Sonntagsbeilage, 7. Dezember 14

„Das Glück tut uns weder Gutes noch Böses: es bietet uns dazu nur den Stoff und die Saat, welche unsere Seele, die mächtiger ist als es, nach ihrem Belieben gebraucht und wendet als die alleinige Urheberin und Meisterin ihres glücklichen oder unglücklichen Befindens. Die äußeren Zufälligkeiten erhalten ihren Geschmack und ihre Farbe von der inneren Beschaffenheit, so wie die Kleider uns nicht mit ihrer eigenen Wärme, sondern mit der unsern wärmen, die sie zusammenhalten und zu bewahren tauglich sind; wer damit einen kalten Körper einhüllte, dem würden sie damit den gleichen Dienst für die Kälte leisten: auf diese Weise bewahrt man den Schnee und das Eis auf. Gewiß, genau so, wie einem Tagedieb das Studium eine Qual ist, dem Trunkenbold die Enthaltung vom Weine, ein mäßiges Mahl eine Pein für den Völler und die Leibesübungen eine Folter für den Weichling und Faulpelz: so ist es mit allem übrigen. Die Ding sind an und für sich selbst nicht so schmerzhaft, noch so schwierig: sondern unsere Schwäche und Feigheit macht sie dazu. Um über große und erhabene Dinge zu urteilen, ist eine gleichgeartete Seele vonnöten, sonst schreiben wir ihnen die Gebrechen zu, die uns selbst eigen sind. Ein gerades Ruder erscheint im Wasser krumm. Es kommt nicht allein darauf an, daß man ein Ding sieht, sondern darauf, wie man es ansieht.“ *

Einen schönen Zweiten Advent.

(mg)

*Michel de MONTAIGNE: Essais. Auswahl und Übersetzung von Herbert LÜTHY. Zürich, 6. Aufl. 1985 (Manesse Bibliothek der Weltliteratur), S. 113