Sonntagsbeilage, 2. November 14

Zeit ist Geld

„Zunächst, vom 14. ins 18. Jh., geht es um die Veränderung der großen Lebens- und Arbeitsrhythmen, der Perioden, in denen gewacht und geschlafen, gearbeitet, gegessen, verhandelt, geliebt und gelernt wurde. Hier gibt es die entscheidenden Disziplinierungsschübe, die mit der Umwandlung der agrarischen in die manufakturiellen und schließlich industriellen Gesellschaften einhergingen.
Nachdem die Uhren genau geworden sind, können auch die Arbeitszeiten exakter definiert werden, können und müssen Verabredungen eingehalten, Geschäfte präzis terminiert, Zeitpläne für alles und jedes aufgestellt werden. Ein Mittel, das jahrhundertelang neben anderen Mitteln dazu gedient hatte, Waren zu tauschen, wurde allmählich zum ausgezeichneten Tauschmittel, das Geld. Mehr und mehr mißt es nicht von Kultur zu Kultur variierende Werte, Naturalien, Böden, bewegliche Güter. Auf der Suche nach dem Raster, auf das tendenziell alle Güter bezogen, nach dem sie verglichen, verhandelt, getauscht werden könnten, wird das Geld zum Maß für die in etwas investierte Zeit, Herstellungszeit, Transportzeit, Abnutzungszeit. Nach der Uhr, die den Zeittakt gibt, wird das Geld zu dem Ding, das sie zählt und aufbewahrt, damit sie getauscht werden kann. Geld wird „gespeicherte Zeit“. Die drei wichtigsten Funktionen des Geldes – daß es Werte mißt, tauscht und speichert – lassen sich in einer einzigen zusammenfassen: Es hält die Zeit fest. Die verrinnende, flüchtige Zeit, die mit den Uhren ja nicht zu beeinflussen ist, nur sichtbar gemacht wird, als immer verschwindende, unaufhaltsame Bewegung, mit dem Geld wird sie in ein Stück Metall gepreßt, in ein Papier geschrieben, zu einer Summe gemacht, die bearbeitet werden kann. Mit dem von allen als abstrakter Wertmesser anerkannten Geld scheint ein Mittel gefunden zu sein, das gegen die Ungewißheiten, die plötzlichen Änderungen, gegen Unfälle und Katastrophen zu helfen verspricht: die flüssige, ungreifbare Zeit erstarren läßt, in berechenbare Zahlen verwandelt. Das Geld selbst wird so auch in Kooperation mit der Uhr und dem Kalender zum wichtigsten jener ’sozialen Signale‘, die die inneren Uhren einzustellen erlauben, das die individuellen Aktivitäten als soziale koordiniert. Nur weil es auf sofortige Befriegung drängende Triebansprüche aufzuheben und zu verschieben vermag, eine größere, intensivere Befriedigung in der Zukunft verspricht, kann sich jenes langfristige Wirtschaften der modernen Gesellschaften entwickeln, welches nach und nach die alten Subsistenzökonomien ablöst. Das Geld wird zu der zwischen innen und außen oszillierenden ‚Hemmung‘, zu jenem Schalter, der die Wünsche einstellt, der den kurzfristigen in einen langfristigen Triebhaushalt verwandelt, so daß er den sozialen Haushalt speisen und fortzutreiben vermag.
Daß es sich beim Geld um eine besondere Materialisierung von Zeit handelt, wird nirgends deutlicher als in der Auseinandersetzung um den Zins, der ja nichts anderes darstellt als den durchaus erfolgreichen Versuch, die Dauer der Geldzirkulation zu bewerten, d.h. Zeit direkt in Geld umzuformulieren. Für das Mittelalter, für die Theologen, welche die öffentliche Moral zu vertreten hatten, war das Zinsnehmen wie überhaupt der Handel mit Geld im Grunde eine Sünde, der Zins nichts als Wucher. Diese Einschätzung verschärft sich noch in dem Maße, wie die neuen Wirtschaftsformen sich durchsetzen und den Geldhandel in immer größeren Umfang nötig machen.“ *

So schreibt der Siegener Germanist Peter GENDOLLA in seinem sehr lesenswerten Essay über Zeit von 1992.

(mg)

*GENDOLLA, Peter: Zeit. Zur Geschichte der Zeiterfahrung. Vom Mythos zur ‚Punktzeit‘. Köln 1992 (DuMont-Taschenbücher, 279), S. 51-52

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