Vom Frostableiter

„In einer Schrift wie die hier vorliegende muss ich auch wohl noch eines vermeinten, früher für probat gehaltenen, wiewohl ganz wirkungslosen Schutzmittels, der sog. Frostableiter gedenken, das heisst eines oder zweier um den Baum in der Krone befestigten Strohseile, die zum Boden oder, nach späteren Angaben, in untergesetzte Wasserzuber hineingeleitet und darin mit einem Steine festgehalten wurden, Diese Frostableiter sollten den Frost in die Erde oder das unten stehende Gefäss von dem Baume ableiten, indem das Wasser dann stärker gefriere. Sie sollten bald im Winter überhaupt den Frost ableiten, bald nur in späten Frühlingsfrösten, namentlich in der Blüthe der Bäume wirksam sein und noch Christ sagt, wie oben schon gedacht, dass er es aus vielfältiger Erfahrung wisse, dass diese Frostableiter den Baum, an dem sie angebracht gewesen seien, vor Frost geschützt hätten. Aufgekommen sind diese Frostableiter vielleicht durch den früheren Aberglauben, dass man in der Christnacht den Bäumen etwas schenken müsse, damit sie im kommenden Sommer recht voll trügen und sie dazu dann in der gedachten Nacht mit einem Strohseile umband. Mir ist erinnerlich, dass ich in meiner Jugend noch alle Bäume in einzelnen Gärten mit einem Strohseile umbunden gesehen habe, von dem die Frostableiter vielleicht nur eine Modification sind. Dass sie nicht helfen können, wird Jeder, der mit den Naturgesetzen näher bekannt ist, leicht einsehen. Frost ist nichts Positives, sondern nur eine so und so tief unter den Nullpunkt erniedrigte Wärme, also ein Mangel an grösserer zum Gedeihen oder selbst zum Leben eines Gewächses nöthigen Wärme und sollte der Frostableiter den Baum schützen, so müsste er Wärme aus der Erde oder dem untergesetzten Wassergefässe herauf führen und da ist nun gerade Stroh einer der schlechtesten Wärmeleiter und könnte, wenn er ein besserer wäre, einem ganzen Baume nie auch nur in Nachtfrösten so viele Wärme zuleiten, als der Baum bedürfte. Wir wollen also nun von besseren Schutzmitteln reden.“

So schreibt der Superintendent in Jeinsen J. G. C. OBERDIECK auf Seite 92 seiner kleinen Schrift „Beobachtungen über das Erfrieren vieler Gewächse und namentlich unserer Obstbäume in kalten Wintern; nebst Erörterung der Mittel, durch welche Frostschaden möglichst verhütet werden kann“, Ravensburg 1872, die als „Vereinsgabe des Deutschen Pomologen-Vereins für seine Mitglieder für 1871/72“ abgegeben wird. OBERDIECK schildert seine Beobachtungen während der strengen Winter 1822/23, 1825/26, 1844/45 und besonders 1870/71 und bemüht sich eine Theorie zu formen, die die Entstehung der Schäden erklärt. Das populäre „Gefrieren“ und dadurch verursachte „Aufsprengen der Gefäße“ ist bei näherer Überlegung nicht haltbar – OBERDIECK bringt zu viele Beispiele zusammen, wo bei gleichen äußerlichen Bedingungen anscheinend willkürlich Bäume geschädigt werden, die direkt neben nicht geschädigten stehen. Auch das Auftauen in der Sonne, Glatteis und Reif und was sonst noch an meteorologischen Erklärungen gerne gegeben werden, sind nicht haltbar. OBERDIECK kommt dazu Kombinationen zu beschreiben, die zu Schädigungen führen müssen: Standort, Bodenbeschaffenheit, Verlauf der Kälteeinwirkung etc. – also eine Vielzahl von Faktoren anstelle von monokausalen Erklärungsversuchen. Abhilfe kann er aber  auch nicht schaffen; er verweist am Ende auf die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein derart verheerender Winter wie der von 1822/23 für ein ganzes Land nur maximal zweimal im Jahrhundert, für einen einzelnen Landstrich nur einmal pro einhundert Jahre auftritt – ein schöner Trost, den die Zahlen da ergeben … (mg)