Sonntagsbeilage, 10. August 14

Vor ein paar Tagen habe ich (mal wieder) eine Kelleferführung im Staatlichen Hofkeller (Dt.) unter der Residenz in Würzburg (Dt., Eng.) mitgemacht. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die einzelnen Führer ihre Veranstaltung gestalten, diesmal war’s recht lebhaft und die Geschichte vom „Schwedenfass“ (Dt.) wurde erzählt – die hatte ich noch nicht gehört.

Der Sommer 1540 muss einer der trockensten seit Menschengedenken – und ebenso für die kommenden Generationen – gewesen sein. Die Trauben sind am Stock verdorrt und ein wenig faulig wurden sie wohl auch. Der Bischof ließ trotzdem ernten und keltern. Was man in diesem Jahr anscheinend noch nicht wusste, später aber – durch selbstloses Probieren – herausfand: Diese Trockenbeerenauslese (Dt., Eng.) wurde ein Jahrhundertjahrgang, manche sprechen sogar von einem „Jahrtausendjahrgang“.
Das flüssige Gold wurde auf Flaschen gezogen, die lagerten auf der Festung, denn die Residenz stand ja noch nicht.

1631 kommen die Schweden und die Festung wird – das einzige Mal in ihrer Geschichte – von gegnerischen Truppen eingenommen, Schotten und deutschen Söldner, nebenbei. Der Herr Fürstbischof setzt Prioritäten und lässt den Jahrhundertwein in weiser Voraussicht in Sicherheit bringen; das heißt, die Flaschen werden vergraben. Leider geht in der anschließenden panischen Flucht das Wissen um den genauen Ort verloren, der Wein bleibt verschwunden.

Im Jahr 1684 wird im Gramschatzer Wald zufällig das Weinversteck entdeckt. Der damalige Fürstbischof Konrad Wilhelm von WERNAU (Dt., Eng.) lässt ein Fass bauen und mit dem verbliebenen Wein aus den Flaschen auffüllen. Der Wein ist ausgezeichnet und bei ganz besonderen Gelegenheiten gibt’s einen Fingerhut davon, der Pegel sinkt.

Das ändert sich im 19. Jahrhundert, unter dem bayerischen König Ludwig II. Ludwig hatte wohl kein besonderes Interesse an inzwischen mehr als 300 Jahre altem Riesling, sah aber die Gelegenheit gutes Geld zu machen und damit den Schloßbau in Bayern zu fördern. Also wurde das Schwedenfass geleert, der Inhalt auf Flaschen gezogen und die Flaschen einzeln verkauft oder versteigert, um aus dem Erlös wichtige Infrastrukturmaßnahmen in Altbayern zu fördern. Der Wein selbst war im 19. Jahrhundert wohl noch durchaus gut trinkbar.

Nach Auskunft des Kellerführers sind in England zu Beginn der 1950er-Jahre mehrere Flaschen des legendären Jahrgangs zum Verkauf gekommen und zwei oder drei kamen nach Deutschland: Eine steht wohl in der Sammlung „Weinmuseum“ im Historischen Museum der Pfalz (Dt., Eng.) in Speyer, eine ist im Besitz des Staatlichen Hofkellers.
Allerdings ist das Würzburger Fläschchen leer, denn im Jahr 1966 kam es zu einer internationalen Verkostung von altem Wein in der Residenz, da wurde auch die letzte Pulle geköpft. Die Einschätzungen darüber, ob der mitlerweile 426 Jahre alte Wein noch trinkbar sei, scheinen etwas zu divergieren. Anscheinend ist die Flüssigkeit doch recht schnell „gekippt“, hat also an der Luft mit dem Sauerstoff reagiert und sich in etwas kaum mehr weinartiges Anderes verwandelt.

Das Eichenfass ist jedenfalls immer noch da, inzwischen auch schon rund 330 Jahre alt. Vielleicht gibt’s ja wieder einen „Jahrhundertjahrgang“, dann ist wenigstens das passende Behältnis schon vorhanden.

(mg)

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