Sonntagsbeilage, Montagsausgabe, 5. Januar 15

„Wie dem auch sei, die Abhilfe, die mein Vater dafür fand, war diese, daß er mich noch im Säuglingsalter und bevor sich noch meine Zunge zu lösen begann, einem Deutschen anvertraute, der nachmals als ein berühmter Arzt in Frankreich starb und der unserer Sprache völlig unkundig, aber im Lateinischen sehr wohl bewandert war. Dieser nun, den er eigens hatte kommen lassen und sehr reichlich entlöhnte, hatte mich beständig auf den Armen. Es waren noch zwei andere von geringeren Kenntnissen neben ihm, um mir nachzugehen und den ersten zu entlasten. Diese redeten in keiner andern Sprache mit mir als Latein. Für die übrigen Hausbewohner war es eine unverbrüchliche Regel, daß weder mein Vater, noch meine Mutter, noch Knecht, noch Zofe in meiner Gegenwart etwas anderes redeten als die paar Brocken Latein, die jeder gelernt hatte, um mit mir zu radebrechen. Es ist zum Verwundern, welche Fortschritte ein jeder darin machte. Mein Vater und meine Mutter lernten darüber Latein genug, um es zu verstehen, und erwarben davon zur Genüge, um sich im Notfall dessen zu bedienen, wie auch die andern Hausleute, die am meisten mit mir zu tun hatten. Kurz, wir latinisierten uns dermaßen, daß davon bis in die Dörfer rundum etwas abkrümelte, wo noch verschiedene lateinische Benennungen von Handwerkern und Geräten fortleben und sich durch den Gebrauch eingewurzelt haben.
Was mich selbst anlangt, so war ich schon mehr als sechs Jahre alt und verstand noch ebensowenig von Französisch oder Perigordinisch als vom Arabischen. Und ohne Kunst, ohne Buch, ohne Grammatik und Regel, ohne Rute und ohne Tränen hatte ich ein so reines Latein gelernt, wie mein Lehrer es konnte: denn ich konnte es nicht vermischt oder verdorben haben. Wenn man mir zur Übung, wie es in den Schulen gebräuchlich ist, eine Übersetzung aufgeben wollte, so mußte man sie mir, wie den andern auf Französisch, in schlechtem Latein geben, um es in gutes zu bringen.“

So beschreibt Michel de MONTAIGNE, wie er Latein lernte, in einem Brief an Madame Diane de FOIX, Gräfin von Gurson, den er unter dem Titel Über die Kindererziehung in seinen Essais abdruckte*. Er hält überhaupt nichts davon Kinder zu schlagen, sie mit Gewalt und Zwang zu verformen.
Das Lateinische war ihm sehr hilfreich in späteren Jahren, die romanischen Sprachen sind eben aus einer gemeinsamen Wurzel erwachsen. In einem ganz anderen Zusammenhang – er spricht über Gesichter und Gestalten der Philosophhie – erwähnt er Folgendes:

„Ich habe in Italien einem Mann, der Mühe hatte, italienisch zu sprechen, diesen Rat gegeben, falls er nichts weiter begehre, als sich verständlich zu machen, ohne dabei weiter glänzen zu wollen, möge er sich einfach der erstbesten Worte bedienen, die ihm auf die Zunge kämen, ob Latein, Französisch, Spanisch oder Gaskognisch, und wenn er ihnen nur eine italienische Endung anhänge, werde er nie verfehlen sich mit irgendeiner Mundart des Landes zu begegnen, sei es Toskanisch, Romanisch, Venezianisch, Piemontesisch oder Neapolitanisch.“**

Recht hat er, der Herr de MONTAIGNE: Reden muss man, schweigen bringt’s nicht.

(mg)

*In der mir vorliegenden Ausgabe, ausgewählt und übersetzt von Herbert LÜTHY, 6. Aufl., Zürich 1985 (Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Erstauflage 1953), auf S. 209 ff.

**Am angegebenen Ort, S. 460.