In kinderreichen Familien und Häusern von Witwen war die größte Armut zu Hause. Moye Neel hat zuerst sieben Kinder auf die Welt gebracht, oder vielleicht noch mehr, und blieb dann als Witwe zurück. Alt wird sie nicht geworden sein. Angesichts des Alters ihres jüngsten Kindes bei ihrem Tod ist es unwahrscheinlich, daß sie die fünfzig noch erreicht hat. Man hat sie nicht im Stich gelassen. Die Gemeinschaft hat sie unterstützt, auch wenn Moye Neel nicht mehr als das Allernötigste bekam. Sie hat sich damit abgefunden. Diejenigen Armen, die sich nicht anzupassen wußten, haben andere Mittel gewählt, um an Geld zu kommen. Sie konnten betteln, stehlen oder der Prostitution nachgehen. Moye Neel tat das nicht. Hätte sie gebettelt, so wäre sie aus der Armenversorgung herausgefallen, und hätte sie es mit Diebstahl und Prostitution versucht, dann hätte sie sich vor dem Vogtgericht verantworten müssen. Sie hielt sich an die Normen der Gesellschaft, die sie wie alle Armen in ihre Gemeinschaft einzubinden suchte. Nach den Möglichkeiten, die der Samtgemeinde (Dt., Eng.) Graft gegeben waren, hat die Armenfürsorge ihren Zweck erfüllt.“ *

* van DEURSEN, A. Th. (Nl., Eng., about): Graft. Ein Dorf im 17. Jahrhundert, 1. Auflage, Göttingen 1997 (Erstausgabe: Een dorp in de polder. Graft in de zeventiende eeuw, Amsterdam 1994), S. 265-67

(mg)

Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 16. Februar 15

Grad‘ noch so … auch diesmal verspätet, ich bitte das zu entschuldigen. Die wochenendliche Tiefenentspannung hat mich schlicht und einfach den sonntäglichen Abgabetermin vergessen lassen. Aber nichtsdestotrotz erscheint natürlich eine Sonntagsbeilage.

Diesmal soll eine der drängenden Fragen des modernen Lebens gelöst werden:
Wo kommen eigentlich die kleinen Bonbons her?
Der freundliche Mann aus Montreal erklärt und zeigt uns das im folgenden Video*.

* Many thanks to our friend LX for providing the link!

(mg)

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Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 9. Februar 15

Ein kurzes, aber doch hinreichend erholsames Wochenende – und glatt die Sonntagsbeilage verdrängt! Der fränkische Montagvormittag ist grau und feucht, aber nicht übermäßig kalt.
Man könnt‘ glatt ein wenig Musik hören, zum Beispiel Povera Tittina vorgetragen vom Trio Lescano (Dt., Eng., Artikel auf hagalil), damit man in Schwung kommt.

(mg)

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