Sonntagsbeilage, 15. Juni 14

Vom Goldmachen

Wenn man den Begriff „Goldmachen” in das Suchfeld eines Onlinekatalogs einer wohlsortierten Bibliothek eingibt, dann wird unter den Suchergebnissen bestimmt hauptsächlich historische Literatur erscheinen und Namen wie Johann Gabriel DRECHSLER, Daniel Georg MORHOF (1639-1691) und Wilhelm von SCHRÖDER (1640-1688) werden den Hauptbestandteil des Suchergebnisses ausmachen – Alchemisten des 17. Jahrhunderts.

Der schlichte Titel „Goldmachen. Wahre alchemystische Begebenheiten“, Heilbronn ohne Jahr (ca. 1940), wird sehr wahrscheinlich nicht in großer Zahl erscheinen. Ich vermute, das Büchlein wurde in sehr geringer Auflage gedruckt und, soweit ich herausfinden konnte, gibt es keine zweite Auflage.

Der Autor ist Alexander von BERNUS (1880-1965), ein Dichter und Alchemist. Als Kleinkind wird er von einem kinderlosen Bruder seiner Mutter adoptiert und aufgezogen, die Familie zieht nach Manchester. Ab 1886 lebt die Familie im Stift Neuburg bei Heidelberg, das nach dem Tod des Adoptivvaters 1908 in Alexanders Besitz übergeht. Hier kommt es 1911 zu einem tragischen Unfall: Der einzige Sohn Alexander Walter, Alwar genannt, verunglückt beim Spielen in der Schlosskapelle tödlich. Die Ehe mit Alwars Mutter, der Schriftstellerin Adelheid von SYBEL (1878-1966), hält diese Belastung nicht aus und wird geschieden. Alexander und Adelheid hatten 1902 geheiratet, noch während Alexanders Studienzeit in München.

Diese Münchener Studienzeit war prägend für den Literaturwissenschaftler und Philosophen von BERNUS. Er kam in Kontakt mit Intellektuellen wie Karl WOLFSKEHL, einem Schriftsteller aus dem George-Kreis, oder Ricarda HUCH. Erste Gedichte werden gedruckt, zusammen mit Arbeiten von Stefan ZWEIG; WEDEKIND, HESSE und Thomas MANN sind regelmäßige Gäste in Neuburg – Kontakte, die um die Jahrhundertwende geknüpft werden, überdauern auch den Weltkrieg.

Von BERNUS heiratet die baltische Künstlerin Imogen von GLASENAPP (1876-1939) im Jahr 1912, diese Verbindung wird bis 1929 bestehen bleiben. Mit seiner dritten Ehefrau Isolde (1898-2001), Isa genannt, zieht von BERNUS während des Zweiten Weltkriegs in das kleine Barockschloss Donaumünster – das Stift hatte er schon 1926 dem Benediktinerorden zurückgegeben.

Nach 1911 wird Alexander von BERNUS Mitglied der Theosophischen, später der Anthroposophischen Gesellschaft, deren Gründer STEINER wohl öfters Gast in Neumünster war. Erste alchemistische Interessen oder Arbeiten scheint es schon 1908 gegeben zu haben. Aber nach Alwars Tod wendet sich von BERNUS ganz der Alchemie zu und beginnt in seinem Labor in der alten Abtei spagyrische Arzneimittel herzustellen. Er folgt grundsätzlich den Ansichten PARACELSUS‘ und arbeitet sich durch die alte Iatrochemie, also die dem Arzt dienende Pflanzen- und Stoffkunde des 16. und 17. Jahrhunderts.

Nach von BERNUS’ Tod bemüht sich Isa darum das Erbe zusammenzuhalten, das Schlösslein bröckelt wohl vor sich hin. Alexander von BERNUS hinterlässt der Nachwelt ungefähr eintausend Gedichte, eine große Menge an Übersetzungen, einige Stücke. Und natürlich sein Labor, seine Rezepturen und Formeln. Es scheint so zu sein, dass diese noch heute benutzt werden und unverändert gültig sind, seit von BERNUS sie vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt hat.

Und das Gold?
Ach …

(mg)

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