Mehr Liebe zum Volk*

Beim Kongress für Volkskunde 2003 in Berlin tat Martin Scharfe am Ende seines Abschlussvortrags eine denkwürdige Äußerung. Er sagte, er wünsche sich von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“. Unter den Zuhörern stieß diese Aussage auf Befremden und Unverständnis, zumindest auf Verwunderung.

Was meinte er damit?

In den vergangenen Jahren habe ich verschiedentlich klagen hören, die jungen Leute vom Fach verstünden sich nicht mehr aufs Quellenstudium – sie könnten diese nicht einmal mehr lesen. Woran das liegen mag, sei dahingestellt. Ich möchte hier jedoch auf die Verführung aufmerksam machen, die der Umgang mit PC und Internet mit sich bringt, und auf den überhöhten Stellenwert, der diesen unbestreitbar nützlichen Hilfsmitteln eingeräumt wird. Es wird suggeriert, jegliches Wissen sei schnell und mühelos abrufbar und es erübrige sich, selbst eigene, zeitraubende und aufwändige Nachforschungen vor Ort zu betreiben: Oben wird ein Knopf gedrückt, und unten „fällt Geschichte raus“.
Dieser Suggestion erliegen allerdings nicht nur die jungen Leute vom Fach.

Ein Hilfsmittel wie z.B. eine Datenbank, das für naturwissenschaftliche Versuchsreihen taugt und für betriebswirtschaftliche Auswertungen entwickelt wurde, muss der Erschließung geschichtlichen Materials nicht frommen. Lebendige Menschen und historische Quellen – letztere zu Schrift, Bild und Gegenstand gewordene Zeugnisse einst lebender Menschen – scheinen mir eines gemeinsam zu haben: Sie sträuben sich dagegen, klassifiziert und katalogisiert, standardisiert, vereinheitlicht und digitalisiert zu werden. Wer sie auf Zahlen und Daten reduzieren zu können glaubt, wer sie zu bloßen Objekten degradiert, dem geben sie ihr innerstes Wesen nicht preis. Sie lassen lediglich dem Klassifizierenden den irrigen Glauben, er habe ihr Wesentlichstes erfasst: Er hält den Schatten für die Wirklichkeit, verwechselt die Datenbank mit dem Original, das Hilfsmittel mit dem eigentlichen Forschungsgegenstand.

Vielleicht haben manche geisteswissenschaftlichen Fächer in jüngster Zeit unter anderem deswegen so sehr an Boden verloren, weil sie – dem wachsendem Erfolg und Einfluss naturwissenschaftlicher Forschung hinterherhechelnd – unbesehen und unkritisch Methoden kopieren und Hilfsmittel anwenden, die ihrem eigenen Gegenstand nicht unbedingt angemessen sind, und weil sie darüber hinaus Fragestellungen und Sichtweisen übernehmen, die diesen Gegenstand schlicht verfehlen. Vielleicht hat so manches Fach gar seinen ursprünglichen Gegenstand aus den Augen verloren?

Denn die digitale Nutzbarmachung historischer Quellen birgt nach meinem Dafürhalten noch eine weitere Gefahr: Manchmal könnte man meinen, der Gegenstand historischer und volkskundlicher Forschung erschöpfe sich in Archivalien und Museumsobjekten, und es gelte nur, deren Informationsgehalt (digital) aufzubereiten und abrufbar zu machen. Die Erschließung historischer Quellen gerät durch eine solche Bearbeitung leicht zum Selbstzweck und wird dadurch freilich als mühsam und lästig empfunden. Die Quelle – in handliche, vereinheitlichte Einzelteile zerlegt – wird auf Zahlen und Fakten reduziert. Der eigentliche Wert der Quelle, ihre Aussagekraft für eine Verortung, ihren „Sitz im Leben“ – im Original, im Zusammenhang und zwischen den Zeilen gelesen – wird durch diesen Focus vernachlässigt.

Die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Gegenstand der Forschung findet durch die so entstehende Distanz zu einer derart bearbeiteten und genutzten Quelle nicht statt; es entfällt die Notwendigkeit, selbst zu denken, Stellung zu beziehen.

Doch auch Archivalien und museale Objekte sind nur Hilfsmittel – kostbare zwar und oft einzigartige, die es zu bewahren gilt. Denn dienen sie nicht lediglich dazu, vergangenes menschliches Leben, Denken und Handeln in seinen Zusammenhängen zum Erkenntnisgewinn für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu erschließen? Gilt es nicht, die Menschen, die hinter diesen Quellen verborgen sind, in ihrem Facettenreichtum sichtbar zu machen und zu würdigen?

Vielleicht wünschte sich Martin Scharfe auch in dieser Hinsicht von den heutigen Volkskundlern wieder „mehr Liebe zum Volk“.

*Vorwort von Gabriele Gerstmeier zum „Projekt des Bezirks Unterfranken: Digitale Erfassung von Gewerbestatistiken der ersten Hälfte des 19. Jhs. aus Archivalien des Staatsarchivs Würzburg“, bearbeitet von Gabriele Gerstmeier und Matthias Gorzolka, unveröffentlichte begrenzte Auflage, Gerbrunn 2006.

(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 28. Kalenderwoche 2006)

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Das oben zitierte Vorwort entdeckte ich beim Stöbern in den Lesefrüchten der ehemaligen DIAGNOSIS-Website. Ich hatte es vergessen – doch während ich es las, hatte ich plötzlich wieder den Tagungssaal des damaligen Kongresses vor Augen; die Unruhe, die durch die Stuhlreihen wogte nach Scharfes Worten; den Volkskundler-Kollegen, der auf der Heimfahrt im Zug sagte: „Ich weiß nicht, was der wollte – ich bin Wissenschaftler.“

Ich erinnerte mich beim Lesen auch an die Situation der Geisteswissenschaften 2006: Die fuhren gerade mächtig in den Keller, alle schrien nur noch nach Biomedizinern und Naturwissenschaftlern; in den Jahren davor waren – im Rahmen der mit der damaligen Rezession begründeten Sparmaßnahmen erst im kulturellen, dann im sozialen Bereich – die meisten Stellen für Geisteswissenschaftler sowieso gestrichen worden; die verdingten sich als Spüler, Taxifahrer und Ähnliches oder gingen als Arbeitslose nach den Segnungen der Schröder’schen Agenda 2010 sofort in Hartz IV.

Elf Jahre nach dem Kongress und acht Jahre nach diesem Vorwort sehe ich sowohl die eine Aussage – das Für-wahr-und-einzig-Halten digitaler Quellen (Internet!) – als auch die andere – den Absturz der Geisteswissenschaften – bestätigt. Leute, die zu denken gelernt (sic!) haben, sind heutzutage offensichtlich überflüssig. Wie sehr – und für wie doof man sie außerdem hält -, lässt sich an einem Artikel für geisteswissenschaftliche Berufseinsteiger in „Die Zeit“ ablesen: Hohn gebrüllt!**

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**… und dem Herrn Vonhoff vom BDS den doppelten Effenberger gezeigt.