Sonntagsbeilage, 5. April 15

„In Miltenberg ist viel Mittelalter, und zumal der berühmte Marktplatz hält, was die Ansichtskarten versprechen. Schloß, Burgwall, Wein und Sandstein verstehen sich von selbst. Hinter dem gotischen Rathaus thront, seines Alters bewußt, das Gasthaus zum Riesen, in früheren Jahrhunderten die Herberge von Fürsten, heute gediegenes Quartier für Autofahrer, Sommergäste und Stammpublikum. Der Herr Professor hat hier seinen Mittagstisch, er wird oft und gern mit Herr Professor angeredet, und man vernimmt sogleich, daß der Herr Professor am Sonntag keine Kartoffeln ißt. Wahlen und schönes Wetter locken kleinstädtische Eleganz auf die Straße, die zum Glück der noch nicht wahlpflichtigen Jugend von dem musikalischen Auto* durchfahren wird. Alles ist zum Empfang der Ostergäste bereit; in der Konditorei strömt Schlagsahne, soviel Du begehrst, Häuser sind frisch geputzt, und die Natur rüstet sich, zu grünen. Eine Bahn zweigt nach Amorbach ab, das nicht nur Ausgangspunkt für Odenwaldtouren ist, sondern freundlich sich selbst genügt.

Zwischen Miltenberg und Wertheim baut sich hinter bleichender Wäsche Freudenberg auf. Eine in die Länge gezogene Vielheit von Farbflecken in Claude-Monet-Manier, von der schnurgeraden Mainbrücke mitten durchbohrt. Das riesige Burggemäuer dicht darüber, in dem es einst wenig gemütlich zugehen mochte, ist zum harmlosen Kinderspielzeug geworden. Rauchende Dorflausbuben fläzen sich auf den Grasflächen hin, erklettern Bastion und Turmsöller, und benutzen ohne jedes historische Interesse die mit Efeu überrankten Blendarkaden für ihre indianerhaften Zwecke. Ringsum Wälder, deren Wege Ausblick verheißen. Auf einer Bank im Gebüsch häkeln drei kleine Schulmädchen und gackern miteinander. In der körperlosen Landschaft steht der Fluß, ein silberner Spiegel, dessen Blau die Nachmittagssonne mit Gold untermischt. Graue Flöße, ewig sichtbar, gleiten hin, Kähne verlieren sich unmerklich und ein winziger Schleppdampfer schleppt und surrrt. Wieder am Ufer, trifft man Leute mit Angelgeräten, die von ihrem kontemplativen Tagewerk nicht eben unbefriedigt scheinen.

Bei Wertheim trödelt die Tauber in den Main, der sich um diesen Zuwachs nicht weiter kümmert. Die badische Stadt hält, wie es heißt, zu den Koalitionsparteien, während das bayerische Kreuzwertheim gegenüber gar nicht kreuzbrav ist, sondern sich vorwiegend deutsch-völkisch betragen soll. Mag nun das Schloß nächst dem Heidelberger die größte Ruine sein oder nicht, es genügt jedenfalls heroischen Bedürfnissen. Die Maler wissen, warum sie sich hier zusammenballen: da sind mannigfache Durchblicke und Überschneidungen, verschwiegene Treppenaufgänge und krumme Gassenfurchen. Auch Historiker und Kunstgeschichtler kommen auf ihre Kosten. In der aus romanischer Zeit stammenden Pfarrkirche befriedigen die Sarkophage der Wertheims, Stolbergs, Löwensteins, Wanderscheids den genealogischen Forschertrieb, und die St. Kilianskapelle daneben, eine Kostbarkeit in reiner Hochgotik, birgt seit kurzem die beachtliche Sammlung des Wertheimer Altertumvereins. Wer nicht den Zwang zur Besichtigung in sich verspürt, wird schon durch das bloße Bummeln in mittelalterliche Stimmung versetzt. Was das Praktische betrifft, so schmeckt Mainhecht mit Buttersauce vortrefflich; die Menschen sind umgänglich wie überall den Fluß entlang, und die Preise mäßig. Wie sehr man in weiten Umkreis diese und andere Vorzüge Wertheims zu würdigen weiß, verrät die Tatsache, daß über die Feiertage die Mehrzahl der Betten bereits vergeben ist.

[…]

Fazit: man komme, sehe, liebe. Anderer Orte sind noch viele – Triefenstein etwa, oder Rothenfels mit der Quickborn-Burg – , lyrische und epische Stimmungen nach Belieben, Ausflugsziele von jeder Beschaffenheit. In der Helle des Frühlings vermißt man hier nicht Sorrent noch Sizilien, sondern weiß sich geborgen an fremden Gestade, von blauer Unwirklichkeit eingehüllt. Wandern und Weilen: beides zusammen tut freilich not. Jagt man nur hin, so geht man nicht ein in die Zeitlosigkeit, in der Fluß, Ufer, Dörfer verharren, und liegt man nur still mit ihnen vor Anker, so erfährt man nicht, daß sie zeitlos sind.“ **

So schreibt Siegfried KRACAUER (Dt., Eng.) über eine Reise mainaufwärts im frühen Frühling des Jahres 1924, die ihn von seiner Heimatstadt Frankfurt in das badisch-bayerische Grenzgebiet (und vielleicht endlich nach dem fränkischen Würzburg) geführt hat. KRACAUERs Lebensgeschichte ist nachgerade exemplarisch für eine ganze Generation deutscher Intellektueller. Am Main hat sich, so scheint’s, nicht besonders viel geändert in den 90 Jahren, die seit dem Erscheinen von KRACAUERs Text vergangen sind.

(mg)

* Es handelt sich um ein weiter oben im Text, als es um Klingenberg geht, bereits erwähntes „sozialdemokratisches Lastauto, das die Mainbevölkerung zum Wahlgang ermuntert.“

** Zuerst veröffentlicht unter dem Titel „Der blaue Main. Vorfrühlings-Wanderung 1924“: 13.4.1924, 2. Morgenblatt; Beilage: Bäder-Blatt, S. 1.
Zitiert nach: Volk, Andreas (Hg.): Siegfried Kracauer. Frankfurter Turmhäuser. Ausgewählte Feuilletons 1906-30. 1. Auflage, Zürich 1997, S. 222 ff.

*