Sonntagsbeilage, 19. April 15

„Auf einer südöstlichen Landspitze Attikas (Dt., Eng.) steht der berühmte Tempel von Sunion, der für Poseidon, den Gott des Meeres, erbaut wurde. Zur Zeit des Perikles (Dt., Eng.) um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. errichtet, existierte er noch nicht, als die assyrischen Armeen Israel überrannten oder als die im vorausgegangenen Kapitel beschriebenen Ereignisse bei den Juden stattfanden. Obwohl also der ehemals weiße Marmor mit der Zeit dunkel geworden ist, kann Sunion immer noch als Ausdruck des Neuen in seinem Zeitalter betrachtet werden. Allein die Tatsache, daß mit diesem Tempel nicht nur eine Gottheit, sondern auch die Schiffe und Männer Athens, die Sieger über die persische Flotte bei Salamis (Dt., Eng.), geehrt wurden, machte ihn zu einem menschlichen Monument und nicht nur zu einer Andachtsstätte. Mehr noch: Wenn seine anmutigen Säulen zum ersten Mal in das Blickfeld eines Reisenden kommen, der sich Griechenland per Schiff nähert, vermögen sie ein intensives Gefühl für den Wandel der Zeiten wachzurufen. Mit schweigender Beredsamkeit verbreiten sie eine Atmosphäre, die sich sehr von der des Alten Testaments unterscheidet, welche von Mahnung, Verdammung, hingebungsvollem Monotheismus und selbstgerechter Gewalt durchdrungen war. Wahrscheinlich teilt nicht jeder Beobachter diesen Eindruck; aber jeder, der ihn hat, muß sich fragen, woher er kommt.“ *

Franklin L. FORD (keine Wikipediaeinträge vorhanden, obit.) schrieb eine Geschichte des politischen Mordes von den Anfängen der Geschichte bis hin zum modernen Terrorismus. Der zitierte Abschnitt steht am Beginn des zweiten Kapitels „Die Griechen“ – und ich habe ihn recht eigentlich nur wegen des schönen Wortes in der drittletzten Zeile hierher gesetzt, nämlich wegen „selbstgerechter Gewalt“. Das scheint mir so passend zu sein, auch für die heutigen Zustände im Nahen Osten. Die Griechen des Goldenen Zeitalters haben gezeigt, daß es auch anders geht, daß Politik ohne Gewalttätigkeit auskommen kann, daß man Staat und Gesellschaft auf eine Verfassung gründen kann, auf menschliches Recht also, nicht auf wie auch immer geartete „göttliche“ Offenbarung, die eben zu der genannten selbstgerechten Gewalt führt. Denn wer im Namen des Herrn mordet, der kann ja keine Fehler machen.

 

*FORD, Franklin L.: Der politische Mord. Von der Antike bis zur Gegenwart. Aus dem Englischen von Ilse UTZ, Reinbek 1992, S. 50. Zuerst: Political Murder. From Tyrannicide to Terrorism. Cambridge (Mass.) & London 1985.

(mg)

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