Schlichtungstee verboten

Es ist eine besonders zu würdigende Leistung, in deutscher Sprache eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, wenn man in einem völlig unterschiedlichen Kulturkreis – hier: China – und mit einer sinotibetischen Sprache aufgewachsen ist, der ein grundlegend anderes Denk- und Schriftsystem zugrunde liegt. Ich lektorierte diese Arbeit. Für mich lag die Herausforderung darin, spezifische Inhalte und sprachliche Bilder zu verstehen, das Gemeinte nachzuvollziehen und adäquat zu formulieren. Tiefschürfende, fast philosophische Gespräche mit Herrn Chen nicht nur zum Thema, sondern auch über „Gott und die Welt“ begleiteten das nicht einfache, doch ganz und gar angenehme Lektorat. Am besten gefiel mir diese Stelle – weil sie die Mediatorin in mir ansprach ;-) – aus Kapitel 3.3.5, „Orte der Schlichtung“:

„Die [chinesischen] Teehäuser übten auch gewisse Schlichtungsfunktionen aus, sie waren so etwas wie ein ‚halbes Zivilgericht‘ (ban minshi fatingfating 半民事法庭). Wer nicht ehrerbietig gegenüber den Eltern war, wer seine Ehefrau und Kinder misshandelte oder wer sich sonst schlecht benahm – in solchen moralischen Angelegenheiten blieb die staatliche Strafverfolgung eher machtlos –, der konnte in Teehäusern gemaßregelt werden; kam es zu Streitigkeiten zwischen einfachen Leuten, so konnten die Betroffenen im Teehaus ‚Anklage‘ erheben. Die Mächtigen am Ort wie Gemeindevorsteher, Landadel oder auch Lokaldespoten fällten dann die ‚Urteile‘. Beide Konfliktparteien luden redegewandte Leute vor und die ‚Gerichte‘ ließen sich die Argumente beider Seiten ausführlich erklären; daneben traten die Stammkunden als Geschworene auf, sie konnten auch, den gesellschaftlichen moralischen Werten folgend, ihre eigene Meinung äußern. Alle Teilnehmer tranken, redeten und urteilten. Wenn die Schlichtung gelang, bezahlten die ‚Verlierer‘ die Rechnung, aber wenn beide Seiten schuldig waren, teilten sich die beiden Parteien die Rechnung. Dieses Verfahren hieß ‚Schlichtungstee trinken‘ (chi jiangcha 讲茶) oder ‚auseinandersetzen im Teehaus‘ (chaguan jiangli 馆讲理); schließlich war ein Teehaus kein offizielles Gericht. In diesen Verfahren scheiterten die Schlichtungen häufig und es kam manchmal zu Schlägereien, aber der Inhaber blieb gefasst, weil die ‚Verlierer‘ alle Kosten übernehmen mussten, auch die Rechnungen der betroffenen Kunden. […] Im damaligen Peking gab es oft Massenschlägereien, aber es gab auch immer jemanden, der zwischen den beiden Seiten schlichten wollte; alle Beteiligten saßen im Teehaus und der Vermittler schlichtete. Eine gelungene Schlichtung wurde mit einem gemeinsamen Essen abgeschlossen. Wenn beide Konfliktparteien keine Möglichkeit für eine Versöhnung sahen, konnte es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen. Aus diesem Grund wurde am Eingang mancher Teehäuser ein kleines Schild mit der Aufschrift ‚Schlichtungstee verboten‘ aufgehängt, was aber in der Realität nicht funktionierte.“*

*Bo Chen: Das chinesische Teehaus als Institution der Alltagskultur. Ein historischer Überblick unter besonderer Berücksichtigung der Republikzeit (1911-1949), Magisterarbeit im Fach Sinologie, Würzburg 2009.