Sonntagsbeilage, 12. Juli 15

Vandalen

„An dieser Stelle muss natürlich ein Wort über die alte, anscheinend unausrottbare Legende gesagt werden, der Name Andalusien (spanisch: Andalucía), bekanntlich von den im 8. Jh. das Land erobernden Mauren in der Form al-andalus eingeführt, gehe auf die Vandalen zurück (‚Vandalucia‘), sei es, weil diese eine Zeitlang in der Baetica* ihr Territorium hatten, sei es, weil sie von hier nach Africa aufbrachen. Aber nur auf den ersten Blick kann man in dieser Herleitung etwas Plausibles sehen. Der Historiker muss einwenden, dass nicht zu erkennen ist, warum die Mauren 200 Jahre nach der kurzen vandalischen ‚Epoche‘ Andalusiens und sogar knapp 100 Jahre nach dem Ende der Vandalen überhaupt bei der Namensgebung auf diese gens zurückgegriffen haben sollen. Sprachwissenschaftler weisen auf die bei dieser Deutung unerklärliche Endung -us hin. Alternative Namensdeutungen sind zwar auch nicht beweisbar, aber wenigstens widerspruchsfrei. Am wahrscheinlichsten ist die Erklärung, dass es sich ursprünglich um den schon aus vorrömischer Zeit stammenden Namen der später so genannten Stadt Tarifa handelt, wo die Mauren als Erstes landeten. Immerhin gäbe es dann einen faktischen Bezug zu den Vandalen, da diese den Hafen von Tarifa sicherlich bei ihrer Überquerung der Straße von Gibraltar nutzten.
Einen ersten Schritt ‚auf das Meer‘ bildete ein erfolgreicher Beutezug zu den Balearen im Jahr 425, sicher mit römischen Schiffen, derer man sich irgendwie bemächtigt hatte. Wichtiger war die anschließende Eroberung von Sevilla und der Hafenstadt Cartagena, was den Vandalen auf einen Schlag eine wirkliche maritime Perspektive eröffnete. Über die weiteren Aktionen sind wir nicht informiert, sie werden aber auf dieser Linie gelegen haben. Ziel war nicht, sich dauerhaft in der Baetica zu installieren, sondern sie zu verlassen.“**

*“Hispania Baetica oder nur Baetica ist der lateinische Name einer antiken Landschaft und römischen Provinz im Süden Spaniens. Ihren Hauptteil bildete das heutige Andalusien, im Norden reichte sie bis in die Extremadura hinein. Sie ist benannt nach dem großen Fluss Baetis, dem heutigen Guadalquivir.“ So beginnt der entsprechende Wikipedia-Artikel.

**Dies schreibt der Bonner Professor für Alte Geschichte Konrad VÖSSING in seiner sehr lesenswerten Überblicksdarstellung „Das Königreich der Vandalen. Geiserichs Herrschaft und das Imperium Romanum“ (Darmstadt 2014, S. 26-27). Endlich eine dicht den Quellen folgende und dabei sehr gut lesbare Schilderung der Vorgänge während der sogenannten Völkerwanderung, die erklärt und verstehen lässt, was wann aus welchen Gründen geschehen ist. Ich wünschte, derartige Darstellungen hätte es schon zu meiner Schulzeit gegeben, denn um das Ende des Imperium Romanum wurde doch immer ein großer Bogen gemacht: Irgendwann kamen die Barbaren und das Licht ging aus; Karl der Große macht das Licht wieder an und die Geschichte geht weiter.
Man sollte eine Exkursion nach Tarifa unternehmen.

(mg)

*