Vom Schreiben

„Es ist in den Wissenschaften nicht üblich, schriftstellerische Fragen zu erörtern.
Im Gegenteil, die Historiker rechnen es sich sogar oft zur Ehre an, auf literarische Kunst zu verzichten. Das war ein nüchternes Pathos der Zunft in Zeiten, da es galt, die Geschichte als Wissenschaft von der Geschichte als Chronik, Legende und Mythos abzulösen. Heute sollte ein Forscher es aber doch nicht mehr nötig haben, den Ernst und die Sachlichkeit seiner Wissenschaft durch schlechtes Schreiben zu beweisen. Wenn er sich klar ist über sein Tun und wenn es methodologisch gesichert ist, dann wird er sich guten Gewissens um eine gefällige Darstellung bemühen und seine Schriften so verfassen, daß nicht nur der Fachkollege sich eine Belehrung aus ihnen holen mag. Fachkollegen sind in der Mehrzahl ohnehin keine geneigten Leser. Es wäre ein wunderliches Gehaben, gerade nur sie gewinnen zu  wollen.“*

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Emil Staiger (1908-1987) war ein Schweizer ordentlicher Professor für Literaturgeschichte an der Universität Zürich. „Die Kunst der Interpretation“ ist zuerst ein Vortrag, den Staiger an verschiedenen Orten hielt. Er spricht sich darin für eine werkimmanente Interpretation aus: Interpretation ist nicht nur eine Untersuchung stilistischer Formen, historischer und biografischer Fakten, Daten und Umstände, sondern die Aufgabe besteht vielmehr darin, die „Wahrnehmungen des Gefühls abzuklären zu einer unmittelbaren Erkenntnis“, oder pointiert ausgedrückt, „zu begreifen, was uns ergreift“. Der Wissenschaftler sollte dann nach Möglichkeit auch noch befähigt sein, diese Erkenntnis verständlich darzustellen. (mg)

*Staiger, Emil: Die Kunst der Interpretation. Studien zur deutschen Literaturgeschichte, 4. Aufl., München 1977, S. 38-39.

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(DIAGNOSIS-Lesefrucht der 43. Kalenderwoche 2011)