Archiv für den Autor: Gabriele Gerstmeier

Alles fließt

Das Leben ist ein einziges großes Projekt – das aus vielen einzelnen Teilprojekten besteht.

Ich verlasse DIAGNOSIS für ein neues Teilprojekt.

Allen Menschen, denen ich in den letzten dreizehn Jahren hier begegnet bin, danke ich für ihr Da-gewesen-Sein. Unsere Wege werden sich wieder kreuzen!

Ich wünsche uns allen ein gutes, gesundes, erfolgreiches neues Jahr 2016!

Allerbeste Grüße
Gabriele Gerstmeier

(-:

Neujahr 2016 bunt:-)

Gutes Deutsch? Rätsel lösen!

Mit spannenden Rätseln spielend leicht Deutsch lernen und üben? Das gibt es jetzt:
mit dem Buch „Wortschatz-Lernrätsel für Deutsch als Fremdsprache“ von Monika Beck.

Und nicht nur als Fremdsprache – beim darin Herumblättern hätte ich selbst am liebsten sofort damit angefangen: Es reizt auch eine deutsche Muttersprachlerin, diese Sprachrätsel zu lösen und zu gucken, ob man die eigene Sprache beherrscht ;-)

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PS: Noch mehr Rätsel „mit Sinn und Verstand“ von der Autorin gibt es im Land der Wörter!

Unwissenheit und Armut

„… in einem freien Volke, wo die Sklaverei verboten ist, [besteht] der sicherste Reichtum in einer großen Menge schwer arbeitender Armer. Denn … ohne sie [würde] es keinen Lebensgenuss geben, und kein Erzeugnis irgendeines Landes hätte mehr einen Wert. Um die Gesellschaft glücklich und die Leute selbst unter den niedrigsten Verhältnissen zufrieden zu machen, ist es notwendig, dass ein beträchtlicher Teil davon sowohl unwissend wie auch arm sei. Kenntnisse vergrößern und vervielfachen unsere Bedürfnisse, und je weniger Dinge ein Mensch begehrt, um so leichter kann er zufriedengestellt werden.“
Bernard de Mandeville, 1714 (gefunden auf: Die Mathematik der Ungerechtigkeit)

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Zur Ökonomie des Teilens

In einen interessanten Beitrag auf der Süddeutschen online: “Warum heute keine Revolution möglich ist” beschreibt der Autor Byung-Chul Han, Philosoph und Kulturwissenschaftler an der Universität der Künste Berlin, wie sich die Menschen dem neoliberalen System freiwillig unterwerfen. Besonders bedenkenswert finde ich seine Sätze über die “Ökonomie des Teilens” – Fazit und Schluss-Satz des Beitrags: “Der Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution.”

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Sonntagsbeilage, 15. Juni 14

Vom Goldmachen

Wenn man den Begriff „Goldmachen” in das Suchfeld eines Onlinekatalogs einer wohlsortierten Bibliothek eingibt, dann wird unter den Suchergebnissen bestimmt hauptsächlich historische Literatur erscheinen und Namen wie Johann Gabriel DRECHSLER, Daniel Georg MORHOF (1639-1691) und Wilhelm von SCHRÖDER (1640-1688) werden den Hauptbestandteil des Suchergebnisses ausmachen – Alchemisten des 17. Jahrhunderts.

Der schlichte Titel „Goldmachen. Wahre alchemystische Begebenheiten“, Heilbronn ohne Jahr (ca. 1940), wird sehr wahrscheinlich nicht in großer Zahl erscheinen. Ich vermute, das Büchlein wurde in sehr geringer Auflage gedruckt und, soweit ich herausfinden konnte, gibt es keine zweite Auflage.

Der Autor ist Alexander von BERNUS (1880-1965), ein Dichter und Alchemist. Als Kleinkind wird er von einem kinderlosen Bruder seiner Mutter adoptiert und aufgezogen, die Familie zieht nach Manchester. Ab 1886 lebt die Familie im Stift Neuburg bei Heidelberg, das nach dem Tod des Adoptivvaters 1908 in Alexanders Besitz übergeht. Hier kommt es 1911 zu einem tragischen Unfall: Der einzige Sohn Alexander Walter, Alwar genannt, verunglückt beim Spielen in der Schlosskapelle tödlich. Die Ehe mit Alwars Mutter, der Schriftstellerin Adelheid von SYBEL (1878-1966), hält diese Belastung nicht aus und wird geschieden. Alexander und Adelheid hatten 1902 geheiratet, noch während Alexanders Studienzeit in München.

Diese Münchener Studienzeit war prägend für den Literaturwissenschaftler und Philosophen von BERNUS. Er kam in Kontakt mit Intellektuellen wie Karl WOLFSKEHL, einem Schriftsteller aus dem George-Kreis, oder Ricarda HUCH. Erste Gedichte werden gedruckt, zusammen mit Arbeiten von Stefan ZWEIG; WEDEKIND, HESSE und Thomas MANN sind regelmäßige Gäste in Neuburg – Kontakte, die um die Jahrhundertwende geknüpft werden, überdauern auch den Weltkrieg.

Von BERNUS heiratet die baltische Künstlerin Imogen von GLASENAPP (1876-1939) im Jahr 1912, diese Verbindung wird bis 1929 bestehen bleiben. Mit seiner dritten Ehefrau Isolde (1898-2001), Isa genannt, zieht von BERNUS während des Zweiten Weltkriegs in das kleine Barockschloss Donaumünster – das Stift hatte er schon 1926 dem Benediktinerorden zurückgegeben.

Nach 1911 wird Alexander von BERNUS Mitglied der Theosophischen, später der Anthroposophischen Gesellschaft, deren Gründer STEINER wohl öfters Gast in Neumünster war. Erste alchemistische Interessen oder Arbeiten scheint es schon 1908 gegeben zu haben. Aber nach Alwars Tod wendet sich von BERNUS ganz der Alchemie zu und beginnt in seinem Labor in der alten Abtei spagyrische Arzneimittel herzustellen. Er folgt grundsätzlich den Ansichten PARACELSUS‘ und arbeitet sich durch die alte Iatrochemie, also die dem Arzt dienende Pflanzen- und Stoffkunde des 16. und 17. Jahrhunderts.

Nach von BERNUS’ Tod bemüht sich Isa darum das Erbe zusammenzuhalten, das Schlösslein bröckelt wohl vor sich hin. Alexander von BERNUS hinterlässt der Nachwelt ungefähr eintausend Gedichte, eine große Menge an Übersetzungen, einige Stücke. Und natürlich sein Labor, seine Rezepturen und Formeln. Es scheint so zu sein, dass diese noch heute benutzt werden und unverändert gültig sind, seit von BERNUS sie vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt hat.

Und das Gold?
Ach …

(mg)

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Mehr Liebe zum Volk*

Beim Kongress für Volkskunde 2003 in Berlin tat Martin Scharfe am Ende seines Abschlussvortrags eine denkwürdige Äußerung. Er sagte, er wünsche sich von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“. Unter den Zuhörern stieß diese Aussage auf Befremden und Unverständnis, zumindest auf Verwunderung.

Was meinte er damit?

In den vergangenen Jahren habe ich verschiedentlich klagen hören, die jungen Leute vom Fach verstünden sich nicht mehr aufs Quellenstudium – sie könnten diese nicht einmal mehr lesen. Woran das liegen mag, sei dahingestellt. Ich möchte hier jedoch auf die Verführung aufmerksam machen, die der Umgang mit PC und Internet mit sich bringt, und auf den überhöhten Stellenwert, der diesen unbestreitbar nützlichen Hilfsmitteln eingeräumt wird. Es wird suggeriert, jegliches Wissen sei schnell und mühelos abrufbar und es erübrige sich, selbst eigene, zeitraubende und aufwändige Nachforschungen vor Ort zu betreiben: Oben wird ein Knopf gedrückt, und unten „fällt Geschichte raus“.
Dieser Suggestion erliegen allerdings nicht nur die jungen Leute vom Fach.

Ein Hilfsmittel wie z.B. eine Datenbank, das für naturwissenschaftliche Versuchsreihen taugt und für betriebswirtschaftliche Auswertungen entwickelt wurde, muss der Erschließung geschichtlichen Materials nicht frommen. Lebendige Menschen und historische Quellen – letztere zu Schrift, Bild und Gegenstand gewordene Zeugnisse einst lebender Menschen – scheinen mir eines gemeinsam zu haben: Sie sträuben sich dagegen, klassifiziert und katalogisiert, standardisiert, vereinheitlicht und digitalisiert zu werden. Wer sie auf Zahlen und Daten reduzieren zu können glaubt, wer sie zu bloßen Objekten degradiert, dem geben sie ihr innerstes Wesen nicht preis. Sie lassen lediglich dem Klassifizierenden den irrigen Glauben, er habe ihr Wesentlichstes erfasst: Er hält den Schatten für die Wirklichkeit, verwechselt die Datenbank mit dem Original, das Hilfsmittel mit dem eigentlichen Forschungsgegenstand.

Vielleicht haben manche geisteswissenschaftlichen Fächer in jüngster Zeit unter anderem deswegen so sehr an Boden verloren, weil sie – dem wachsendem Erfolg und Einfluss naturwissenschaftlicher Forschung hinterherhechelnd – unbesehen und unkritisch Methoden kopieren und Hilfsmittel anwenden, die ihrem eigenen Gegenstand nicht unbedingt angemessen sind, und weil sie darüber hinaus Fragestellungen und Sichtweisen übernehmen, die diesen Gegenstand schlicht verfehlen. Vielleicht hat so manches Fach gar seinen ursprünglichen Gegenstand aus den Augen verloren?

Denn die digitale Nutzbarmachung historischer Quellen birgt nach meinem Dafürhalten noch eine weitere Gefahr: Manchmal könnte man meinen, der Gegenstand historischer und volkskundlicher Forschung erschöpfe sich in Archivalien und Museumsobjekten, und es gelte nur, deren Informationsgehalt (digital) aufzubereiten und abrufbar zu machen. Die Erschließung historischer Quellen gerät durch eine solche Bearbeitung leicht zum Selbstzweck und wird dadurch freilich als mühsam und lästig empfunden. Die Quelle – in handliche, vereinheitlichte Einzelteile zerlegt – wird auf Zahlen und Fakten reduziert. Der eigentliche Wert der Quelle, ihre Aussagekraft für eine Verortung, ihren „Sitz im Leben“ – im Original, im Zusammenhang und zwischen den Zeilen gelesen – wird durch diesen Focus vernachlässigt.

Die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Gegenstand der Forschung findet durch die so entstehende Distanz zu einer derart bearbeiteten und genutzten Quelle nicht statt; es entfällt die Notwendigkeit, selbst zu denken, Stellung zu beziehen.

Doch auch Archivalien und museale Objekte sind nur Hilfsmittel – kostbare zwar und oft einzigartige, die es zu bewahren gilt. Denn dienen sie nicht lediglich dazu, vergangenes menschliches Leben, Denken und Handeln in seinen Zusammenhängen zum Erkenntnisgewinn für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu erschließen? Gilt es nicht, die Menschen, die hinter diesen Quellen verborgen sind, in ihrem Facettenreichtum sichtbar zu machen und zu würdigen?

Vielleicht wünschte sich Martin Scharfe auch in dieser Hinsicht von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“.

*Vorwort von Gabriele Gerstmeier zum „Projekt des Bezirks Unterfranken: Digitale Erfassung von Gewerbestatistiken der ersten Hälfte des 19. Jhs. aus Archivalien des Staatsarchivs Würzburg“, bearbeitet von Gabriele Gerstmeier und Matthias Gorzolka, unveröffentlichte begrenzte Auflage, Gerbrunn 2006.

(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 28. Kalenderwoche 2006)

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Das oben zitierte Vorwort entdeckte ich beim Stöbern in den Lesefrüchten der ehemaligen DIAGNOSIS-Website. Ich hatte es vergessen – doch während ich es las, hatte ich plötzlich wieder den Tagungssaal des damaligen Kongresses vor Augen; die Unruhe, die durch die Stuhlreihen wogte nach Scharfes Worten; den Volkskundler-Kollegen, der auf der Heimfahrt im Zug sagte: „Ich weiß nicht, was der wollte – ich bin Wissenschaftler.“

Ich erinnerte mich beim Lesen auch an die Situation der Geisteswissenschaften 2006: Die fuhren gerade mächtig in den Keller, alle schrien nur noch nach Biomedizinern und Naturwissenschaftlern; in den Jahren davor waren – im Rahmen der mit der damaligen Rezession begründeten Sparmaßnahmen erst im kulturellen, dann im sozialen Bereich – die meisten Stellen für Geisteswissenschaftler sowieso gestrichen worden; die verdingten sich als Spüler, Taxifahrer und Ähnliches oder gingen als Arbeitslose nach den Segnungen der Schröder’schen Agenda 2010 sofort in Hartz IV.

Elf Jahre nach dem Kongress und acht Jahre nach diesem Vorwort sehe ich sowohl die eine Aussage – das Für-wahr-und-einzig-Halten digitaler Quellen (Internet!) – als auch die andere – den Absturz der Geisteswissenschaften – bestätigt. Leute, die zu denken gelernt (sic!) haben, sind heutzutage offensichtlich überflüssig. Wie sehr – und für wie doof man sie außerdem hält -, lässt sich an einem Artikel für geisteswissenschaftliche Berufseinsteiger in „Die Zeit“ ablesen: Hohn gebrüllt!**

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**… und dem Herrn Vonhoff vom BDS den doppelten Effenberger gezeigt.

Sonntagsbeilage, 1. Juni 14

„Opium haut Opi um, haut Opium auch Omi um?“

Schlaflosigkeit kann jeden treffen. Heute, im Zeitalter der Listen, kann man jederzeit im Netz verschiedene Zusammenstellungen von berühmten Schlaflosen finden. Die Liste reicht von der Antike (Caligula) bis in die Gegenwart – aber möchte man wissen, welches moderne Schlagersternchen nachts nicht schlafen kann? Staatsfrauen und -männer (von Katherina der Großen bis Mao), Künstler, Schreiber (Kafka, Proust) – unter Schlaflosigkeit darf jedermann leiden.

Philippe ARIÈS zitiert in seiner Geschichte des Todes (zuerst 1978) aus Les derniers vers des französischen Poeten RONSARD (1524-1585). RONSARD schrieb diese “letzten Verse” wirklich zum Ende seines Lebens, unter anderem beklagt er seine Krankheiten, darunter die Gicht:
La goutte jà vieillard me bourrela les veins …

Und da ist die Schlaflosigkeit:
Mais ne pouvais dormir, c’est bien de mes malheurs
Le plus grand, qui ma vie & chagrine & despite.
Seize heures pour le moins, je meurs, les yeux ouverts,
Me tournant, me virant de droict & de travers
Sur l’un, sur l’autre flanc, je tempête, je crie …
Miséricorde ! Ô Dieu ! ô Dieu, ne me consume
A faute de dormir …
Vielle ombre de la terre, ainçois ombre d’enfer,
Tu m’as ouvert des yeux d’une chaîne de fer,
Me consumant au lict, navré de mille pointes …
Mechantes nuits d’hiver, nuits, filles de Cocyte …
N’approchez de mon lit, ou bien tournez plus vite.

Er wirft sich auf deinem Bett hin und her, noch sechs Stunden bis zum Morgen, der Schlaf will nicht kommen: „Erbarmen, Herr!“ Die eiserne Kette der Nächte reißt nicht ab – am Ende bleibt nur ein verzweifeltes „tournez plus vite“ – „ach, geht doch weg!“

Er wendet sich dem natürlichen Heilmittel zu:
Heureux, cent fois heureux, animaux qui dormez …
Sans manger du pavot qui tous les sens assomme !
J’en ay mangé, j’ay bu de son jus oublieux,
En salade, cuit, cru & toutefois le somme
Ne vient par sa froideur s’asseoir dessus mes yeux.*

Pavot, der Mohn, soll’s richten. RONSARD hat ihn gegessen, roh, gekocht, den Saft getrunken, aber es nutzte nichts, die Augen blieben offen.

Es ist doch wirklich traurig, wenn einen noch nicht einmal mehr das Opium schlafen schickt.
Die zeitgenössischen Ärzte hätten RONSARD eventuell einen Theriak verschrieben, das allmächtige Getränk, die Panacée; oder sie hätten ihn mit Laudanum versorgt, eine Opiumlösung, die PARACELSUS irgendwann zwischen circa 1520 und 1541 (seinem Todesjahr) zusammengestellt hatte – das könnte also vierzig Jahre später in Frankreich durchaus bekannt gewesen sein.

Eine letzte Möglichkeit wäre ein Schlafschwamm, ein Hilfsmittel der Chirurgie. Schon die alten Ägypter beschreiben, dass es möglich ist, durch das Inhalieren von Dämpfen in Ohnmacht zu fallen, also eine Anaesthesie herbeizuführen. Ein Antidotarium des 9. Jahrhunderts aus Bamberg erwähnt diese Praxis, ebenso ein Kodex in Monte Cassino. Ein Gemisch aus Opium, Hyoscyamin (das ist der Wirkstoff in Nachtschattengewächsen wie Tollkirsche, Stechapfel etc.), Maulbeersaft (wohl zum Süßen), Salat, Schierling, Mandragora (Alraune) und Efeu wird bereitet; der „Schwamm“ oder das Gewebe wird damit getränkt, anschließend wird der Schwamm getrocknet. Vor der Verwendung wird der Schwamm befeuchtet und dann unter die Nase des Patienten gehalten, der die Dämpfe inhaliert und betäubt einschläft. Ungewollte Nebenwirkungen können Blutstau und Erstickungstod sein. Diese Technik war der medizinischen Schule von Salerno anscheinend gut bekannt, die Absolventen trugen das Wissen um diese Praxis mit sich an die Orte ihrer Tätigkeit.

Ich würde einen guten Schluck aus Bombastus PARACELUS‘ Laudanum-Pulle bevorzugen – und RONSARD war sicherlich gut beraten, bei seinem Mohn zu bleiben.

(mg)

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*Die Gicht hat mir, der ich schon ein Greis bin, die Venen gemartert.

Aber ich konnte nicht schlafen, von meinen vielen Leiden / Ist das das größte, das mein Leben bekümmert und verdrießlich macht. / Sechzehn Stunden wenigstens sterbe ich, / Mich drehend und von rechts nach links, / Auf die eine, die andere Seite wälzend, rase ich, schrei ich … / Barmherzigkeit, o Gott „ O Gott, verzehre mich nicht / durch Mangel an Schlaf … / Alter Schatten der Erde, alter Schatten der Hölle, / Du hältst mir die Augen mit einer eisernen Kette geöffnet, / Und vernichtest mich im Bett, von tausend Schmerzensstichen gebrochen … / Elende Winternächte, Nächte, Töchter des Cocytus, / Nähert euch meinem Bett nicht oder kehrt euch ganz schnell um.

Glücklich, hundert Mal glücklich ihr Tiere, die ihr Schlaf findet … / Ohne vom Mohn zu essen, der alle Sinne betäubt! / Ich habe davon gegessen, ich habe seinen vergessenschenkenden Saft / Als Salat, gekocht, und roh getrunken, und gleichwohl kommt der Schlaf / In seinem Starrsinn nicht, sich auf meine Lider zu senken.

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Sonntagsbeilage

Die „Sonntagsbeilage“ war mir in meiner Kindheit immer das Liebste an der Tageszeitung. Die Wochenendausgabe war in der Regel dicker als die normalen paar Blätter unter der Woche, schon allein wegen der Anzeigen. In der Sonntagsbeilage war das Fernsehprogramm für die kommende Woche (es gab nur drei Sender) und der Kulturteil, worin besprochen wurde, was es eben zu besprechen gab: Eine Aufführung am Stadttheater, eine Ausstellung in der Kunsthalle; ein historischer Artikel des Herrn Stadtarchivars; nicht fehlen durfte der Fortsetzungsroman, mehrere Spalten lang; auch wichtig: die Kinderseite mit einer Bildergeschichte zum Beispiel vom „Kleinen Herrn Jacob“ (wir sind noch in der Vor-Hägar-Zeit), eventuell war auch Charlie Brown vertreten. Außerdem ein Bild, das zu ergänzen war, indem man die mit Zahlen von eins bis fünfzig bezeichneten Punkte miteinander verband (möglichst ohne abzusetzen!) und – was ich am liebsten mochte – das Bilderpaar „Finde die fünf Unterschiede“: eine einfache Zeichnung auf der einen Seite, daneben noch einmal abgedruckt mit fünf mehr oder minder versteckten Veränderungen.

Es gab auch eine Sendung „Sonntagsbeilage“ im Radio, ich glaube auf Bayern 1. Da wurden Texte zitiert, Gedichte vorgetragen, kleine Szenen gebracht, verschiedenste Musik gespielt – querbeet, von albern bis besinnlich, manchmal mit jahreszeitlichem Bezug, etwa zu Weihnachten oder ein Osterhasen-Spezial. Dieses Radioprogramm hatte einen festen Platz im Familienleben; die Familie spielte nebenher Karten oder las Zeitung oder hing einfach „nur so“ am Sonntagnachmittag in den Sesseln.

In gewisser Weise sind die Beiträge auf dem DIAGNOSIS-Blog der Sonntagsbeilage meiner Kindheit und frühen Jugend ähnlich: ein Sammelsurium unterschiedlichster Beiträge. Ich werde mich künftig hier an einer Sonntagsbeilage versuchen und regelmäßig sonntags etwas veröffentlichen – sei es eine Lesefrucht, etwas Selbstgeschriebenes, ein Fundstück aus dem Netz; vielleicht gibt es auch ab und an eine weitere Sonntagsmusik. Es ist kein Programm damit verbunden, kein Ziel, keine weitere Absicht, als zu unterhalten und zum Lächeln oder Nachdenken anzuregen. Ich hoffe es gefällt. (mg)

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