Sonntagsbeilage, 16. November 14

„Schließlich besteht ein immer wieder auftretender Denkfehler der pauschalen Technikbewertung darin, daß die zugrundeliegenden Bewertungsmaßstäbe im unklaren bleiben und unversehens gewechselt werden. Ein Beispiel: Man kritisiert den Autoverkehr, indem man auf die vielen Opfer von Verkehrsunfällen, auf die Luftverschmutzung durch Auspuffgase und die störende Geräuschentwicklung hinweist; man bezieht sich dabei auf die Werte der Lebenserhaltung und der Gesundheit, die in unserer Gesellschaft wohl unumstritten sind. Auch die Befürworter des Autos nehmen die Kritik ernst, geben aber zu bedenken, daß nur das Auto dem einzelnen ermöglicht, schnell, bequem und geschützt gegen Wind und Wetter zu fahren, wann und wohin immer er will; sie sehen die Chance zur selbstbstimmten Mobilbität als ein Stück individueller Selbstentfaltung an und beziehen sich damit ebenfalls auf einen Wert, der in unserer Gesellschaft einen hohen Rang genießt. Dem halten nun die Kritiker des Autos entgegen, daß die räumliche Mobilität in Wirklichkeit zur individuellen Selbstentfaltung gar nicht nötig sei, sondern den Menschen nur durch verfehlte Siedlungsformen und falsche Verhaltensmodelle aufgezwungen werde;  nicht Mobilität, sondern Bodenständigkeit führe zur wahren Selbstentfaltung.
Was ist hier geschehen? Im ersten Teil der Diskussion halten sich beide Seiten an das herrschende Wertsystem und stoßen auf einen Wertkonflikt. In diesem Augenblick verläßt der Kritiker des Autos die gemeinsame Wertbasis und führt eine ganz neue Wertvorstellung ein, die gegenwärtig von den meisten Menschen nicht geteilt wird und auch nicht ohne weiteres verwirklicht werden könnte. Weil man dem Wertkonflikt entgehen möchte, ändert man die Bewertungsbasis: Urteilte man zunächst nach Kriterien der gegenwärtigen Gesellschaftsverfassung, so unterschiebt man schließlich Kriterien einer völlig anderen Gesellschaftsverfassung und wechselt damit unversehens auf eine ganz neue Ebene der Diskussion.
Als Denkfehler bezeichne ich natürlich nur den unbemerkten Wechsel der normativen Bezugsbasis und die undurchschaute Verwechslung verschiedener Wertsysteme. Ich wehre mich nicht dagegen, eine bestimmte Technik mit verschiedenen Wertsystemen zu beurteilen, wenn man sich jeweils im klaren ist und eindeutig angibt, welches Wertsystem man zugrunde legt; und ich wehre mich auch nicht dagegen, daß man über konkurrierende Wertsysteme diskutiert. Nur soll man nicht so tun, als diskutiere man über das Auto, während man in Wirklichkeit verschiedene Wertvorstellungen gegeneinander ausspielt.“ *

So Günter ROPOHL (Dt., Eng.), Fertigungsingenieur und Technikphilosoph, in seinem 1985 veröffentlichten Buch zur „unvollkommenen Technik“, in dem er sich gegen pauschalisierende Urteile über Technik – gleichgültig ob pro oder contra – ausspricht, und zu „technischer Aufklärung“ mahnt. In der Mitte der 1980er Jahre waren heute allgegenwärtige Produkte der „consumer electronic“ (alles was mit „i-“ anfängt z.B.) noch Fantasie. Es stand ja noch nicht einmal auf wirklich jedem Schreibtisch ein „personal computer“, und das Internet – ach … Die technische Entwicklung der letzten dreißig Jahre ist beeindruckend, erstaunliche Möglichkeiten, auch des Missbrauchs, haben sich aufgetan. Um so lauter sollte der Ruf nach „technischer Aufklärung“ – im Sinne Kants und nicht der NSA – heute erschallen. Es wäre interessant ROPOHLs Meinung zu aktuellen Entwicklungen zu hören.

(mg)

*ROPOHL, Günter: Die unvollkommene Technik, 1. Aufl. Frankfurt/Main 1985 (suhrkamp taschenbuch 1213), S. 69-70

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