Sonntagsbeilage, 7. Juni 15

„Der matte, kränkelnde Ton von Flauberts Sonnenuntergänge-Brief an Louise Colet war keine Pose. 1846 war immerhin das Jahr, in dem zuerst sein Vater und dann seine Schwester Caroline gestorben waren. „Welch ein Haus!“ schrieb er. „Welch eine Hölle!“ Gustave wachte die ganze Nacht neben der Leiche seiner Schwester: sie lag da in ihrem weißen Hochzeitskleid, er saß da und las Montaigne.
[…]
Der Weg zum Friedhof war ihm noch vom letzten Mal vertraut. Am Grab brach Carolines Ehemann in Tränen aus. Gustave sah zu, wie der Sarg hinabgelassen wurde. Plötzlich blieb er stecken: man hatte die Grube zu schmal ausgehoben. Die Totengräber packten den Sarg und rüttelten daran; sie zerrten ihn in alle Richtungen, verdrehten ihn, hackten mit einem Spaten dagegen, hebelten mit Brecheisen daran herum; aber er rührte sich noch immer nicht. Schließlich stellte einer von ihnen den Fuß flach auf die Kiste, genau über Carolines Gesicht, und drückte den Sarg mit Gewalt hinab ins Grab.
Von diesem Gesicht ließ Gustave eine Büste anfertigen; sie thronte sein ganzes Schriftstellerleben lang in seinem Arbeitszimmer, bis zu seinem eigenen Tod im selben Haus im Jahre 1880.
[…]
Die Prozession setzte sich in Bewegung, zuerst zur Kirche in Canteleu, dann zum Cimetière monumental […].
Nach ein paar Worten wurde der Sarg hinabgelassen. Er blieb stecken. Diesmal hatte man die Breite richtig abgeschätzt; aber bei der Länge hatten die Totengräber geknausert, Söhne von Grobianen rangelten vergeblich mit dem Sarg; sie konnten ihn weder hineinquetschen noch herauswinden. Nach ein paar peinlichen Minuten entfernte sich die Trauergemeinde langsam und ließ Flaubert kopfunter schräg in der Erde steckend zurück.“ *

Nun ja, was soll man dazu sagen?

(mg)

*BARNES, Julian: Flauberts Papagei, Zürich 1989, S.101ff. (Haffmans Taschenbuch 26; zuerst : Flaubert’s Parrot, 1984; dt. Erstausgabe, 1987)